Übergabe

Entspannt lauschen, was in der Pflegelandschaft vor sich geht. Der Podcast rund um das Thema Pflege bietet dir die Möglichkeit, deine eigene Meinung zu bilden. Wir diskutieren wichtige Themen, analysieren sie und sprechen darüber. Am besten gleich in die letzte Folge reinhören oder direkt den Podcast abonnieren. Pflege auf den Punkt gebracht.

https://uebergabe.de/podcast/

subscribe
share





episode 48: Gesundheitskompetenz der Bevölkerung während der COVID-19 Pandemie (Interview mit Dr. Orkan Okan) [transcript]


Informationen zum Gast und zur Studie

  • Informationen zu Dr. Orkan Okan (uni-bielefeld.de)
  • Gesundheitskompetenz der Bevölkerung im Umgang mit der Coronavirus-Pandemie (uni-bielefeld.de)
Gesundheitskompetenz
  • Health Literacy / Gesundheitskompetenz (bzga.de)
  • Gesundheitskompetenz (Health Literacy) (rki.de)
  • Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz und der Beitrag der Pflege (dbfk.de)
  • Interdisziplinäres Zentrum für Gesund­heits­kompetenzforschung (IZGK) (uni-bielefeld.de)
  • HLCA – Health Literacy in Childhood and Adolescence (hlca-consortium.de)
  • Digitale Gesundheitskompetenz von Jugendlichen (hs-fulda.de)
  • Basisuntersuchungen zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen (mpfs.de)
  • JIM-Studie (mpfs.de)
  • KIM-Studie (mpfs.de)
Weitere Shownotes zur Folge
  • Das Präventionsgesetz (Bundesgesundheitsministerium.de)
  • Medienkompetenzrahmen NRW (medienkompetenzrahmen.nrw)
  • Ethik-Kommission der Uni-Bielefeld (uni-bielefeld.de)
  • Forschungsethik (Buchempfehlung) (hogrefe.de)
  • COVID-19 Snapshot Monitoring (COSMO) (uni-erfurt.de)
Weitere Shownotes
  • Stimmen der Pflege (uebergabe.de)
  • Gedenkseite für verstorbene Beschäftigte im Gesundheitswesen (uebergabe.de)
Hinweise auf Veranstaltungen
  • ANP-Tagung 2020: ANP Konkret: Clinical Leadership – Praxis und Perspektiven
    • Wann: 07. Mai 2021
    • Wo: Florence-Nightingale-Krankenhaus in Düsseldorf-Kaiserswerth
  • Deutscher Pflegetag
    • Wann: 11-12. November 2020
    • Wo: STATION Berlin
In eigener Sache
  • Spenden für die Übergabe
  • Das Übergabe-Jobboard
  • Übergabe – Der Podcast bei Facebook
  • Übergabe – Der Podcast bei Twitter
  • Den Newsletter abonnieren
  • Die Übergabe auf Apple-Podcasts bewerten
  • Der Übergabe Fanshop

Der Beitrag ÜG048 – Gesundheitskompetenz der Bevölkerung während der COVID-19 Pandemie (Interview mit Dr. Orkan Okan) erschien zuerst auf Übergabe Podcasts.


share







 2020-07-18  1h37m
 
 
00:07  Eva
Diese Folge wurde im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung im Rahmen der Förderung Wissenschaftskommunikation für die Gesellschaft, Corona und darüber hinaus produziert.
00:29  Christian
Ja, hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge des Übergabe-Podcasts, dem Podcast für die Pflege. Mein Name ist Christian Köbke und mit mir sitzen heute hier Mike und Eva, hallo.
00:40  Mike
Hallo.
00:42  Christian
Hi. Wir begrüßen alle Hörenden zu dieser neuen Folge. Wir sind Pflegewissenschaftler und -wissenschaftlerinnen und haben diesen Podcast seit 2018 ins Leben gerufen und
00:52
besprechen regelmäßig wichtige und informative Themen der Pflege. Für alle, die uns noch nicht kennen. Zum Team gehören natürlich noch zwei weitere Personen, das sind Franziska und Alex. Ja, fühlt euch hiermit herzlich gegrüßt.
01:05
Mit dieser Folge starten wir eine kleine Minireihe, mit der wir von der Robert-Bosch-Stiftung beauftragt wurden. Und Ziel ist es, dieser Reihe,
01:15
aktuelle Studien und Projekte mit Hinblick auf die Corona-Pandemie zu beleuchten und das hier ist sozusagen die erste Folge dieser Reihe. Und bis zum Ende des Jahres werden auf jeden Fall noch weitere erscheinen.
01:27
Und heute soll es um die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung im Umgang mit der Corona-Pandemie gehen.
01:34
Ja, und wie Ihr das eigentlich von uns kennt, ist es eben so, dass wir auch zu diesem Thema einen Gast eingeladen haben, der mit uns der mit uns das Thema vertiefen wird. Sein Name ist Orkan Okan
01:48
und er hat federführend an der Studien mitgearbeitet. Hallo Herr Okan.
01:54  Orkan Okan
Hallihallo und vielen Dank für die Einladung zu dem Podcast.
01:59  Christian
Ja, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben heute hier mit uns dieser besondere Folge aufzunehmen. Ich weiß nicht, Eva, Mike, wollt Ihr noch was zu Euch sagen oder sind wir bekannt?
02:10  Mike
Ich glaube, wir sind bekannt, oder?
02:11  Eva
Ich glaube wir sind bekannt. Wir sind alle Pflegewissenschaftlerinnen, das hast du ja schon gesagt, und jetzt werfen wir mal den Blick auf die Gesundheitskompetenzen.
02:20  Christian
Genau, das Thema haben wir noch gar nicht beleuchtet, deswegen ist das natürlich um umso doppelt schön. Aber bevor wir zum Thema kommen, Herr Okan, was uns interessieren würde: wie sind Sie denn eigentlich in die Wissenschaft gekommen?
02:33  Orkan Okan
Puh, ja, gute Frage. Also, zunächst einmal, ich bin Erziehungswissenschaftler und habe das Lehramt an Grund-, Haupt und Realschulen mit dem Schwerpunkt Grundschule studiert und den Fächern
02:47
Deutsch, Gesellschaftswissenschaften, Mathematik und Pädagogik.
02:53
Das war an der Universität in Duisburg-Essen.
02:58
Und seit 2015 bin ich an der Universität in Bielefeld, in der AG 2 - Sozialisation, bei Prof. Dr Ulrich Bauer,
03:10
der,
03:11
als ich noch in Duisburg-Essen studierte, dort angesiedelt war und eine AG zur Sozialisationsforschung hatte, einen Ruf bekommen hat und dann gewechselt ist.
03:22
So, der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt auf der Erforschung von Gesundheitskompetenz im Kindes- und Jugendalter. Zu diesem Thema habe ich auch vor Kurzem
03:32
promoviert und vor diesen Hintergründen 2019,
03:41
also im letzten Jahr, haben wir nach ungefähr, ich sage mal, einem Jahr, vielleicht ein bisschen mehr, an Planung
03:47
das Interdisziplinäre Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung gegründet, das von Ulrich Bauer, der auch der Dekan der Erziehungswissenschaft hier bei uns ist und Prof. Dr. Doris Schäffer,
04:00
aus der Gesundheitswissenschaft, Versorgungsforschung, Pflegewissenschaft, geleitet wird. Es handelt sich also bei dem Zentrum jetzt um ein fakultätsübergreifendes Zentrum, also wirklich interdisziplinär. Und wir hoffen, dass sich im Laufe
04:14
noch Kooperationen und Zusammenarbeiten mit anderen Fakultäten ergeben werden.
04:18
Und dort, weil es soll ja auch heute um Gesundheitskompetenz gehen, führen wir gegenwärtig unterschiedliche Projekte, ich glaube zehn
04:28
erschiedene Projekte, zum Thema Gesundheitskompetenz durch. Ja, Forschung bei Kindern und Jugendlichen, bei Erwachsenen,
04:37
der Forschungsverbund Gesundheitskompetenz im Kindes- und Jugendalter oder die Messung
04:41
der Gesundheitskompetenz in der deutschen Bevölkerung, HLS-GER2, der nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz, ist bei uns angesiedelt, Projekte zur gesundheitskompetenten Organisation
04:53
bezogen auf Schule, bezogen auf Krankenhäuser, und weitere Projekte.
04:59  Christian
Auf jeden Fall sehr, sehr interessant. Zehn Projekte, sagen sie, ist auf jeden Fall richtig was los da bei Ihnen.
05:07  Orkan Okan
Ja, definitiv. Viele der Projekte waren natürlich schon vor dem Zentrum da. Das Zentrum war eine logische Konsequenz aus unserer Forschung zum Thema. Wir wollten das Ganze
05:18
bündeln, systematisieren und ein bisschen auch Capacity Building betreiben. Sozusagen die Kräfte, Ideen und Köpfe zusammenlegen.
05:27
Und da ist wirklich viel los. Wir sind auch ungefähr zehn, fünfzehn, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die das Thema
05:37
eben aus unterschiedlichen Perspektiven erforschen und jetzt mit dem Corona-Virus, dem dem Lockdown, dem Homeoffice et cetera
05:46
haben wir natürlich irgendwann auch mal begonnen unser Forschungsthema so ein bisschen auf das gegenwärtig gesellschaftlich dominierende Thema
05:57
Corona-Virus/COVID-19 zu übertragen und festgestellt: ja, also unser Thema passt ja auch hervorragend, um jetzt mal eine
06:06
Analyse der Gegenwart durchzuführen.
06:10  Christian
Gerade auch jetzt,
06:14
finde ich zumindest, im Verlauf, also wo sich die ganze Sache so ein bisschen gesetzt hat und wir eine aktuelle Debatte darüber haben, ob beispielsweise eine Maske okay ist oder nicht, finde ich, passt das Thema Gesundheitskompetenz
06:27
igentlich nochmal sehr gut, wenn man nochmal Abstand zu dieser ganzen Corona-Pandemie auch hat.
06:35  Eva
Sie haben jetzt schon viel darüber gesagt, dass sie zur Gesundheitskompetenz forschen, und mich würde, bevor wir jetzt in die Studie einsteigen, grundsätzlich erstmal interessieren,
06:47
was unter dem Begriff Gesundheitskompetenz überhaupt zu verstehen ist. Das wirkt als ein sehr großer und weitreichender Begriff.
06:55  Orkan Okan
Also ich muss sagen, man kann die Frage nicht einfach, aber doch auch einfach beantworten. Also Health Literacy,
07:05
07:05
das ist so der englische Begriff für das, was wir hier Gesundheitskompetenz nennen, um jetzt mal so die einfache Variante auszuprobieren, umfasst die Fähigkeiten gesundheitsrelevante Informationen zu finden,
07:19
diese zu verstehen, zu bewerten und dann im Lebensalltag anzuwenden für die Gesundheitsförderung, im Bereich der Prävention oder der Gesundheits
07:28
versorgung. Über Gesundheitskompetenz können zum Beispiel Risiken,
07:33
gesundheitliche Risiken, besser eingeschätzt werden oder zur Verfügung stehende Handlungsoptionen bewertet werden. Praktisch ermöglicht Gesundheitskompetenz Menschen, i
07:45
nformierte Entscheidungen für die eigene Gesundheit zu treffen. Natürlich auch für die Gesundheit anderer, zum Beispiel der Familie.
07:55
Und insgesamt, so vor dem Hintergrund dieser Punkte, würde ich Gesundheitskompetenz dann als einen handlungsorientierten
08:04
Ansatz beschreiben, ein sehr aktives
08:08
Konzept, vielleicht eben in Abgrenzung zu passiven Verhaltensweisen
08:15
et cetera. Weil ich habe ja gesagt, das war jetzt diese einfache Variante, Gesundheitskompetenz zu beschreiben, es gibt unterschiedliche Literatur, Recherchen, Analysen zu dem Thema,
08:28
die bis zu 200 und mehr Definitionen zum Thema finden,
08:36
die seit den 1990er Jahren in Forschung und Literatur aufgetaucht sind.
08:42
Und wenn man eben eine Synthese vornimmt von gemeinsamen Merkmalen, dann finden viele dieser Definitionen und Modelle Überschneidung
08:52
in den Punkten, die ich jetzt
08:53
aufgeführt habe. Aber was ich jetzt gemacht habe, ist, ich habe ja praktisch ein Kompetenzkonstrukt vorgestellt, also auf personale
09:03
Kompetenzen beschränkt. In Wirklichkeit ist das aber so, dass wenn man Gesundheitskompetenz definiert, man einen Schritt weiter geht. Gesundheitskompetenz wird in diesem Sinne relational
09:17
verstanden. Das heißt, dass sowohl die personale Gesundheitskompetenz, als auch die Komplexitäten
09:25
von Systemen, mit denen wir interagieren, zum Beispiel Einrichtungen der Gesundheitsversorgung, Krankenhäuser, Ärzte, et cetera, Fachkräfte, aber auch, wie jetzt für mich sehr interessant, Bildungseinrichtungen, Lehrkräfte
09:38
oder auch Internetseiten, also Online-Medien,
09:43
üssen hier berücksichtigt werden. Es braucht eine Passung zwischen den eigenen gesundheitsbezogenen Praktiken und
09:52
Kompetenzen, die wir in gesundheitliche Interaktion mit einbringen, und den dort vorherrschenden
09:59
Rahmenbedingungen. Ja, die beeinflussen unser Handeln und die Optionen, die uns zur Verfügung stehen. So, auf diese Weise
10:08
erhebt sich Gesundheitskompetenz dann von einem reinen Verhältnis-bezogenen auf einen Verhältnis-präventiven
10:15
Ansatz. Es ist dann halt nicht nur ein aktiver Ansatz, sondern auch ein Ansatz, der sich über einen rein Individuums-zentrierten Ansatz hinwegsetzt.
