Staatsbürgerkunde

Ein Podcast über das Leben in der DDR. Im Gespräch mit Zeitzeug:innen und Expert:innen schaut Martin Fischer in jeder Folge zurück auf die Lebensaspekte in der Deutschen Demokratischen Republik. Ohne Ostalgie und verbunden mit der Frage, was sich aus der Geschichte lernen lässt.

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episode 93: Transit [transcript]


Von Einreisen, Ausreisen und Ausweisen Veröffentlicht am 17.10.2020
Laufzeit: 1 Stunde und 34 Minuten


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 2020-10-17  1h34m
 
 
00:00
Musik
00:07  Margit
Berlin hatte den Tenor einer sehr, also so ein bisschen ähnlich wie jetzt eigentlich. Es gibt viel Kultur, es gibt viel Besonderheiten, es gibt eine hohe Toleranz, es ist ein bisschen.
00:19
Lebten ja auch wirklich, guckten aus dem Fenster und da stand die Mauer.
00:27
Sonderstatus, den wir irgendwie, ja, wie soll ich sagen, auch ein bisschen kultiviert haben. Wir sind was besonderes, wir sind West-Berliner.
00:44  Martin
Ein Podcast über das Leben in der DDR. Von Martin Fischer.
00:56
Folge dreiundneunzig, Transit.
01:28
Herzlich willkommen zur neuen Folge. Schön, dass ihr wieder mit dabei seid.
01:31
Vor wenigen Tagen haben wir dreißig Jahre Deutsche Einheit gefeiert. So wie im großen zwei deutschen Staaten wieder eins wurden, passierte das auch mit den beiden Hälften einer Stadt. Berlin. Und für diese Folge möchte ich mit meiner Gästin erneut einen Außenblick auf die DDR wagen.
01:46
Vielleicht erinnert ihr euch, zweitausendfünfzehn habe ich mit Tom über sein Leben in Westberlin gesprochen. Und heute möchte ich an dieser Folge anknüpfen,
01:54
Meine Gäste Magit ist ebenfalls in Westberlin aufgewachsen und hat lange dort gelebt. Sie war aber auch für Besuche in der DDR oder kam auf der Reise in andere Länder durch das andere Deutschland.
02:04
Market ist Hörerin von Staatsbürgerkunde und hatte mich gefragt, ob ihre Erinnerungen und Erlebnisse an und mit der DDR für einen zweiten Besuch des Themas Westberlin dienen könnten.
02:14
Ich hatte großes Interesse daran und was mir Market erzählt hat, das hört ihr jetzt.
02:19
Ich begrüße am anderen Ende der Telefonleitung in dem Fall Margit. Hallo Margit.
02:28
Ja, sie sitzen gerade, haben sie mir erzählt im Vorgespräch bei bei T und sind bereit, um ein bisschen mit mir zu sprechen über,
02:37
Leben in Westberlin, da gab's ja schon mal eine Folge dazu und ähm sie hat mich angeschrieben und gesagt, da gibt's vielleicht auch noch ein paar Aspekte zu erzählen, die in der ersten Folge nicht angesprochen wurden
02:47
Und das fand ich eine schöne Idee und deswegen telefonieren wir heute miteinander und machen einen Podcast daraus. Sie sitzen gerade wo im im Brandenburgischen, haben sie mir erzählt. Das heißt, sie sind nicht mehr in Berlin, aber haben ganz lange in.
03:01
Westberlin in dem Fall gelebt.
03:04  Margit
Genau, ich ja,
03:07
Ich bin Margit, sechsundfünfzig Jahre und ich bin in Westberlin aufgewachsen. Meine Familie ist seit Generationen,
03:16
Also im in Berlin äh sesshaft gewesen und ich habe selber bis vor einem Jahr,
03:24
in Berlin gewohnt und wir sind äh mein Mann und ich sind nach Brandenburg an der Havel gezogen,
03:31
weil uns das Brandenburgische sehr gut gefällt, das ist ein deutlich ruhigeres Leben Anna am Wasser und mit schöner Umgebung.
03:39  Martin
Gleich mal so die erste Frage, sie sind ja wahrscheinlich dann nicht so oft dann auch ins Brandenburgische gekommen damals als ja Westberlin noch existiert hat.
03:50  Margit
Äh Jein, die Frage ist, wie man oft definiert. Wir haben DDR-Besuche.
03:56
Ähm ungefähr zwei bis drei Mal im Jahr gemacht. Also mir waren schon Brandenburger Orte.
04:06
Geläufig, aber es ist natürlich nicht mit dem zu vergleichen, was wir jetzt heute haben, dieses Selbstverständliche ins Umland fahren.
04:17  Martin
Jetzt haben sie schon gerade gesagt, ähm sie sind öfter in die DDR gefahren, das ist auch ein bisschen der Aufhänger, den wir uns gesucht haben für dieses Gespräch,
04:26
ähm und das sind hauptsächlich Erinnerungen aus aus der Kindheit, wenn ähm ja, wenn ich nochmal auf die ersten Infos eingehe, die die sie geschickt hatten, dass sie da öfter in die DDR gefahren sind.
04:39  Margit
Ja, das ist eigentlich zweigeteilt. Also der eine Teil ist meine Kindheit mit den Verwandtenbesuchen und der zweite Teil ist dann als Jugendliche.
04:49
Ähm eine Verwandte, eine weibliche Verwandte alleine besuchen äh das war dann aber nur in Ostberlin.
04:58  Martin
Dann fangen wir doch vielleicht mal an mit den Kindheitserinnerungen,
05:03
Da sind sie quasi mit den Eltern ins Auto gestiegen, Auto gepackt wurden und dann hieß es, wir fahren Verwandte besuchen, war ihnen da schon bewusst, dass das in einem anderen Land ist oder war das einfach ein etwas anderer Familienausflug.
05:18  Margit
Also als ich klein war, war mir das nicht bewusst, es wurde auch nicht darüber gesprochen, dass wir in ein anderes Land fahren, sondern es wurde wurden die Namen der Verwandten genannt,
05:31
und die Stadt, wo wir hinfahren. Für mich war es einfach nur eine etwas längere Fahrt als Kind.
05:38
Mit Besonderheiten, die man natürlich sonst innerhalb Berlins äh nicht hatte.
05:44  Martin
Bastel zum Beispiel und ist ihnen das als Kind dann schon aufgefallen?
05:49  Margit
Ja, also als Kind ist mir aufgefallen, dass man an der Grenze, also an der Staatsgrenze, dass meine Eltern.
06:00
Bestimmte Regularien ausgegeben haben. Also Radio ausschalten. Nichts fragen, nichts Provozierendes sagen. Am besten gar nicht sprechen.
06:12
Damit wir möglichst problemlos die Grenze überfahren können. Also das war mir schon als Kind klar.
06:21
Die reine Fahrt dorthin war eigentlich nur eine Fahrt. Also es war eher auf die Grenze.
06:28  Martin
Das heißt, es war dann wahrscheinlich der Grenzübergang drei Linden oder wo sind sie dann immer rüber.
06:34  Margit
Ja, das war der Grenzübergang Dreilinden. Äh wenn wir nach Österreich fuhren.
06:40
Ähm den Grenzübergang nach Dänemark, kann ich jetzt nicht mehr genau sagen, auf jeden Fall äh war das die Fähre dann nach Falz da.
06:51
Die dänische Insel Falza, das haben wir sehr oft gemacht. Insofern sind wir nach Norden äh raus aus Berlin gefahren.
06:59  Martin
Und haben sie was von dieser Anspannung als Kind auch gespürt oder war das dann? Also wie war denn so die Atmosphäre,
07:07
Wenn sie dann an der Grenze waren und vielleicht auch danach, wo sie dann drüber waren, weil es dann gelöst oder haben sie diese Anspannung auch selber erlebt?
07:15  Margit
Also die Anspannung an der Grenze war sehr hoch. Meine Eltern waren sehr nervös. Mein Vater war eher.
07:25
Na ja mit unterdrückten Widerwillen, weil er wusste, wenn er irgendwas Blödes sagt oder fragt oder Ähnliches, dann kriegen wir nur Schwierigkeiten, aber ich glaube, mein Vater hat es viel mehr,
07:39
Kraft gekostet, sich zu beherrschen.
07:43
Insgesamt waren meine Eltern sehr nervös an der Grenze und es wurde immer wieder betont, dass wirklich.
07:51
Ich mich still zu verhalten habe und ähm bloß die sogenannten Grenzbeamten nicht provozieren. Dann erinnere ich mich auch an solche Sätze, wie wenn man durch.
08:05
Also wenn man Transit durchgefahren war, das war ja noch die andere Hälfte, die Transitfahrten, dann gab's öfter mal so einen Satz wie ach wie schön, jetzt können wir wieder durchat.
08:15  Martin
Mhm. Und es ging ja dann haben sie gesagt, einmal nach Dänemark und nach Österreich, aber die Verwandten, die lebten dann in ähm ja in der DDR auch.
08:26  Margit
Genau. Ja, die Verwandten lebten ähm im Süden äh also äh Richtung Ludwigsfelde, Zorcensiepen.
08:36
Und Neubrandenburg ähm insofern waren das natürlich keine Transitfahrten, sondern äh mit Einreisevisum.
08:45  Martin
Da war dann wahrscheinlich das Prozessere an der Grenze ähnlich und man hat dann vielleicht nicht ganz so tief durchgeatmet, weil man dann quasi äh dann in die DDR gefahren ist.
08:53  Margit
Genau, das äh hat da hat man nicht ganz so tief durchgeatmet, vor allen Dingen,
08:58
erinnere ich mich auch noch als Kind daran, ähm das waren ja noch die Anfangszeiten, bevor es das Transitabkommen gab.
09:07
Äh dass die Wagen wirklich bis zum geht nicht mehr durchsucht wurden mit Koffer aufmachen und das ist natürlich besonders demütigend, wenn man äh auf der Rückfahrt ist und dann Schmutzwäsche mit hat oder irgen
09:19
was? Also es musste alles ausgepackt werden, teilweise die Rückbank ausgebaut.
09:26
Ähm was besonders schlimm war, wenn das gar nicht ging vom Hersteller des Autos aus. Also dann gab's richtig Ärger.
09:34
Ähm ja dann natürlich dieses äh.
09:38
Die Papiere auf so einem überdachten Transportband ähm wurden einem am Anfang eben,
09:45
Wenn man die Grenze erreicht hatte, abgenommen, dann liefen die durch so ein überdachtes Transportband, dann bekam man am anderen Ende von einem anderen äh Beamten das ähm die Papiere wieder zurück.
09:59
Das Verlassen der Transitstrecken war ja genauso verboten wie die Kontaktaufnahme mit DDR-Bürgern. Also das wussten wir natürlich, dass das,
10:08
gar nicht geht, was wir, was aber erlaubt war, war äh das waren meine Eltern eigentlich immer gemacht beim sogenannten Intertank,
10:17
Benzin zu tanken.
10:20
Äh was dann dazu führte, dass mein Vater jedes Mal meckerte, das Benzin klingelt. Äh das war ja dann, ich glaube, es ging um die Oktanzahl, also da bin ich mir jetzt nicht mehr so ganz sicher,
10:30
dann natürlich einkaufen im Intershop, also da haben meine Eltern immer Zigaretten und Alkohol gekauft, die waren ja dann deutlich günstiger für uns,
10:40
möglich gewesen wäre, auch Essen in Gaststätten an den Transitstrecken, das haben wir aber nie gemacht. Wir hatten immer Essen in Kühltaschen mit.
10:49
Wir wussten auch, dass die ganze Strecke Stasi überwacht war und wir wussten auch, dass also es gab ja die Tempo hundert.
10:58
Äh Auflage, also da waren sehr scharfe Kontrollen. Kann mich allerdings nicht erinnern, ob mein Vater da jemals erwischt wurde. Meine Mutter hatte keinen Führerschein zu der Zeit.
11:08
Ähm also da haben hat sich mein Vater schon streng dran gehalten, denn dann wären wir sofort, hätten wir irgendwas bezahlen müssen.
11:16  Martin
Das heißt, diese ganzen ähm ähm Erlebnisse, also einkaufen im Intershop und das Tanken, das passierte dann alles noch auf der Transitautobahn oder an den Transitautobahnhaltestellen. Auf der Fahrt zu den Verwandten.
11:25  Margit
Ja, genau. Ja. Genau. Mhm. Das äh nee, das passierte nur auf den Transitstrecken, wenn wir in den Urlaub fuhren. Also zu den Verwandten sind wir dann direkt gefahren.
11:39  Martin
Und waren diese Aufenthalte dann zeitlich begrenzt, also konnten sie dann zwei Wochen bei den Verwandten verbringen oder war das dann, dass man dann über Nacht wieder zurück musste.
11:50  Margit
Also ob wir das geduft hätten, kann ich nicht beurteilen, was wir gemacht haben, waren Tagesausflüge oder im Höchstfall eine Übernachtung ähm,
12:00
ich kann aber nichts dazu sagen, welche Art von Visa meine Eltern da stellen mussten, wenn man jetzt mehrere Tage bleiben wollte, aber das weiß ich, dass wir teilweise auch einmal übernachtet haben.
12:12  Martin
Dann sind sie also da angekommen ähm und wie wie haben sie es denn als Kind wahrgenommen? Ähm die DDR, also wenn sie aus dem Auto ausgestiegen sind, sahen es dann gleich anders aus und waren die Leute anders, die man dann wahrscheinlich auch nicht so oft gesehen hat.
