Harzmagie

Der Vorlesepodcast für Mythen und Sagen aus dem Harz

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episode 35: Die Kegelbahn in der Kirche


Hier in einem Harzdorfe hat eine Kirche gestanden, die ist verwünscht gewesen und es haben schon viele versucht, sie zu erlösen; jeder aber, der den Versuch gemacht hat, hat auch einen Klapphandschuh davongetragen; der eine hat einen Arm eingebüßt, der andere ist taub herausgekommen, weil er eine Maulschelle gekriegt hat, wie sie selten gegeben wird, der dritte hat einen lahmen Fittich davon mit nach Haus genommen, kurz jeder hat sein Fett gekriegt; aber geglückt hat es noch keinem. Da kommt einmal ein Müllerbursch in’s Wirtshaus dahin und bleibt da. Des Abends kommen mehrere aus dem Dorfe dahin und sprechen davon, daß gestern Nacht wieder einer fast den Tod daran gelitten hätte. Er läge jetzt noch ganz besinnungslos, und die Kirche wäre auch diesmal nicht erlöst. „Darf denn da ein jeder hin und die Kirche erlösen“, fragt der Müllerbursch. „Ja wohl, wer will, kann’s versuchen und sehen, wie er den Rest kriegt. Er muß sich aber erst beim Cantor hier melden, daß der die Kirche auf- und zuschließt.“ „I“, sagt der Müller, „so will ich’s doch auch einmal versuchen, ob ich sie erlösen kann. Wo wohnt denn der Cantor?“ Einer von der Gesellschaft bringt ihn hin und der Müller sagt dem Cantor Bescheid. Der Cantor aber hat sein dickes Bedenken und sagt, es wär’ aber sehr gefährlich, der Müller möchte sich erst noch einmal bedenken, was er thäte. „Ach was“, antwortet der, „ich fürchte mich vor dem Teufel nicht, und in der Kirche bin ich ja ohnedies vor dem sicher; denn eine Kirche ist dem Teufel sein Lieblingsort gerade nicht und wer anders soll mir nichts anhaben. Ich habe derbe Fäuste und ein paar stramme Arme, in denen allenfalls eiserne Brechstangen statt der Knochen sitzen; damit nehm ich’s mit jedem auf. Um zehn komm ich und damit gut.“ Er geht wieder nach dem Wirtshaus, spielt noch bis halb zehn Solo und gewinnt noch ein paar hübsche Groschen. Wie’s zehn schlägt, wirft er aber die Karten und macht sich zurecht. Er läßt sich erst einen kleinen Kochtopf, dann Wasser und etwas Mehl geben und sagt, er mache sich alle Nacht um zwölf einen Mehlbrei, der bekomme ihm recht gut und davon ließe er auch jetzt nicht, auch nicht bei dieser Gelegenheit. Dann geht er nach dem Cantor und läßt sich da ein Wachslicht geben; der Cantor schließt auf, der Müller geht hinein und es wird wieder zugemacht. Er steckt sein Licht an und geht in den Beichtstuhl, darin ist auch ein Ofen gewesen. Er macht sich Feuer im Kamin an, denn er hat auch Holz und Feuerzeug mitgebracht und setzt sein Wasser auf, daß es unterdes kocht, dann steckt er sich eine Pfeife an und setzt sich auf den Stuhl des Pastors und raucht so ganz Gemütlich, als wenn er in seiner Mühle sitzt. Da schlägt’s elf, und er hört in der Kirche in geheimes Dustern und Laufen. Er macht deshalb die Beichtstuhlthür auf und sieht ein Licht unten im breiten Gange und oben auch eins. „I“, denkt er, „mußt doch sehen, was es da gibt,“ geht deshalb heraus und vor den Altar. Da sind denn eine ganze Menge Leute, alle in Sterbekitteln, wie sie in der Regel in den Sarg gelegt werden, die stehen da alle, haben weiße Mützen auf, Strümpfe und den