Bildung in Bewegung

Die IG Metall Bildung ist in Bewegung, weil sich die Gesellschaft und die Arbeitswelt in Bewegung befindet. Der Podcast gibt Einblicke, wohin die Reise geht, welche Zwischenstationen für Expeditionen eingelegt werden und welche Utopien sich am Horizont auftun könnten.

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episode 1: Webtalk #01 – Die neue Rechte, rechte Netzwerke und Radikalisierung im Internet [transcript]


Wir wollen einen Diskussionsanstoß zur politischen Lage in Deutschland geben. Die organisierte, die parlamentarische, aber auch die terroristische Rechte hat einen ungeahnten Aufschwung erlebt. Dabei spielt das Internet als Vernetzungs-, Multiplikations- und Radikalisierungsinstrument eine große Rolle. Auch in betrieblichen und gewerkschaftlichen Zusammenhängen ist dieses Thema nicht zu unterschätzen. Gerade unter der Annahme, dass die Corona-Krise eine ökonomische Krise mit sich bringen wird, ist es von großer Bedeutung, sich inhaltlich und politisch auf Auseinandersetzungen im Betrieb und in der Gesellschaft vorzubereiten.

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 2020-07-01  2h7m
 
 
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Dann darf ich euch ganz herzlich begrüßen
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zu unserem ersten Webtalk, so haben wir es genannt,
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zum Thema, die Neue Rechte, rechte Netzwerke und Radikalisierung im Internet.
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Wir von der IG-Metall-Bildungsarbeit haben uns jetzt in diesen Coronazeiten überlegt,
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dass es gut und sinnvoll wäre, trotzdem mit euch im Gespräch zu bleiben und euch Angebote zu machen, um sich inhaltlich
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weiter zu bilden, vielleicht auch in Austausch zu kommen, mit uns. Ihr wisst, die Themen, die wir hier anbringen,
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die wollen wir gerne mit euch auch verhandeln,
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und haben dafür diesen Weg gewählt, diesen Webtalk, das erste Mal. Wir werden versuchen so etwas
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nachzustellen, was wir schon in unseren Präsenzveranstaltungen machen mit dem Forum Politische Bildung.
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Man könnte es auch Forum Politische Bildung digital nennen. Auf jeden Fall fangen wir damit an heute in dieser Art und Weise und
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wenn alles gut läuft und davon gehen wir aus, werden wir in 'nem wöchentlichen oder zweiwöchentlichen Turnus
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weitere Angebote dieser Art bereitstellen.
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Ich habe gesagt, wir haben das Thema die Neue Rechte, rechte Netzwerke und Radikalisierung im Internet, aufgerufen, das ist uns ein wichtiges Anliegen.
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Gerade auch in Zeiten dieser Coronakrise, wo vieles Thema ist und vieles ein bisschen in den Hintergrund gerät wollten wir
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bei der Frage dranbleiben,
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wie es eigentlich mit der Radikalisierung der Gesellschaft, gerade mit dem - was auch von der rechten Seite aus passiert - aussieht, nicht unter den Tisch fallen lassen.
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Ihr wisst die Mordanschläge von Hanau sind nicht allzu lange her und
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das, was vorher passiert ist, passiert jetzt auch weiter, bloß mit einer ganz großen Lage, Coronakrise obendrauf und wir wollen das Thema hier aufgreifen, um
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auch für Diskussionen, die wir sehen, die euch in den Betrieben und in euren Bekanntenkreisen
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weiter erreichen werden, dass wir die hier aufgreifen und thematisieren, dafür freue ich mich ungemein hier ein paar Gäste begrüßen zu dürfen. Wir haben hier schon im Bild
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Thorsten, Thorsten Stelzner aus Braunschweig, Vita-Mine ist
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00:02:34.833 --> 00:02:42.973das Setting, indem du dich mittlerweile präsentierst und mittlerweile auch relativ bekannt durch dein YouTube Video und das Coronagedicht.
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Wir haben dich eingeladen, um hier die kulturelle Begleitung zu dieser Veranstaltung
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durchzuführen und wir haben drei inhaltliche Gäste, zum einen Matthias Quent, vom IDZ,
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der sich hier gerade einblendet, dem Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft aus Jena. Matt vielleicht hat man dein Gesicht schon mal im Fernsehen gesehen,
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zu Fragen von Rechtextremismus, Rechtsradikalismus. Jedes Mal, wenn
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etwas in dieser Richtung passiert, bist du mittlerweile relativ prominent, auch im Fernsehen zu sehen, gleichzeitig aber auch Institutsleiter für dieses schon genannte IDZ.
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Ihr forscht im Bereich Demokratie, Zivilgesellschaft, was für Radikalisierungsströmungen gibt es aktuell, wie kann man Demokratie
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in diesem Land stärken. Wir freuen uns sehr, dass du ein Input geben wirst, zu so einer allgemeinen Einordnung dessen,
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wie die Bestandsaufnahme im Jahre 2020 in der Bundesrepublik ist, vielleicht auch einen kleinen Verweis darauf, was ich aktuell in der Coronakrise tut.
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Wir freuen uns auch sehr Karolin Schwarz begrüßen zu dürfen. Karo auch du sei herzlich willkommen.
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Du hast ein spannendes Buch veröffentlicht, vor gar nicht all zu langer Zeit, dass sich Hasskrieger nennt.
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Ein sehr martialischer Titel, hinter dem sich, wenn ich es richtig verstanden habe, verbirgt,
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dass du dich längere Zeit mit den Diskursen und Auseinandersetzungen und der Mobilisierung vor allen Dingen von Rechten in sozialen Netzwerken und anderen Messengerdiensten beschäftigst.