10:27
ch glaube, das ist ganz wichtig. Weil wir wissen eben aus der Forschung zu
10:33
gesundheitlichen Ungleichheiten, insgesamt Gesundheitsförderung, Prävention et cetera, dass die Rahmenbedingungen einen ganz gravierenden Einfluss auf unser Handeln und das
10:43
Verhalten ausüben, viel ermöglichen, aber auch behindern können. Deswegen ist es wichtig, dass man über die reinen personalen Kompetenzen
10:52
hinausgeht und immer Strukturen mit berücksichtigt.
10:59  Mike
Wenn Sie davon sprechen, dass man Strukturen mit berücksichtigt, dann involviert man auch direkt damit die Politik? Also, dass sie das mitfördert? Die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung?
11:13  Orkan Okan
Dem würde ich unbedingt zustimmen. Also das, was Sie jetzt gesagt haben.
11:16  Mike
Okay.
11:17  Orkan Okan
Ich finde das sehr, sehr zentral. Wenn in der Politik keine Maßnahmen, also
11:24
seien es Policies oder echte Gesetze, wie jetzt hier das Gesundheitsförderungs- und Präventionsgesetz (PrävG),
11:33
eingeleitet und unterstützt werden und ich meine unterstützt in Form von nicht nur Policies, sondern auch finanziellen Zuwendungen, Infrastruktur, Ausbildung et cetera,
11:47
dann wird natürlich in der Gesellschaft Gesundheitskompetenz auch nicht so gestärkt werden können, wie das gefordert wird.
11:57  Mike
Das ist mir grade so eingefallen. Gerade bei Gesundheitskompetenz, scheint es ja sehr interessant zu sein, dass es auf der einen Ebene auch, also so wie ich Sie grad verstanden habe,
12:07
auf eine Verhaltens-präventive Maßnahme oder Intervention abzieht, aber auch als Verhältnis-präventive Intervention verstanden werden kann. Habe ich das richtig verstanden?
12:18
12:18  Orkan Okan
Ja, also ich würde es so beschreiben. Also eigentlich als Verhältnis-präventive Maßnahme. Und die Verhältnis-präventive Maßnahme schließt natürlich auch
12:28
Handeln und Verhalten mit ein, die sind der Verhältnisprävention inhärent. Aber wir müssen einfach
12:35
davon wegkommen, rein Individuums-basiert die Gesundheitskompetenz zu interagieren, dass wir
12:44
sagen, die gesamte Verantwortung für Gesundheit liegt beim Menschen.
12:52
Weil die Strukturen, in die wir eingebettet sind, die haben natürlich einen maßgeblichen Einfluss darauf,
12:59
welche gesundheitlichen Ergebnisse wir erzielen. Und da wird die Gesundheitskompetenz auf der
13:04
personalen Ebene nicht ausreichen. Wir brauchen eben die Kompetenzen, auch die Gesundheitskompetenz, auf der Systemebene - Sie haben die Politik
13:12
angesprochen. Wir haben dann natürlich die Fachkräfte, das Fachpersonal, Pflegende, Ärzte, andere Fachkräfte im Bereich Gesundheit, mit denen wir interagieren, kommunizieren, wenn es um Gesundheit
13:25
und Krankheit geht. Aber wenn wir zum Beispiel in der Schule sind, in Bildungseinrichtungen sind, und Schüler haben, die
13:34
zum Thema Gesundheitskompetenz etwas lernen möchten, Kompetenzen aufbauen möchten, braucht es auf der Gegenseite eine Schule, Lehrkräfte, die das unterstützen und mittragen können. Also wir sehen, wir sprechen hier immer von einer Medaille, die zwei Seiten hat
13:48
und nur ganzheitlich ergibt sie Sinn. Und so müssen wir Gesundheitskompetenz auch verstehen.
13:54  Mike
Ganz pragmatisch gefragt, wie erwerbe ich denn Gesundheitskompetenz? Oder noch anders gefragt: ich könnte mir vorstellen, früher hat man sich vielleicht nicht so viele Gedanken drüber gemacht. Da wurde im Elternhaus vielleicht was mit
14:10
gegeben, dass man eine Milch trinken soll, weil das gesund ist und heutzutage
14:16
forschen sie über das Thema und man beschäftigt sich ausführlicher damit.
14:22
Wie kann man Menschen Gesundheitskompetenz mit auf den Weg geben oder sie darüber aufklären?
14:30  Orkan Okan
Also das ist natürlich eine sehr gute und auch sehr, sehr wichtige Frage, weil
14:36
ohne die Stärkung und Förderung der Gesundheitskompetenz können natürlich wir auch nicht sicherstellen, dass Gesundheitskompetenz erworben wird. Hört sich fast redundant an, aber dasa ist wirklich so ein
14:48
riesengroßer eigener Forschungsbereich für sich. Vielleicht nicht ganz so groß, dieses Feld, wie andere Bereiche innerhalb der Gesundheitskompetenzforschung. Damit will ich sagen, so viele
15:00
Interventionen gibt es noch gar nicht und ich muss auch sagen, dass
15:04
die Art der Intervention auch bestimmt wird durch das Verständnis von Gesundheitskompetenz, dass man mit einbringt. Ich hatte ja gerade die Definition mit dem Finden, Verstehen, Bewerten
15:19
nd Anwenden von Informationen angeführt. Es gibt aber auch andere Definitionen davon, die zum Beispiel in Gesundheitskompetenz Lesen,
15:27
Schreiben, Rechnen und Verstehen im Kontext von Gesundheit verstehen. U
15:32
nd aus dieser Perspektive kann man Gesundheitskompetenz fördern, indem man natürlich Lese-Rechtschreibkompetenzen, alltagsmathematische Rechenkompetenzen und Kommunikationskompetenzen fördert, sodass dann vielleicht Patienten in der Arzt-Patienten-Interaktion
15:48
erstehen, was der Arzt sagt, gute Fragen stellen, die Behandlung, also die Therapie- und Behandlungsanweisungen, die Einnahme zu Medikamenten et cetera verstehen, ja?
15:57
Wenn man aber jetzt dieses Informations-bezogene Konzept heranzieht, muss man natürlich ganz andere Schwerpunkte
16:05
setzen. Und hier ist gerade die Forschung dabei, also das ist noch relativ neu,
16:14
Intervention zu entwickeln, die im Bereich House Detracy Finden, Verstehen, Bewerten und Anwenden
16:19
adressieren. Zum Beispiel haben wir bei uns am IZGK im Forschungsverbund Gesundheitskompetenz im Kindes- und Jugendalter ein Teilprojekt, Tool-HLCA, dort entwickeln wir genau eine
16:31
solche Fördermaßnahme für Schulkinder und Lehrkräfte. Und diese basiert ein wenig auf
16:41
den Empfehlungen zur digitalen Bildung der Kultusministerkonferenz beziehungsweise, auf der Landesebene hier in
16:48
NRW, dem Medienkompetenzrahmen, der ganz viele Schnittstellen und Überschneidungen zum Konzept Gesundheitskompetenz
16:58
anbietet und verpflichtend in der Schule eingesetzt wird. Ab 2021 dann auch in der Lehrkräfteausbildung an den Universitäten hier in NRW. Das heißt, dort gibt es schon ein Eingangsportal, ein Werkzeug oder ein Vehikel,
17:13
über das wir dann Themen zur Gesundheit vorstellen können und darin dann Finden, Verstehen, Bewerten
17:21
adressieren können durch Übungen. Zum Beispiel durch Corona-Virus haben wir jetzt Übungen da drinnen.
17:28
Entwickeln diese, wo es um das Corona-Virus geht, um das Erkennen von richtigen und falschen Informationen, das Bewerten von Quellen et cetera.
17:37
Und das waren jetzt nur zwei Möglichkeiten, wie man das fördern kann. Da gibt's noch viel mehr.
17:43  Eva
Ich würde auch sagen, dass es
17:45
immer wichtiger wird, wenn man bedenkt, dass diejenigen, die ja jetzt zur Schule gehen, auch irgendwann älter werden und chronisch erkrankt sein werden und es gibt immer mehr chronische Erkrankte und
17:56
da ist es ja besonders wichtig, dass man da so ein Paket mitbekommt. Dass man von Kindesbein auf mit solchen Informationen umgehen kann oder man auch die Bedeutung kennt. So.
18:09  Mike
Ich hätte noch eine Frage. Und zwar: ist Gesundheitskompetenz etwas, was abhängig von der Bildung und auch vom Einkommen vielleicht ist? Oder kann man das losgelöst davon betrachten?
18:24  Orkan Okan
Also es gibt Studien, die sagen, dass das losgelöst davon ist. Dass es Menschen geben kann, Menschen gibt, mit einen hohen Grad an Bildung,
18:34
entsprechend eventuell auch mit einem relativ hohen Einkommen, die dennoch eine geringere oder schlechte oder nicht ausreichende Gesundheitskompetenz haben. Dann gibt es wiederum Studien, die sagen, dass Bildung,
18:49
Berufsstatus, Einkommen und andere andere solcher Faktoren,
18:54
Rediktoren sind einer Gesundheitskompetenz, also die Gesundheitskompetenz beeinflussen. Ich möchte jetzt nicht sagen, dass das widersprüchliche Aussagen sind. Ich gehe einfach mal
19:04
davon aus, dass Gesundheitskompetenz,
19:08
ja selbstbestehend aus vielen weiteren Teilkompetenzen, genauso, wie auch alle anderen Bildungskompetenzen, natürlich davon ab
19:19
abhängt: Was lerne ich? Wie lerne ich? Welche Lernziele erreiche ich? Wie <br>
19:19
<br>
19:27
igene ich mir neues Wissen an? Wie gut kann ich mir das merken? et cetera. Und dieser Bildungsabschluss
19:38
eterminiert ja auch oft den beruflichen Werdegang. Also die Frage zu dem Einkommen, die Sie gerade gestellt haben, das hängt ja damit
19:47
zusammen. Aber insgesamt, würde ich sagen, trotz dieser Erkenntnisse, die vorliegen, die sagen, es ist unabhängig davon, die anderen, die sagen, es hängt irgendwie damit zusammen, das sind
20:00
genau die Fragen, die näher untersucht werden müssen. Vor allem unter Hinzunahme
20:09
eines Modells von Gesundheitskompetenz, wie es für den eigenen Arbeitsalltag oder Forschungsschwerpunkt relevant ist. Also
20:20
vielleicht ist das in der medizinischen Versorgung eher wichtig wirklich auf Lesen, Schreiben, Rechnen, Verstehen zu gucken. Aber wenn man jetzt auf den Lebensalltag guckt, und das hat Ihre Kollegin ja gerade ganz schön gesagt,
20:33
die Gesundheitskompetenz bei Kindern früh adressieren, damit sie zu "gut gesundheitskompetenten Erwachsenen " heranwachsen. Und
20:41
wenn man natürlich das Konzept in der Schule adressiert, da wird ja sowieso schon Lesen, Schreiben, Rechnen adressiert. Aber diese Informationskompetenzen, diese Medienkompetenzen et cetera, in Bezug auf Gesundheit, die werden ja jetzt immer relevanter. Digitale Transformation, Digitalisierung, das Internet
20:57
zieht bis in die Hosentaschen auf die Smartphones, Apps et cetera mit ein. Also da werden diese Kompetenzen wichtiger.
21:05
Und da müsste man dann tatsächlich mal gucken: wie stehen diese denn im Zusammenhang mit anderen Bildungsoutcomes?
21:13
Und später, wenn man dann studieren geht oder arbeiten geht, in den Beruf geht, welche Zusammenhänge gibt es dort?
21:23  Christian
Ich habe dazu auch doch eine eine Frage.
21:26
Sie haben jetzt gerade den Zugang zu den Medien erwähnt und, im Bezug auf Gesundheitskompetenz, ist es dann nicht sogar einfacher, an Informationen zu kommen und
21:39
<br>
21:39
21:39
in dem Zuge nicht sehr viel schwieriger, die Güte der Information zu klassifizieren sozusagen, um entsprechend zu einer guten Gesundheitskompetenz zu kommen?
21:49  Orkan Okan
Ja, also der erste Teil Ihrer Frage is, ob es einfacher ist, Gesundheitsinformationen zu finden, a
21:58
ls Gesundheitsinformation richtig zu bewerten. Habe ich sie richtig verstanden? Ja, also das sehe ich genauso.
22:06
Mittlerweile sind Informationen, u
22:11
nabhängig davon, ob sie jetzt richtig oder falsch sind, erstmal relativ
22:17
einfach zu finden, wenn man halt einen Computer, zum Beispiel, bedienen kann oder wenn man im Umfeld fragen kann und die Person das weiß. Viel schwieriger
22:27
oder viel interessanter ist es: wie werden die zugänglich gemachten Informationen verstanden?