Sterbekittel an und sehen aus, als hätten sie schon lange im Grabe gelegen, grützgrau, fahl und leichenhaft, haben so glasige Augen, abgemagerte Todtenhände, dabei glotzen sie ihn alle an, als wenn sie ihm zu Leibe wollten. Kurz, es ist gerade keine Kleinigkeit gewesen, das anzusehen und dabei zu sein. Wie er sie und sie ihn aber so ansehen, so kommt unten aus dem Gewölbe ein Knochengerippe und hat einen Arm voll Beinknochen von Menschen und dann einen Todtenkopf, das alles schmeißt der Knochenmann unten im breiten Gange hin und setzt die Knochen wie Kegel auf und zuletzt wirft er den Todtenkopf herunter nach den andern, die vor dem Altar stehen. Die fangen nun an zu Kegeln, der Knochenmann setzt auf. Wie sie nun alle durch sind und haben ihre Würfe gethan, so frägt der Müller, ob er auch ein bisschen mit Kegeln dürfte; er Kegle gern, das mache ihm Spaß; sie könnten auch nicht ordentlich werfen. Sie sollten mal sehen wie bei ihm die Kegel fielen. Damit nimmt er den Todtenkopf, ohne auf ihre Antwort zu warten und wirft zu. Gleich liegen alle neun. Die anderen sehen sich an, keiner spricht ein Wort. Er spricht, ob sie wohl sähen, daß er’s könnte und so kegelt er mit; die anderen lassen es auch zu und er wirft ganz knubsch; da schlägt’s zwölf, er weiß gar nicht, wo die Stunde geblieben ist, und da ist mit einemmal alles weg und alles finster. Da ruft er, wo seid ihr denn, das ist aber keine Ordnung, daß ihr weglauft und bezahlt mich nicht. Ihr seid Betrüger. Das hätte ich wissen sollen. Einer hätte gewiß die Butter bezahlen sollen. Darnach muß er sich nach dem Beichtstuhl hinkuscheln, da brennt sein Licht, das Wasser kocht, er macht seinen Brei und ärgert sich noch über den Betrug; dann ißt er und legt sich hin und schläft, bis der Tag sperrweit zum Fenster herein scheint. Dann kommt der Cantor, schließt die Kirche auf und wundert sich nicht wenig, wie der Müller frisch und wohlgemut zu ihm her kommt. „Na, lebt ihr noch?“ fragt der Cantor. „Freilich“, sagt der Müller. „Betrüger giebt’s aber hier auch, schändliche Betrüger, die mich um meinen Kegelprofit beschuppt haben“, und erzählt, wie’s ihm ergangen ist. Der Tag geht hin und er macht sich des Abends so gegen zehn wieder in die Kirche. Alles geht so wie den Abend vorher. Nur wie er den Todtenkopf hinnimmt, spricht er, diesmal müßten sie aber rechtlich bezahlen, wenn sie verlören und sich nicht, wie die Katze vom Taubenschlage wegmachen, sonst setze es Kopfstücke. Die Kegelgesellschaft aber antwortet kein Wort und so wird fortgekegelt. Ehe er sich um und auf sieht, schlägt wieder zwölf und alle sind wieder fort, die Kirche ist wieder finster und er steht vor dem Altar, als wie ein Hans Narre, der Abermals angeschossen ist. Voll Grimm und Ärger krabbelt er sich wieder nach dem Beichtstuhle, macht sich seinen Mehlbrei zurecht, ißt den, legt sich auf die Bank und schläft die ganze Nacht und Niemand stört ihn, bis am Morgen der Cantor wieder kommt und aufschließt. Als er zu ihm kommt so ganz als wär ihm nichts passiert, sagt der: „Na, ihr könnt von Glück sagen. Euch ist ja gar nichts darum.