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Keine schöne Aufgabe, wie ich glaube, aber eine sehr wichtige. Zudem bist du auch bekannt für
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das Projekt Hoax-Map, also den Versuch aufzuklären, wo welche Gerüchte, Falschmeldungen gestreut werden, wie das Internet genutzt wird und das erleben wir auch gerade in den Coronazeiten, um
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Nachrichten zu verbreiten, die aktiv dazu gedacht sind, um
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unsere demokratische Grundstruktur zu destabilisieren und menschenfeindliche Positionen in die Gesellschaft zu tragen. Auch
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dir nochmal herzlich willkommen. Ich freue mich schon auf deinen Input. Und wir dürfen unsere Chaja Boebel begrüßen. Ich sage unsere Chaja Boebel weil
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viele sie kennen dürften aus der gesellschaftspolitischen Bildungsarbeit.
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der IG Metall aus den Bildungszentrum Berlin, einer wichtigen historischen Stätte, wo du, Chaja, auch für die historischen Seminare zum einen, aber natürlich auch
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die Themen
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rechts von unserem Spektrum bekannt bist und in viele Auseinandersetzungen gehst im Seminarraum, aber auch in unseren Organisationsstrukturen.
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Dich haben wir eingeladen, weil wir glauben, dass du einen besonders guten Blick auf die betrieblichen Auseinandersetzung hast.
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Das, was aktuell nicht nur im Feuilleton oder in den Nachrichten diskutiert wird, sondern das, was auch tatsächlich diskutiert wird, an den Werkbänken, in den Büroräumen.
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Auch dir nochmal herzlich willkommen, auch hier freuen wir uns auf dein Input.
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Zur Grundstruktur: ich hatte die drei Referenten vorgestellt. Der Thorsten ist hier im Bild. Thorsten fängt mit einem Gedicht an, dann machen wir kurze Beiträge mit gegebenenfalls Möglichkeiten, zu diskutieren mit euch.
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Ihr habt bei euch auf eurer Ansicht die Möglichkeit zu interagieren mit uns. Drei Möglichkeiten,
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zum einen könnt ihr in den Chat reinschreiben, dann sehen wir das hier in der Diskussionsplattform, was ihr uns mitteilen wollt.
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Allgemeine Statements, Erfahrungseinschätzungen, all das wird bei uns landen. Dafür haben wir
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ein paar Kollegen hier im Hintergrund, Guido Brombach, für die technischen Unterstützung, Benjamin, Stefan, Werner, Florian, die seht ihr alle nicht, aber die sind trotzdem da
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und unterstützen das Ganze hier, um das Setting entsprechend bereit zu halten. Falls ihr technische Anmerkungen, Fragen habt, Probleme habt, könnt ihr das gerne da reinschreiben, wir versuchen euch
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zu unterstützen damit alles soweit funktioniert
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und das, was ihr an Einschätzungen habt, das würden wir versuchen aufzugreifen und hier auch mit zu diskutieren, und zu verhandeln. Wenn ihr sehr konkrete Fragen und unsere drei Referentinnen und Referenten habt,
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dann habt ihr die Möglichkeit, in Fragen und Antworten - das ist ein weiterer Knopf unten - dort etwas einzugeben und hier würden wir schauen,
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dass wir, wenn es möglich ist, Details zu beantworten. Dafür haben wir auch jemanden da, den Michael Jänecke, der extra nur diese Fragen bearbeitet, die beantwortet.
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Und wenn es Fragen sind, von ihr glauben, dass wir sich hier vielleicht auch direkt an die Referentinnen und Referenten stellen können, dann werde ich sie hier mal vorlesen, in dem Bezug, wer sie
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gestellt hat. Und zu guter Letzt könnt ihr die Hand heben, vielleicht könnt ihr das alle einmal kurz ausprobieren, als kurzen Gruß und zu sehen, wie die Technik funktioniert, einmal die Hand heben.
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Fuffzig, sechzig, ja, wunderbar, ihr habt's entdeckt, das klappt ganz hervorragend.
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Ich nehme sie runter. Normalerweise nutzen wir das, um euch dann aktiv einzubinden, indem wir euch dann dran nehmen, euch Sprechrechte geben,
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um euch hier einzubinden, bitte verzeiht uns, wenn wir nicht jeden und jede drannehmen können. Es sind schon aktuell hundertacht Zuschauer da, vielleicht werden's noch ein paar mehr.
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Wir werden ein bisschen schauen und spielen, je nachdem wie das mit der Zeit läuft.
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Vielleicht schreibt ihr auch was in Fragen oder Antworten oder Chat. Und dann kommen wir gegebenenfalls auf euch zu und würden euch einbinden, dass ihr nochmal
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Einschätzungen reinbringt, je interaktiver, desto besser. Gleichzeitig bitte ich
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Da noch auf Verständnis, dass wir das in dem Umfang in der Form auch nicht so öffnen wollen, dass jeder und jene hier drankommen kann.
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Soweit von meiner Seite. Ich glaube, ich habe auch erstmal genug gesprochen und ich würde an der Stelle Thorsten dich bitten
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einzusteigen, uns quasi einzuleiten in dieses Veranstaltung, mit deinem Corona-Gedicht.
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Okay?
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Dann mache ich das mal. Also erstmal grüße ich euch alle recht herzlich und freue mich dabei sein zu dürfen heute. Für mich das erste Mal auf dem Wege mit Publikum in Kontakt zu treten und auch das erste Mal, dass ich diesen Text jetzt hier
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tatsächlich öffentlich lese, der davor zwei, drei Wochen sozusagen viral gegangen ist, "Gute Nacht Deutschland".