22:34
Was beeinflusst, wie wir was verstehen? Und noch viel interessanter: wie werden diese bewertet auf ihren Wahrheitsgehalten hin? Welche
22:45
Prozesse, seien es jetzt kognitive oder auch Handlungsprozesse, werden eingeleitet, um d
22:51
er Information, dem Wahrheitsgehalt auf dem Grund zu gehen? Wie
22:57
schafft man es, zwischen richtigen und falschen Informationen zu unterscheiden? Also d
23:03
a gehe ich ganz d'accord mit Ihnen. Und zum Beispiel Ergebnisse vom Medienpädagogischen Forschungsverbund, die,
23:12
ich glaube, zweijährig oder dreijährig den Umgang mit Medien bei Kindern u
23:18
nd Jugendlichen, also KIM- und JIM-Studien untersuchen, die zeigen uns ja auch, dass, zumindest bei den Jugendlichen,
23:29
ein Großteil der Jugendlichen halt Zugang zu diesen unterschiedlichen Computern,
23:36
Laptops, Desktop-PC, Tablet, Smartphones hat und darüber dann ein signifikanten Teil der Freizeit im Internet und sozialen Medien et cetera verbringt. Also da kann man schon von ausgehen, b
23:50
ei den Heranwachsenden ist da eine ganz große Affinität zum Internet, zu Online Informationen gegeben.
23:57
Und da wäre dann der Blick ganz wichtig: wie schauen denn da die Verstehensprozesse, die Bewertungsprozesse aus? Und natürlich in der Konsequenz im Lebensalltag: wie wird
24:09
dieses neu generierte, hinzugewonnene Wissen in Handlungen überführt? Sie hatten aber noch einen zweiten Teil in Ihrer Frage, oder?
24:18  Christian
Ne, also Sie haben das genauso beantwortet, wie ich mir das gewünscht hatte. Genau, weil ich muss
24:26
ja nur mein Handy anmachen und in diese sozialen Medien gucken und dann bekomme ich ja
24:32
Informationen ohne Ende. Nur ich muss eben dann schauen, und ich finde es manchmal dann ja auch schwierig, ist denn die Information jetzt auch valide? Also
24:41
ich meine, nicht umsonst gibt es ja so Dinge wie beispielsweise Verschwörungstheorien oder Ähnliches, wo man eben bestimmte Informationen anders aufgreift und jemand anderem Glauben schenkt. Und demnach auch entsprechend sein Handeln a
24:54
usrichtet.
24:56  Orkan Okan
Genau. Und da sprechen sie einen sehr, sehr wichtigen Punkt an. Also wir haben
25:01
zum einen halt diese Verschwörungstheorien, wir haben Desinformation,
25:06
Missinformation, Fake News und es gibt so viele verschiedene Kategorien, wie man
25:11
falsche Informationen klassifizieren kann. Und, wie Sie das gesagt haben, Sie machen Ihr Gerät an und Sie werden praktisch überflutet von einer Fülle an Informationen. U
25:23
nd da besteht natürlich die Herausforderung darin,
25:29
die Spreu vom Weizen zu trennen. Aber gleichzeitig, und das haben Sie ja jetzt gerade sehr schön gesagt: Was sind denn die Gründe dafür, dass jemand
25:40
zugänglich ist,
25:42
Verschwörungstheorien zu glauben, Falschinformationen zu glauben, während andere gleich sagen: "Nee, das ist nicht richtig,
25:51
diese Informationen stimmen nicht, das ist eine Verschwörung, das ist einfach eine Lüge und die richtige Information
25:59
sieht so aus oder die ist hier zu finden." Also was sind das für Einstellungen, Haltungen, Lebenslagen, vielleicht Disposition, die Menschen eher in die Nähe rücken
26:12
diesen falschen Informationen zu glauben? Das sind, glaube ich, ganz, ganz interessante Fragen, die man
26:18
untersuchen kann. Also in vielen Forschungsfeldern werden solche Fragen untersucht. Aber ich meine das jetzt bezogen auf Gesundheitskompetenz, da wären das interessante Fragen.
26:27  Mike
Welches Ziel verfolge ich damit einer Verbesserung oder einer Erhöhung der Gesundheitskompetenz? Also was möchte man eigentlich erreichen?
26:36  Orkan Okan
Also langfristig, also das ultimative Ziel, das "End Game" sage ich mal, ist natürlich die Gesundheit zu verbessern, Wohlbefinden zu verbessern. Es gibt natürlich auch viele Teilziele auf dem Weg dahin:
26:51
gesundheitliche Ungleichheiten reduzieren, Menschen ermächtigen, sich anwaltschaftlich für sich, für die eigene Gesundheit oder die Gesundheit der Mitmenschen
26:59
einsetzen zu können, die sozialen Detaminanten der Gesundheit zu adressieren, in diesem Sinne also soziale, aber auch politische, vielleicht auch kulturelle Detaminanten. Aber auch eben
27:12
vernünftig, umsichtig, verantwortungsbewusst mit gesundheitlichen Informationen u
27:17
mzugehen. Und dieser letzte Aspekt, der ist ja seitdem jetzt die Welt von COVID-19 und Corona-Virus betroffen ist,
27:28
wie wichtig genau dieser Punkt ist, der Umgang mit Informationen, nicht nur das Verstehen,
27:35
sondern auch das Teilen, das Weiterleiten von Informationen. Jetzt in der heutigen Zeit sind wir ja nicht nur Rezipienten von Informationen,
27:45
wir stellen ja selber auch Informationen her. So, und natürlich sehr, sehr viele, die einen Bezug zur Gesundheit haben.
27:54
Und über Gesundheitskompetenz, neben natürlich vielen anderen Konzepten, die hier behandelt werden, kann man
28:03
helfen, solche Fragen zu beantworten oder eben diesen Punkten auf dem Grund zu gehen.
28:09  Eva
Ich glaube jetzt haben wir schon ganz viel Allgemeines e
28:12
rfahren und uns ja auch so ein bisschen mit der Frage auseinandergesetzt, warum es überhaupt wichtig ist, sich mit der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung während so einer Pandemie zu beschäftigen.
28:24
Wie kam es denn jetzt dazu, dass Sie diese Studie gemacht haben? Also was war so der ausschlaggebende Punkt?
28:31  Orkan Okan
Das waren, glaube ich, ganz viele unterschiedliche
28:36
Punkte. Also, wie eingangs erwähnt, wir interpretieren ja Gesundheitskompetenz als einen handlungsbezogenen Ansatz. So, wie gelingt es den Menschen auf
28:45
der Rezeption von Information, Risiken zu bewerten, vorliegende Ressourcen einzuschätzen, richtige von falschen Informationen zu unterscheiden? Auf Grundlage hiervon Entscheidungen zu treffen? Gesunde, also
29:00
die Gesundheit fördernde,Verhaltensweisen zu praktizieren? Für
29:07
uns in der Gesundheitskompetenzforschung sind diese Punkte natürlich i
29:13
mmer schon relevant gewesen. Das sind Faktoren, die wir untersuchen, aber jetzt gerade in der COVID-
29:20
Krise wurden sie nochmal viel, viel deutlicher, viel greifbarer. Gesundheitskompetenz und die Forschung, die wir betreiben, die kann manchmal abstrakt sein, aber hier
29:32
urde sie plötzlich sehr praktikabel, sehr einfach, sehr einleuchtend, warum
29:38
Gesundheitskompetenz wichtig ist. Wir sehen ja: Corona-Virus und COVID-19 betreffen nun mal die ganze Welt. Und
29:48
Prävention, Infektionsschutzmaßnahmen, aber eben auch personale Kompetenzen und Fähigkeiten,
29:55
ungesunde Verhaltensweisen im Bezug auf Gesundheitsschutz, Prävention und Infektionsschutzmaßnahmen
30:04
zu praktizieren, sind zentral, um eben vor der Infektion zu schützen. Also praktisch Widerstand gegen das Virus zu leisten, gegen die Verbreitung, die Versorgungssysteme zu entlasten, weil d
30:17
ie sind natürlich total überlastet mit der Behandlung von an COVID-19 erkranken Patienten. Wir haben ja gesehen, was in anderen Ländern passiert ist, als die Kapazitäten im Versorgungssystem ausgeschöpft waren, aber immer mehr Ne
30:31
uinfektionen dazu kamen.
30:34
Und natürlich ist Gesundheitskompetenz in dem Zusammenhang auch wichtig für Resilienzausdauer, Coping, die psychische Gesundheit: was macht diese gegenwärtige Situation mit mir?
30:45
So, das waren einige Punkte. Und dann kam plötzlich der Punkt hinzu, das war so Januar/Februar, d
30:55
ass sich Informationen zu dem Virus rasend schnell durch den digitalen Äther angefangen haben zu verbreiten. Viel schneller als das Virus. Das heißt, Informationen waren viel schneller bei uns und in jeder Ecke äh der Welt, als das Virus h
31:09
ier war. Und da wissen wir aus früheren Studien, die wir durchgeführt haben, in unterschiedlichen Ziel- und Altersgruppen, in unterschiedlichen Ländern, dass große Teile der Bevölkerung eben Schwierigkeiten im Umgang mit
31:23
Informationen, mit gesundheitlichen Informationen, haben und für diese Menschen macht es das natürlich dann schwer, der Kommunikation
31:32
rund um COVID-19 zu folgen. Die Empfehlungen, um vom abstrakten Begriff der Information wegzukommen,
31:40
zum Beispiel der Behörden, des Bundesministerium für Gesundheit, den kommunalen und städtischen Einrichtungen, den Gesundheitsämtern im Robert-Koch-Institut et cetera, zu verstehen und dann entsprechend umzusetzen und somit
31:54
die bundesweiten Infektionsschutzmaßnahmen zu unterstützen. Und das waren so diese Punkte zusammen, wo wir gesagt haben: "Gut,
32:03
wir müssen Gesundheitskompetenz unbedingt auf diese gegenwärtige Situation einmal anwenden und
32:11
ntersuchen." Wir
32:17
diskutieren Gesundheitskompetenz schon seit geraumer Zeit im Zusammenhang mit nicht-übertragbaren Krankheiten und wir haben ja vorhin gesagt, wie wichtig es ist, dass wir Kinder in der Schule
32:28
adressieren, um die Gesundheitskompetenz zu stärken. Und das ist so ein zentrales Argument, wenn wir über Gesundheitskompetenz bei nicht-übertragbaren Krankheiten sprechen, dass wir ganz langsam über einen ganz langen Interventionszeitraum, weil die Schule nun mal einen solchen darstellt,
32:43
diese Kompetenzen aufbauen, um dann perspektivisch und nachhaltig nicht-übertragbaren Krankheiten entgegenzuwirken. Aber hier handelt es sich jetzt um eine übertragbare Krankheit und plötzlich wurde klar:
32:54
Gesundheitskompetenz ist auch im Fall von übertragbaren Krankheiten wichtig. Wir haben nun nicht mehr ganz so viel Zeit das zu adressieren,
33:02
weil diese Krise über uns hineingebrochen ist. Ich glaube das waren so einige der Punkte, w
33:10
ieso wir uns entschlossen haben das Thema zu untersuchen.
33:17  Christian
Könnten Sie einfach mal in ganz einfachen Sätzen sagen, worum es eigentlich in dieser Studie geht, damit wir erstmal eingangs so einen kleinen Überblick darüber bekommen?
33:28  Orkan Okan
Okay, die Idee zu dieser Studie wurde von WissenschaftlerInnen des IZGK an der Universität Bielefeld und der Hertie School of Governance i
33:38
n Berlin entwickelt. Ulrich Bauer, Doris Schäffer,
33:42
Klaus Hurrelmann, Eva Behrens und unter Beteiligung von Thorsten Michael Bollweg und auch meiner Person plus
33:50
Herrn De Sombre vom Institut für Demoskopie in Allensbach, die alle zusammen das Studienteam bilden.
33:59
Wir haben mit einem Fragebogen gefragt, wie einfach oder wie schwierig Menschen
34:07
s empfinden mit
34:11
unterschiedlichen Informationen zum Corona-Virus und COVID-19 in Medien, im Internet oder im Lebensalltag u
34:19
mzugehen. Das heißt, wie einfach oder schwierig fällt es den Menschen, Informationen zu den Themen zu finden, zu verstehen, zu bewerten und anzuwenden?
34:27
Da hatten wir 22 Fragen in unserem Fragebogen dazu und zusätzlich,
34:33
wegen der Problematik der Informationsflut, haben wir auch noch Fragen gestellt, d
34:39
ie sich dieses Themas annehmen. Diese Fragen, zusammen m
34:44
it soziodemographischen Variablen, also Fragen zu Alter, Geschlecht, Bildung, Berufsstand,
34:54
Familienstand et cetera, bilden den Kern des Fragebogens und den Kern unserer Untersuchung.
35:03  Eva
Okay, also Sie haben sich dann dazu entschieden, diese Studie zu machen.
35:07
Jetzt wäre aber trotzdem nochmal die Frage spannend, durch wen die denn gefördert wurde? Das ist ja so eine
35:15
Zusammenkunft. Sie haben schon gesagt, dass es interdisziplinär ist. Dass sieht man auch an den verschiedenen Funktionen und Herkünften der Personen, die mitgewirkt haben. Aber durch wen wurde denn jetzt diese Studie gefördert?
