Das Goldene Vlies / Der Literaturpodcast

Wo knüpfen neue Bestseller an ewig alte Stoffe an? Was können uns bejahrte Werke heute überhaupt noch sagen? Das, was sich in den letzten Jahren – Jahrzehnten - Jahrhunderten wirklich gelohnt hat zu lesen, schaut sich dieser Podcast genauer an:Welche Antworten auf große Lebensfragen geben uns all die magischen Texte wirklich, mit denen wir uns in dieser Welt einspinnen – und in deren Figuren wir uns spiegeln?In der ersten Staffel werden in jeder Episode zwei Bücher zu einem Thema verglichen. Gerade durch die Differenzen und différancen zwischen beiden Werken werden dann ihre Besonderheiten und ihre ganz speziellen Antworten auf die zur Sprache kommenden Themen herausgearbeitet. See acast.com/privacy for privacy and opt-out information.

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episode 4: ‘Meine geniale Freundin’ vs. ‘Das verborgene Wort’: Bildungsfreiheit oder Freiheit durch Bildung (4)


Die Fünfziger Jahre, Arbeiterkind, Mädchen… der Weg ist vorgezeichnet - und Bildung ist kein Bestandteil davon. Außer: man verfällt der Droge Lesen so sehr, dass sie schließlich zur Rettung wird.

Durch Ulla Hahns Protagonistin Hella in Das verborgene Wort und Elena Ferrantes Hauptcharaktere Lila und Lenù in Meine geniale Freundin reisen wir heute zwar nicht besonders weit weg – wir bleiben mit Italien und dem Rheinland mitten in Europa – und auch nicht besonders lang zurück in der Zeit – nur in die Fünfziger Jahre – und landen doch trotzdem in einer komplett anderen Welt:

In einer fast untergegangenen Welt – dem Proletariat. Da raus wollen alle, aber den Weg finden nicht viele. Träumen kann man gern, aber es zählen nur die Pflichten. Besonders, wenn man das Pech hat als Mädchen geboren zu werden. Außer, man heißt eben Hella, Lila und Lenù und nimmt es mit den starren Rollenbildern, den elitären Bildungsstrukturen, den Gespenstern des Zweiten Weltkriegs und den ganz eigenen Dämonen auf…

Oder den Teufeln der Umwelt – wie im Fall von Lila und Lenù in ‘Meine geniale Freundin’ die patriarchalen, mafiösen Strukturen (06:05). Frauen galten so sehr ‘nur’ als Ehefrau, dass sie oft nicht einmal in die juristische Verbrechensverfolgung involviert waren:

https://link.springer.com/article/10.1007/s11133-018-9389-8

Durch sind wir zwar nicht mit dem Patriarchat (07:27) – aber laut Margarete Stokowski leuchten doch irgendwie am Horizont ‘Die letzten Tage des Patriarchats’: https://www.rowohlt.de/hardcover/margarete-stokowski-die-letzten-tage-des-patriarchats.html

Ob die Klassengesellschaft nun aber wirklich so eine ferne Welt ist (08:55), bleibt fraglich: jahrzehntelang war das Wort verpönt, feiert gerade aber ein Revival:

https://www.zeit.de/kultur/literatur/freitext/soziale-gerechtigkeit-corona-krise-chancengleichheit-klassengesellschaft

Auch wenn Hochdeutschsprechen heute weniger elitär ist als damals, so wird Dialektsprechen (12:00) im Berufsleben doch immer noch abgestraft:

https://www.welt.de/wirtschaft/article205791813/Einkommen-Wer-Dialekt-spricht-verdient-20-Prozent-weniger.html

Wer die Düsternis der Referenz auf die Blaue Fee (24:15) noch ein bisschen besser verstehen will, kann hier sehen, warum Pinocchio eigentlich alles andere als ein lustiger Kinderfilm ist, sondern eher eine bedrückende Erzählung für alle:

https://www.youtube.com/watch?v=ytzZGObzobI

Mansplaining (30:40) – eine ätzende Attitüde, die hier ganz gut deutlich wird:

https://www.youtube.com/watch?v=xByk2nHlfb4

Wie schleppend die Aufarbeitung der NS-Verbrechen in den Jahrzehnten nach dem Krieg war (34:58), kann man hier nachlesen:

https://www.bpb.de/izpb/151963/verdraengung-und-erinnerung?p=0

Max Czolleks komplettes Buch ‘Desintegriert euch!’ ist absolut lesenswert (36:22), aber hier schonmal ein kleiner Einblick in seine Perspektive:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/lyriker-czollek-ueber-holocaust-gedenken-warum-muss-die.976.de.html?dram:article_id=469099

Daran, wie wenig Frauen in Deutschland bis vor wenigen Jahrzehnten allgemein zugetraut wurde (39:17), erinnert dieses Video zu Frauen am Steuer:

https://www.youtube.com/watch?v=zwp40wOIXaM

Aber selbst jene Frauen, die gegen die Rollenvorstellungen ihrer Zeit rebelliert haben, wurden geschichtsklittend wieder brav gestriegelt – so wie Anette von Droste-Hülshoff (39:58):

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/karen-duves-romanportraet-fraeulein-nettes-kurzer-sommer-ueber-annette-von-droste-huelshoff-15817854.html

 

 

 

Alle Zitate beziehen sich auf folgende Ausgaben:

 

Ferrante, Elena, Meine geniale Freundin, Lizenzausgabe Büchergilde Gutenberg Verlagsgesellschaft mbH, Frankfurt/Main, 2016

(Copyright deutsche Ausgabe: Suhrkamp Verlag, Berlin, 2016)

 

Hahn, Ulla, Das verborgene Wort, dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München, 2008 (13. Auflage 2017)

(Copyright: Deutsche Verlags-Anstalt, München, 2001)

 

Einzelnachweise:

 

 

04:39 – 05:11     Das verborgene Wort, S. 38

06:57 – 07:21     Meine geniale Freundin, S. 57

08:12 – 08:         38     Das verborgene Wort, S. 68

11:12 -  11:38     Meine geniale Freundin, S. 109f.

12:34 -  13:35     Das verborgene Wort, S. 181f.

18:09 – 18:52     Das verborgene Wort, S. 66f.

20:04 – 20:27     Meine geniale Freundin, S. 128

23:29 – 24:10     Meine geniale Freundin, S. 83

25:35 – 26:15     Das verborgene Wort, S. 57 und S. 62f.

26:55 – 28:06     Meine geniale Freundin, S. 173

28:10 – 28:50     Das verborgene Wort, S. 389f.

32:39 – 33:43     Meine geniale Freundin, S. 77f.

35:20 – 36:15     Das verborgene Wort, S. 100f.

44:08 – 44:40     Meine geniale Freundin, S. 325

46:00 – 46:31     Meine geniale Freundin, S. 7

 


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 2020-11-22  48m