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Um Mitternacht, ich liege wach / und denke über vieles nach / Zuerst kommt mir direkt in den Sinn / dass ich extrem
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<br>
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geborgen und ziemlich frei von Sorgen bin / Obwohl längst Nacht und wirklich spät / das Licht, es brennt, die Heizung geht / Das Wasser läuft, das Dach ist dicht /<br>
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Der Regen draußen stört mich nicht /
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Das Haus ist ruhig, die Kinder auch / nicht eines krank, kein Hungerbauch / sind alle fit, satt und gesund /
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sie schlafen tief, für Angst kein Grund /
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Das ist ein Glück, das größte schier / wir leben jetzt, wir leben hier / nur hundert Jahre früher, eventuell auch später /
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was taten, täten, Mütter, Väter / um sich ganz so bewusst zu sein / Es geht uns gut, wir hatten Schwein /
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tausend Kilometer, die Richtung fast egal / da leiden Menschen, größte Qual / Da herrscht Verzweiflung, Angst und Not /
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da stirbt die Hoffnung, siegt der Tod / Da fragt sich mensch, warum, warum nur wir / warum herrscht Krieg und Seuche hier / warum ist leben hier so schwer? /
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Es geht mir schlecht, ich kann nicht mehr /
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Und Mitternacht, ich liege wach / und denke über vieles nach / Als zweites kommt mir in den Sinn / dass ich hier ziemlich sicher bin /
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und unermesslich dankbar bin / all' denen, die auch nachts noch tun / was nötig ist, sie tun es nun / Ich liege hier und schreibe bloß /
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dieses Gedicht, wie ahnungslos / ich weiß genau, ich weiß es nicht /
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wie es ist, wenn man zusammenbricht / unter der Last, dem Druck, dem Stress / der einen nicht mehr ruhen lässt /
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Was für ein Glück, das größte hier / die Menschen, die steht's dir und mir / zur Seite stehen und dafür sorgen /
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ja das Licht, es brennt auch noch am Morgen / Das Wasser läuft, die Heizung geht /
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Egal wie kalt, egal wie spät / Wir sind versorgt, wir werden satt / und wenn es jemand nötig hat /
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dann sind sie da, ob Tag, ob Nacht / verarzten uns und halten wacht /
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Sie hegen, pflegen und versorgen / und bleiben meist dabei verborgen /
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Sie schützen uns zu jeder Zeit / tun ihren Dienst, sie sind bereit / Ob es hier raucht, knallt oder brennt / wenn man am liebsten selbst wegrennt /
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dann tun sie nicht nur ihre Pflicht / nein, das ist mehr, das trifft es nicht / Um Mitternacht da lag ich wach / dachte kurz darüber nach /
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und dann fiel mir schließlich ein / wir sollten demütig, zufrieden und im besten Sinne menschlich sein / Mehr fällt mir dazu jetzt nicht ein /
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Außer doch / das Eine noch / es gibt tatsächlich Menschen hier / die kloppen sich um Klopapier /
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Gute Nacht Deutschland, schlaf gut / und die Welt schaut zu." Danke schön.
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Vielen Dank, lieber Thorsten. Für dieses, ich will nicht sagen inspirierende, Gedicht aber auf jeden Fall zutreffende. Wir hören gleich noch später mehr von dir.
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Matthias, ich würde dich bitten, sozusagen auf die Bühne zu kommen.
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Ich hatte schon
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einen Satz zur Einleitung gesagt, vielleicht kannst du auch nochmal etwas zu dir erzählen, bevor du loslegst, mit deinem Vortrag, den du vorbereitet hast
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zur Neuen Rechten im Jahr 2020, im Jahr 2019, so eine allgemeine Bestandsaufnahme
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zur Situation. Du kommst aus Thüringen, das ist nochmal vielleicht besonders interessant, das ist ja gar nicht so lange her,
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dass der Flügel rund um Björn Höcke da so einen kleinen, politischen Coup inszeniert hat, im Thüringer Landtag.
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Solche Fragen beschäftigen euch genauso, was rund um diese terroristischen Attentate von Hanau bis
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hinüber zu den anderen Orten, die ich jetzt nicht alle aufzählen möchte. Angefangen, vielleicht mit den NSU-Morden.
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All das ist Thema für dich, ist für euch Thema und ich würde mich sehr freuen, wenn du uns ein paar Einschätzungen geben kannst
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zu dem, auf was es zu achten gilt, vielleicht auch aus einer gewerkschaftlichen Brille und Perspektive,
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und vielleicht auch mit dem Blick, was gerade während dieser Coronakrise, während so viele andere Diskussionen gerade laufen, trotzdem nicht
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vergessen werden sollte und nicht vom Schirm fallen sollte.
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Ja, lieber Sok-Yong, liebe Kolleginnen und Kollegen. Erstmal vielen Dank für dieses inspirierende Gedicht. Ich glaube, da ist sehr viel Wahrheit drin, viel von dem
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sollten wir uns gegenwärtig halten, wie gut es uns doch geht, dass viel von diesen
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Dingen, die wir in der Vergangenheit auch als selbstverständlich genommen haben, keineswegs selbstverständlich sind und dazu gehören auch
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demokratische Errungenschaften. Auch das stellen wir jetzt fest, selbstverständlich die Sicherheit, die Versorgung mit Grundbedürfnissen, mit Grundnahrungsmitteln selbst mit Klopapier ist gesichert. <br>
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00:13:49.723 --> 00:14:09.054Was allerdings nicht mehr gesichert ist, dass sind demokratische Bürger- und Freiheitsrechte, ein Großteil der Bevölkerung, wir alle <br>
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nehmen das im Moment so hin, weil wir es für notwendig halten. Wir machen solche Chats von
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Veranstaltungen von zuhause aus, weil es das Gebot der Stunde ist auch so zu handeln. Nichtsdestotrotz schwebt hier über uns auch ein
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Schwert des Autoritarismus, das insbesondere auch im Kontext mit den Entwicklungen der radikalen und populistischen Rechten in den vergangenen Jahren kritisch betrachtet werden muss. <br>
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Was passiert hier eigentlich, was passiert noch viel schlimmer beispielsweise in Ungarn, wo die Krise genutzt wird, um die Demokratie <br>
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ganz abzuwickeln oder weiter abzuwickeln. Und da sind wir im Grunde mitten im Themenfeld. Ich bin aus Jena zugeschaltet, bin hier ohne Gesichtsmaske, wenn ich rausgehen müsste, müsste ich sie aufsetzen, jedenfalls nachher beim Einkaufen.