“ „Ach, dummes Zeug,“ sagt der Müller, „ich ärgere mich nur, daß mich die Spitzbuben wieder um die Kegelgroschen betrogen haben; die nächste Nacht soll’s ihnen aber nicht glücken. Ich hab mir schon was ausgesonnen, das soll mir wohl zu meinem Gelde helfen und die Kirche erlösen. Hört, Herr Cantor, wenn diese Nacht die Betglocke schlägt um zwölf, dann kommt nur, dann ist’s fertig, dann habe ich meinen Willen und damit geht er fort.“ Am Tage besucht er die umliegenden Mühlen und holt sich seinen Zehrpfennig, des Abends ist er aber wieder im Dorfe und geht um zehn nach der Kirche. Der Cantor schließt zu und sagt, er wolle bis um zwölf munter bleiben. Der Müller solle für eine gute Belohnung nicht sorgen, wenn er die Kirche erlöset hätte, so daß wieder Kirche darin gehalten und die Glocken geläutet werden könnten, die bis dahin keinen Ton von sich gegeben hätten. – Daran solle er es gerade hören, antwortet der Müller, sein erstes wäre, die große Glocke anschlagen zu lassen. Damit geht der Cantor fort. Diesmal geht’s auch wieder, wie die vorigen Abende. Nur fehlt dem einen von der Gesellschaft ein Arm, dem andern ein Bein, so geht’s neunen. Einer ist dabei, der hat keinen Kopf. „Halt“, denkt der Müller, „der hat seinen Kopf zur Kegelkugel hergegeben und die anderen ein Bein und einen Arm als Kegel. Damit sollst du sie anführen.“ Wie es so gegen zwölf hinkommt und es ist an ihm zu werfen, daß er eben den Todtenkopf hingenommen und in der Hand hat, da sagt er: „Nun haltet erst einmal. Zweimal habt ihr mich um mein gewonnenes Geld betrogen. Heute kommt’s anders. Ich schmeiße nun nicht eher, bis ihr erst das von gestern und vorgestern bezahlt und auch das von Heute, denn ihr seht, ich hab’ wieder eine schöne Zahl gut.“ Wollen sie wohl oder übel, es holt einer einen Geldbeutel unterm Altar vor und zählt ihm eine Menge blanker Thaler hin, so daß der Müller denk: „nun bist du deinem Schaden beigekommen.“ Als er das Geld beigestellt hat, spricht er: „Wir sind aber noch nicht fertig. Jetzt müßt ihr auch die Kirche erst erlösen, daß wieder darin gepredigt werden kann, sonst gebe ich den Todtenkopf nicht her, und das erklärt einer von euch dort am Altar, daß ich es und die anderen hören.“ Sie kratzen sich hinter den Ohren, er aber spricht trotzig, „na wird’s bald, es ist gleich um zwölf.“ Es geht also einer an den Altar und spricht mit einer hohlen Geisterstimme: „Wir geben die Kirche der Gemeinde zurück, nachdem wir durch den mutigen Müller dazu gezwungen sind. Amen.“ Da giebt der Müller dem, dem der Kopf gefehlt hat, den Todtenkopf hin, der setzt ihn auf und da schlägt’s zwölf. Alles ist verschwunden und der Müller steht wieder im Finstern. Nun geht er wieder in den Beichtstuhl, ißt erst seine Mehlsuppe und sucht nun den Glockenstrick im Thurm. Dann fängt er an zu läuten. Da kommt der Cantor, schließt auf und läßt ihn heraus. Auch noch viele andere Leute sind durch das lange nicht gehörte Läuten aufgewacht und nach der Kirche gelaufen und haben gleich erfahren was geschehen. Das ganze Dorf freut sich, daß es seine Kirche wieder hat, und die Leute haben ihm ein großes Geschenk zusammen gemacht. Durch das Geld, was er in dem Dorfe und bei dem Kegeln gekriegt hat, ist er ein reicher Mann geworden und hat sich nachher die Mühle vor dem Dorfe gekauft, die eben zu verkaufen gewesen ist. Ein jeder aber hat nachher heillosen Respect vor dem Müllermeister gehabt.


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 2019-12-26  10m