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„Utopie ist ein Horizont.“


Privatfotos von Michael Kuckenburg, 1968-1969.

Die Sechziger erinnern an Bilder wie Hippies, freie Liebe und Drogen. Die Studentendemos der 68er spielen aber eine viel größere politische Rolle, auch jetzt über 50 Jahre später.

Michael Kuckenburg:

„Und heute hat man das Klischee, alle Leute sind damals mit John Lennon Sonnenbrille und Rasta Locken rumgelaufen und haben die ganze Zeit demonstriert und gekifft. So war es nicht! “ [0-0:10:340]

1968, vor fünfzig Jahren demonstrierten Studenten auf der ganzen Welt für demokratische Werte. Sie stellten ein Gegenbild zu den konservativen Idealen ihrer Eltern dar. Woodstock, Hippies und San Francisco. Die sechziger Jahre sind extrem klischeebelastet, meist von Bildern aus Amerika. Aber wie sah die 1968er Revolution in Tübingen aus?  Anfang 2018 gab es eine Ausstellung im Stadtmuseum zu diesem Thema. Die Leiterin des Museums, Wiebke Ratzeburg nimmt mich mit auf eine Zeitreise ins Tübinger 1968.

Wiebke Ratzeburg:

„Man hat eben Vorlesungen auch gesprengt, besetzt, oder versucht eigene Themen, politische Themen in Vorlesungen, oder in Seminaren zur Sprache zu bringen.  Da gab es dann auch Konflikte mit den Lehrenden. Also die Studierenden sind eben protestierend zum Rektor gegangen und haben sein Büro quasi besetzt, aber was eben typisch für Tübingen ist und was vielleicht auch typisch für eine kleinere Stadt  ist: Man kennt sich hier halt doch untereinander und es gab eigentlich kaum gewaltsame Auseinandersetzungen.“

Einer der Mitbegründer der Ausstellung ist der ehemalige Lehrer Michael Kuckenburg. Ein Zeitzeuge der Revolution. Er erzählt aus zwei Perspektiven von den Revolten. Bis zum 10. April 1968 arbeitet er noch bei der Bereitschaftspolizei in Göppingen, bevor er dann sechs Tage später sein Studium in Tübingen beginnt.  Dazwischen war das Attentat auf Rudi Dutschke. Wie auch viele andere arbeitete Kuckenburg vor seinem Studium bei der Bereitschaftspolizei und dort vermischten sich die Fronten. Viele der jungen Polizisten waren angehende Studenten und auf der Seite der Bewegung.

Michael Kuckenburg:

„Die Leute aus meinem Bereitschaftspolizeizug wurden aber nach einer halben Stunde abgelöst wegen Fraternisierens. Die haben den Demonstranten gesagt: Geht durch, wir finden es richtig, was ihr macht. “

Kuckenburg erinnert sich auch an die Polizeigewalt, die während seines Dienstes von seinem Polizeiobermeister vorgespielt wurde.

Michael Kuckenburg:

„Es war schon klar. Also man drückt dann die Demonstranten zurück, man haut dann so einem Demonstranten mal – wurde uns gesagt – mit dem Stiefel gegen das Schienbein, sagt Entschuldigung, mir ist der Schuh ausgerutscht, tritt nochmal drauf, der Kollege nebendran kann bestätigen: Nein, nein, da war überhaupt nichts.
Derjenige der uns das beigebracht hat: Artur Strack, Polizeiobermeister, war dreißig Jahre vorher bei der Leibstandarte Adolf Hitler gewesen und ist problemlos zur Polizei gekommen, wie viele andere auch.“  

1968 waren noch viele wichtige Beamtenposten von ehemaligen Nazis besetzt, während das Thema totgeschwiegen wurde und so /kritisierten die Demonstranten die Nichtaufarbeitung der Nazivergangenheit. In Deutschland herrschte ein Generationenkonflikt zwischen der älteren, konservativen Generation und ihren liberalen Kindern, so erinnert auch Kuckenburg sich an lange angespannte Gespräche mit seinem Vater, bei denen sie nicht immer einer Meinung waren.

Zum Schluss interessiert mich aber noch, ob Kuckenburg die Ideen der 68er nicht gar als utopisch bewertet.

Michael Kuckenburg:

„Ich finde vieles utopisch, auch wenn das überhaupt gar keine Kritik ist. Utopie ist ein Horizont und man weiß, den Horizont wird man nie erreichen, aber man kommt bloß vorwärts, wenn man sich in Richtung Horizont bewegt. Das ist so ähnlich wie mit dem Regenbogen. Man findet den Regenbogen nie, aber es ist schön in die Richtung des Regenbogens zu sehen; zu gehen.“

Der Beitrag „Utopie ist ein Horizont.“ ist erschienen auf cantaloup.fm.


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 2019-05-30  3m