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Das ist eine Sache für die die Stadt in der Vergangenheit in die Schlagzeilen gekommen ist, etwas anderes war natürlich der NSU-Komplex, die Ermordung von
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zehn Menschen über vierzehn Jahre hinweg durch eine rechtsterroristische Gruppe, die in Jena entstanden ist, sich hier radikalisiert hat, die
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rassistische Attentate verübt hat.
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Und die aber auch gezeigt hat, wie viel Rassismus über den rechten Rand hinaus in der Gesellschaft verbreitet ist. Ich nenne nur den Begriff der Dönermorde, der damals ja auch in der liberalen Presse von benutzt
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wurden, um diese Mordserie, die Ceska-Mordserie, zu beschreiben. Die Gründung des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft, dass ich hier leiten darf,
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war eine Schlussfolgerung aus dem ersten NSU-Untersuchungsausschuss im Thüringer Landtag. Die rot-rot-grüne Landesregierung hat
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den Auftrag sozusagen ausgesprochen und auch die Herausforderung angenommen, diese
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neuen Entwicklungen, die seit unserer Gründung 2016 nicht weniger, sondern noch größer geworden sind, noch schwieriger geworden sind, auch zu unterstützen. Auch die Bundesregierung ist in diesem Bereich viel aktiver als in den letzten Jahren, um mit positiven Dingen zu starten.
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Ich würde eine ganz kurzer Einführung geben
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zum Hintergrund, was meine ich eigentlich, wenn von Rechtsaußen die Rede ist, das ist der Titel eines Buches, das ich im vergangenen Jahr veröffentlicht habe, Deutschland rechtsaußen -
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wie die rechten nach der Macht greifen, wie wir sie stoppen können. Ich würde zwei oder drei Schlüsselthesen vorstellen, um dann in die Diskussion zu steigen, was hat das mit der aktuellen Krisenlage zu tun,
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wie können wir
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damit umgehen. Jetzt versuche ich mal, hier die Bildschirmfreigabe zu organisieren und es wirkt so, als hätte das auch funktioniert.
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Deutschland rechtsaußen, Bestandsaufnahme 2020,
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der Titel der Veranstaltung ist Neue Rechte. Ich habe mit dem Begriff so mitunter meine Schwierigkeiten, er ist ein Fachbegriff letztlich, um einen intellektuellen Rechtsextremismus zu beschreiben, der aber in Wirklichkeit auch nicht neu ist,
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der seine Ursachen, seine Wurzeln hat in der Reaktion auf die sogenannte Neue Linke, auf die 68er Bewegung, in den
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60er Jahren. Die sogenannte Neue Rechte gibt es also schon sehr, sehr lang. Und auch die zentralen Mechanismen, die zentralen Sozialmechanismen
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mit denen sie arbeitet, insbesondere denen des Rassismus oder der Ungleichwertigkeit von Menschen ist keineswegs neu, es gibt einige modernisierte Aspekte, dieser im Kern antimodernen
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Zusammenschlüsse. Und wenn man mich fragt, was ist eigentlich das wirklich Neue an der Neuen Rechten in Deutschland, dann würde ich entgegnen,
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eigentlich ist nicht wirklich viel neu daran, außer vielleicht die Medien, die sie nutzt - darüber wird Karolin nachher referieren -
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und dass sie in Deutschland eine eigene und zwar erfolgreiche Partei hat, hinter der sich sozusagen das Rechtsaußenspektrum
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sammelt. - Matt entschuldige bitte. Ja. Ich kann deine Präsentation nicht sehen, vielleicht probierst du es nochmal mit dem Bildschirm freigeben.
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00:18:27.218 --> 00:18:35.980
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Also ganz kurz eine grobe Unterscheidung: Rechts außen. Im englischen gibt es da den schönen Begriff "the far right" als einen Überbegriff für etwas, was in Deutschland diskutiert wird als
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Rechtsextremismus oder auch als Rechtsradikalismus. Es wird hier unterschieden
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unter dem Slogan sozusagen, der Gemeinsamkeit der Vorstellung Volk und Staat seien eins und
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die von außen dazukommen, Migrantinnen und Migranten insbesondere, seien eine Bedrohung. Dann ist zu unterscheiden zwischen der
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radikalen Rechten, die sich nicht gegen das demokratische Wahlprinzip an sich richtet, sondern vor allem gegen liberale Eliten, gegen Minderheiten,
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gegen Grundrechte, die ja auch in der Verfassung festgeschrieben sind. Artikel eins Grundgesetz, die Würde des Menschen ist unantastbar. Also auch die radikale Rechte steht im Widerspruch
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zur Verfassung. Im Gegensatz dazu, das ist eine natürlich Idealtypische Unterscheidung, sagt
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die extreme Rechte:" Die Demokratie als solche muss abgeschafft und ersetzt werden,
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Gewalt gegen Feinde des Volkes ist legitim." Und an dieser Unterscheidung seht ihr schon,
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dass wir es natürlich mit idealtypischen Phänomenen und Beschreibungen zu tun haben, die man international so festlegen kann. Aber im Einzelfall, selbst auch wenn wir in die Partei AfD schauen und an die Gewaltfantasien von Björn Höcke denken,
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verlaufen, da die Grenzen sehr schnell,
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aber im allgemeinen rede ich im Schwerpunkt über den allgemeineren Begriff, der radikalen Rechten, also Akteure, die antidemokratisch sind, ohne dass sie von sich auch sagen, die Demokratie abschaffen zu wollen,
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wobei viele Elemente ihrer Politik darauf hinauslaufen, zentrale Wesensmerkmale und insbesondere auch Werte der Verfassungsnorm des Grundgesetzes abzuwickeln.