35:27  Orkan Okan
Genau, also wir haben den Forschungsverbund HLCA (Health Literacy In Childhood and Adolensence/Gesundheitskompetenz im Kindes- und Jugendalter), der von
35:39
Ulrich Bauer und Dr. Paula Pinero koordiniert wird. Und im Zuge dieses Forschungsverbundes h
35:48
aben wir die Studie zur Corona-Virus-bezogenen Gesundheitskompetenz durchgeführt. Das heißt,
35:58
gefördert wurde diese Erhebung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), die auch unseren HLCA-
36:07
Verbund fördern.
36:11
Einige von uns sind im HLCA-Verbund, andere von uns sind in anderen Projekten, die von anderen Förderern gefördert werden.
36:21
Und wir haben jetzt eine Erhebung durchgeführt, also eine Welle, und wir planen
36:29
weitere Wellen durchzuführen und hoffen, dass diese Wellen dann
36:34
gefördert werden vom Bundesministerium für Gesundheit. Wir waren jetzt beim BMBF und für die weiteren Wellen erhoffen wir uns, dass sie vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert werden.
36:47  Christian
Jetzt ging das ja alles eigentlich relativ schnell. Also ich meine, so eine Studie aufzusetzen, dauert ja in der Regel. Also man braucht,
36:55
je nachdem, was man macht, so einen Ethikantrag. Das kann mal ein bisschen dauern, bis er durchgegangen ist, die
37:01
ganze Planung. In der Regel dauert es auch ein bisschen länger, bis man die Fördergelder bekommt. Jetzt hatten wir natürlich eine besondere Situation im Rahmen der Corona-Pandemie. Wie genau sind Sie denn jetzt vorgegangen?
37:13  Orkan Okan
Ja, also
37:14
wie sind wir vorgegangen? Also zunächst einmal: Sie haben Recht. Das Ganze kann sehr kompliziert, komplex und langwierig sein. Wir waren aber in dem ganzen
37:23
Prozess nicht alleine. Wir haben also Kolleginnen und Kollegen aus Österreich und der Schweiz, mit denen wir schon solche Erhebungen zur Gesundheitskompetenz in anderen Kontexten durchführen, wir haben
37:33
mit den Personen geredet, dann, zeitgleich, haben wir auch mit Kolleginnen und Kollegen von der Hochschule Fulda, Kevin Dadaczynski und Katharina Ratmann,
37:43
diskutiert, mit denen wir übrigens auch eine Erhebung zur digitalen Gesundheitskompetenz und Gesundheitskompetenz im Zusammenhang mit Corona-Virus und COVID-19 durchführen, in mittlerweile 45 Ländern
37:55
mit über 100 Forschern, die daran
37:58
eteiligt sind. Also das waren so die Entstehungsprozesse. Ja, also diese Idee ist gleichzeitig in vielen Köpfen irgendwie entstanden. Man hat sich gegenseitig unterstützt und, a
38:08
ls wir dann uns entschieden haben, dass wir das machen, war natürlich unser erstes Anliegen: wir brauchen einen Fragebogen, wir müssen ein Fragebogen
38:17
entwickeln. Gleichzeitig haben Sie die Problematik des
38:20
Ethikantrages angesprochen, der ja, relativ betrachtet, auch einen langwierigen Prozess nach sich ziehen kann, bis man den Ethikantrag dann erstmal hat. Und wir mussten gleich zwei Ethikanträge für zwei unterschiedliche Studien,
38:34
die aber relativ ähnlich sind, stellen. Also es waren
38:38
unterschiedliche parallele Prozesse, die sich glücklicherweise dann alle in einer relativ kurzen Zeit zu einem positiven Ergebnis zusammengefunden haben. Das heißt, wir haben den Fragebogen entwickeln können, basierend auf einem Fragebogen,
38:52
der validiert ist für die deutsche Bevölkerung, und den wir in anderen Studien
38:57
einsetzen. Auch bei Kindern, bei Jugendlichen, natürlich bei Erwachsenen. Wir haben dann parallel die Ethikvoten
39:03
ekommen. Sie hatten Herrn De Sombre gerade angesprochen, d
39:09
er ist beim Institut für Demoskopie in Allensbach, die diese Studie für uns durchgeführt haben. Wir konnten uns mit dem Institut arrangieren, dass sie mit uns gemeinsam
39:23
am Fragebogen arbeiten, die Studie durchführen et cetera. Und, ich denke, der ganze Prozess hat ungefähr
39:33
wei Wochen, etwas mehr als zwei Wochen, gedauert. Da waren halt viele beteiligt
39:42
und wir haben auch eine Internetseite aufgebaut. Also wir haben erstmal unsere eigene Internetseite des IZGK m
39:50
it Informationen zur Studie bedient, unsere Social Media
39:54
Accounts, unsere Homepages zu den Forschungsprojekten, die wir haben. Aber wir haben auch eine ganz eigene Internetseite für eine der Erhebungen i
40:03
ns Leben gerufen. Als gemeinsame Plattform und, ja, ich würde sagen, so ungefähr zwei Wochen mit richtig viel Arbeiten, mit ganz vielen Personen.
40:12
Kollegen in Österreich und der Schweiz, die haben diese Prozesse bei sich auch zeitgleich durchgeführt, und haben auch Erhebungen in ihrem Land d
40:22
ann zum selben Thema durchgeführt.
40:25  Christian
Eben haben Sie den Ethikantrag angesprochen. Ich glaube, es ist in diesem Rahmen vielleicht nochmal ganz gut, wenn wir kurz erläutern, was ein Ethikantrag eigentlich ist und wo
40:34
zu der eigentlich gut ist. Weil, ich glaube, Menschen, die in der Forschung nicht so zu Hause sind, für die ist das eventuell was Neues.
40:42  Orkan Okan
Ja genau.
40:44  Christian
Wollen Sie das machen oder soll Mike das machen?
40:48  Orkan Okan
Ja, wenn Mike vorbereitet ist, soll er das machen.
40:51  Mike
Tja, ihr könnt das ja ergänzen. Ich bin nicht vorbereitet. Naja, es geht darum, dass man sein Studienvorhaben im Hinsicht der Ethik reflektiert und das wird dann niedergeschrieben,
41:05
obei man natürlich ethische Aspekte, wie eine ethische Prävention oder eine Prognose, mit berücksichtigt. Prognose und Prävention bedeutet hier, dass ich einschätze, inwieweit ich z
41:16
um Beispiel Studienteilnehmende durch meine Forschung belaste oder ob es sich um vulnerable Personengruppen handelt, die ich einbinde in mein
41:25
Forschungsvorhaben. Vulnerabel bedeutet hier zum Beispiel Menschen mit Demenz oder andere Menschen, die halt einer informierten Einwilligung nur schwer zustimmen können oder,
41:35
die sie nicht ganz verstehen können oder wo es da Herausforderungen gibt. Und da muss man eine Prognose zu treffen. Prävention
41:44
bedeutet hier, dass man sich überlegt: wie kann ich das Studienvorhaben so aufbauen, dass, wenn zum Beispiel S
41:50
tresssituation ausgelöst werden bei den Studienteilnehmenden, dass ich die auffange oder, dass zum Beispiel
41:57
professionell Pflegende, wenn ich eine Studie im Krankenhaus durchführe, dann darüber informiere, dass vielleicht grade zusätzlich Stress entstanden ist in der Datenerhebung und dass die dann intervenieren und sich um den Studienteilnehmenden kümmern.
42:10
Im Großen und Ganzen geht's aber auch darum, dass man nochmal s
42:14
eine Methode reflektiert und die auch durch eine Ethikkommission reflektiert wird. Also kann ich überhaupt mit der Methode, die ich gewählt habe oder mit diesem methodischen Vorgehen die Fragestellung beantworten und komme ich überhaupt
42:28
zu der Antwort? Also komme ich überhaupt der Wahrheit näher damit? So würde ich das jetzt mal aus den Stegreif erzählen. Ich weiß nicht, wie sehen Sie das?
42:38  Orkan Okan
Also, hervorragend erklärt von Mike und bei uns an der Universität Bielefeld,
42:43
auf der Homepage von der Ethikkommission, gibt es einen Fragebogen, Basisfragebogen nennt er sich, mit elf Fragen.
42:50
Und wenn man es schafft, diese elf Fragen mit "nein" zu beantworten, vor dem Hintergrund dessen, was was Mike jetzt gerade beschrieben hat, dann bekommt man
43:04
das Ethikvotum relativ schnell.
43:07
Sind jetzt aber, gerade wurden Demenzpatienten zum Beispiel angeführt, in unserem Fall Kinder und Jugendliche, die Zielgruppen
43:17
unserer Forschung, dann
43:20
wird das etwas komplizierter. Dann gibt es eben weiterführende Fragebögen, die auch mehrere Seiten langen sind. Wo man penibel genau erklären muss, was, wie, wozu man das machen möchte. Und, insgesamt unabhängig, ob einfach oder schwer, muss man natürlich auch seinen Datenschutzkonzept irgendwie
43:38
präsentieren. Wie geht man mit der Datensicherheit um? Jetzt die DGSVO, die neue Datenschutzgrundverordnung et cetera.
43:48
Was macht man damit? Das war bei uns aber unproblematisch, weil wir mit dem Partner zusammenarbeiten, der
43:57
zertifizierte gesicherte Server hat, wir alles verschlüsselt haben und eigene Datenschutzkonzepte haben aus unseren anderen Erhebungen, die wir dann relativ leicht übertragen konnten auf diese Studie.
44:08  Christian
Genau, also eine Sache würde ich noch ganz gerne hinzufügen, weshalb es zum Beispiel schwierig ist,
44:15
Personen mit Demenz oder auch bei Kindern, Forschungen durchzuführen, weil sie eben, wie Ihr das ja schon richtig gesagt habt, zu den vulnerablen Personengruppen gehören. Und
44:25
ersongruppe ist per se erstmal eine Personengruppe,
44:34
wo man aufgrund der Anforderung durch die Erkrankung nicht davon ausgehen kann, dass sie nicht n
44:40
och mehr belastet werden durch beispielsweise ein Forschungsvorhaben,
44:45
sodass man sie entsprechend noch mehr belastet und sie nicht in der Lage sind, diese Belastung selbstständig zu kompensieren.
44:52  Mike
Genau, aber e
44:58
s ist wichtig, dass auch Forschung mit Menschen mit Demenz und mit Kindern durchgeführt wird, weil es wäre auch unethisch, diese aus der Forschung auszuschließen. Im
45:08
Studium hatten wir immer die Diskussion: genehmigt dann überhaupt die Ethikkommission so einen Forschungsantrag mit
45:15
diesen und jenen Personengruppen? Ja, natürlich. Aber es geht darum, dass man sich Gedanken macht, dass man es gut macht und dass das halt nochmal überprüft wird. U
45:23
nd es geht nicht darum, dass das abgelehnt wird, weil man nicht mit dieser Personengruppe forschen darf oder soll. Das wäre auch genauso unethisch, ja?
45:31  Eva
Genau, das vielleicht zu dem Punkt.
45:34
Jetzt haben Sie schon gesagt, Sie mussten begründen, auch bei der Ethikkommission, warum Sie dieses methodische Vorgehen gewählt haben. Das ist ja jetzt ein quantitatives Vorgehen.
45:47
Und warum haben Sie das gewählt? Also man man hätte ja auch
45:50
qualitative halbstrukturierte Interviews oder Ähnliches führen können. Was waren da so die Hintergründe für die Entscheidung?
45:58  Orkan Okan
Genau, also wir haben quantitativ gearbeitet mit dem Fragebogenverfahren. Aber ich finde, Sie haben Recht. Qualitativ wäre natürlich auch hochgradig
46:09
spannend gewesen und der qualitative
46:14
Bereich in der Gesundheitskompetenzforschung, der ist ein wenig unterrepräsentiert. Das heißt, ganz viele von den Erkenntnissen, die uns heute vorliegen, a
46:24
lso ein Großteil, ich sage mal 95%, vielleicht sogar noch mehr, haben wir mit Querschnittstudien, klinischen Studien, Interventionsstudien
46:33
gewinnen können. U
46:35
nd eigentlich wäre die qualitative Forschung ganz wichtig. Wir haben jetzt gegenwärtig bei uns sowohl im HCLA-Verbund, als auch in GeKOrG-Schule oder in den Projekten
46:49
im Bereich der Messung der Gesundheitskompetenz bei Erwachsenen, bei Menschen mit Migrationshintergrund, bei Älteren zu ihrer Health Literacy et cetera, haben wir Komponenten drin, wo wir qualitativ forschen.
47:02
Als wir eben, wie ich das vorhin beschrieben habe, für uns entschieden haben, wir müssen Gesundheitskompetenz
47:14
auf das Corona-Virus und die Flut an Informationen und den Umgang damit beziehen, war für uns eigentlich relativ klar: wir werden natürlich unseren Fragebogen, den wir haben,
47:26
insetzen und den auch anpassen auf das Corona-Virus.
47:32
Einmal, weil wir genau dieser Art von Fragebogen-basierter Querschnittserhebung schon in anderen Studien durchführen und dann hätten wir hier rüber
47:41
Vergleichswerte beispielsweise in Deutschland. Und Deutschland ist hierbei Teil von einer größeren europäischen Initiative, die läuft gerade.