12:28  Margit
Also als Kind glaube ich, habe ich das nicht wahrgenommen. Ich fand auf der einen Seite das ganz toll, diese viele Natur.
12:37
Berlin hat ja die Vorzüge sehr viel Wald und Wasser zu haben. Trotzdem war das natürlich nochmal ein Unterschied. Ähm einfach so überall rumstrohmann zu können, in See springen zu können.
12:50
Ähm wir besuchten auch äh Leute mit einem äh Holzhaus auf Stelzen im Wasser. Das war für mich als Kind ein ganz großes Abenteuer. Da sprang wir also von dem.
13:03
Wie soll man es nennen, wie so eine Art Terrassenartiger Umlauf des Hauses sprangen wir ins Wasser? Also das war für mich als Kind ganz toll und so ein Haus hatte ich ja auch nie gesehen in Berlin, insofern.
13:15
Ja, das war so wie so ein kleines Hexenhäuschen für mich und da konnte man mit den zwei Kindern, die dort waren, sehr viel rumtoben und spielen.
13:24
Dann gab es die anderen Verwandten, die hatten.
13:29
'ne Stadtwohnung, äh das war schon anders ähm ja, also woran ich mich wirklich immer wieder erinnere, sind andere Gerüche.
13:40
Also auf jeden Fall Putzmittel.
13:45
Das, das hat sich irgendwie mir geprägt, das weiß ich aber auch noch von der S-Bahn. Ähm.
13:52
Und sonst, nee, das kann ich nicht sagen. Also, dass ich als Kind wahrgenommen hätte, dass die Leute anders sind oder die Städte, das trat erst später auf, als ich älter wurde, als Kind nicht.
14:03  Martin
Und ich glaube halt auch in dem familiären Umfeld, wo wo sie sich dann und ihre Familie bewegt haben, waren wir dann vielleicht auch offener und hat dann jetzt nicht so den den Bedarf gesehen, sich zu verstellen, weil halt noch andere Leute drum rum waren.
14:15  Margit
Auf jeden Fall. Also es war sehr gelöst, woran ich mich erinnere, war das immer wahnsinnig viel zu essen gab.
14:22
Also meine die Tante meiner Mutter zum Beispiel, die hatte eine,
14:27
Eine Dacha, also eine Gartenlaube, wo sie Spargel angebaut hat, wo sie freilaufende Hühner hatte und Gemüse und Obst, also das war in einem unglaublichen Überfluss und wir fuhren auch,
14:40
Also ich kann mich an sehr viele Besucher erinnern, wo es dort Spargel gab und ich glaube, also,
14:48
im Nachhinein würde ich sagen, dass es sehr wichtig war uns auch das gute und reichliche Essen zu präsentieren, weil ja einfach der Rest nicht so.
14:59
Also weil weil sonst nicht so viel da war. Also,
15:02
wollte man das sicherlich auch so durch das Essen und die Gastfreundschaft so ein bisschen kompensieren, dass man eben nicht viel kaufen konnte und das anderweitiger Mangel herrschte.
15:11  Martin
Das ist ein spannender Punkt. Wollte ich jetzt gerade nochmal drauf kommen, tatsächlich äh wo ich's gehört habe. Ähm dass dass dieses, dass dieser Eindruck von der Mangel,
15:19
Gesellschaft halt auch in den Köpfen saß und dass man dass man dann einerseits natürlich auch,
15:26
trotzdem jeden Tag zu essen hatte. Also das als haben meine Eltern ja auch erzählt, dass also die Grundnahrungsmittel gab's halt immer. Und ich denke mal, wenn dann Besuch kam oder so hat man nochmal extra bisschen was auf den Tisch gestellt, um halt zu zeigen, also wir wir verhungern hier nicht
15:38
aber trotzdem gab's halt viele Sachen eben auch nicht und dieses ja dieses Spannungsfeld fand ich jetzt grad ganz spannend zu hören.
15:45  Margit
Ja, das habe ich natürlich als Kind ähm kann ich das, habe ich das nicht wahrgenommen? Also ich habe als Kind wahrgenommen, dass es gutes und reichliches Essen gab.
15:55
Ähm.
15:57
Wir haben ja auch äh Pilze gesucht im Süden von Berlin. Das kannte ich überhaup,
16:02
wir haben Eier von freilaufenden Hühnern äh gegessen zum Frühstück.
16:07
Ja und und also selbstgeschnittenen Spargel, das war für mich nur als Kind natürlich alles was besonderes, das kannte ich aus Berlin ja nicht.
16:16  Martin
Das deckt sich auch so ein bisschen mit meinen Kindheitserinnerungen, also ich habe ja auch nur die ersten zehn Jahre in der DDR verlebt
16:22
und ähm ja, die Erinnerung, die man halt an die Kinder hat, das ist dann halt auch so diese kleine kleine Kinderwelt, wo dann halt viel Natur, viel Wald, viel mit Freunden spielen und,
16:31
ich glaube, da da war das Umfeld in der DDR dann doch ein ganz ganz gutes und so haben sie es ja auch wahrgenommen.
16:38  Margit
Ja, so habe ich's wahrgenommen. Ähm dazu muss ich aber sagen, also unvoreingenommen war weder meine Erziehung privat in der Familie, noch in einer Schule.
16:50
Also es war schon ein ein sehr, sehr negatives Bild, was mir vermittelt wurde.
16:58
Also die einmal das familiäre,
17:02
dass man das also diesen anderen Staat extrem ablehnte in seiner Politik, in seiner Einschränkung die Mauer, dass wir jetzt nun in Westberlin eben gänzlich ummauert waren.
17:15
Dass wir äh also wie wir ja als Westdeutsche oder Westberliner sagten Zwangsumstausch leisten mussten und mit dem Geld ja,
17:25
eigentlich nichts anfangen konnten. Das haben wir dann äh also eigentlich immer unserer Verwandtschaft gegeben.
17:33
Also diese Dinge, die uns einschränkten und die die Menschen drüben einschränken, das wurde also alles extrem negativ bewertet,
17:43
und äh ja auch abfällig beschrieben.
17:48
Dass man eben die Verwandten besucht, weil sie Verwandte sind und äh meine Eltern hatten auch äh Freunde in Dresden.
17:57
Also das war schon sehr wichtig, diesen menschlichen Kontakt zu halten und das wollte man unbedingt, aber dass man eben diese ganzen,
18:06
Mühen auf sich nehmen musste und dass man dazu in ein Land reisen musste, was man eigentlich gänzlich von der Politik her ablehnte,
18:14
Das wurde mir in der Familie stark vermittelt.
18:19
Und genauso in der Schule auch, also ich habe ein extrem negatives Bild in der Schule vermittelt bekommen von der DDR,
18:27
Ähm sagen wir mal insgesamt sowieso, dass wir der sogenannte überlegene deutsche Staat sind, wo,
18:37
vermeintlich alles gut oder viel besser ist und dass der andere Staat eben der schlechtere ist mit Repressalien und Richtung Diktatur und solche Dinge.
18:48
Also wenn ich mal so kurze Zitate geben darf, also wir hatten äh in Erdkunde,
18:55
Also es gab in in Geschichte und ähm sogenannter politischer Weltkunde hieß es bei uns äh gab es den Rahmenplan auch DDR oder.
19:06
Äh die wie es damals bezeichnet wurde, Ostblockstaaten durchzunehmen,
19:11
und da bekamen wir also Sätze zu hören, die ich jetzt im Nachhinein natürlich sehr schlimm finde. Also in Ehrkunde wurde gesagt, ja, wir haben jetzt im Rahmenplan,
19:21
die den Ostblock, aber also ich weiß gar nicht, was ich mit ihnen da machen soll, außer Umweltverschmutzung und verfallenen Häusern ist da eigentlich nichts und äh so über die Städte, na ja, da kann man ja mal ein bisschen sprechen,
19:33
Also das war so der Grund, den man Erdkunde,
19:36
und in politischer Weltkunde, also das äh war einfach, was die moderne Politik oder sagen wir mal, die Politik seit dem zweiten Weltkrieg behandelte.
19:46
Da hatten wir eine Lehrerin später, die war aus der DDR selber geflüchtet, war in Folge dessen aufgrund ihrer Erlebnisse,
19:54
auch, was ja verständlich ist, aber sie war eben sehr negativ eingestellt,
19:59
und wir hatten dann im Rahmenplan äh den Verfassungsvergleich, also das Grundgesetz mit der DDR-Verfassung und das war auch aus meiner Erinnerung als Jugendlicher heraus aufm Gymnasium sehr, sehr negativ.
20:14
Hinzu kam noch, dass ich auf einem Gymnasium war, was extrem konservativ war,
20:19
Also wir hatten teilweise noch ähm alten Nazis als Lehrer. Einer ist sogar suspendiert worden wegen seiner Sprüche und seiner Verhaltensweisen,
20:29
Das heißt, alles was in Richtung Sozialismus ging, war also schlecht und böse und minderwertig.
20:37
Sodass das also auch die Grundhaltung äh auf dem Gymnasium geprägt hat. An der Grundschule kann ich mich nicht mehr erinnern, ob da überhaupt über die DDR gesprochen wurde.
20:48
Aber so zusammenfassend kann man sagen, die Erziehung privat und in der Schule, da war ich sehr negativ geprägt,
20:56
Und da muss ich auch sagen, also es hat irgendwo auch gewirkt.
21:01
Denn als ich Jugendliche war, hatte ich nicht das Bedürfnis jetzt,
21:07
wie vielleicht andere, ach ich fahre da mal hin, ich kann ja ein Tagesvisum oder ein Einreisevisum beantragen und ich erkunde mal dieses andere Deutschland.
21:18
Das da hatte ich überhaupt kein Interesse, weil ich einfach geprägt war von dieser Grundhaltung.
21:23  Martin
Das eigentlich auch ja,
21:25
schlimm zu hören eigentlich, weil einerseits war ja diese Teilung da noch gar nicht so lange vollzogen und ähm es klingt jetzt auch so, als ob jetzt sowohl familiär als auch schulisch wenig Hoffnung bestand, dass das dann irgendwann auch wieder,
21:38
zu einem, zu einem Land zusammenkommt und man sagt, okay, wie wahrscheinlich hat jede Familie entfernt, vielleicht auch nur Verwandte drüben und ähm,
21:48
Man brauche zumindest mal so diese Perspektive, dass das vielleicht auch wieder mal zusammenkommen kann, aber man hat sich dann eigentlich sehr schnell, wie es jetzt klang, mit der Situation abgefunden und dann so ein bisschen war wahrscheinlich von Ostseit jetzt auch nicht anders, so ein bisschen von oben herab auf den anderen Teil geschaut.
22:04  Margit
Ja, also ich habe in in meiner Kindheit und Jugend nie das Gefühl gehabt.
22:12
Also weder ich selbst noch die Menschen um mich rum, dass es da irgendeine Art von Hoffnung der Zusammenführung gab, sondern das waren zwei Staaten mit zwei verschiedenen Systemen.
22:23
Und der Westen guckte auf den Osten herab, aber ich erlebte auch äh in der DDR, wir waren auch bei.
22:32
Dem Cousin meiner Mutter muss zu meiner Schande gestehen, dass ich nicht mehr weiß, in welcher Stadt es war,
22:41
Den haben wir ab und zu besucht und der gehörte zu den Menschen, die.
22:48
Ziemlich viele Privilegien hatten, weil er nämlich ein Handwerksberuf hatte.
22:55
Und er erzählte damals schon, er lässt sich mit äh sogenannten blauen Kacheln bezahlen. Also das war unser hundert Mark Schein, hundert ähm D-Mark-Schein
23:06
und das war klar, wenn er sich also mit D-Mark in seiner Privatzeit für handwerkliche Leistungen bezahlen.
23:13
Äh lässt aufgrund des Mangels an Handwerkern und äh Material wahrscheinlich auch, dann konnte er sich sehr, sehr viel leisten, also.
23:24
Der hatte ein Haus, der hatte ein Auto, Essen sowieso im Überfluss, der hatte eigentlich alles, was man sich vorstellen konnte.
23:33
Und äh bezahlte das eben in in D-Mark.
23:38
Der hat öfter schon mal auch abfällig über unser System gesprochen. Also so na ja ähm.
23:47
Weiß ich nicht. Also das klang so ein bisschen wie wie Fernsehen oder Propaganda beeinflusst, dass ja bei uns auch nicht alles Gold ist und die Arbeitslosenzahlen,
23:57
Ja, also so an Details erinnere ich mich nicht, aber da gab's schon auch negative Bemerkungen. Also man merkte, es läuten an.
24:07
Wie weit sie.
24:09
Im System verankert waren an den Bemerkungen, die die sie machten, weil es wurde schon recht offen bei den Besuchen auch über Politik gesprochen und je nachdem,
24:22
wie die Reaktionen oder die Ansichten der DDR Verwandten oder Freunde waren, merkte man schon,
24:31
Wie verankert sie in dem System waren? Also eine eine gewisse Verachtung muss ich sagen, kam von beiden Seiten.