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So viel ist daran, nicht neu. Ich gebe nur ganz kurz Einblick in einige Kontinuitäten, wir haben,
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seit dem Nationalsozialismus keine Stunde null gehabt, im eigentlichen Sinne, ja, es gibt ein sehr gutes Grundgesetz, aber wir haben schon
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auf der Ebene des Staatsapparates viele Kontinuitäten gehabt, das ist bekannt, von Altnazis in staatlichen Strukturen und wir haben auch ein Fortleben von rechtsextremen Einstellungen.
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1981 maß die Sinus-Studie in der alten Bundesrepublik, also in Westdeutschland,
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dreizehn Prozent aller Wähler haben ein geschlossen rechtsextremes Weltbild und werden dementsprechend handeln, wenn die Bedingungen, die gesellschaftlichen Umstände es zulassen.
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Das Institut für Konflikt- und Gewaltforschung, das regelmäßig die Studien zu deutschen Zuständen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit rausgibt,
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hat diese Werte 2002 gezeigt: 24,8% der Ostdeutschen, 18,3% der Westdeutschen können dem rechtspopulistischen Potential zugeordnet werden,
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was ja ziemlich genau den Wahlergebnissen entspricht, die wir in den vergangenen Jahren erleben konnten.
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2010, jeder fünfte Deutsche würde eine Sarrazin-Partei wählen, auch damals keine adäquate Gegenreaktion, auf eigentlich virulente Befunde. Man hätte es sozusagen wissen können.
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2006 hat Götz Kubitschek, der einer der Vordenker der sogenannten Neuen Rechten ist, die wahrscheinlich wichtigste Einfluss nehmende Person, auf den sogenannten Flügel der AfD,
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ein Buch veröffentlicht mit dem Titel "Unsere Zeit kommt". Was einst wie eine
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Drohung klang kann man heute so ein bisschen als eine Vorwegnahme von Geschichte deuten wollen. Tatsächlich aber geht es mir darum, daran zu zeigen, was die Strategie ist, die diese sogenannte Neue Rechte versucht zu
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bedienen und was das mit der aktuellen
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Krisensituation zu tun hat. Wir reden viele über die Anschläge in Hanau, in Halle, über die Ermordung von Walter Lübcke,
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oft gerät dabei aus dem Blick, dass es seit 1990 mehr als 208 Todesopfer rechter Gewalt in Deutschland gibt;
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208 Menschen, die ermordet wurden, weil sie Migrant*innen sind, weil sie Linke, Punks, Obdachlose, Homosexuelle,
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Juden sind, weil sie Minderheiten angehören.
22:40
Walter Lübcke war der erste amtierende Politiker, der seit dem zweiten Weltkrieg von Rechtsextremen in Deutschland umgebracht wurde, aber auch die Gewaltebene hat -
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und das ist ein Unterschied zwischen Deutschland und anderen europäischen Staaten - hier eine ganz, ganz starke Verankerung und leider auch
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Tradition.
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Wenn wir also sehen, 2006 Götz Kubitschek, jemand, der jetzt nicht nur mit Björn Höcke sondern auch mit Alice Weidel gemeinsam Veranstaltungen macht, sagt, "unsere Zeit wird kommen", dann muss man verstehen, was
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dahinter steht. Dahinter steht die Vorstellung sich in gesellschaftlichen Nischen am Leben erhalten zu haben, tatsächlich als so eine Art extreme oder randständige Organisation, in der Faschismusforschung ist da von der "groupuscular" (Splittergruppen-) Rechten mit Roger Griffin die Rede
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Also die Vorstellung, dass die Organisationen politisch unbedeutend sind, dass sie aber, wenn die Zeit gekommen ist,
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nämlich wenn es eine gesellschaftspolitische Krise gilt, aus der man
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reüssieren kann, das bedeutet also aus der gesellschaftlichen Nische wieder hervortreten kann, so tun kann, als hätte man eine Alternative, als hätte man Antworten auf
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politische Fragen, die die Gesellschaft bewegt, dann neue auch parlamentarische Erfolge zu zeitigen und wir müssen leider sehen, dass diese Strategie in den vergangenen Jahren aufgegangen ist.
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Die AfD wurde gegründet als eine
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noch nicht rechtsradikale, aber doch rechtspopulistische, Partei im Kontext der sogenannten Eurokrise 2013, sie hat sich
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seit 2015 ganz massiv im Kontext der sogenannten Flüchtlingskrise nach rechts außen radikalisiert. Sie hat
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mehrere Spaltungen, zwei Parteispaltungen, hinter sich und vermutlich steht demnächst eine weitere an, oder jedenfalls der Weggang von Jörg Meuthen an. Wenn ich wetten müsste, würde ich darauf <br>
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wetten, dass er den Weg von Bernd Luke und Frau Petry bestreiten wird und auch gegen die weitere Rechtsradikalisierung <br>
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nicht erfolgreich sein wird. - Wenn ich nicht an der Stelle was fragen dürfte, Matt... Bitte.
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Du sprichst jetzt einen zeitlichen Verlauf an, von den 80er Jahren über die 2000er.
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Das sind ja Zeiten, die wir selber erlebt haben, jetzt vielleicht nicht in der Rollenfunktion in der wir waren,
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aber mich hat dein Buch insofern nochmal stark beeindruckt, weil du auch autobiographische Aspekte mit reingetragen hast.