47:51
Die MPOL-Initiative (Measuring Population And Organisational Health Literacy) ist ein
47:53
großes Netzwerk mit vielen Ländern aus der WHO-Europa-Region. D
48:02
ort wurde eine Messung vorbereitet, jeweils auf Country Level in einem jeweiligen teilnehmenden Land, zur Gesundheitskompetenz. Also ungefähr zeitgleich parallel zu dem, was wir gemacht haben. Und wir haben praktisch ein wenig darauf
48:17
aufgesetzt. Gleichzeitig ist das natürlich vor dem Hintergrund der ganzen Corona-Einschränkungen <br>
48:17
<br>
48:26
etzt auch schwer sich mit Menschen zu treffen, Interviews zu führen. Natürlich geht das digital, aber w
48:34
enn man ad hoc relativ schnell rekrutieren möchte? Über das Institut für Demoskopie in Allensbach haben wir natürlich die Möglichkeit gehabt auf deren großes Panel zuzugreifen. Das heißt, eine große Stichprobe, m
48:47
it der Allensbach arbeitet, um genau solche Arten von Erhebungen durchzuführen. Wir haben also relativ problemlos unsere Stichprobe rekrutieren können. Hätten wir
48:59
qualitative Interviews und auch noch in dis
49:04
em Studiendesign, wie wir jetzt da dran gegangen sind, hätten wir viel größere Probleme gehabt. Wir hätten uns auch persönlich nicht treffen können. Wir hätten sicherstellen müssen, dass dann der digitale Zugang gewährleistet ist. Vielleicht hätten einige aufgrund dessen, was
49:19
in ihrem eigenen Leben aufgrund der Corona- Einschränkungen, Corona-Krise gegenwärtig los ist, vielleicht sich auch gar nicht die Zeit genommen sich auf ein längeres Interview
49:28
mit uns einzulassen und sind daher bei genau diesem Fragebogendesign
49:36
gelandet, das, wie ich nochmal sagen möchte, auf zahlreiche Vorarbeiten, auch der letzten Jahre,
49:44
von uns aufbaut. Angefangen von Übersichtsarbeiten zu Fragebögen, Konzepten und Studien, wo diese analysiert wurden, darauf aufbauend eigene Fragebögen zu entwickeln und zu testen, Kinder, Jugendliche, Erwachsene.
49:57
Und dann auch Umfragen, wie wir sie jetzt durchgeführt haben, zur allgemeinen Gesundheitskompetenz
50:04
durchzuführen. Also das heißt es war so eine Kontinuität dessen, was wir gemacht haben, weil einige unserer Projekte zum Stillstand gekommen sind. Wir haben zum Beispiel in einem Projekt, HL-Kids
50:15
NRW, eine Erhebung zur Gesundheitskompetenz bei Kindern in der Grundschule geplant. Natürlich konnten wir nicht mehr i
50:24
n der Corona-Krise in die Schule gehen, um diese Erhebung durchzuführen. Und so haben wir dann eben an einer anderen Stelle auf die selbe Art und Weise einfach u
50:32
nsere Forschung fortgesetzt, wo es möglich war.
50:35  Christian
Ist nochmal ganz gut, dass Sie sagen, dass es mehrere Vorarbeiten dazu gegeben hat zu den Fragebögen. Weil wenn man denkt, man kriegt einen Fragebogen in zwei Wochen entwickelt, dann ist das eher nicht so.
50:48  Orkan Okan
. Das sind natürlich Jahre, die da reingeflossen sind und als man dann den
50:53
Fragebogen fertig hatte, validiert hatte, der mittlerweile auch in allen Regionen der Welt und in allen Zielgruppen der Welt eingesetzt wird, k
51:04
onnten wir dann einfach die Fragen, die sich auf allgemeine Gesundheitsinformationen beziehen,
51:12
auf Corona-bezogene Gesundheitsinformationen anpassen. Also das war eigentlich der Schritt,
51:18
den wir durchgeführt haben und weswegen es auch nicht so lange gedauert hat. Wir haben einfach auf einem bestehenden Fragebogen, mit dem wir schon arbeiten und den wir auch lange entwickelt haben
51:27
aufgesetzt. Sonst haben sie Recht, sonst hätten wir das so schnell niemals schaffen können.
51:32  Mike
Also wir müssen nochmal kurz vom Thema abweichen. Was ich mich gerade gefragt habe oder was mich verwundert hat, ist, dass Sie gesagt haben, dass es sehr wenig qualitative Erkenntnisse oder Arbeiten zu dem Thema Gesundheitskompetenz gibt.
51:46
Wie kommt das? Also, ich hätte jetzt gedacht, das würde mir als erstes in den Sinn kommen: mit den Menschen aus den verschiedenen
51:56
sozialen Schichten, wie auch immer, Interviews zu führen und zu analysieren.
52:02  Orkan Okan
Da bin ich voll auf Ihrer Seite. Wenn ich das jetzt aus meiner Perspektive v
52:08
ersuchen würde zu beschreiben, wieso das so ist, dann würde ich so in die 1990er Jahre gehen, wo eigentlich die Gesundheitskompetenzforschung mehr oder weniger entstanden ist.
52:21
Dort wurde dann zum Beispiel in Arztpraxen, in Notfallaufnahmen in Krankenhäusern oder anderen Gesundheitseinrichtungen mittels
52:34
kurzer Lese-Rechtschreibkompetenz- oder
52:38
Verständnisfragebögen während der Behandlung ganz schnell die Gesundheitskompetenz eines Patienten erfasst. Das hat also drei, vier Minuten gedauert einen
52:47
Lückentext ausfüllen,
52:50
wo Fragen zu Medikamenteneinnahmen, Behandlungen et cetera gestellt wurden. Oder, dass man, wie wenn man so einen Sehtest und Augentest macht, dass man auf eine große Tafel
53:00
mit ganz vielen medizinischen Fachbegriffen guckt und diese dann vorliest und mit ansteigender
53:08
Dauer dann auch die Wörter komplexer werden.
53:12
So und dann sind so viele Forschungen und Studien in dem Zusammenhang durchgeführt worden, die alle auf diesem Prinzipien basiert haben und s
53:20
o hat sich das dann einfach irgendwie fortgesetzt. Und aus dieser Zeit heraus gibt es ein, zwei Studien, die wirklich sich mal die Zeit genommen haben oder eben das Design
53:31
eingesetzt haben, mit den Menschen zu sprechen, Interviews durchzuführen und die Erkenntnisse, im Gegensatz zu dem "Kann jemand lesen,
53:40
schreiben? Versteht er die Wörter? Kann er die aussprechen?, die waren natürlich faszinierend, ja? Die haben davon berichtet, dass Menschen Angst vor Stigma haben,
53:50
wenn sie zum Arzt gehen, wenn sie vielleicht selber keine so hohe Gesundheitskompetenz haben, dass sie Angstzustände haben, viele Unsicherheiten et cetera. Also ganz viele
54:00
dispositionale Faktoren da mitspielen, die natürlich so von diesen Fragebögen mit Lesen, Schreiben, Rechnen nicht erfasst werden.
54:10
ind dann irgendwie fünfzehn, zwanzig Jahre vergangen mit wirklich g
54:15
ar nicht so viel qualitativer Forschung und dann sieht man das so vereinzelt, hier und da tauchen qualitative
54:23
Studien auf. Wir haben zum Beispiel bei uns im HSLA-Verbund e
54:29
inige Projekte in der ersten Förderphase von 2015 bis
54:34
2018 zur digitalen Gesundheitskompetenz und psychischen Gesundheitskompetenz an verschiedenen Standorten. In Freiburg bei Uwe Bittlingmeier, h
54:46
ier bei uns Albert Lenz von der Hochschule in Paderborn, Fabian Kessel aus Duisburg-Essen, Eva Pitzer auch in Freiburg. Und dort wurden
54:58
in einigen Projekten, die ein wenig, und in anderen Projekten, die vollkommen auf das qualitative Design ausgerichtet waren, ethnographische Beobachtungen durchgeführt, Jugendliche begleitet, und haben die Gesundheitskompetenz auf diese Weise erforscht.
55:13  Christian
Jetzt schreiben Sie in ihrer Studie, dass es eine repräsentative Querschnittstudie ist. Ich bin ein bisschen drüber gestolpert und wollte erstmal fragen: Repräsentativität -
55:26
Wie ist das jetzt erstmal so im Rahmen dieser Studie auch zu verstehen?
55:33  Orkan Okan
Ja, also vielleicht ganz einfach gesagt, dass man von einer relativ kleinen Gruppe auf eine größere Gruppe schließen kann. Also so eine Stichprobe ist d
55:43
ann repräsentativ, w
55:45
enn die Zusammensetzung dieser Stichprobe und die vorkommenden relevanten Merkmale, wie zum Beispiel Alter, Geschlecht, Bildung, Einkommen et cetera, also die sozio-demografischen Variablen, ä
55:56
hnlich sind oder die Merkmale der Grundgesamtheit, der gesamten Gesellschaft, widerspiegeln. So, das heißt: ich kann dann eine relativ kleine Stichprobe
56:05
betrachten, zum Beispiel wie in unserem Fall ungefähr 1000, dann aber Aussagen zur Gesamtbevölkerung in Deutschland t
56:15
ätigen, bezogen auf diese Merkmale. Und diese Merkmale definiert man.
56:21
m Beispiel jetzt als Merkmal: 53% der Bevölkerung in Deutschland sind weiblich, 47% Prozent sind
56:32
männlich. Und dann ist es natürlich wichtig, dass dann in dieser Stichprobe, die man zieht, das dann
56:38
wiedergegeben wird. Oder es gibt halt unterschiedliche Bildungsabschlüsse. Und dass dann die, die in der Gesamtgesellschaft vorliegen, auch prozentual in dieser
56:47
Stichprobe vorkommen. Und unsere spezielle Stichprobe, die war repräsentativ für
56:54
Internetbenutzer in Deutschland im Alter von 16 Jahren und älter.
57:00  Christian
Welche Charakteristika haben Sie da mit aufgenommen, um diese Repräsentativität herstellen zu können?
57:07  Orkan Okan
Genau, die spiegeln natürlich jetzt die gerade erwähnten Merkmale wieder. Ja, also Geschlecht, Bildung, Einkommen, Berufstätigkeit,
57:20
Familien, Anzahl Kinder et cetera,
57:25
ungefähr halt die Hälfte weiblich, die Hälfte war männlich, es waren unterschiedliche Altersgruppen, also junge Erwachsene von 16 bis 30 [Jahren], Erwachsene mittleren Alters und Ältere
57:35
und in allen Bundesländern, und wir haben natürlich Teilnehmende in allen 16 Bundesländern gehabt, und natürlich dann nochmal eine Differenzierung zwischen
57:45
Ländern im Westen und ehemaligen Ländern der DDR, also praktisch im Osten.
57:49  Christian
Okay.
57:51  Eva
Okay. Bevor wir jetzt uns ein bisschen die Ergebnisse der Studie auch angucken, wäre das vielleicht nochmal interessant zu wissen, wie viele letztendlich teilgenommen haben. Und wie S
58:02
ie das so persönlich einschätzen, ob die Rücklaufquote da hoch oder eher niedrig war. Wie da Ihre Einschätzung ist.
58:10  Orkan Okan
Ja. Diese Frage hat uns natürlich auch interessiert und da haben wir mit unserem Partner, Herrn De Sombre
58:16
vom Institut für Demoskopie Allensbach, drüber gesprochen und der hat uns dann berichtet, dass sie e
58:26
twas über 4600 Personen aus ihrem Panel angesteuert haben. Davon haben dann, g
58:37
enauere Zahlen habe ich jetzt leider nicht, aber davon haben sich ungefähr
58:42
die Hälfte, glaube ich, zurückgemeldet. Und davon haben dann irgendwie zwei Drittel den Fragebogen ausgefüllt und letztlich waren dann 1037
58:53
Fragebögen in einer Art und Weise ausgefüllt, dass man sie als valide betrachten kann, mit denen man arbeiten kann. Also
59:03
ursprünglich wurden halt fast viermal so viele oder mehr als viermal so viele kontaktiert, w
59:08
ie dann an der Studie tatsächlich teilgenommen haben.
59:14  Christian
Trotzdem ist das in Rücklaufgurte von ungefähr 25% und die ist jetzt nicht so schlecht.
59:21  Orkan Okan
Genau, die ist ganz gut. Die ist ganz gut, aber
59:24
da ist der Partner natürlich super erfahren und bringt die Expertise mit. Wir haben ja einen Online Survey durchgeführt, das heißt, die Teilnehmenden haben einen Link bekommen
59:38
und konnten vor ihrem Computer oder auch Smartphone adaptiv d
59:44
en Fragebogen durchführen. Und normalerweise, andere Umfragen, die das Institut für das IZGK durchführt, die werden ganz anders, also Face-to-Face,
59:52
durchgeführt. Wir waren ja auch relativ problemlos in der Lage da schnell so einen Online Seurvey aufzusetzen und den durchzuführen.
1:00:00  Christian
Gab's beim methodischen Vorgehen Grenzen?