24:39  Martin
Genau, das hatte ich,
24:41
Das hatte ich jetzt auch gerade so ein bisschen rausgehört, also hauptsächlich auch durch diese schulische Geschichte, die sie erzählt haben. Und ähm wahrscheinlich gab's dann auch familiär auch keine kein Bestreben da irgendwie in den anderen Teil des Landes überzusiedeln oder zu wechseln. Ähm,
24:55
Also ich denke mal vom Westen wahrscheinlich eh nicht und vom Osten war's vielleicht dann auch zu früh oder war vielleicht auch gar keine Option oder nicht gewollt, dass das kann ich jetzt nicht einschätzen aber,
25:05
da haben sich ja dann auch wirklich viele ja dann auch so ein bisschen eingerichtet in der DDR und ähm man hat dann eigentlich gedacht, dass das bleibt dann auch sehr sehr lange erstmal so.
25:16  Margit
Ja, also wir haben bei den Kontakten, die wir hatten.
25:22
Äh also direkte Verwandtschaft und Freundschaft hatten wir weder Flucht.
25:28
Äh Absichten, noch misslungene oder oder äh geglückte Fluchten. Wir hatten auch keine Ausreiseanträge. Wir hatten mit Menschen zu tun, die sich dort eingerichtet hatten
25:40
oder eben sogar im System waren. Das habe ich dann aber erst äh nach der Wende eigentlich erfahren.
25:47
Und damit meine ich jetzt nicht äh Verstrickung in in irgendwelche äh Stasi oder IM-Tätigkeiten, sondern einfach,
25:55
Ähm wie stark die Identifizierung mit der DDR und dem System war, das habe ich erst eigentlich nach der äh Wende so ein bisschen mitbekommen.
26:06  Martin
Auf der einen Seite ist natürlich auch verständlich, glaube ich, weil man,
26:09
wenn man jetzt ständig in dem in dem Gedanken lebt, dass das Leben, was man führt, ein falsches ist und dass man eigentlich anders leben müsste, kann man glaube ich auch nicht,
26:17
sehr lange glücklich sein und,
26:19
Viele, viele Erlebnisse, DDR haben es ja doch Alltagserlebnisse auch gewesen, was ich auf meinen Eltern erfahren habe und ähm Freunde treffen und ähm ausgehen, essen gehen, einen kleinen Urlaub machen. Das sind ja jetzt alles Sachen, die jetzt erstmal,
26:33
Zwar im System passieren, aber mit dem System erstmal nicht viel zu tun haben und ich glaube schon, dass sich manche dann überlegt haben, okay, wie wie plane ich denn jetzt meine nächsten fünf bis zehn Jahre und ähm,
26:43
Da ist Flucht natürlich so an einem Ende des Spektrums, weil das halt so ein ganz großer Bruch wäre mit dem Leben. Und das andere ist dann halt ähm
26:52
Engagement mit dem System und dazwischen gab's bestimmt ganz viele Abstufungen, wo Leute gesagt haben, okay, ich muss jetzt gucken, wie ich das Beste hier für mich und vielleicht auf meine Kinder draus mache.
27:01  Margit
Denke ich auch und sicherlich waren auch die Konsequenzen bekannt, also die Freunde meiner Eltern zum Beispiel, für die war's sehr schwer, die waren kirchlich orientiert.
27:12
Beziehungsweise in der Kirche und äh der Sohn durfte also nicht studieren, solche Konsequenzen dann und sicherlich auch Alltagsprobleme, die man durch Kirchenzugehörigkeit hatte,
27:24
Und dann hat er eine Freundin meiner Großmutter, die wiederum hatte Freunde, die hatten eine Flucht versucht und die saßen in Bautzen, also,
27:34
ich denke schon, dass solche Sachen auch bekannt waren und natürlich unfassbare Konsequenzen,
27:40
Für die Familie, für die Freunde äh und so weiter waren, also da da musste man ja schon sehr sehr mutig und oder verzweifelt sein, um das überhaupt in Erwägung zu ziehen.
27:53
Ich erlebte eigentlich eher die Kontakte, die wir haben als ins Privatleben zurückgezogen.
28:00
Man versuchte sich in seiner kleinen Welt äh das bestmögliche Leben zu gestalten und sich.
28:11
Weitestgehend, so weit es möglich war, fernzuhalten von den politischen.
28:18
Auflagen oder Meinungen oder was auch immer. Man machte das mit, was man, wo man sich gezwungen sah und ansonsten versuchte man privat das Bestmögliche rauszuholen.
28:32  Martin
Ihre Familie, ein Investberlin hat wahrscheinlich auch nicht daran gedacht, ähm in den nach nach Westdeutschland umzusiedeln, weil wahrscheinlich mal dann doch auch an dem Ort, wo man gelebt hat, so ein bisschen verwurzelt und verhaftet war.
28:45  Margit
Nee, da äh hätte es also nee, also erstens hatten wir da gar keine Verwandten oder Freunde. Zweitens ähm.
28:54
Warum und das kann ich mal so ein bisschen vielleicht verallgemeinern aus meiner Sicht heraus. Es gab einen gewissen Westberliner Stolz.
29:05
Also ähm wir, wir empfangen uns als ähm sozusagen, also wir waren eingekesselt von der Mauer,
29:14
Wir hatten einen Inselstatus,
29:17
Wir waren am dichtesten dran, am DDR-Leben, so empfanden wir uns ähm das habe ich dann später auch an an Kontakten im in Westdeutschland erlebt. Also wir hatten,
29:29
Glaube ich, die die größtmögliche.
29:33
Äh Berührungspunkte, also alleine durch, sagen wir mal jetzt hier den Grenzübergang S-Bahnhof Friedrichstraße und Dreilinden ähm,
29:44
Ja, das ist eben leicht war relativ leicht war für uns nach Ostberlin zu kommen,
29:50
dann natürlich die Alliierten in in Westberlin. Wir hatten also sehr viel Berührungspunkte und das machte uns irgendwo ein bisschen stolz.
30:01
Ähm äh im Nachhinein klingt's vielleicht ein bisschen albern, aber wir halten das aus.
30:07
Also äh wir gehen hier nicht weg, sondern wir wir finden Berlin toll und wir haben ja auch Privilegien, also wir hatten ja keine Polizeistunde in Berlin,
30:19
Wir haben die sogenannte Berlin-Zulage bekommen, also wie so eine Art Erschwernis zum Gehalt,
30:26
Das war nicht ganz unerheblich, das war ja prozentual ähm.
30:32
Berlin hatte den Tenor einer, einer sehr, also so ein bisschen ähnlich wie jetzt eigentlich. Ja, es ist irgendwie,
30:41
Es gibt viel Kultur, es gibt viel Besonderheiten, es gibt eine hohe Toleranz, es ist ein bisschen verrückt. Viele Leute lebten ja auch wirklich, guckten aus dem Fenster und äh da stand die Mauer vor ihrem Fenster,
30:54
ähm dann hatten wir eben, äh dass es keine, dass die Militärpflicht nicht erlaubt war, das heißt, junge Männer zogen nach Westberlin, weil sie äh keine Bundeswehr wollten. Also wir hatten einen Sonderstatus,
31:08
den wir irgendwie, ja, wie soll ich sagen, auch ein bisschen kultiviert haben. Wir sind was besonderes, wir sind Westberliner.
31:16  Martin
Und dieser dieser Ausspruch, die die ganze Welt schaut auf diese Stadt, ähm, hat wahrscheinlich mehr als einmal gestimmt und das färbt sich bestimmt auch auf die, auf die Bewohnerinnen und Bewohner ab.
31:26  Margit
Auf jeden Fall. Also ich denke schon, dass das in, dass das gesamte Bild dahin ging und wir haben ja wir haben ja dann auch so solche Touristenbesuche gehabt, das wussten wir ja auch, dass da.
31:38
Äh da waren ja solche Holzgestelle an der Mauer und dann kam da eine Klassenfahrt oder so Rentnergruppen, die kletterten dann darauf mit so Führung und guckten dann rüber. Also so ein bisschen,
31:49
Lasst uns doch mal die Affen im Zoo an.
31:51  Martin
Wenn man das gesehen hat, ja, also erinnert's tatsächlich dran.
31:54  Margit
Ja, also das waren schon alles Situationen, die es natürlich in keiner anderen Stadt gab.
32:01
Also man man ich kann im Nachhinein schon bestätigen, Berlin war eine besondere Stadt.
32:07
Ähm aber äh dass man sich ein bisschen was drauf eingebildet hat. Na ja, also im Nachhinein habe ich dann auch erfahren,
32:15
ähm dass man in Westdeutschland oft gedacht hat, wieso kriegen die eigentlich eine Berlinzulage? Wieso muss da eigentlich keiner zur Bundeswehr ähm warum finden die sich eigentlich so toll? Äh.
32:26
Also es wurde so ein bisschen mit wie soll ich sagen, also vielleicht so ein bisschen auch mit Richtung Bequemlichkeit äh äh assoziiert. Auf der anderen Seite muss man sagen, also später als ähm junge Frau.
32:42
Oder als als ja, als äh Ende der Schulzeit, als ich dann auch mal äh öfter in Westdeutschland war,
32:49
war ich vollkommen verblüfft über die Unwissenheit über den Berliner Status. Also das ist eine ähnliche Situation wie heute,
32:59
Westberlin oder heute Berlin ist wahnsinnig weit weg gewesen. Gedanklich.
33:05
Und man hätte ja durch diese verhasste DDR durchfahren sollen. Und dann war oft der Satz, was soll ich denn da.
33:13
Also es war gar kein Interesse, Mensch, ich muss doch auch einmal in meinem Leben in Berlin gewesen sein, da gibt's doch Kultur und das hat eine wahnsinnig lange Geschichte diese Stadt und das ist eigentlich total aufregend, sondern eher.
33:27
Also wenn man nicht im Rahmen einer Klassenreise oder Verwandtenbesuche.
33:34
Ähm nach Berlin kam, dann war er die Einstellung. Ach Gott, das ist ja soweit im Osten. Was soll ich denn da.
33:42  Martin
Und da passierte ja auch nichts, ähm sagen wir mal dahingehend, weil die die Politik wurde in Bonn gemacht
33:49
und es war war jetzt auch nicht Hauptstadtbeats aus DDR Sicht, da wo Ostberlin halt auch die Hauptstadt der DDR war, sondern Berlin war halt diese diese Insel, die dann irgendwo in innerhalb der DDR,
34:00
war und ja kam eigentlich so gar nicht gar nicht vor im Bewusstsein wahrscheinlich, wie sie es gerade gesagt haben.
34:07  Margit
Ja, also
34:08
Ich glaube die Bedeutung war irgendwie auch nicht da. Also heute ist es ja wirklich, hat's ja eine andere Bedeutung als Hauptstadt und natürlich auch extrem quirlige, kulturelle und szenemäßige Stadt,
34:21
Das war ja damals irgendwie nur so für Leute, die dann hier lebten und sagten, wow, hier ist ja echt was los.
34:28
Wir waren also ich habe so das Gefühl, als ob wir wie so ein Blinddarm wahrgenommen wurden.
34:34
So ein Wurmvorfortsatz, der eigentlich als Bollwerk gegen die DDR gehalten wurde, aber.
34:42
Ja als als interessante Stadt, nee, na ja, muss nicht sein.
34:46  Martin
Haben sie denn als junge Frau da auch so einen so einen Unterschied in der Mentalität festgestellt zu ähm ja jungen Menschen, jungen Erwachsenen in Westberlin und gleichaltrigen in Westdeutschland,
34:59
Dass dass wir gesagt haben, oh, die sind dann doch ein bisschen, weiß nicht, politischer und bisschen aufgeschlossen, die sind vielleicht auch ein bisschen mh,
35:07
moderner in Westberlin, was jetzt äh ja auch so die Beschäftigung mit mit dem Status anbelangt.
35:14  Margit
Also ich.
35:15
Denke mal, das Wenige, was ich mich da noch so erinnern kann, auf jeden Fall politischer. Also in Westberlin, politischer, alleine wir mussten es ja alles kennen, also es führte ja nichts dran vorbei,
35:27
konnte natürlich ein völlig isoliertes Leben ausschließlich in Westberlin führen,
35:32
und ab und zu mal die Transitstrecke benutzen, aber wenn man jetzt so ein bisschen interessierter war, musste man diese politischen,
35:39
Sachen eigentlich kennen und die ganzen Regularien ähm.
35:45
Damit sicherlich auch ein bisschen mehr so von der Geschichte. Also den Eindruck hatte ich schon,
35:51
Das ist jetzt aber ganz subjektiv gefärbt, also wurde ich jetzt nicht verallgemeinern. Für mich war's auf alle Fälle so, ich fühlte mich damals schon sehr politisch, mich interessierte, dass auch alles brennt.
36:03
Auch wenn ich ja nun zu meiner Schande gestehen muss, dass ich eben auch diese diese Haltung hatte, dass da drüben ist alles misst. Aber es interessierte mich politisch und historisch sehr.
36:15
Und in der Schule eben auch.
36:18  Martin
Jetzt hatten sie am Anfang schon angedeutet, nach diesen Kindheitsausflügen sind sie auch tatsächlich dann als junge Frau auch nochmal äh aus Westberlin rausgefahren, äh ging's da auch nochmal in die DDR rein oder war das dann hauptsächlich Richtung Westdeutschland?
36:30  Margit
Also ich erinnere mich nur an ein einziges Erlebnis mit zwei Schulfreunden,
36:36
ähm der eine Schulfreund hatte gesagt, wollen wir nicht mal nach Potsdam fahren und selbst über Potsdam, was ja wirklich von Berlin aus heute,
36:46
im Nu erreichbar ist, hatten wir relativ wenig Kenntnisse.