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Bis hin zur Gründung der AfD, wie wir's erlebt haben in Diskussion, ist das eine gefährliche ist, ist eine normale Partei,
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hin aber auch zu dem, was in den 90er Jahren in den 2000er Jahren Diskussionen gewesen sind.
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Wie schätzt du das denn für dich ein, wie dich das persönlich geprägt hat an der Stelle, Diskussionen wie zum Beispiel über Sarrazin mitzuerleben.
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Hat sich da in deinem Nahfeld was getan, waren das
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Diskussionen, die dich schon immer stark geprägt haben oder was war so der Moment für dich, wo du gemerkt hast, da musst du irgendwie mehr machen als nur zuzuschauen. Ja, was mich stark
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geprägt hat, das ist das was Christian Bangel, der Zeitredakteur, als die Baseballschlägerjahre bezeichnet hat. Also, die Jahre der Gewalt, insbesondere in Ostdeutschland, in den 1990er Jahren bei mir, Anfang der 2000er Jahre, wo rechtsextreme Gewalt, Neonazi-Gewalt, allgegenwärtig war.
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Die waren natürlich nicht immer und überall, aber die Angst davor war überall, weil sie in allen möglichen Situationen aufgetaucht ist.
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Das bedeutet, wenn man wie ich mit etwas längeren Haaren aufs Gymnasium gegangen ist, dann wurde man morgens am Bus abgeholt, von Neonazis verprügelt. Am Wochenende sind sie durch Straßen patroulliert, mit Autos, haben uns, die wir keine Autos hatten als Sechzehnjährige, sind ausgestiegen haben uns überfallen, sind weitergefahren.
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Das waren keine einmaligen Erlebnisse, viele meiner Freunde und Freundinnen wurden verletzt, verprügelt,
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ich habe selber die Nase gebrochen bekommen. Solche Gewalterfahrungen waren für mich tatsächlich prägend, auch mich dann im Studium und danach damit zu beschäftigen.
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Die Sarrazindebatten waren für mich in der Wahrnehmung, zu diesem Zeitpunkt habe ich mich wissenschaftlich auch damit bereits sehr beschäftigt, eher so etwas wie,
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jetzt wird etwas sichtbar, was wir spüren und was wir auch wissenschaftlich beschreiben können, durch Einstellungsstudien. Jetzt drückt sich das auch im öffentlichen Diskurs aus und ausgerechnet von jemandem, der als ehemaliger Banker, als SPD-Mitglied, hier in eine gesellschaftliche Diskussion geschlagen hat, die damals ja ganz anders war.
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Damals war der Kontext der Euro- und Wirtschaftskrise noch dominant, es gab eine große Kritik am Neoliberalismus, am Kapitalismus und auf einmal kommt da ein Thilo Sarrazin und sagt,
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übrigens, da sind gar nicht die Banker dran Schuld, es sind die Muslime dran Schuld. Also eine Ethnisierung
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von sozialen Problemen von der sozialen Frage, die dort stattgefunden hat,
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die ich in einer Weise als folgerichtig einordnen würde, die aber ja in Wirklichkeit der Türöffner für auch die Radikalisierung, die es in den Jahren danach
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gab gewesen ist. - Okay, danke.
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Auch hier hat man diesen Bezug zur Krisenideologie, den wir auch in der Geschichte des 20. Jahrhunderts immer wieder in Beschreibungen finden, faschistische Bewegungen wie Karin Priester das schrieb, als Kinder der Krise, die hervorgehen, die erstarken können aus sogenannten
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gesellschaftlichen Krisen oder zumindest als Situationen, die so wahrgenommen werden. Und das ist auch
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die Situation, die aus meiner Sicht im Moment die größte Herausforderung im Kontext der sogenannten Coronakrise darstellt.
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Ich überspringe mal diese Folie zur Entwicklung der AfD, vielen ist das präsent. Ich möchte nur noch auf den letzten Punkt eingehen, indem ich
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auf die Wahlerfolge auf Landes- und Bundesebene zweitausendsiebzehn und auch in den vergangenen Jahren in Brandenburg, Sachsen und Thüringen
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hin zu dem kleinen Unterpunkt, dass wir es mehrheitlich nicht mehr mit einem diffusen Protest, sondern mit Überzeugung zu tun haben, das heißt, wenn man diverse Studien übereinander legt, dann muss man sagen, zwei Drittel der AfD-Wähler*innen haben ein
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relativ passendes Weltbild zum politischen Angebot, wenn man so will, also
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rechtsradikale Überzeugungen, die nicht immer vollkommen kohärent sind, das ist ganz klar, das ist bei Einstellungen immer so, aber zu sagen, das wäre nur ein Protest, das wäre kein eigenständiges politisches Phänomen, das kann man 2020 nicht mehr seriös
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behaupten.
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Nach den Wahlen in Ostdeutschland, in Brandenburg, Sachsen und Thüringen hat der Vordenker der Neuen Rechten Götz Kubitschek etwas geschrieben, was
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die Strategie und auch das, was uns
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Besorgnis einflößt, hervorbringt. Er hat geschrieben über die Situation, es ist fast alles vorhanden für eine politische Wende in Deutschland: Wähler, Unmut, Konturen eines Programms und so weiter.
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Muss man sagen, ja das stimmt, die radikale Rechte ist im politischen, aber auch im vorpolitischen Spektrum ausdifferenziert. Sie ist
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breit aufstellt. Sie ist gut finanziert mittlerweile und zwar maßgeblich aus Steuergeldern, gar nicht vor allem aus privaten Mitteln.
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Und dann hat er damals geschrieben, wenn der nächste gewaltige Realitätsschock in die Deutschen fährt, wird es für den Unmut ein sehr viel besser und breiter angelegtes Auffangbecken geben, als noch vor vier oder fünf Jahren.