1:00:05  Orkan Okan
Der Fragebogen, den wir benutzen - es gibt viele Fragebogen zur Gesundheitskompetenz - basiert auf einer
1:00:16
Selbstauskunft. Das heißt, wir stellen halt die Frage danach, wie einfach
1:00:22
oder wie schwierig es Menschen fällt, bestimmte Herausforderungen im Zusammenhang, jetzt in diesem Fall mit dem Corona-Virus und mit Corona-Virus-bezogenen Informationen,
1:00:35
einzuschätzen. Also auf einer Skala von "sehr einfach" bis "e
1:00:39
infach", "schwierig", "sehr schwierig", wie empfinden sie es, Informationen zum Corona-Virus zu finden? Und dann gibt der Teilnehmende
1:00:48
eine Antwort. Sagt dann, es ist schwierig, oder es ist sehr einfach. So ist es eine reine Selbstauskunft. Wir haben also nicht etwa getestet, wie
1:00:58
zum Beispiel diese Lese-Rechtschreibtests das machen. Die testen ja, ob jemand lesen, schreiben oder rechnen kann.
1:01:06
Das ist ja hier bei dem Zugang und dem Umgang mit Informationen ein wenig schwieriger, als einfach nur Lese-Rechtschreibkompetenzen zu testen. Was wir auch nicht gemacht haben ist, da hat
1:01:17
Ihre Kollegin ja gerade nach gefragt, qualitativ gesprochen, beobachtet. Wir sind also auch nicht in den Lebensalltag
1:01:25
er Menschen mit den Menschen gegangen und haben dann geguckt, wie ihre Informationspraktiken denn aussehen, wie einfach oder schwierig es ihnen tatsächlich fällt,
1:01:35
diese Informationen zu finden oder zu bewerten. Deswegen würde ich sagen, auch wenn diese Selbstauskunftsverfahren valide sind und eigentlich in allen Forschungsdisziplinen eingesetzt werden - sie sind halt eine valide, reliable und eine sehr effektive Art und Weise
1:01:50
etwas herauszufinden und die meisten Studien, die jetzt gegenwärtig durchgeführt werden, greifen auch auf genau dieses
1:01:56
Prinzip zurück - ist man durch die Selbstauskunft ja schon ein wenig eingeschränkt.
1:02:03
Das, finde ich, ist eine Einschränkung.
1:02:07  Eva
Okay. Ich würde sagen, bevor wir jetzt noch ein bisschen über Limitationen sprechen, wäre es ja schön, wenn wir erstmal über die Ergebnisse sprechen. Was Sie überhaupt herausgefunden haben. Können Sie die Ergebnisse einmal so ein bisschen grob zusammenfassen? Was Sie u
1:02:22
ntersucht haben und was dabei rauskam?
1:02:25  Orkan Okan
Ja, also wir haben natürlich d
1:02:29
ie Corona-Virus-bezogene Gesundheitskompetenz untersucht, also wie einfach oder schwierig fällt Menschen das Informationen Finden, Verstehen, Bewerten und Anwenden im Bezug
1:02:38
uf das Corona-Virus. Und ich würde sagen, es sind sehr, sehr, sehr viele wichtige Ergebnisse, meines Erachtens nach, aber ich möchte mich jetzt vielleicht mal auf einige
1:02:53
wenige b
1:02:54
eschränken. Zum Beispiel haben wir herausgefunden, dass einmal die Menschen doch verunsichert sind - a
1:03:06
ufgrund der Vielfalt und der Flut an Informationen zu dem Thema. Also einerseits ist das ja gut, dass diese Information in der Fülle, i
1:03:17
n der Quantität vorliegen, aber andererseits zeigt sich, die Menschen sind damit teilweise überfordert oder es ist einfach zu viel.
1:03:27
Ja, und dann haben wir zum Beispiel auch herausgefunden, dass trotz dessen, dass sich Menschen so gut informiert fühlen
1:03:37
und sie fühlen sich ja natürlich deswegen informiert, weil gut zu dem Thema kommuniziert wird, diese Verunsicherung dennoch gegeben ist bei einem sehr großen Teil unserer Stichprobe. D
1:03:50
ann war zum Beispiel auch sehr interessant, viele der Informationen werden ja
1:03:59
über die Medien kommuniziert und gerade dort, hat sich gezeigt, haben Menschen eher ein nicht so hohes Vertrauen in
1:04:09
die Information, die sie in den Medien vorfinden. Beziehungsweise sie empfinden sehr große
1:04:16
Unsicherheiten, erfahren Schwierigkeiten, wenn es darum geht, diese, dort in den Medien vorgefundenen, Informationen auf den Wahrheitsgehalt hin
1:04:27
zu überprüfen. Das hätte man vielleicht erahnen können. Wir haben den Aspekt aber so nicht erwartet, dass er auch i
1:04:36
n dieser Art und Weise h
1:04:39
ervorsticht und man kann diese Ergebnisse ja auch vergleichen mit anderen Studien, die wir zum Beispiel zur allgemeinen
1:04:48
Gesundheitskompetenz et cetera durchführen. Dann sehen wir hier zum Beispiel,
1:04:56
dass, w
1:04:59
enn wir uns die einzelnen Fragen angucken, die einzelnen Aufgaben, die Herausforderungen im Umgang mit den Informationen, dass
1:05:08
die Lösung oder die Annahme dieser Herausforderung, Bewältigung, sehr, sehr vielen Menschen in Deutschland
1:05:18
leicht fällt. Es ist einfach für sie, zum Beispiel eine Information zum Corona-Virus zu finden. Warum ist das so? Weil sie natürlich überall kommuniziert wird und man muss jetzt
1:05:27
mittlerweile bei Google nur noch den Begriff eingeben und dann wird man automatisch, aufgrund eines Algorithmus, den Google da jetzt ins Leben gerufen hat seit Corona,
1:05:36
auf eine Seite von Google zu dem Thema weitergeleitet, wo dann wieder Links zum Bundesministerium sind, zum Robert-Koch-Institut und zu weiteren vertrauenswürdigen Seiten. So fällt es einem natürlich dann sehr einfach. V
1:05:50
ergleichen wir aber den
1:05:53
Gesamtwert, zum Beispiel der Gesundheitskompetenz bezogen auf das Corona-Virus, mit Ergebnissen aus anderen Studien, die wir durchgeführt haben zur allgemeinen Gesundheitskompetenz, dann sehen wir, bei den Allgemeinen waren es noch 55% d
1:06:08
er Befragten, die Schwierigkeiten hatten im Umgang mit allgemeinen Gesundheitsinformationen zu Themen der Prävention, Gesundheitsförderung oder -versorgung. Und in unserer Studie
1:06:19
sind es dann bei gleicher Analyseperspektive 49%. Also weniger, a
1:06:25
ls bei der allgemeinen Gesundheitskompetenz. Und das kann man, glaube ich, auch auf die Art und Weise zurückführen, wie und was kommuniziert wird.
1:06:34  Eva
Ganz persönlich gefragt: fanden Sie die Ergebnisse überraschend?
1:06:41  Orkan Okan
Ja, also insbesondere diese zwei Punkte, die ich jetzt gerade angeführt habe. Aber auch,
1:06:47
worüber wir uns nicht ganz so viele Gedanken gemacht haben oder etwas, was uns nicht bewusst war vorher, die Information zu allgemeinen Gesundheitsthemen oder zum Umgang mit konkreten Krankheiten zum Beispiel
1:07:01
, können doch recht komplex und viel, viel komplizierter sein. Oder zum Beispiel der Umgang mit Informationen zu einer chronischen Erkrankung, wie ich die Medikamente einnehme, wie ich mich über den Tag verhalte, wie ich mich in der Therapie, in der Behandlung et cetera verhalte,
1:07:15
ist sehr, sehr viel schwerer, als jetzt den Informationen,
1:07:20
also den Anweisungen zu folgen, wie jetzt in der Corona-Zeit, wo es darum geht, regelmäßig Hände waschen, Mundschutz tragen und Physical Distancing.
1:07:29
Und das hätte man, klar, wenn man vorher sich ganz lange hingesetzt hätte und überlegt hätte, hätte man eigentlich auch denken, oder sicher erwarten können, genau das wird passieren.
1:07:38
Und ich glaub, dieser Effekt, einfache Information, leicht verständlich kommuniziert, mit ganz viel Alltagsrelevanz, ist, finde ich, auch sehr, sehr wichtig f
1:07:49
ür die Art der Intervention. Wir haben ja darüber gesprochen, die Gesundheitskompetenz zu stärken. Und hier zeigt sich: okay, wenn wir auf diese einfache Art und Weise kommunizieren, s
1:07:59
ind die Informationen auch viel einfacher zu verstehen, besitzen Alltagsrelevanz und die Wahrscheinlichkeit
1:08:06
ist höher, dass sie umgesetzt werden. Wir müssen natürlich auch sagen, das haben wir nämlich noch gar nicht gesagt, als wir die Studie durchgeführt haben, waren wir ja am Beginn d
1:08:15
er Corona-Pandemie, ja? Die Menschen hatten noch einen ganz anderen Bezug dazu. Mittlerweile hat sich das ja alles geändert. Es gibt halt soziale, ökonomische F
1:08:23
olgen, die unterschiedliche Bevölkerungsgruppen unterschiedlich hart treffen. Hier und da werden Regelungen gelockert. Wo in der Anfangszeit noch Menschenansammlung verboten waren, haben in den letzten Wochen schon
1:08:37
zahlreiche Demonstrationen et cetera stattgefunden. Während am Anfang noch alle den Mundschutz getragen haben, werden die Mundschütze weniger und so weiter und so fort. Deswegen wäre das vielleicht nochmal wichtig, diese Erhebung jetzt auch nochmal vielleicht zu wiederholen und vielleicht
1:08:52
kommen wir dann zu ganz anderen Ergebnissen.
1:08:56  Christian
Kann es sein, dass, i
1:09:00
m Bezug auf die COVID-19 Thematik und die Gesundheitskompetenz, eigentlich eine besondere Konstellation vorliegt, weil auf der einen Seite ich diese Gesundheitskompetenz natürlich für mich selbst u
1:09:14
msetzen muss, dass ich nicht erkranke, um mich selbst zu schützen, gleichzeitig aber auch präventive Maßnahmen machen muss, um mein Umfeld zu schützen. Und d
1:09:27
as hat natürlich auch was mit Gesundheitskompetenz zu tun. I
1:09:30
ch bin halt zum Beispiel im Homeoffice, ich gehe nicht raus und so weiter und so fort. Und wenn ich rausgehe, habe ich Regeln zu befolgen. Kann es sein, dass es hier dann Schwierigkeiten gibt,
1:09:44
Maßnahmen durchzuführen, die nicht nur mich selbst betreffen, sondern im besten Falle auch Menschen in meiner Umgebung und das ist deshalb vielleicht einden Verdruss gibt, zu sagen: "ich halte mich nicht an die Maßnahmen".
1:09:59  Orkan Okan
Also das kann ich mir sehr gut vorstellen. Wir haben dazu einen Beitrag auch geschrieben, einen ganz kurzen Beitrag, wo wir genau diese Problematik einmal a
1:10:10
ufnehmen vor dem Hintergrund "Free Riding". So haben wir das genannt.
1:10:16
Zum Beispiel die Vereinigten Staaten und Springbreak. Ich meine, die Vereinigten Staaten sind, glaube ich, so stark von dem
1:10:24
Corona-Virus betroffen, wie kaum ein anderes Land und da war dann mitten in dem Peak ihrer Pandemie
1:10:31
dieses Event, wo die College- und Universitätsstudenten sich dann alle irgendwo treffen. Und als man diese dann interviewt hat,
1:10:41
haben die dann geantwortet: "Das interessiert uns nicht. W
1:10:43
ir möchten das nicht. Wenn ich mich mit Corona anstecke, stecke ich mich halt mit Corona an. Die Wissenschaft sagt ja, junge Menschen und Kinder sind gar nicht so stark
1:10:51
<br>
1:10:51
betroffen, haben einen milden Krankheitsverlauf. Ich brauche nichts zu machen, um mich und andere zu schützen." Aber in Wirklichkeit,<br>
1:10:59
rstmal diese ganzen Aussagen, ich weiß jetzt nicht, wie sehr sie stimmen. Also ob das mit den milden Verläufen oder ob die eine Gruppe mehr oder weniger betroffen ist. Ich meine, es gibt ja ganz viele widersprüchliche Aussagen dazu. Aber die Menschen, die, w
1:11:14
enn die da jetzt unter sich sind, dann mag es sein, dass das vielleicht da so zutrifft. Aber es geht ja nicht nur darum, diese Maßnahmen a
1:11:23
uf ein bestimmtes Setting bezogen wirken zu lassen, sondern, wenn man sich ansteckt und dann auch
1:11:30
diesen Ort wieder verlässt, dann nimmt man ja die Infektion mit und gefährdet natürlich auch andere dann. Insbesondere vulnerable Gruppen, Menschen mit Vorerkrankungen, Ältere et cetera, weil dazu wissen wir ja ganz viel
1:11:43
und ich kann mir vorstellen, dass, jetzt in dem konkreten Beispiel, wenn man das ganze Jahr
1:11:50
hart studiert, lernt und dann ist da so ein kulturelles Event, d
1:11:56
ieser Springbreak, und dann wird plötzlich gesagt: "Ne, jetzt fällt das aus", dass man dann, so einen Verdruss, wie Sie gesagt haben, empfindet und denkt: "Ich möchte das aber. Ich habe mir das verdient. Ich möchte den Spaß haben. Ich gehe da hin und ich klammere das aus. Ich mach's nicht.
1:12:09
Ich halte mich nicht daran." So ähnlich ist das ja auch mit dem Rauchen. Man weiß ja, Rauchen ist nicht so gut, aber man trifft eine Entscheidung und raucht dennoch. W
1:12:19
ohl wissend, dass es nicht gut ist und man reagiert dann vielleicht auch nicht so freundlich, wenn man einem das Rauchen
1:12:27
verbietet.