36:51
Und für mich oder für uns drei war das eigentlich ein abenteuerlicher Vorschlag.
36:58
Wir hatten es allerdings sehr schlecht vorbereitet, sowohl kulturell als auch kulinarisch oder von von Museen her.
37:07
Es war auch sehr sehr kalt, also es muss irgendwie weiß ich nicht, November, Dezember, Februar sowas gewesen sein, das weiß ich nicht mehr genau.
37:18
Wir kamen also weder in irgendein Museum rein, noch bekamen wir etwas zu essen. Wir hatten nichts vorbereitet. Ich weiß nicht, ob wir es hätten, vorbereiten können. Also wir kannten ja auch niemanden in Potsdam,
37:32
ich weiß noch, dass wir am Brandenburger Tor in Potsdam versuchten in dieses Restaurant Gastmal des Meeres zu kommen,
37:42
Vielleicht hätte sich ein DDR-Bewohner totgelacht über unseren Wunsch. Ich weiß nicht, wie priviligiert man da sein musste, um dort sitzen zu dürfen.
37:51
Also ich habe ja in anderen Podcasts von äh mit ihren Eltern zusammen auch über Restaurantbesuche und wie schwierig das war und wie wie lange man oft vorbuchen musste,
38:02
das kann ich jetzt nicht beurteilen, ob wir das überhaupt hätten vorbuchen können. Auf jeden Fall, wir wir kamen nicht rein.
38:09
Und das war also alles, das habe ich also auch nochmal als negativ empfunden. Ähm die ganze Anfahrt war sehr, also aus meiner Erinnerung her sehr lang,
38:20
konnten ja nicht jetzt auf direkten Weg mit der S-Bahn über Wannsee nach Potsdam fahren, sondern,
38:26
zwar alles schrecklich umständlich irgendwie außenrum. Das weiß ich aber leider nicht mehr im Detail. Also ich empfand es als sehr lange Anfahrt.
38:35
Und na ja, also wenn man Hunger und Durst hat, den ganzen Tag, ist ja auch nicht besonders schön.
38:41
Vielleicht haben wir an irgendein Imbiss gefunden, das weiß ich nicht mehr. Na ja und dass wir in die Museen nicht reinkamen, woran das lag, weiß ich auch nicht. Ich weiß aber auf der anderen Seite, ich war sehr beeindruckt. Also,
38:53
und wir sind da sehr viel rumgelaufen, also auch von außen, auch wenn es jetzt nicht so schön erstrahlt ist wie heute, aber das hat mich schon damals beeindruckt, welche,
39:04
kulturellen Schätze dort sind.
39:06  Martin
Sie hatten am Anfang auch nochmal gesagt, sie äh hatten dann auch Kontakt zu ja auch einer einer jüngeren Verwandten, also einer gleichaltrigen vielleicht auch ähm so ein bisschen, ähm wo sich dann auch nochmal in den Osten gekommen sind.
39:19  Margit
Genau, also das war ähm also ich wir bezeichneten sie immer als Großcousine. Es ist so eine Verwandtschaft um drei Ecken.
39:27
Die war ähm so ja gleichaltrig, das war eigentlich, ich empfand das als intensive Kinderfreundschaft, also wir haben uns immer,
39:36
Äh sowohl in der Wohnung äh ihrer Eltern. Sie hat auch einen Bruder, als auch in diesem schon erwähnten Holzhaus auf Stelzen an dem See getroffen,
39:46
Wir haben also extrem viel gespielt als Kinder und wir haben uns Briefe geschickt,
39:52
Und diese Briefe habe ich heute alle noch, also die Briefe sind von Kindertagen über die Pubertät bis zum Erwachsenenalter.
40:01
Die sind also finde ich auch eine ganz tolle, historische.
40:07
Historischer Beleg, was so passiert ist. Also ich hab natürlich meine Briefe nicht mehr,
40:13
Aber ihre Briefe, die wahrscheinlich auch ein bisschen eingeschränkt waren, sie konnte sicherlich nicht alles schreiben,
40:20
Aber wie eben Kinder so schreiben, ich habe dies gemacht, ich habe das gemacht, ich bin mit Mutti und Vati da und da gewesen. In der Schule habe ich so und so eine Arbeit geschrieben und die und die Note bekommen und dann so die ersten,
40:32
Ich habe einen Freund oder ich bin verliebt. Also es sind schon ganz tolle Briefe. Das ist ein ganz großer Stapel.
40:38  Martin
Ja, kleines Zeitdokument.
40:40  Margit
Dass es auf jeden Fall ein Zeitdokument, deswegen hebe ich das sowieso auf und auch so die alten DDR Briefmarken und des DDR Briefpapier, also ich finde das ganz toll.
40:52
Und ja und als wir dann älter wurden, beschlossen wir uns in Ostberlin zu treffen.
40:58
Und da hab ich dann also mehrere Tagesbesuche gemacht,
41:02
und ähm ja, da musste ich dann also immer ein Tagesvisum äh beantragen. Das war, da gab es mehrere Stellen in Westberlin, wo man das machen konnte. Ich machte das immer in Berlin-Steglitz.
41:14
Das war so musste man in den Keller gehen und dann saß man äh gegenüber,
41:20
von lauter solchen uniformierten Beamten und die guckten auch immer furchtbar streng,
41:27
Ja und dann bekam man nach einer gewissen Zeit, wenn man diesen Antrag gestellt hatte, bekam man dann das Tagesvisum. Man musste den Grund angeben, warum man nach Ostberlin wollte.
41:37
Und ich schrieb einfach immer Tourist rein, da gab es also die wenige wenigsten Nachfragen,
41:44
Und äh ja, dann musst du noch äh deklariert werden, welche, ob ich mitgeführte Devisen habe und Gegenstände, also ich brachte dann auch immer Geschenke mit,
41:54
Ja und die Geschenke, die habe ich dann immer so auf unserer Altersgruppe natürlich.
41:59
Also das waren jetzt nur meine Geschenke, nicht die Eltern meiner äh Entschuldigung, nicht die Geschenke meiner Eltern,
42:06
so dass das dann immer sowas war wie Schminke und äh schöne Seidenstrümpfe oder also Perlonstrümpfe. Na ja, was junge Mädchen eben so toll finden.
42:17
Ja und ich bekam im Gegenzug, bekam ich auch immer was, das fand ich toll, das war zum Beispiel ein Grund, warum ich, also ich kannte niemanden in meinem Alter in Westberlin, der,
42:28
Ostberliner oder DDR-Musikgruppen Schallplatten hatte, sodass ich also auch Pudis und Karat und City kannte.
42:36
Ich hatte da also mehrere Schallplatten geschenkt bekommen und ich hörte die auch mit Leidenschaft, mache ich übrigens heute immer noch,
42:44
Ähm das war schon eine Kuriosität, die kein anderer, also aus meinem Freundeskreis äh kein anderer hatte diese Platten und wollte die hören.
42:54
Ja, ich fand das also toll. Und äh dann erinnere ich mich auch, dass wir ab und zu im Zentrumskaufhaus am Alexanderplatz waren.
43:03
Und das Skurrile da dran war, dass es natürlich was ich jetzt im Nachhinein war mir was mir klar war,
43:09
die Versorgungslage in Ostberlin, die war natürlich eine deutlich bessere als im,
43:15
Äh im Rest der DDR schon aufgrund sicherlich der Touristen äh die dorthin kamen, wollte man sicherlich irgendwie so ein gewisses Aushängeschild haben,
43:24
Sodass wahrscheinlich die DDR-Bürger, die dort was einkaufen wollten,
43:30
ganz toll fanden, aber für mich als Westberlinerin war es extrem unattraktiv. Also Kleidung na ja,
43:41
Die Farben, das Material, der modische Schnitt war für mich überhaupt nicht attraktiv, genauso wie die Schuhe.
43:50
Das Papier, wo ich dachte, na ja, dann kann ich was für die Schule kaufen, Stifte,
43:56
oder Papier, das war von schlechter Qualität,
44:00
und was ich ganz bedauerlich fand und das ist ja auch ein Podcast glaube ich mit ihren Eltern gewesen über die Bücher in der DDR. Ähm ich war mehrere Male in einem eigentlich sehr schönen,
44:13
Buchladen am Alexanderplatz, den es ja, wo heute die Sparkasse drin ist.
44:19
Und ähm die Auswahl war leider auch nicht so, wie ich mir das gewünscht hätte. Also ich hätte mir sehr, sehr gerne Bücher gekauft, weil ich immer schon eine Leseratte war bis heute.
44:31
Aber ich hatte keinerlei Interesse an Büchern über äh.
44:37
Arbeiterkampf oder der sozialistische, weiß ich nicht, was Arbeiter der Brigade Pipapo erlebt, Abenteuer. Das hat mich alles nicht interessiert und deshalb kaufte ich diese Bücher nicht,
44:50
Und wenn man dann sagt, na ja, also das ist jetzt mein Taschengeld, was ich jetzt hier ausgebe.
44:55
Und dann soll ich mir also Bücher kaufen, die ich in der Schule brauche, also wenn jetzt zum Beispiel Klassiker der Literatur, wenn es die zu kaufen gab.
45:05
Keine Ahnung, Goethe Schiller et cetera. Da habe ich gedacht, nee, das will ich nicht, weil das ist Schulmaterial. Also das fand ich irgendwie enttäuschend und traurig.
45:15  Martin
Ich erinnere mich auch noch, dass also hatte ich glaube ich auch
45:17
Bücherpodcast erzählt. Bei uns in der Schule gab's dann immer so so Listen, wo man dann Sachen bestellen konnte, so Kinderbücher und da waren manchmal ganz schöne Sachen dabei,
45:27
Ich selber bin jetzt, glaube ich, irgendwie in zehn Jahren aber auch nie in den Buchladen gegangen. Meine Mutter meinte ja auch, es wäre dann immer schwierig gewesen, irgendwie auch mal schöne Bücher zu kriegen und äh da war dann immer ein großer Ansturm, wenn's dann mal drei, vier gab.
45:37  Margit
Ja und das ist natürlich für Touristen noch schwieriger gewesen, weil sie ja gut, ich hätte natürlich bestellen können und wäre nach einem halben Jahr wieder hingefahren, aber,
45:46
Erstens wusste ich von dieser Option überhaupt nichts, das hat einem ja auch keiner gesagt und zweitens, so oft habe ich dann ähm,
45:54
die gleichaltrige Verwandte auch nicht besucht. Also das fand ich,
46:00
Ja, es fand ich eigentlich immer traurig. Ich hätte mir sehr, sehr gerne Bücher gekauft, sodass ich.
46:06
Auch oft dann gesagt habe, ach weißt du was, behalte einfach den Rest. Ich weiß nicht, was ich mit dem Geld machen soll. Das fand ich dann auch blöd,
46:15
Aber es war ja nichts zu ändern und ein lustiger Anekdote hatten wir diese sicherlich schon tausend Mal erzählte von anderen,
46:22
dass sie dann sagte, oh, ich stelle mich mal da drüben an und ich sagte, was gibt's denn da und sie sagte, weiß ich nicht.
46:29
Ja und dann habe ich gesagt, warum stellst du dich an und dann sagte sie, irgendwas gibt's immer, sonst stellen sie sich nicht an. Also das habe ich auch erlebt.
46:36  Martin
Und da waren sie dann ähm öfter zu Besuch oder beziehungsweise oder waren dann auch mal zu Besuch und das war dann erst nach der Wende.
46:44  Margit
Also zu Besuch war ich überhaupt nicht, das weiß ich jetzt nicht woran es. Ach so, doch weil sie hat ja damals noch zu Hause gewohnt,
46:54
beziehungsweise dann später hat sie in Werder eine Ausbildung gemacht und insofern wäre das ja äh also ich hätte dann also nach Werder, das war dann wahrscheinlich da hätte ich sie nicht in ihrer Ausbildungsstätte besuchen können,
47:07
Und bei ihren Eltern, das wollte sie wahrscheinlich nicht, weil sie auch mal was anderes erleben wollte, sodass wir uns immer, also wie, als wären wir beide Touristen in Ostberlin trafen.
47:18
Ähm ja und dann haben wir da also.
47:23
Ich weiß gar nicht, was wir gemacht haben. Ich kann's nicht sagen. Spazieren gehen, unterhalten an einem Imbiss, was kaufen. Also ich erinnere mich an einen Imbiss. Das war auch total skurril. Am Alexanderplatz.
47:36
Da sagte sie, ähm hast du Hunger? Ja, na dann gehen wir da drüben mal zu dem Imbiss und dann standen wir in einer längeren Schlange an,
47:45
Und dann sagte ich, was gibt's denn sah und da sagte sie Kettwurst und da habe ich gesagt, was ist das denn? Das ist Wurst mit Ketchup,
47:52
Aber das wir dürfen bei uns nicht Currywurst sagen.
47:55
Ja, dann gab's also Kettwurst und das war das erste Mal, dass wir mir auf viel wie unfassbar unfreundlich das Personal war. Das war zum Beispiel auch etwas, was meine Eltern mehrfach äußerten,
48:10
diese Flapsigkeit von Kellnern, dieses dieses naja denn eben nicht. Was wollen sie denn?
48:17
Dass äh das viel mir da also wirklich extrem auf und die diese Imbissverkäuferin war also eigentlich richtig frech zu meiner,
48:27
Großcousine und mich sagte dann hinterher, meine Güte, was ist das denn für ein Ton? Und da sagte sie, wieso, das ist bei uns normal.