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Das was vor zehn Jahren noch unvorstellbar
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war und das ist jetzt da, kann nicht mehr so einfach zertrümmert werden. Jetzt muss man nicht Kubitschek sozusagen folgen oder seine Quellen
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zu Rate ziehen, um dieses Phänomen sich deutlich zu machen. Ich möchte aber das Kalkül dahinter aufzeigen, das Kalkül der neuen Rechten, nämlich auf eine gesellschaftliche Krise zu warten, um dann weitere Erfolge
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zu zeitigen, indem man das Vertrauen insbesondere in die Politik,
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das erleben wir gerade massiv, dass das Vertrauen in die Institutionen zerstört wird und nicht zuletzt auch das Vertrauen
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in die Zivilgesellschaft. Ich will das an einem Beispiel ganz konkret machen, das für gewerkschaftliche Kontexte natürlich hochrelevant ist und das ist das sogenannte Zentrum Automobil, diese sogenannte Gewerkschaft, diese Mini-Gewerkschaft
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in Untertürkheim, insbesondere mit - ich glaube - sechs Betriebsratsplätzen, aber einer sehr, sehr professionellen Öffentlichkeitsarbeit
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wenn es um die Nutzung von sozialen Netzwerken geht, wenn es um die Selbstvermarktung im Internet geht. Eine
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rechtsradikale Gewerkschaft, die die IG Metall, die auch allgemein die Gewerkschaften angreift als korrupt, als faul, als Verräter und so weiter, all diese konkreten
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Diskussionen oder Vorwürfe, die wir auch aus den politischen Debatten kennen. Gar nicht mit dem Ziel, aktive Tarifpolitik in den Betrieben zu machen, sondern
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das Vertrauen in diese Institutionen zu zerstören, um zum Zeitpunkt einer Krise, die womöglich jetzt gekommen sein könnte, mit der wirtschaftlichen Krise, die gerade im Automobilspektrum auch im Kontext des Zusammenspiels mit der ökologischen Transformation einschlägt
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um daraus gestärkt hervorgehen zu können. Es geht also darum, um
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Ideen zu normalisieren, um dann in einer Situation von gesellschaftlicher Krise zu sagen, aber wir haben die Antworten, alle anderen haben's schon versucht,
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jetzt sind wir die Alternative, die haben es ja nur schlimmer gemacht. Das ist eine Entwicklung, die man unbedingt ernst nehmen muss.
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Ich habe sonst in den Vorträgen bis vor sechs Wochen immer insbesondere vor zwei Szenarien gewandt, das ist die drohende, ökologische Krise und ein antiökologischer Backlash. Das bedeutet also, dass wir beobachten,
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das nächste große Krisenthema ist die ökologische Transformation, der Umbau, der kulturelle und auch der wirtschaftliche Umbau zu einer, wenn man so will, grüneren Gesellschaft, der von breiten
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Teilen der Bevölkerung, ja auch unterstützt und getragen wird, und der antiökologische Backlash. Ich will verdeutlichen, was das heißt, antiökologischer Backlash, der Rückschlag gegen eine
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ökologische Transformation, an einem Beispiel. Nämlich dem Beispiel des Attentäters von Christchurch, der 51 Muslime im März 2019 umgebracht hat
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und der in seinem Manifest, alles Mögliche geschrieben hat. Da hat er geschrieben, ja, ich bin ein Nationalist, ja, ich bin ein Rassist, ja, ich bin auch ein Faschist. Ich bin ein
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ethnonationalistischer Ökofaschist. Er sagte, weil die Muslime sich so sehr fortpflanzen
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ist der Klimawandel, der CO2-Ausstoß, ein Problem, man müsse deswegen die Muslime vernichten, um den Klimawandel aufzuhalten.
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Und diese Form von Ethnisierung von Politik sehen wir auch im Bundestag, wenn aus der AfD-Fraktion etwa geäußert wird, Flüchtlinge seien deswegen ein Problem, weil sie in Europa mehr CO2 verbrauchen als in Afrika, also eine rassistische, rechtsradikale Aufladung
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dieses Krisenthemas, dass ja auch besetzt ist mit vielen Statusverlustängsten, denken sie etwa an die Angst um das Schnitzel, um das Nackensteak oder um den SUV.
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Jetzt stecken wir mittendrin in dem Beginn einer Finanzkrise einer Rezession
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mit dem Szenario eines nationalsozialen Backlashs, für das insbesondere der völkische Höckeflügel steht.
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Die haben ein Rentenkonzept, die sagen, wir brauchen mehr Sozialstaat, während die West-AfD unter Meuthen ja eher für einen marktförmigen Extremismus steht, der sagt, der Markt regelt das, der Staat nicht.
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Und wir wissen aus der Forschung, aus Studien zwischen 1870 und 2014 aus Wirtschaftskrisen
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immer extreme Kräfte gestärkt hervorgegangen sind und in aller Regel rechtsextreme Kräfte hervorgegangen sind. Das bedeutet also, die Ausgangsbedingungen für die extreme Rechte, um aus der Coronakrise und insbesondere der Rezession, die darauf folgen wird oder jetzt schon beginnt, gestärkt hervorzugehen
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ist relevant. Es stellt sich also die Frage, welche Folgen die Coronakrise, die größte Herausforderung seit dem zweiten Weltkrieg, auch für die politische
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Kultur hat.