1:12:29  Christian
Jetzt gibt es ja noch weitere Studien, die das beobachtet haben und
1:12:38
auch viele Daten aufgenommen haben in verschiedenen Wellen und dazu gehört diese COSMO-Studie, die Sie ja auch in Ihrer Studie mit beleuchtet haben und
1:12:51
da steht im Grunde genommen auch genau das, was sie sagen. Interessant dabei ist, d
1:12:57
ass die Einschätzung, ob man mit einem Corona-Virus infiziert wird, i
1:13:04
m Grunde genommen seit Ende März steigend ist oder beziehungsweise stagniert bei ungefähr 37% der Befragten. Das ist eigentlich interessant, weil die Bevölkerung scheinbar immer noch d
1:13:18
avon ausgeht, oder zumindest 37% der Befragten, sich tatsächlich mit dem Corona-Virus z
1:13:25
u infizieren und hoffentlich deswegen dann auch entsprechend die Maßnahmen e
1:13:32
inhält. Also ich glaube, dass hier viele Leute auch mittlerweile, ich sag mal, gute Informationsquellen für sich gefunden haben.
1:13:41
So und das Risiko auch, ich sage mal, angenommen haben und hoffentlich dann auch in der Konsequenz die Maßnahmen durchführen.
1:13:48  Eva
Mich würde nochmal interessieren, ob es Unterschiede gab? Jetzt nochmal in Bezug auf die Teilnehmergrupp
1:13:56
e, bei dem Wissen um notwendige Maßnahmen und dem Anwenden hinsichtlich von Alter, Geschlecht,
1:14:05
Bildungsgrad und so weiter. Das würde mich irgendwie nochmal interessieren, weil man ja auch immer aus irgendwelchen wissenschaftlichen Erkenntnissen vielleicht auch nochmal Schlüsse ziehen möchte im besten Fall. Und da ist so eine Information ja relativ relevant.
1:14:19  Orkan Okan
Ja, also das ist auch eine sehr, sehr wichtige Frage und Perspektive und die haben wir vorhin tatsächlich übersprungen. Wir haben bei uns herausgefunden,
1:14:27
dass es, bezogen auf Gesundheitskompetenz in der Phase, wo wir erhoben haben, und vor dem Hintergrundbedingungen, die ich vorhin beschrieben habe, keine Unterschiede gibt, d
1:14:38
ie man entlang von sozialdemographischen Merkmalen festmachen könnte. Also es gab da keinen Unterschied zwischen dem Geschlecht, dem Bildungsstand,
1:14:48
dem Einkommen et cetera, wenn es um die Gesundheitskompetenz ging. Also das erkläre ich mir dann auch mit dem, was gerade im Bezug auf die andere Studie gesagt wurde.
1:15:00
Man hat viele Quellen, man weiß, welchen Informationen man, wo wie trauen kann und das Ganze hat halt auch Alltagsrelevanz
1:15:07
und man setzt die Sachen entsprechend und die sind einfach kommuniziert. Wir haben aber Unterschiede gefunden b
1:15:14
ei den Fragen zur Informationsflut. Und da war zum Beispiel ein ganz spannendes Ergebnis,
1:15:21
dass bei Frauen die Verunsicherung
1:15:27
im Umgang mit den Informationen, aber auch vor allem mit der Flut v
1:15:32
on Informationen zum Thema, größer war, als bei Männern. Und dann war sie nochmal größer, w
1:15:39
enn Kinder im Haushalt gelebt haben unter 18 Jahren.
1:15:43
Wir wissen ja aus anderen Studien, dass sehr oft Frauen sich viel eingehender, viel mehr mit dem Thema Gesundheit beschäftigen, in der Familie dann auch nochmal so eine Rolle haben, d
1:15:57
ass sie für Gesundheit verantwortlich sind und dadurch lesen sie einfach mehr, beschäftigen sich mehr mit dem Thema, stoßen auf
1:16:04
mehr Informationen und dann sind vielleicht auch widersprüchliche dabei. Und so kann man sich das dann erklären. Und wenn dann eben Kinder ins Spiel kommen, dann möchte man natürlich auch
1:16:13
etwas darüber wissen, wie Kinder gesundheitlich davon betroffen sind oder nicht und beschäftigt sich damit. U
1:16:20
nd so kann man sich diesen Aspekt zum Beispiel erklären. Aber auf die Gesundheitskompetenz bezogen, da haben wir in dieser Studie
1:16:29
keine Unterschiede gefunden. In unserer anderen Studie, dieser Länderstudie, sehen wir sie.
1:16:37
Aber hier finden wir sie nicht un. Wir haben das auch sehr ausgiebig diskutiert in unserer Veröffentlichung. Wir führen das wirklich darauf zurück, dass wir gleich am Anfang die Studie durchgeführt haben, wo die Menschen 24
1:16:51
Stunden am Tag mit diesen Informationen beschallt wurden und
1:16:55
das ganze Leben sich auf den Kopf gestellt hat und alles nur noch um dieses Virus ging und die Information mit Hände waschen, also die Empfehlungen, Hände waschen, Mundschutz, Abstand halten e
1:17:07
t cetera oder Ältere nicht besuchen und so weiter, Schulen, dass diese Anweisungen sehr einfach zu verstehen waren.
1:17:15
Und daher ist es nochmal hochgradig spannend jetzt in dieser anderen Phase der Krise, z
1:17:22
wischen der ersten und zweiten Welle vielleicht, also Ausbruchswelle, Infektionswelle, da nochmal nachzufragen: Wie schaut das denn jetzt aus?
1:17:31  Christian
Das ist insofern interessant, als dass man eigentlich, also wie Sie ja auch gerade gesagt haben, d
1:17:39
arauf schließen könnte, dass die Informationspolitik grundsätzlich gut funktioniert hat. Zumindest in der heißen Phase. Und, wenn man das Ganze jetzt weiterspinnt, vielleicht a
1:17:50
uch deswegen größere Ausmaße der Pandemie hier in Deutschland zu verhindern gewesen wären. Jetzt wär's natürlich interessant, wenn man internationale Ergebnisse hätte aus beispielsweise aus Italien und Ähnlichem. Ob
1:18:05
das nicht vielleicht ein Grund mit gewesen sein könnte, weshalb es sich hier nicht so arg verbreitet hat oder ob es woran anders gelegen hat. Aber gut.
1:18:14  Orkan Okan
Genau, das wäre auf jeden Fall super spannend. Also
1:18:17
ich kann jetzt zu den politischen Strategien und Maßnahmen und Studien dazu aus den vielen betroffenen Ländern jetzt nicht wirklich etwas sagen. Ich
1:18:28
kenne ein, zwei Publikationen, die Unterschiede zwischen Großbritannien und Deutschland erklären. Warum Deutschland so viel erfolgreicher war oder was die Probleme gegenwärtig in Schweden sind oder was in Italien
1:18:38
vielleicht dazu geführt hat,
1:18:41
dass sie so schwer getroffen wurden. Aber unser Blick richtet sich ja auf Gesundheitskompetenz. Also dazu wollen wir etwas sagen,
1:18:49
können wir etwas sagen, aufgrund dieser Studie. Und wir haben in der Länderstudie zum Beispiel eben auch Italien mit an Bord. Wir messen die Gesundheitskompetenz, also auch mit ganz, ganz ähnlichen Fragen wie jetzt hier auch in dieser Studie,
1:19:05
auch dort in Italien. Und dort erfassen wir auch
1:19:09
den Zeitpunkt: wann wird die Studie durchgeführt? Welcher Zeitpunkt in der Krise war's? Wie viele Infektionen gab es? Wie viele neue Erkrankungen, Todesfälle et cetera? Wie sah gleichzeitig dann die Kommunikationsstrategie, d
1:19:23
ie behördliche, dazu aus? Um dann Aussagen treffen zu können, die vielleicht die eine oder andere Frage, die sie jetzt g
1:19:32
estellt haben, beantworten wird können.
1:19:34  Eva
Bevor wir uns vielleicht nochmal überlegen, was man aus diesen Ergebnissen schließen kann, w
1:19:38
ürde ich ganz gerne doch nochmal auf ein paar Limitationen eingehen beziehungsweise einmal so ein bisschen zur Diskussion anregen, dass ja diejenigen, die an dieser Studie teilnehmen, vielleicht auch sowieso eher i
1:19:53
nformiert sind, weil sie über PC und Handy verfügen, um an dieser Studie teilzunehmen, als diejenigen, die darüber nicht verfügen.
1:20:04
Und man könnte ja die Vermutung aufstellen, dass dann die Gesundheitskompetenz bei denen vielleicht auch anders aussieht, als bei denjenigen, die ja sowieso informiert sind und sich bereiterklären an so einer Studie teilzunehmen.
1:20:17
So, dieser Punkt. Und was ich mir auch vorstellen könnte, ist, dass man natürlich bei solchen Fragen auch eher so antwortet, w
1:20:27
ie es von einem erwartet wird. Also man nennt das ja so ein bisschen so eine soziale Wünschbarkeit, dass man
1:20:34
die Antwort gibt, wovon man denkt, dass man dann gut da steht, in Anführungsstrichen. Können Sie da so ein bisschen was zu den Limitationen sagen?
1:20:43  Orkan Okan
Ja, also erstmal haben Sie vollkommen Recht. Die Stichprobe ist natürlich repräsentativ für Online-NutzerInnen in Deutschland. D
1:20:52
as ist ja schon mal eine Verzerrung an sich, denn diese Menschen haben natürlich eine schon aufgrund dessen eine Affinität
1:21:01
zum Umgang mit digitalen Technologien. Denen fällt es wahrscheinlich dann auch viel leichter, Zugang zur Information herzustellen, diese zu verstehen und und zu bewerten.
1:21:13
Weil wir ja gerade auch davon gesprochen haben, wieso sind die Ergebnisse eigentlich so durchweg positiv.
1:21:19
Das mag natürlich ein Grund sein. Und gleichzeitig stimmt es auch, dass man dann vielleicht diejenigen verliert, die eben nicht ihre Zeit online, im Internet, verbringen. Sie haben jetzt ältere Menschen angesprochen.
1:21:31
Das können ja auch ganz andere Menschen, also jüngere Menschen, die vielleicht auch nicht so viel online sind, sein. Und das verzerrt natürlich, weil wir die nicht-Online-Nutzer, die nicht-Internetnutzer, nicht adäquat
1:21:45
hier mit der Studie abbilden. Damit müssen wir natürlich leben, wenn wir, aufgrund der
1:21:55
Corona-Beschränkungen, dann eben auf diese
1:21:59
s digitale Fragebogenverfahren zurückgreifen mussten. Das hat sich halt ergeben. Wir hatten ursprünglich einen anderen Plan, der dann wegen den Beschränkungen leider nicht realisiert werden konnte. Was haben Sie denn noch gefragt?
1:22:12  Eva
Ich fragte, wie das mit der sozialen Wünschbarkeit ist.
1:22:15  Orkan Okan
Genau, das ist natürlich e
1:22:19
in Problem in ganz vielen Befragungen und mein Kollege Thorsten Bollweg
1:22:30
at deswegen in der Studie, die wir jetzt zur Messung der Gesundheitskompetenz bei Kindern d
1:22:35
urchführen, einen Fragebogen m
1:22:40
it in den Gesamtfragebogen integriert, mittels dem man dann d
1:22:47
en Grad der sozialen Erwünschtheit in dem Antwortverhalten
1:22:52
er Kinder überprüfen kann. Also, wir sind uns dieser Problematik bewusst und jetzt in dieser Studie, bei den Kindern, möchten wir dem einmal auf den Grund gehen. Und diese Skala,
1:23:04
die kann man auch bei Erwachsenen einsetzen. Und eigentlich wäre das immer sehr schön, wenn man sowas
1:23:10
auch in solchen Studien einsetzt. Das wird da gar nicht eingesetzt. Allerdings hat Allensbach uns gesagt, dass sie eine Prüfung durchgeführt haben.
1:23:22
Wir haben ja 1037 Datensätze letztlich unserer Analyse hinzugefügt und es waren ja mehr, die den ausgefüllt haben, und ein Teil davon wurde auch nach einer Analyse im Hinblick darauf
1:23:37
, wie geantwortet wurde, auch mit Blick auf soziale Erwünschtheit, ausgeschlossen, weil dann erkannt wurde,
1:23:44
dass hier nicht richtig, also nicht ganz neutral geantwortet wurde, sondern eben schon nach irgendwelchen Mustern, die darauf hingedeutet haben, dass hier vielleicht an der und der Stelle
1:23:55
nach einer sozialen Erwünschtheit geantwortet wurde. Nicht bei allen, die ausgeschlossen wurden, aber bei einigen war das der Fall.
1:24:02
So, also ist das immer ein Problem. Das ist eigentlich ein Problem in all diesen Erhebungen.
1:24:08  Christian
Ja, welche Schlüsse können wir denn jetzt aus diesem Ergebnissen ziehen? Und was lernen wir jetzt für die Zukunft?