48:36
Die werden vom Staat bezahlt, also müssen sich keine Mühe geben. Das fand ich schon bemerkenswert.
48:41  Martin
Wunder mich jetzt tatsächlich, weil in in Ostberlin hat man dann vielleicht tatsächlich noch damit rechnen können, dass vielleicht auch mal Besuch ähm ausm ausm zahlenden Ausland kommt, aber da ist dann wahrscheinlich,
48:53
Ja, dass das Bewusstsein war dann auch nicht so da.
48:57  Margit
Jedes Bewusstsein war anscheinend nicht da, denn es war ja auch klar, also man erkannte ja schon jemanden ausm,
49:04
ich sage mal Ausland in Gänsefüßchen ähm an meiner Kleidung, an meiner Frisur, sicherlich an meiner Sprache,
49:12
Und trotzdem hatte diese Frau nicht das Gefühl, sie könnte vielleicht mal ein bisschen netter sein. Also ja, das fand ich schon bemerkenswert.
49:19  Martin
Haben sie denn dann ähm haben sie das dann als tatsächlich den anderen Teil ihrer Stadt wahrgenommen oder war das eine komplett andere Stadt?
49:27  Margit
Das war für mich eigentlich eine komplett andere Stadt. Also natürlich theoretisch war's ja eigentlich eine Stadt. Es war ja alles Berlin, aber,
49:35
Das war so offensichtlich, so augenfällig, wie anders das alles war, als wäre ich wirklich in eine andere Stadt gefahren. Das waren, das waren natürlich auch Dinge, die mir bei den,
49:48
DDR besuchen mit meinen Eltern, auf vielen, also erstmal dieses Graue, die unsanierten Häuser.
49:56
Der Geruch nach Trabi. Der Geruch nach Putzmitteln. Äh die wenigen Autos und wenn dann eben völlig andere Autos als bei uns, also Travant Warburg, vielleicht nochmal ein.
50:10
VW Golf, aber äh das war ja auch schon mal ein Riesenunterschied. Also die geringe Anzahl der Autos ähm,
50:19
Die Kleidung auf jeden Fall. Also die die Farben des Material, der Schnitt, dieses unmoderne.
50:27
Ähm dann die Verhaltensweise der Leute, also das merkte ich natürlich auch, dass man jetzt hier,
50:35
dass man da so eher mit also mit Schulter zucken oder vielleicht sogar mit eingezogenem Kopf auf so eine Frechheit einer einer Imbissverkäuferin gar nicht reagierte, wo ich,
50:46
Also ich habe mich das natürlich nicht getraut, weil ich ja wusste, dass da eine andere ähm.
50:52
Verhaltensweise in der DDR war aber in Westberlin hätte ich gesagt, mäßigen sie mal ihren Ton oder bei was ist ihnen denn für eine Laus über die Leber gelaufen? Das war schon auffallend, dann war für mich auffallend auch die.
51:06
Ja, eben die Ausstattung in dem Kaufhaus, was es da zu kaufen gab. Also es waren eklatante Unterschiede, ganz klar.
51:13  Martin
Dann waren sie quasi dann immer auch zu Tagesbesuchen quasi bei ihrer Großcousine und äh das dann aber öfter.
51:19  Margit
Ja. Ohne Übernachtung.
51:22  Martin
Und dann ähm sind sie ja tatsächlich auch nochmal ein bisschen weiter in die DDR vorgedrungen.
51:29  Margit
Ja, da gab es noch Geschichten. Also ähm.
51:35
Und zwar gab es da zwei Geschichten, die eine war mit meinen damaligen Ehemann,
51:40
Wir wollten gemeinsam, da hatten wir noch keine Kinder, wir wollten gemeinsam einen Ost-Berlin-Besuch machen als Touristen und äh wir sahen eigentlich beide da überhaupt keine Problematik drin. Er hatte das schon,
51:54
Bevor wir uns kennengelernt hatten,
51:56
ähm öfter gemacht mit anderen Leuten. Ich war in Ostberlin, also das war eigentlich für Westberliner irgendwann,
52:05
was halbwegs Normales, was ohne größeren Schwierigkeiten zu bewältigen war,
52:11
Und wir wollten uns jetzt endlich auch mal ein bisschen Kultur angucken, also mal Ostberlin.
52:17
Nicht Menschen besuchen, sondern kulturell etwas erobern mit einem.
52:22
Mit einem Besuch. Ja, dazu muss man sagen, ähm damals, also mein äh Ex-Mann hatte damals noch den irakischen,
52:30
passt die Staatsangehörigkeit und deshalb gingen wir zur Grenz zum Grenzübergang S-Bahnhof Friedrichstraße, dort war das für,
52:41
Ausländer und Westberliner und Westdeutsche und so weiter war das erlaubt, das heißt wir konnten gemeinsam,
52:48
dort uns anstellen. Ja, dann war das übliche Prozedere, man reichte da seinen behilfsmäßigen Personalausweis, was wir ja als Westberliner hatten, so.
53:01
Kleines Pappding.
53:03
Äh beziehungsweise den Pass dann von ihm ähm reichten wir da durch. Ich war vor meinem Ex-Mann und.
53:12
Bis auf diesen üblichen strengen Blick, also als wäre man Schwerverbrecher und das Herzklopfen, hoffentlich geht alles gut. War es problemlos und ich sagte dann noch, na wir treffen uns gleich drüben,
53:26
Ja, klar. Ja und dann ging ich durch mehrere dieser Türen und landete dann wie üblich auf der Rückseite des heutigen S-Bahnhofs Friedrichstraße.
53:39
Und wartete durch. Das sah natürlich damals alles völlig anders aus, also da kamen die,
53:45
äh die Touristen von Ostberlin alle aus dieser Tür raus,
53:51
und äh da war auch Grenzpersonal beziehungsweise doch also.
53:58
Also jedenfalls uniformierte Menschen mit ähm na ja, also sehr marzialisch, also teilweise mit,
54:06
ähm Bewaffnung, die ich also schon als bedrohlich empfunden habe, das wurde sicherlich mit einer Grenzsicherung,
54:14
gerechtfertigt. Also die hatten da schon,
54:18
Ja, weiß ich nicht, ob das Maschinengewehre waren oder was, also ich kenne mich Gott sei Dank mit Waffen nicht so gut aus. Ja und dann wartete ich dort und dann wollten wir natürlich zur Friedrichstraße und dann irgendwie loslaufen,
54:31
Und da er ja nun direkt hinter mir war, hätte das ja eigentlich nur ein paar Minuten dauern dürfen,
54:37
Und ich trat dann irgendwann unruhig von einem Fuß auf den anderen und er kam einfach nicht und dann,
54:42
kam ich Angst und einfach durch diese gesamten Erlebnisse so in Kindheit und Jugend und diese Beeinflussung und alle.
54:51  Martin
Situation überhaupt.
54:53  Margit
Die Grenzsituation überhaupt dieses martialische mit mit dem Personal und den Waffen. Also ich hatte einfach nicht die Vorstellung, er wäre drüben geblieben, sondern sie hätten ihn festgenommen. Das war das einzige, was mir in den Kopf kam,
55:08
weil auch solche Sätze ab und zu mal so.
55:13
Durchwirken in Funk und Fernsehen und familiären Unterhaltung. Na ja, die können einen ja von der Straße her wegschnappen.
55:22
Und dann sitzt du da an irgendeinem Verließ und kommst nicht mehr raus. Also das war sicherlich wahnsinnig übertrieben. Aber sowas hatte ich dann im Hinterkopf und mir war eigentlich schlecht vor Angst.
55:32
Na ja, also wir wussten eigentlich, wir sollen dieses Personal nicht ansprechen, aber ich überwand dann meine Angst und sprach den einen Grenzbeamten an mit diesen.
55:42
Maschinengewehr, ähnlichen Bewaffnung und schilderte meine Lage und ähm ich hatte schon das Gefühl, dass es nicht so eine richtig gute Idee war, ihn angesprochen zu haben, aber ich wusste auch nicht, was ich stattdessen tun,
55:57
sollte, denn ich überlegte mir, wenn er jetzt tatsächlich festgehalten wird, wegen irgendwas, keine Ahnung und ich gehe wieder zurück, dann wäre er ja in Ostberlin und wüsste nicht, wo ich bin. Also ich fühlte mich auch in einer Zwickmühle
56:10
Na ja, der war aber eigentlich ganz nett, der Beamte und da war so ein komisches Telefon an der Wand
56:16
nicht normales, sondern irgendwie keine Ahnung, so ein Militärtelefon oder was? Ja und dann rief er irgendwo an,
56:23
Und schlettere das kurz und ich versuchte mich etwas diskret beiseite zu halten, aber ich hörte dann trotzdem, wie dieser Beamte.
56:32
Also wirklich äh na ja, ganz schön angebrüllt wurde.
56:37
Also offensichtlich hätte er keinen Kontakt mit mir aufnehmen dürfen und auch nicht telefonieren dürfen. Er hatte einen eklatanten Fehler,
56:45
begangen und wollte wahrscheinlich einfach nur behilflich sein. Er tat mir auch total Leid, dass er jetzt meinetwegen so einen Ärger bekommen hat. Na ja, jedenfalls sagte er dann zu mir,
56:55
also er wüsste nichts Näheres, aber ich sollte in den Bahnhof zurückgehen,
57:00
vom anderen Eingang, weil hier war ja nur der Ausgang ähm.
57:05
Und dann sollte ich mal äh also so wie DDR-Bürger in den Bahnhof gehen und sollte am Fahrkarten,
57:13
Schalter, einen Beamten ansprechen. Mehr könne er mir nicht sagen. Also völlig skurril. Ich ging dann also rein in diese große,
57:21
Treppe, die äh am S-Bahnhof Friedrichstraße.
57:25
Also da praktisch der Eingang äh ähm neben dem damaligen kleinen Buchladen. Ja, ging dann dahin, wo die äh DDR-Bürger ihre Fahrkarten kauften,
57:36
und sprach einen an, der hatte offensichtlich eine Uniform von einer Bahn, also von einer wie hieß es in der DDR Reichsb.
57:44  Martin
Äh genau, reicht deutsche Reichsbank.
57:46  Margit
Von der deutschen Reichsbahn an. Ich schilderte wieder das gleiche, sagte also ich solle mich bei ihm melden.
57:52
Und habe noch gedacht, woher soll er wissen, wo mein Ex-Mann ist.
57:57
Aber ich mache da einfach, was mir, was man mir sagte und er gab dann eine ganz skurrile Antwort und sagte, gehen sie da drüben dahin, wo Damen dransteht.
58:07
Und das war, also ich erinnere mich noch, dass es in der Friedelstraße solche hellblauen Fliesen gab. Und da stand in so einer total alten Schrift, also die war sicherlich noch vor DDR-Zeiten.
58:20
Wirklich Damen und dann sagte ich, aber da ist doch die Toilette. Da sagte er dann ganz streng, gehen sie dahin und gehen sie jetzt beiseite.
58:29
Ja, dann bin ich dahin gegangen, die Treppen runter und,
58:32
Dachte natürlich wirklich, dass das eine Toilette ist, es kann auch tatsächlich einige Wesen sein. Da war eine Tür, aber durch die bin ich nicht gegangen, sondern in dem Moment, wo ich um so eine Ecke kam,
58:43
Wurde ruckartig eine Jalousie hochgezogen, an so einem Fensterchen, da saß dann wieder ein Beamter in so einer Grenzuniform,
58:53
und sagte dann ähm.
58:55
Äh was es denn gibt und ich schilderte das wieder und dann griff er zum Hörer äh ach so, er liest dann nochmal die Jalousie runter, dann hat er anscheinend zum Hörer gegriffen und dann hat er die Jalousie wieder hochgezogen und sagte.
59:09
Äh ihr Mann ist drüben. Dann habe ich gesagt, warum denn? Kann ich nicht sagen. Wird Jalousie wieder runter.
59:17
Ach Gott, na ja. Also es war wirklich alles nicht besonders toll. Besonders, wenn man's nicht versteht, aber ich war dann natürlich erleichtert.
59:25
Und bin dann zu dem Gebäude gegangen, was man ja zu DDR-Zeiten als Tränenpalast bezeichnete. Aus dem Grund, weil dort die Besucher aus dem Westen verabschiedet wurden und dort es natürlich zu vielen Tränen kam.
59:40
Ja, das ist ja heute ein Museum.
59:43
Und dann war ich irgendwann wieder in Westberlin und dann sah ich ihn und sagte was ist passiert und er sagte ich weiß es nicht. Ich habe meinen Pass vorgezeigt, es war alles normal und dann sagte dieser Mensch hinter seiner Glasscheibe,
59:57
Einreise verweigert und dann sagte ich, warum denn? Meine Frau ist doch schon drüben, dann sagte er, ein warum in der DDR gibt es nicht.
1:00:06
Ende der Anekdote.
1:00:08  Martin
Das echt wie so ein Agentenfilm, also seine Seite war ja dann zwar auch ähm überraschend, aber,
1:00:17
ich glaube ihre Seite war die weitaus Nervenaufreibende und ähm ja äh gefährlichere vielleicht auch in der eigenen Vorstellung weil da hat man dann überhaupt keinen Einblick, was passiert gerade mit einem und äh was passiert als nächstes?
1:00:32  Margit
Genau und dieses Grundgefühl von äh ich bin hier in einem Staat, wo man kein Anrecht darauf hat, eine Auskunft zu bekommen,
1:00:42
wo man in gewisser Weise einer,
1:00:45
Einer Willkür ausgeliefert ist, wo man ein gewisses Ohnmachtsgefühl hat. Das war ein ganz scheußliches Gefühl und im Nachhinein aus heutiger Sicht muss ich sagen.
1:00:57
Es muss für DDR-Bürger ja unerträglich gewesen sein, wenn irgendwelche Maßnahmen von staatlicher Seite getroffen wurden, die nicht begründet wurden, sondern einfach vollzogen und man selber,
1:01:11
Sachte sich und jetzt, was mache ich denn jetzt? Also das war sehr, sehr unangenehm. Ja und die zweite Anekdote, wenn ich die auch noch er.
1:01:21
Ähm ja, da war ich deutlich jünger. Da war ich äh.
1:01:28
Wie jung war ich denn da? Also ich würde mal sagen sechzehn siebzehn. Es war auch noch was leicht verbotenes. Wir hatten äh am Grenzübergang drei Linsen. Das war ja in Berlin Wannsee, gab es den,
1:01:43
die Möglichkeit, die war sogar, glaube ich, mal extra ausgebaut worden von Westberliner Seite aus, so eine,
1:01:51
Ähm wie soll ich das nennen? So eine ringförmig gebaute asphaltierte Schleife,
1:02:01
wo sich Tremper hinstellen konnten. Also junge Leute, die Autostop
1:02:06
gemacht hatten, um Transit durch die DDR durchzukommen, weil sie auf dem Weg in den Urlaub waren und kein Geld hatten für die Bahn, fürs Flugzeug, für was auch immer, Auto sowieso nicht,
1:02:19
Also das hört sich vielleicht aus heutiger Sicht skurril an, war aber völlig normal,
1:02:23
Da standen an diesem Grenzübergang, standen mindestens zehn fünfzehn,
1:02:30
besonders am Wochenende und in Sommerzeiten ähm,
1:02:34
Tremper und hielten einen selbstgemaltes Pappschild hoch, wo sie hinwollten. Also natürlich nicht rein in die DDR, sondern durch.
1:02:45
Und äh da stand dann drauf, keine Ahnung. Ähm Nürnberg, München, äh Bayreuth, Fichtiggebirge, was auch immer,
1:02:54
Und es war auch also es war so üblich, dass man auch relativ schnell mitgenommen wurde. Äh das war also wirklich eine kostenfreie,
1:03:03
Art die Fahrt zu bestreiten. Also wenn ich daran heute denke, wie sich die Situation auch geändert hat und mal an meine eigenen Töchter denke, dass die das hätten machen können, da wird mir ganz schlecht.
1:03:16
Aber damals war es üblich. Also die Eltern wollten es natürlich auch nicht. Ich habe meinen Eltern es nie erzählt.
1:03:24
Aber unter, also in unserer Altersgruppe war das normal. Ja und da bin ich also Entschuldigung, wollten sie was.
1:03:32  Martin
Wollte fragen, da haben sie sich dann quasi auch hingestellt und ähm.
1:03:35  Margit
Genau, ja.
1:03:36  Martin
Wollten, wollten wohin.
1:03:37  Margit
Bestellt und wollte zu Freunden,
1:03:42
Also das es gab zwei Ziele, es gab das eine Ziel war Nürnberg, das war das waren äh gleichaltrige, die ich mit einem Urlaub mit zwei,
1:03:52
Schulfreundinnen kennengelernt hatte. Äh da wollte ich ab und zu hin,
1:03:57
und ähm dann hatten hat er eine Schulfreundin von mir, die Eltern hatten ein Ferienhaus im Fichtelgebirge und ein Schulfreund hatte ein dessen Eltern hatten ein Ferienhaus in,
1:04:10
in der fränkischen Schweiz, so dass es eigentlich für mich immer so,
1:04:15
Ja, man hatte ja immer Geldmangel als junger Mensch und da konnte man umsonst übernachten und konnte ein bisschen Ferienzeit verbringen. Also das war üblich, da hinzutrempen. Ich stellte mich also dahin und wollte nach Nürnberg
1:04:28
und hatte auch schon dieses Pappschild äh rausgehalten und die Hinhart war völlig unproblematisch. Ähm,
1:04:36
bin am meisten äh von Geschäftsleuten mitgenommen worden, die das total langweilig fanden, diese nur mit Hundert zu befahrene Rumpelstrecke durch die DDR,
1:04:49
und die haben eigentlich sehr gerne äh junge Leute mitgenommen. Also mir ist da auch nie irgendwas passiert. Das waren eigentlich immer sehr,
1:04:56
nette Männer mit Anzügen und Krawatte.
1:04:59  Martin
Und das war auch nicht das erste Mal, dass sie da quasi jetzt da.
1:05:01  Margit
War auch nicht das erste Mal, also ich war da auch völlig ruhig und fand das normal und wir waren auch schon in Urlaub zu mehreren öfter getrennt. Ja. Also es war eins von vielen Malen. Gut und dann der Rückweg,
1:05:15
fuhren mich die Freunde äh bis nach bis an den Grenzübergang bei Hof. Äh das müsste war das Ruderstein.
1:05:24  Martin
Rudolf stellen, also das ist auch der Grenzübergang, wo wir immer äh über die Grenze gefahren sind in Anführungszeichen.
1:05:28  Margit
Genau, Ruderstein, Grenzübergang. Und die fuhren mich da an einer Autobahnraststätte, also auch das war üblich und ich hatte wieder ein Pappschild Westberlin.
1:05:38
Ja und ich stellte mich dahin,
1:05:40
ist, wollte mich keiner mitnehmen und es wurde später und später und später die Freunde waren also auch schon weggefahren. Ich hatte also auch schon gesagt, kein Problem, habe ich schon tausendmal gemacht. Na ja,
1:05:52
Und irgendwann wurde es kritisch, dann wurde es dunkel und dann war mir natürlich nicht mehr so ganz gemütlich und dann habe ich etwas gemacht, was sicherlich keine gute Idee war. Dann habe ich einen Lastwagenfahrer angesprochen.
1:06:04
Und der sagte, ja, kein Problem, kommst du mit.
1:06:09
Na ja, also ich hatte schon ein blödes Gefühl, als ich einstieg, der hatte so ein.
1:06:15
Etwas obs schönes Schild einer Fensterscheibe zu kleben. Ich bin ein wilder Stier. Also ich hätte am liebsten gesagt, ich steige gleich wieder aus, aber ich musste nach Hause,
1:06:26
Ähm meine Eltern wussten nicht, dass ich das gemacht habe. Die waren selber, glaube ich, irgendwie am Wochenende verreist. Also ich hatte es nur meiner Tante gesagt,
1:06:35
Sprich, ich musste nach Hause.
1:06:37  Martin
Es war Sonntagabend.
1:06:39  Margit
Genau, wenn ich keinen Ärger haben wollte, musste ich nach Hause.
1:06:43
Ja, na ja und dann fuhren wir und fuhren wir und ich wurde wahnsinnig müde und dann sagte dieser äh LKW-Fahrer mit einem Seitenblick, na ja, ich sei ja anscheinend müde, ich könne gerne da auf seiner Pritsche schlafen.
1:06:56
Das da habe ich mich dann hingelegt, na ja, also nach fünf Minuten hatte ich eine Hand auf meinem Bein,
1:07:02
Also es wurde immer ungemütlicher und dann äh habe ich mich schnell wieder hingesetzt und habe dann gedacht, oh weia, oh weia, ich muss jetzt hier irgendwie wieder aus diesem LKW raus.
1:07:11  Martin
Wie kommt man jetzt da wieder raus, weil da ist man dann bestimm.
1:07:13  Margit
Wie wie kommt man da wieder ra.
1:07:14  Martin
Geschockt und in Panik.
1:07:16  Margit
Kann man nicht einfach irgendwo eher genau, man kann ja nicht einfach irgendwo aussteigen in der DDR, das sind ja nicht das sind ja die damaligen Verhältnisse gewesen, ich hatte kein Handy.
1:07:25
Ich durfte nicht aussteigen. Ähm ich war wahnsinnig jung und also ich war ein junges Mädchen kann man sagen.
1:07:34
Ja, na und dann äh wurde er irgendwie immer langsamer irgendwann und fuhr auf so eine Autobahnraststätte, nee oder? Nee, es war nur ein Parkplatz,
1:07:44
ein Parkplatz auf der Transitstrecke und dann fuhr er dahin, wo also gar keine Laterne mehr war. Was er konkret vor hatte,
1:07:54
Weiß ich nicht und ich bin auch froh, dass ich's nicht rausbekommen habe. Ich griff meine Tasche sprang aus dem Auto und rannte los.
1:08:02  Martin
Die Autobahn entlang.
1:08:04  Margit
Autobahn entlang, was natürlich ein Unding eigentlich war, also zu heutigen Zeiten wäre es natürlich völliger Wahnsinn gewesen vom Verkehrsaufkommen,
1:08:12
Das war ja damals zu DDR Zeiten bisschen anders und ich merkte sofort, ich habe meinen Ausweis in dem Wagen vergessen und fing an zu weinen,
1:08:21
Na ja und da merkte ich dann mal den Vorteil eines äh wie soll ich sagen? Überwachungsstatus, also es dauerte keine fünf Minuten, da hielt ein Polizeiauto neben mir und sagte,
1:08:32
fragte mich, aber wirklich sehr freundlich, was ich denn hier mache.
1:08:37
Dann habe ich das geschildert und habe gesagt, mein Ausweis ist da drin und ich weiß nicht, was ich tun soll. Und dann sagte der,
1:08:45
Beifahrer von dem Fahrer. Äh sie durften mich nicht mitnehmen. Ich solle den Weg wieder zurückgehen. Sie würden da auch hin zurückkehren und äh sie würden mir helfen. Na ja, ich bin dann langsam zurückgegangen. Die waren vor mir da.
1:08:58  Martin
Gott sei Dank, ja.
1:08:59  Margit
Und das? Ja, da, Gott sei Dank, das war wirklich martialisch, also der LKW-Fahrer hatte offensichtlich geschlafen,
1:09:06
ich kam also genau an, als die die Tür von diesem LKW aufrissen.
1:09:11
Und diesen Mann also mehr oder weniger aus diesem Wagen zerten und sagten, also hier Hände an die äh an die Wagen, also wie sagt man, an den Wagen,
1:09:22
und haben den also wirklich ganz schön zusammengeschnauzt und der wusste erst gar nicht, wie ihn geschieht und dann sah er mich und dann fing an, wollte er mich beschimpfen und dann haben die ihm aber also na ja,
1:09:33
Es war mit Schmackes. Ja, dann bekam ich meinen Ausweis zurück und dann kriegte er nochmal eine Standpauke und.
1:09:41
Dann haben die zu mir gesagt, ich muss jetzt wieder laufen, aber die nächste Tankstelle sei nicht weit und da würden wir uns dann treffen.
1:09:49
Also ich war ein bisschen erleichtert, aber es war natürlich alles schrecklich für mich. Es war so eine Mischung aus Angst und Panik und schlechtem Gewissen und was habe ich nur gemacht? Oh Gott, oh Gott. Dann trafen wir uns an dieser Tankstelle wieder,
1:10:03
Ja und das war also auch wirklich, da gab's kein Widerwort, da wurde der erste PKW wurde geöffnet und gesagt, äh sie nehmen jetzt hier die junge Frau mit, sie fahren die nach Westberlin,
1:10:16
Ohne Unterbrechung, ohne Pause und wir geben die Meldung an die Grenze durch und wir, sie sind nicht in XY Stunden dort.
1:10:23
Also der wusste natürlich auch nicht, wie im Gesch.
1:10:25  Martin
Ja
1:10:26  Margit
Aber der war total nett, das war einer dieser schon vorher erwähnten Geschäftsmänner.
1:10:31  Martin
Und sowohl er als auch der LKW-Fahrer, das waren beides ähm ja, sagen wir mal, West-Westdeutsche. Okay.
1:10:37  Margit
Durchkreisende, ja, genau. Ach Entschuldigung, ich habe jetzt was verwechselt. Es war wieder ein LKW-Fahrer jetzt. Das mit dem,
1:10:44
geht an. Der zweite war wieder ein LKW-Fahrer und der war dann auch wirklich super nett und hat dann gefragt, was passiert ist und na ja, das also die Fahrt war völlig unproblematisch,
1:10:56
der wusste mit Sicherheit auch, der kann sich jetzt keine Spiränzchen erlauben. Ähm der war ja irgendwie jetzt äh das war ja registriert.
1:11:05  Martin
Und der ist dann einfach durchgefahren.
1:11:07  Margit
Der ist durchgefahren, der hat auch wirklich keine Pause gem.
1:11:10
Ja, dann kamen wir an der Grenze an und dann äh wurden die Papiere durchgereicht und ich hatte, er hatte natürlich nun nicht mich als Beifahrerin, das war ja klar, ich war ja nicht am Anfang mit eingereist.