1:24:16  Orkan Okan
Ja, also da habe ich ja jetzt schon bei anderen Fragen immer wieder mal etwas zu gesagt. Aber ich glaube, w
1:24:27
as wir jetzt sehen, ist, während Gesundheitskompetenz vor dem Corona-Virus oftmals noch sehr abstrakt war, Menschen nicht sofort verstanden haben, warum Gesundheitskompetenz denn wichtig ist,
1:24:40
zeigt uns die jetzige Krise den praktischen Mehrwert der Gesundheitskompetenz. Wir sehen jetzt praktisch: okay,
1:24:47
jetzt wissen wir, wie wichtig Gesundheitskompetenz eben auch in Krisensituationen im Zusammenhang mit übertragbaren Krankheiten sein kann, wenn es darum geht, an der Gesundheitskommunikation teilzunehmen, Empfehlungen umzusetzen et cetera.
1:25:01
Es zeigt sich aber auch, a
1:25:06
lso genau dieses Ergebnis zeigt auch die personale Gesundheitskompetenz: Ja, die [Gesundheitskompetenz in einer Krisensituation] ist sehr, sehr wichtig. Aber wir haben ja von einem relationalen Konzept gesprochen und hier herausgestellt, wie gut u
1:25:18
nd barrierefrei kommuniziert wurde und wie leicht verständlich, einfach und alltagsrelevant die Informationen waren. Das heißt, e
1:25:26
s zeigt sich auch, was wir in der Theorie und in einigen Projekten schon länger wissen,
1:25:32
dass man eben auch das System und die Strukturen adressieren muss. Insbesondere eben, um Möglichkeiten zu erhöhen, Handlungsoptionen zu gewährleisten, Zugangsbarrieren abzubauen. U
1:25:43
nd natürlich das Schlagwort Infodemie, wie Informations-Epidemie, die Flut an richtigen und falschen Informationen, f
1:25:50
ür die man natürlich Medien- und Informationskompetenzen braucht, um die zu adressieren. Aber da es sich jetzt bei COVID-19 um eine
1:26:00
gesundheitsbezogene Infodemie handelt,
1:26:06
brauchen wir natürlich auch ein Informationskompetenz-Konzept, das auf Gesundheit ausgelegt ist, und das ist eben genau Gesundheitskompetenz.
1:26:14
eigt sich, dass wir mit dem Konzept, mit dem Ansatz eben auch im Hinblick auf Infodemien a
1:26:21
rbeiten können. Bei Verschwörungstheorien, bei Desinformation, bei Fehlinformationen, aber auch bei dem richtigen Umgang mit den guten Informationen.
1:26:30
Denn diese Dauerbeschallung von Informationen, egal ob richtig oder falsch, die kann einen auch ganz schön überfordern und zu Unsicherheiten führen, wie die Ergebnisse unserer
1:26:39
Studie ja auch zeigen. Dann haben wir herausgefunden, dass
1:26:47
das Vertrauen in Medien-Informationen und das Bewerten von Informationen zum Corona-Virus, die in den Medien kursieren, nicht ganz so hoch ist, Menschen auch Schwierigkeiten haben, diese h
1:27:00
insichtlich ihrer Vertrauenswürdigkeit und Richtigkeit hin zu adressieren. So, das heißt, da müssen wir vielleicht die Medien und Informationen, wie sie über die Medien kommuniziert werden, ad
1:27:14
ressieren. Wir haben auf der einen Seite natürlich die traditionellen Medien Print,
1:27:19
TV, Radio. Wir haben aber auch Online Medien, Internet, soziale Medien, Webseiten et cetera. Daneben haben wir aber auch vielleicht weniger gut zugängliche Bereiche des Internets,
1:27:30
wie Foren o
1:27:31
der Messenger, und auch da brauchen wir vielleicht Ansätze, wie wir die Gesundheitskompetenz stärken oder gute Informationen von schlechten
1:27:42
zu unterscheiden und, ich meine, das mit der Gesundheitskommunikation hab ich ja jetzt schon m
1:27:48
ehrmals angesprochen, aber ich möchte das auch nochmal hervorheben, wie wichtig das ist,
1:27:54
dass man entsprechende Gesundheitskommunikation so betreibt, dass sie auf die Zielgruppen und die Zielgruppenbedarfe angepasst sind,
1:28:02
Alltagsrelevanz haben, relativ einfach sind zu verstehen und auch einfach umsetzbar sind. Weil dann kann die Gesundheits-bezogene Informationskompetenz, Gesundheitskompetenz, nämlich auch entsprechend verwendet werden und dann ist das vielleicht nicht mehr ganz so wichtig, ob man eine ganz, ganz hohe Gesundheitskompetenz oder nur eine mittlere Gesundheitskompetenz hat,
1:28:22
wenn die Gegenseite mir die relevanten Informationen in einfacher Weise präsentiert. Wenn die, i
1:28:28
ch sag jetzt mal, organisationale Gesundheitskompetenz von diesen Einrichtungen, den Kommunikatoren, von den Politikern et cetera, stimmt, d
1:28:39
ann gleich das vielleicht auch Probleme mit der personalen Gesundheitskompetenz aus.
1:28:45  Eva
Darf ich dazu eine Frage stellen, Christian? Und zwar
1:28:45
<br>
1:28:48
würde mich, jetzt mal an Euch alle, interessieren, also wir sind ja ein Pflegepodcast, was ist so Ihre oder Eure Einschätzung, was die Berufsgruppe Pflege daraus ziehen kann oder warum?
1:29:03
Warum das überhaupt wichtig ist, dass Pflegende auch über solche Studienergebnisse informiert sind.
1:29:09  Christian
Also, um einfach jetzt anzufangen. Ich glaube, dass Pflegende
1:29:16
grundsätzlich ja schon mal sensibilisiert sind, dadurch, dass sie ebendiesen Beruf ausüben und auch Kenntnis darüber haben, wie Dinge sich verbreiten können und auch ein Gespür für Erkrankungen haben.
1:29:28
So, ich glaube, dass es da insgesamt wenig Aufklärung b
1:29:32
raucht und die Sicherheitsvorkehrungen, die in den Institutionen geschaffen worden sind, die haben letztendlich auch keine Wahl gelassen, d
1:29:43
iesen aus dem Weg zu gehen. Ich glaube aber, dass, besonders im Gesundheitsbereich,
1:29:53
also zumindest finde ich das schwierig, ein Spagat versucht wird. Und zwar auf der einen Seite, den Gesundheitsektor stabil
1:30:00
zu halten, dort aber gleichzeitig Regelungen außer Kraft zu setzen, die für eine bestimmte Berufsgruppe gilt. Und i
1:30:10
ch finde, das hört sich absurd an, jemandem klarzumachen, dass das irgendwie eine total ernste Angelegenheit ist und dass man Regeln einzuhalten hat, aber diese Berufsgruppe braucht das jetzt nicht machen, sondern erst
1:30:20
entsprechend bei Symptomen. So, wo man sich dann irgendwie fragen muss: ja, also bin ich jetzt irgendwie weniger gefährdet?
1:30:30
Also, ich finde, da kommen dann so persönliche Fragen und dann kann ich auch verstehen, warum man sagt: "Also
1:30:35
ich muss eh keine Regeln so richtig einhalten." Ich finde, das wird so ein bisschen verwaschen dann, also könnte ich mir vorstellen,
1:30:44
bei Pflegenden. Aber trotzdem gehen sie natürlich entsprechend ihrer Arbeit nach und halten diese Regeln eben ein. Aber wenn du e
1:30:51
ntsprechend positiv getestet bist, als Beispiel, musst du trotzdem zur Arbeit, aber zuhause darfst du nicht raus. Na ja, finde ich irgendwie s
1:30:59
chwierig, das so zu akzeptieren und hinzunehmen und das als sinnvoll zu erachten.
1:31:04  Eva
Ja. Herr Okan, wie würden Sie das einschätzen? Sie haben ja schon ein bisschen Außenperspektive auf die Berufsgruppe der Pflege. Auch wenn sie natürlich mit vielen Pflegenden zusammen forschen.
1:31:17  Orkan Okan
Ja, also ich kann mich dem nur anschließen und finde insgesamt, dass Pflege, der Bereich der Pflege, die Pflegeforschung, die Pflegenden, das ganze
1:31:27
Berufsfeld mit einer der wichtigsten
1:31:31
Berufsgruppen und Zielgruppen sind, wenn es darum geht, Gesundheitskompetenz zu erforschen oder Gesundheitskompetenz zu stärken. Wenn man ins Ausland geht, in den anglo-amerikanischen Raum,
1:31:42
Großbritannien, Vereinigte Staaten, Australien, Kanada et cetera, dann sieht man auch, wie sehr
1:31:50
Nursing Sciences oder Nurses mit dem Thema Gesundheitskompetenz beschäftigt sind. Viele meiner Kollegen und Kolleginnen kommen aus dem Bereich und m
1:31:58
achen wirklich mit die beste Forschung, die ich aus dem Bereich kenne. Und ja,
1:32:05
diese Berufsgruppe ist so nah am Patienten, auch zeitlich betrachtet am Patienten dran, muss viel mit dem
1:32:15
Patienten kommunizieren, muss viel vermitteln, muss viel helfen, ermöglicht Partizipation, Entscheidungsfindung, e
1:32:25
rmächtigt auch und macht das Leben von zu Pflegenden leichter. Und in all diesen ganzen Aspekten spielt Gesundheitskompetenz natürlich eine ganz, ganz große Rolle, sodass diese Berufsgruppe
1:32:40
prädestiniert ist, im Zusammenhang mit Gesundheitskompetenz
1:32:45
aktiv zu werden. Wie wichtig Pflegende sind, haben wir jetzt in der Krise gesehen. Das spiegelt sich leider jetzt gesellschaftlich, politisch nicht so wieder, wie sich das angedeutet hat, wie es sich widerspiegeln
1:32:57
hätte können, als die Krise auf Hochtouren war.
1:33:01
Aber, ich denke, zukünftige Strategien, auch Strategien der öffentlichen Gesundheit, die müssen natürlich zentral eigentlich auf Pflege,
1:33:15
Pflegeforschung, Pflegewissenschaft, Pflegende bauen. Das muss eine zentrale Säule werden. Also da bin ich hundertprozentig v
1:33:23
on überzeugt. Auch als Erziehungswissenschaftler und Pädagoge bin ich davon überzeugt.
1:33:30  Christian
War das ein gutes Schlusswort, Eva? Oder will Mike noch was hinzufügen?
1:33:36  Mike
Nein, eigentlich gar nicht. Was mir noch immer wieder durch den Kopf gegangen ist, aber das wurde ja jetzt auch schon mehrfach erwähnt, dass, wenn d
1:33:46
ie Gesundheitskompetenz von den Pflegenden hoch ist, schon viel gewonnen ist für die Bevölkerung, weil sie dementsprechend beraten, aufklären und begleiten kann.
1:33:58
Und, ich glaube, das ist ein wichtiger Ansatz, oder eigentlich der Punkt, wo man ansetzen sollte und müsste und dies kann auch nur durch Bildung für die Pflegenden geschehen.
1:34:12  Orkan Okan
Dem würde ich mich anschließen. Gesundheitskompetenz sollte insgesamt in das Curriculum von Gesundheitsberufen, aber auch bei Lehrkräften und anderem pädagogischen Personal in der sozialen Arbeit et cetera mit rein.
1:34:28
Die üben dann diesen Beruf aus, denen fällt das dann halt vielleicht einfacher. Und im Fall von Pflegenden haben sie vielleicht auch mit PatientInnen zu tun, die vielleicht sich nicht mit dem Thema beschäftigen möchten, aber sich darauf verlassen, d
1:34:40
ass die Fachkraft e
1:34:43
infach die richtige Entscheidung trifft oder die guten Informationen kommuniziert, vermittelt oder die Behandlung oder den Lebensalltag in irgendeiner Form erleichtert. Und da ist das natürlich ganz wichtig,
1:34:56
dass das Teil wird der Ausbildung an den Universitäten, an den Fachhochschulen, aber auch in den Betrieben und in Einrichtungen.
1:35:06  Eva
Das würde ich auch so sehen.
1:35:09
Herr Dr. Okan, wir bedanken uns ganz herzlich, dass Sie bereit waren, uns Einblick hier in die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung während dieser besonderen Corona-Situation zu geben.
1:35:20
Sie haben uns ganz viel erzählt, auch über Ihre eigene Arbeit, u
1:35:23
nd wir sind gespannt, ob's noch eine große Umfrage jetzt demnächst gibt. Sollte das so sein, dann informieren Sie uns gerne darüber. U
1:35:32
nd ansonsten würden wir sagen: vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben und wir wünschen Ihnen alles Gute für Ihre weitere Forschung.
1:35:43  Orkan Okan
Vielen Dank für die Einladung und das sehr angenehme Gespräch
1:35:47  Christian
Ja, vielen Dank, Herr Dr. Okan. Danke
1:35:52
auch an alle, die sich diese Folge angehört haben. Wer Interesse hat, mit in die Diskussion einzusteigen, kann das gern bei uns auf der Homepage machen (uebergabe-podcast.de)
1:36:00
oder entsprechend auf den sozialen Medien, wie Twitter, Facebook oder auch Instagram. Sollte es Anfragen geben zu der Studie, k
1:36:10
önnen wir die auch gern an Dr. Okan weiterleiten oder an das ganze Forschungsteam. Vielleicht hat er auch Interesse, sich an der Diskussion zu beteiligen, sofern es dann eine gibt.
1:36:19
Genau. Und damit sind wir durch für diese Folge. Und ja, ich würde sagen, bis zum nächsten Mal.
1:36:31
Tschüss.