1:11:24
Das war mir aber nicht klar und jetzt kam wieder so eine berühmte Situation. Man kriegt nicht zu hören, worum's eigentlich geht. Sondern der LKW-Fahrer wurde dann durchgewunken nach der Kontrolle und ich sollte aussteigen,
1:11:37
Und dann sagte dieser Grenzgrenzer zu mir, nehmen sie da bitte diesen Warteding Platz und das war,
1:11:45
Das war einfach ein Container. Das waren fensterloser Container mit einer,
1:11:50
Also super klein, weiß ich nicht, wie wie ein Bauwagen muss man sich das vorstellen, die Größe, der war aus Metall, da waren angeschraubter Minitisch, ein angeschraubter äh keine Ahnung, Metall,
1:12:03
Sitzgelegenheit und eine Glühbirne an der Decke.
1:12:07  Martin
Es war auf Ostdeutscher Seite immer noch, ne?
1:12:09  Margit
Das war immer noch auf DDR-Seite. Tür zu.
1:12:13
So, ich saß da in meinem Blutjungen Alter mit meiner Tasche völlig aufgewühlt. Niemand sagte mir, warum ich da sitze und ich glaubte, dass meine Papiere nochmal überprüft wurden, denn die waren jetzt weg
1:12:27
Also mein Behelfsmisser Personalausweis, den hatte ich abgeben müssen.
1:12:31
Also ging ich davon aus, na ja, der wird ja spätestens in einer halben Stunde wieder da sein. Ne.
1:12:38
Ich wartete, ich wartete, ich wartete, ich verlor vollkommendes Zeitgefühl und ich traute mich auch nicht, diese Tür aufzumachen.
1:12:48
Also die Situation war schrecklich. Ich kann's einfach gar nicht beschreiben. Ich fühlte mich wie im Gefängnis. Ich fühlte mich ausgeliefert. Ich wusste weder, warum ich da sitze, noch was mir passieren wird.
1:13:01
Ich hatte das Gefühl, ich bin an einer schrecklichen, fast Straftat vorbei geschleudert,
1:13:07
ich äh dachte an meine Schule, an meine Eltern, also es war grauenvoll.
1:13:12
Naja und irgendwann drückte dann meine Blase wahnsinnig, aber ich wusste, es ist sehr viel Zeit vergangen, auch wenn ich kein Zeitgefühl hatte, ich hatte auch keine Uhr, es war auch keine Uhr in diesem.
1:13:23
Da und dann machte ich die Tür auf und war völlig von Socken, denn es war hell. Ja.
1:13:30  Martin
Also Montagvormittag dann schon, wo sie eigentlich in der Schule hätten.
1:13:33  Margit
War dann Montagvormittag, genau. Und dann habe ich aber eine Uhr gesehen und das muss sowas wie halb sieben gewesen sein.
1:13:41  Martin
Ah noch nicht ganz Schulzeit.
1:13:42  Margit
Hat. Ja, ich hatte die ganze Nacht dort gewartet. Beziehungsweise man hatte mich warten lassen,
1:13:48
und jetzt kommt ja noch was Besseres. Ähm der Grenzer, den ich dann ansprach, wo denn die Toilette sei, sagte zu mir, warum ich denn hier sei,
1:13:59
Und da sagte ich, das wüsste ich selbst nicht. Ich hätte in diesem Häuschen warten müssen. Also der war völlig verblüfft,
1:14:06
und es war auch ein anderer als der, der gesagt hatte, warten sie bitte dort. Das heißt, es hatte offensichtlich einen Schichtwechsel stattgefunden und man hatte ihn aber nicht informiert.
1:14:17
Und er hat dann gesagt, na ja, den gehen sie mal zur Toilette. Ich ich erkunde mich, was hier los ist.
1:14:23
Ja und dann kam der zurück zu diesem Häuschen, als ich dann zurück war und sagte wir müssen warten bis der LKW-Fahrer kommt, der sie mit reingenommen hat, weil auf dessen.
1:14:37
Äh Papieren steht drauf, dass sie mit eingereist sind. Ansonsten können wir ihre Identität bei der Ausreise nicht bestätigen.
1:14:46
Ja und der hatte sich dann schlafen gelegt. Der kam dann aber kurz danach und dann sprachen die den also eben schon erwähnten.
1:14:55
Ähm PKW-Fahrer an, der soll mich mit nach Westberlin nehmen und dann endlich löste sich das Drama aus und der war wirklich total nett, der hat mich bis vor die Schultür gefahren.
1:15:05  Martin
Also quasi in dem Moment, wo sie zu dem in den LKW gestiegen waren, ist quasi eine Einreise erfolgt und die Ausreise musste dann quasi auch mit ihm erfolgen oder mit durch ihn bezeugt werden und der sie waren jetzt quasi abhängig davon, dass der dann kommt.
1:15:20  Margit
Genau, ich war abhängig davon, dass der wieder aufwacht und wieder aus der DDR ausreist nach Westberlin,
1:15:27
Und da wir ja nicht mal im entferntesten an Handys, Digitalisierung, Internet, Computer denken konnten,
1:15:34
War das eben alles mit persönlichen Kontakt und bestimmten ausgefüllten Papieren verbunden und die waren nicht vorhanden.
1:15:41
Also musste ich warten. Aber der Knüller da dran war natürlich, dass durch den Schichtwechsel auch niemand daran gedacht hatte, mich zu informieren, worum's eigentlich geht.
1:15:52  Martin
Und das das Gute war tatsächlich, dass der dann halt über den gleichen Grenzübergang reinkommen musste und jetzt nicht einfach sagen können, oh dann fahre ich eben westlich an Berlin vorbei oder östlich und äh so dass dann wirklich auch noch diese Bestätigung dann für sie äh gut ausgegangen ist.
1:16:07  Margit
Ja, das waren zwei Erlebnisse, die natürlich meine Einstellung zu diesem System nicht gerade in positiver Art und Weise,
1:16:18
beeinflusst haben und sagen wir mal, das ist ja jetzt unabhängig von den Menschen, also es ist vom System her hat es eigentlich für mich alles bestätigt, was was vorher schon,
1:16:28
Antworten ausgesprochen war und ich ähm sozialisiere. Und wie in und die Richtung, in die ich sozialisiert wurde.
1:16:37  Martin
Im zweiten Beispiel könnte man noch sagen, dass natürlich hier der Überwachungsstaat, wie sie gesagt haben, ähm ihn zum zum zum Guten gereicht hat. Aber diese ganze Situation ähm war natürlich dann trotzdem eine sehr schockierende.
1:16:51  Margit
Auf jeden Fall. Also die was für mich einfach prägend ist und daran sieht man auch eben, dass ich mich an diese Details auch erinnern kann, ist dieses Ohnmachtsgefühl und das Gefühl, ich habe kein Recht darauf, eine Information zu bekommen,
1:17:05
Wenn man das mit heute mal vergleicht,
1:17:07
da würde man doch ohne Angst auf einen Polizisten zugehen oder einen Zollbeamten oder wen auch immer und sagen so, also jetzt hätte ich mal gerne eine Information, was ist hier eigentlich los,
1:17:17
und dann gibt's heute das Wort Dienst Aufsichtsbeschwerde und ich weiß nicht, was alles. Das war ja alles undenkbar,
1:17:23
Und auf der anderen Seite natürlich eine gewisse Dankbarkeit auf jeden Fall, dass die mich,
1:17:29
Im Grunde genommen gerettet hatten vor diesem schrecklichen LKW-Fahrer und mir die Papiere wieder besorgt haben und dafür gesorgt haben, dass ich mich eben nicht wieder mit Daumen raus und patsche,
1:17:40
an die Straße stellen musste,
1:17:42
sondern eigentlich mein meine Unachtsamkeit da also im Dunkeln äh ohne Geld Autostopp machen zu wollen, ausgeglichen haben, indem sie eben ganz streng,
1:17:54
diese Transit äh ähm Kraftfahrer angesprochen haben, um mich wieder zurückzub,
1:18:02
Also das war schon das Positive, da war ich extrem dankbar und auch, dass die eben sofort an der Autobahn gehalten haben und auch wenn sie mich nicht mitnehmen durften, aber sofort gesagt haben, wir helfen ihnen.
1:18:13  Martin
Das fand ich das, genau das wollte ich gerade sagen, das fand ich das absurde dann dran eigentlich auch nochmal, dass diese
1:18:18
obwohl sie ihn helfen wollten, waren die dann auch so eingeschränkt, dass sie noch nicht mal zu denen ins Auto steigen durften, obwohl die vielleicht auch gesagt hätten, oh Gott, die junge Frau, die muss jetzt erstmal sich in Sicherheit führen und na klar fährt die bei uns mit, aber
1:18:30
Das haben halt die Regularien für die auch nicht zugelassen.
1:18:33  Margit
Ja, also ich meine bei uns hätte man sicher oder heutzutage hätte man sicherlich gesagt, jetzt setzen sich erstmal Moment,
1:18:40
oder ein Polizist fährt da alleine hin, holt den Ausweis, bringt den wiederher, der andere hätte mir vielleicht was zu trinken angeboten oder hätte gesagt,
1:18:49
Meine Güte, seit wann haben sie denn nichts gegessen? Ich habe hier noch ein trockenes Brötchen oder irgendwas, aber das war mir klar, das durften die alles überhaupt.
1:18:57
Also es war eine in ihren beschränkten Möglichkeiten ähm begrenzte Hilfe, für die ich sehr dankbar war.
1:19:05  Martin
In dem Moment auf jeden Fall, die die Retter zur richtigen Zeit.
1:19:09  Margit
Ja, genau.
1:19:10  Martin
Ähm.
1:19:12  Margit
War's auf jeden Fall.
1:19:13  Martin
Dann würde ich gerne mal noch zum Schluss so ein bisschen den Blick richten auf die Zeit der Wende, beziehungsweise danach, weil da hat sich ja bestimmt für sie und ähm ihr Leben in Westberlin einiges geändert. Wie, wie hat sich das denn vollzogen und angefühlt dann.
1:19:28  Margit
Ja, also die Wende direkt an die kann ich mich auch noch ganz gut erinnern. Damals war meine ältere Tochter äh ungefähr ein Jahr alt,
1:19:38
und es war so ein Abend, wo mein Ex-Mann äh mit Freunden ausging. Ich war mit meiner Tochter zu Hause, guckte die Tagesschau, schaukelte meine Tochter auf den Schoß,
1:19:49
Und dann kam diese berühmte Ansprache von Herrn Schabowski,
1:19:54
und ich habe das ehrlich gesagt im ersten Moment nicht verstanden. Also das war natürlich sensationell, was er sagte, aber das Ausmaß dessen, was er da gesagt hatte,
1:20:05
Das war mir in dem Moment nicht klar. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das allen sofort klar war, als diese Worte fielen.
1:20:11  Martin
Was da gerade passiert.
1:20:12  Margit
Ja
1:20:13
Was da, was das für Konsequenzen hat, also oder oder von wegen die Mauer geht auf, also solche Gedanken hatte ich überhaupt nicht. Ich fand das Wahnsinn, was er gesagt hat und dass das ab sofort gilt.
1:20:26
Ja und dann habe ich weiter Fern gesehen und dann klingelte mein Telefon
1:20:31
und dann rief mein Ex-Mann an und sagte, er würde an der Mauer stehen und es wäre alles wahnsinnig aufregend und massen von Leuten, das war dann schon aber viel, viel später an dem Abend,
1:20:42
Und also es ist unglaublich.
1:20:44
Da habe ich gedacht, Mist, Mist, Mist. Jetzt wäre ich auch gerne dabei, aber mit so einer kleinen Tochter, das wollte ich dann auch nicht, sodass ich den Abend erstmal zu Hause verbracht habe, aber am nächsten Tag oder zwei Tage später.
1:20:59
Rief meine Großcousine an. Ja, wir sind am Kuhdamm.
1:21:05
Wir würden euch gerne treffen mit der ganzen Familie und wir saßen gerade beim Frühstück und ich dachte, mich trifft der Schlag. Also das war so unvorstellbar,
1:21:15
Ich wusste natürlich warum, aber dass es jetzt so schnell geht, dass die das sofort durften und dass die auch so spontan waren und uns dann gleich anriefen,
1:21:25
Also ich finde daran erkennt man auch so die Intensität der Freundschaft, die äh da bestand, dass das so eine ihrer ersten Ideen war,
1:21:33
Ja und dann kamen die mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder kam sie mit ihrem nee, ich glaube, die hatten schon einen Trabant,
1:21:40
Ich glaube, die kamen wirklich schon zum Trabant nach Charlottenburg. Ja, dann also großes Hallo, Frühstück gemeinsam und dann danach natürlich sofort los. Weiß ich jetzt nicht mehr, ob mit öffentlichen oder Trabant, keine Ahnung.
1:21:54
Und dann kamen wir zur Mauer am Reichstag ähm am Brandenburger Tor.
1:21:59
Und da waren die ersten schon auf die Mauer geklettert und die sogenannten Mauerspechte, die da also mit einem Hammer standen und dann da rumklopften, weil sie sich irgendwie ein Stückchen rausklopfen wollten,
1:22:12
Also ich stand davor mit offenem Mund. Ich hatte das einfach.
1:22:16
Das war für mich immer der Inbegriff von Repressalien, Angst, Waffengewalt, Todesstreifen und jetzt standen die Leute völlig respektlos da oben drauf,
1:22:27
Grenzbeamten machten nichts und die Leute hämmerten da an dieser Mauer rum. Also ich hatte das Gefühl, ich bin in einem Science-Fiction-Film.
1:22:36
Meine Kinder, äh meine Tochter war natürlich noch viel zu klein, die saß im Kinderwagen, die zweite Tochter war noch nicht geboren,
1:22:44
meinem Ex-Mann ging's sicherlich ähnlich wie mir. Und komischerweise diese.
1:22:50
Großcousine, die ja auch in der Zwischenzeit geheiratet hatte und hatte zwei Kinder. Die war gar nicht begeistert. Die war total distanziert.
1:23:01
Und als ich zu ihr sagte, guck mal, ist das nicht fantastisch, was hier passiert?
1:23:07
Da sagte sie irgendwie nur, hm, ich weiß nicht.
1:23:12
Das war der erste Riss, den es gab. Das war mir in dem Moment klar, da geht irgendwas vor, was ich nicht verstehe.
1:23:20
Ja, so habe ich die Wände erlebt.
1:23:22  Martin
Und danach hat sich dann so ein bisschen die Welt geweitet auch für sie. Ne, also sie haben dann sind sie aktuell auf Entdeckungstour noch gegangen in die Region, wo sie wo er nicht hinkam.
1:23:31  Margit
Ja, also wir haben dann, als ich äh noch verheiratet war, war ich dann, also ich fühlte mich wie ausgehungert. Ich wollte alles sehen,
1:23:40
und wir waren dann äh zweimal, also wir waren einmal in Warnemünde und einmal in Neuruppin und leider, leider hatten wir in beiden, es war sicherlich Zufall, aber es waren ja auch die Anfänge,
1:23:54
auch dann die Neuns, die Anfang der neunziger Jahre, die waren ja leider von DDR-Seite aus ähm.
1:24:02
Von einigen Bewohnern rassistisch geprägt, also man denke nur an Rostock-Langenhagen, sodass wir,
1:24:10
Lichtenhagen, Entschuldigung, ähm sodass wir also in sowohl in Neuruppin als auch in Warnemünde hatten wir eine Nazierlebnisse, also in Warnemünde war's ganz übel
1:24:21
Hitlergruß und äh Heil Hitler gerufen und ähm Ausländer nach Dachau, also ganz furchtbar,
1:24:31
und da habe ich dann also meinen Ex-Mann genötigt, dass wir zur örtlichen Polizeistelle fahren und dann habe ich auch äh Anzeige gegen unbekannt erstattet und erlebte leider eine,
1:24:42
Völlig untätige Polizei. Also das fand ich sehr, sehr schlimm.
1:24:48
Und dann in Neuruppin war das, also das war wie so eine wie soll ich sagen, im Stechschritt marschierende Glatzköpfe mit,
1:24:58
mit Springerstiefeln, die irgendwelche ekelhaften Sprüche skandierten und,
1:25:04
Daraufhin sagte mein Ex-Mann, das brauche ich nicht. Ich will nach Hause. So, dass äh ich dann längere Zeit überhaupt nicht mehr im Umland war.
1:25:15
Ähm als wir uns dann getrennt hatten, da brach für mich also wie so eine Schleuse. Und dann hatte ich das Gefühl,
1:25:21
ich will jetzt alles kennenlernen, was es überhaupt nur möglich macht, was überhaupt nur möglich ist und,
1:25:27
Ja, also ich bin überall hingefahren. Also Halle, Erfurt, Weimar, greif's mal, schwerinnen Stralsund, Leipzig, Dresden, überall,
1:25:36
Ja und dann auch nach Polen gefahren, nach Budapest, nach Prag, nach Marienbad, in Tschechien. Dann ging's los mit Skifahren, in Oberwiesenthal, in Steinach,
1:25:47
im Riesengebirge in Polen,
1:25:49
Das war also wie so ein Aufwachen für mich und das war natürlich eine vollkommen andere Sicht plötzlich als die, die ich in meiner Jugend erlebt hatte,
1:26:00
da sind ja total interessante Städte, da sind ja, ist ja unglaublich viel Kultur, die man angucken kann,
1:26:07
und das hat eigentlich, ja, das hat nicht mehr aufgehört,
1:26:11
Also dieses Interesse daran auch so den sogenannten wie wir früher sagten, Ostblock kennenzulernen, also die osteuropäischen Länder mit ihren,
1:26:22
Landschaften und Städten, also das war für mich ein tolles Erlebnis, das hier ist. Das jetzt losging.
1:26:28  Martin
Jetzt wo auf einem befreit war, dann auch von dieser ja von dieser Angst, wenn man dahin fährt, vielleicht war das auch ein bisschen der Grund, wo man sich's bisschen restriktiv war.
1:26:37  Margit
Ja und ich erlebe natürlich auch oder habe erlebt diesen,
1:26:41
Extrem positiv diesen den den Aufbau die Sanierung, also wie die Städte heute aussehen, es ist einfach großartig und wie viel Kultur zu sehen ist, die die ganze sanierte Infrastruktur, die Umwelt, die jetzt auch natürlich viel besser ist,
1:26:56
ist schon.
1:26:58
Ähm ja sagen wir mal, ich habe ja die Hälfte jetzt ungefähr meines Lebens in einer damaligens, also in einer Vorwendezeit verbracht und die andere Hälfte jetzt in der Nachwendezeit,
1:27:08
Das ist einfach fantastisch, was da alles passiert ist äh zum besseren.
1:27:14
Also ich will jetzt nicht sagen, dass jetzt alles besser ist, garantiert nicht. Es gibt ja natürlich auch viele bescheuerte Sachen, aber jetzt so kulturell, umwelttechnisch und dass diese ganzen Repressalien weg sind,
1:27:25
Das ist toll. Das ist einfach toll. Das, womit ja die nächste Generation, also meiner Kinder,
1:27:32
diese Selbstverständlichkeiten, das ist für mich immer noch ganz, ganz toll.
1:27:37  Martin
Das ist eben so selbstverständlich jetzt ist.
1:27:41
Sehr schön. Ähm das war eine sehr schöne Reise durch ähm ja ihre Erinnerung in Westberlin und ja in der DDR. Und ich glaube das war sich auch nochmal eine schöne Ergänzung oder eine Neuinterpretation,
1:27:56
der der Sicht aus Westberlin mit noch mal ganz anderen Aspekten und da möchte ich mich recht herzlich dafür bedanken, dass wir das machen konnten.
1:28:04  Margit
Ja, ich habe das auch sehr gerne gemacht. Ich ähm,
1:28:08
höre ja auch ihren Pots Podcast extrem gerne zu dem ich sehr, sehr viel später gestoßen bin als der ähm angefangen hat, also praktisch erst in diesem Jahr, obwohl er ja schon so lange Jahre läuft,
1:28:21
und höre die ganzen Podcast ähm.
1:28:25
Sendung mit viel Begeisterung und man merkt eben daran, was für unglaublich verschiedene Lebenserfahrungen Menschen machen und das finde ich gerade das Interessante,
1:28:36
Selbst in dieser im Verhältnis zur Gesamt-DDR oder zur gesamten Bundesrepublik.
1:28:43
Äh kleinen Enklave Westberlin gibt so viel verschiedene Erlebnisse und Lebensläufe.
1:28:51
Und das gibt's natürlich dann auch bezogen auf die DDR und ist da mal Westdeutschland, insofern finde ich solche.
1:28:58
Erlebte Geschichte oder History, wie man so schön sagt, finde ich eine ganz, ganz tolle Idee. Also vielen Dank, dass ich teilnehmen durfte.
1:29:05  Martin
Jetzt als als eine Folge ein Teil davon.
1:29:12
Dann wünsche ich ihnen auf jeden Fall jetzt erstmal noch ein schönes Wochenende und bedanke mich nochmals für den Besuch hier bei Staatsbürgerkunde.
1:29:16  
Musik
1:29:32  Martin
An dieser Stelle gucke ich ja sonst immer mit Frank Meißner vom DDR-Museum durch das Archiv und suche ein Objekt zur Folge raus, aber Frank ist leider verhindert für diese Folge. Warum?
1:29:43
Das kann er tatsächlich in einer der nächsten Folgen mal erzählen. Das ist ein spannendes Thema, das wir hier noch gar nicht gesprochen haben. Ähm! Aber auf jeden Fall ist er leider heute nicht dabei, aber ich habe trotzdem ein ähm Objekt zur Folge dabei
1:29:56
Und zwar habe ich das sogar physisch hier. Ähm das hatte meine Freundin mal auf eBay,
1:30:01
ersteigert. Ähm! Der sieht drüber gestolpert und hat das bestellt und zwar passt das sehr schön zu dieser Folge und zwar habe ich vor mir einen Antrag auf Einreise in der DDR,
1:30:10
und ein ähm Antrag auf Ausreise aus der DDR,
1:30:14
Das sind zwei Formulare, das sind so Karteikarten, bisschen festerer Karton. Der Antrag auf Einreisen DDR ist ähm ja so beigem Karton und der Antrag auf Ausreise aus der DDR äh zu grünlichen.
1:30:27
Und ähm ja, das ist ganz interessant zu sehen, als das waren wahrscheinlich dann auch die Dokumente, die Menschen ähm angeben oder ausfüllen mussten, die eben,
1:30:35
die DDR eingereist sind. Ähm, da muss zum Beispiel auch so Sachen eintragen, wie lange man da bleiben wollte, was der Zweck der Reise war
1:30:43
natürlich wie man heißt und wo man wo man arbeitet und was man gelernt hat und ganz interessant natürlich auch auf der Rückseite für die DDR war,
1:30:54
ob man schon mal in den DDR gewohnt hat, also ähm vielleicht auch um nachzuverfolgen, ob das Menschen sind, die ähm ja auch schon mal aus der DDR ausgereist sind, jetzt äh wieder rein reinkommen zu Besuchszwecken. Ähm Reiseziele musste man natürlich angeben,
1:31:09
ja das ist dann eben diese Kartekarte, die verlinke ich euch, die ist auch ähm.
1:31:15
Als Objekt in der Objektdatenbank des DDR-Museums. Die könnt ihr euch da anschauen? Den Antrag auf Ausreise aus der DDR habe ich so nicht gefunden in der Objektdatenbank. Das ist vielleicht auch ein.
1:31:26
Andere Variante des Dokuments, aber so ähnliche findet ihr dann auch da online.
1:31:31
Und äh ja, bei der Ausreise aus der DDR wird eben unter anderem gefragt, haben sie Verwandte außerhalb der DDR, die nach neunzehnhundertfünfundvierzig in der DDR gewohnt haben.
1:31:40
Also auch da wieder die Frage nach Menschen, die anscheinend meine DDR gewohnt haben, dann ausgereist sind und ähm ja zudem man wahrscheinlich Kontakt aufnehmen könnte.
1:31:51
Muss man auch angeben, was der letzte Wohnsitz dieser Menschen war und ähm ansonsten,
1:31:57
ganz üblichen Personal ja, also wie man heißt, wenn man geboren ist,
1:32:02
Ja, natürlich auch was der Zweck der Reise sein soll. Also ganz interessante Dokumente, mit denen der SED Staat versucht hat, mehr über die Menschen herauszufinden, die seine Grenzen passiert haben,
1:32:13
und ja, schaut euch das gerne mal an in der Objektdatenbank des DDR-Museums und ich freue mich schon, wenn wir Frank Meißner das nächste Mal wiederhören.
1:32:22
Ja und damit endet die dreiundneunzigste Ausgabe von Staatsbürgerkunde. Schön, dass ihr zugehört habt.
1:32:25  
Musik
1:32:28  Martin
Die nächste Ausgabe kommt schon bald. Damit ihr keine Folge verpasst, abonniert den Podcast am besten. Die Links und den großen Abonnierenknopf findet ihr auf der Website WWW.
1:32:38
Minus Podcast Punkt DE. Ich bedanke mich für eure Zeit und bei meiner Gäste Margit, für ihren Besuch.
1:32:46
Danke auch an Wolfgang Wöhrle für sein Stück Ambient One, dass den Soundtrack zum Podcast bildet. Danke auch wie immer an Ulrik.
1:32:54
Pisode und eines DDR-Museum für die Unterstützung. Alle Links findet ihr. Alle Links findet ihr wie immer in den Shownotes.
1:33:02
Natürlich auch ein großes Dankeschön an alle Unterstützerinnen und Unterstützer. Wir freuen uns sehr über jeden Betrag, der per PayPal oder direkt bei Überweisung zum Fortbestehen des Formats beiträgt. Für die Zeit seit der letzten Folge bedanke ich mich bei.
1:33:18
Für die Unterstützung seit der letzten Folge bedanke ich mich bei Manuel, Christine Robert, Dirk, Charlotte, Jens Anne und Mirko, Matthias und Christoph. Vielen Dank an euch.
1:33:31
Wenn auch ihr etwas in den Hut werfen möchtet unter WWW Punkt Staatsbürgerkunde Minus Podcast Punkt DE findet ihr alle Infos unter dem Link.
1:33:39
Falls euer Podcast diese Funktion unterstützt, könnt ihr auch direkt über den entsprechenden Button bei dieser Folge einen Betrag eurer Wahl.
1:33:48
Wie immer sind wir gespannt auf eure Kommentare zu dieser und anderen Episoden auf der Website. Auch ein Kommentar bei Apple Podcast hilft uns, sichtbare für neue Hörerinnen zu werden und gefunden zu werden.
1:33:57
Daher unsere Bitte, wenn ihr uns unterstützen wollt, muss das nicht immer finanziell sein. Empfehlt uns gerne weiter, kommentiert und teilt diese Folge, das hilft ebenso. Ein großes Dankeschön von uns fürs Zuhören und bis zur nächsten Folge. Tschüss, euer Martin.