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Soweit zur Theorie, die Praxis sieht im Moment so aus: Die AfD verliert ganz massiv in den Prognosen bei allen Wahlforschungsinstituten,
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ich habe hier Forsa mal genommen, um zu zeigen, dass sie also so tief gesunken ist in den Prognosen, wie nie zuvor, wofür es sicherlich verschiedene Gründe gibt. Mit Blick auf die Uhr will ich
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nur zwei oder drei ansprechen. Die Stunde der Exekutive, hört man zurzeit öfter, hat geschlagen. Das bedeutet, der Staat kann jetzt wieder Effektivität, kann autoritäres Durchregieren
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zeigen, kann zeigen, dass er in der Lage ist, die Bevölkerung zu beschützen. Auch die Grenzen zu beschützen, die nationale Abschottung, die ja von Virologen
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relativ kritisch beäugt wird, aber die immerhin auch AfD-Wählerinnen gefallen dürfte. Wir haben
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parallel die Entwicklungen der Beobachtung des Flügels durch den Verfassungsschutz, die Benennung des Flügels als rechtsextrem und die damit einhergehende Spaltung und Verunsicherung der Partei,
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die derzeit nicht in der Lage ist, zumindest bis heute, heute gab es eine Pressemitteilung, bisher nicht in der Lage war, in der Coronakrise eine eigene Position
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zu beziehen.
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Ich habe auch keine Glaskugel, ich kann nichts sagen, wie es weitergeht, aber aus den Lehren der Geschichte ist die, ist die Gefahr groß, dass aus der wirtschaftlichen Krise, nicht aus der gesundheitspolitischen Krise, aber aus der wirtschaftlichen Krise
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ein erneutes Erstarken der radikalen Rechten zu befürchten ist.
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Jetzt möchte ich meinen Nachrednerinnen nicht so viel Redezeit klauen. Ich möchte auf einen Aspekt nochmal hinweisen, das ist der des sogenannten Akzelerationismus<br>
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bzw. des Kulturpessimismus. Die radikale Rechte, auch die Neue Rechte ist davon überzeugt,
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dass die liberale Demokratie im Niedergang ist. Die Angst vor der Zukunft und der Glaube, dass
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Gender Mainstreaming, dass alle möglichen Formen von Modernisierung letztlich eine Form von Verfall seien, ist der gemeinsame Nenner der radikalen Rechten. Der Feind ist sozusagen
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die Moderne oder auch die Postmoderne, das findet man im Kontext mit dem Corona-Virus hier in einem Artikel.
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Der Coronavirus ist eigentlich nur ein Husten im Wind, verglichen mit dem, was danach kommen wird, der Aufziehen des Sturm, ein postmodernes Endspiel und wir wissen, dass es eine ganze Reihe von Akteuren gibt, die diesen Tag X, des Zusammenbruchs
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des Systems, nicht nur erwarten, dass es aus sich heraus passiert, sondern die sagen, wir müssen das beschleunigen. Wir müssen diesen Prozess des Niedergangs beschleunigen, uns vorbereiten mit Anschlägen, mit Waffenbeschaffungen, darauf vorbereiten, den Staat
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zu stürzen.
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Man darf nicht aus den Augen verlieren, wenn wir über die radikale Rechte reden, reden wir immer über unsere Gesellschaft. Das sind nicht Menschen, die irgendwie parallel existieren, sondern sie kommen aus unserer Gesellschaft, sie
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bearbeiten die Spannungen unserer Gesellschaft und tatsächlich sind wir ja mit tiefgreifenden Problemen konfrontiert, die ich glaube auch in dieser Diskussionsreihe in den kommenden Wochen eine Rolle spielen werden.
38:00
Ich möchte einige Aspekte zumindest aufwerfen,
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um nicht nur über die radikale Rechte zu sprechen. Das ist natürlich die autoritäre und auch mit Unterwürfigkeit einhergehende Bedrohung in der Demokratie,
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nämlich unserer Bürger- und Freiheitsrechte aus der Demokratie.
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Wer weiß, ob alles so zurückgenommen wird, wie jetzt, es wird die Aufgabe von emanzipatorischen Akteuren sein, zu fordern, dass alle Einschränkungen der Bürgerrechte wieder aufgehoben werden
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wenn diese Krise vorbei ist. Wir beobachten nationale Abschottung und Entsolidarisierung, denken Sie an die lächerliche Meldung, die heute im Radio zu hören war. Deutschland nimmt fünfzig geflüchtete Minderjährige auf aus den europäischen Außengrenzen. Das ist ja fast eine zynische Zahl.
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Wir haben es mit massiven soziökonomischen Verwertungen, Ungleichheiten zu tun,
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die in der aktuellen Krise deutlich werden, Etwa, wer und was systemrelevant ist, was im Alltag nicht anerkannt und auch nicht vergütet wird,
38:59
das betrifft überdurchschnittlich Frauen in den Careberufen oder eben auch im Handel.
39:05
Wir haben Folgen von Isolation, die durch soziale Ungleichheit verstärkt werden, soziale Sicherheit und Bildung, insbesondere in wirtschaftlich schwachen Familien, sowie die körperliche Unversehrtheit, gerade von Frauen und Kindern, das bedeutet, die sogenannte häusliche Gewalt
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nimmt zu. Und das sind alles Themenfelder, die potentiell besetzbar ist, sind durch rechtsradikale Akteure. Die also beispielsweise sagen,
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ja, wir wollen einen stärkeren Start und zwar auch im Alltag. Wir wollen mehr Kontrolle. Die Beispielsweise sagen, ja, wir wollen nationale Grenzen immer haben.
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Die sagen, okay, die Gewalt gegen Frauen ist gestiegen, das ist übrigens die Schuld der Muslime und der Geflüchteten, die hierher gekommen sind, also wieder eine Ethnisierung der Fremdgruppen vornehmen, der sozialen Probleme vornehmen
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um sich selber freizusprechen. An diesen Punkten ist deswegen auch eine emanzipatorische, eine progressive Kritik über die Krisenfolgen hinaus notwendig.
40:00
Es gibt auch positive Bilder, wir in Jena haben hier eine Maskenpflicht, das wird für die Videoüberwachung ein Problem sein, wie diese Karikatur ein bisschen zusammenfasst. Das ist natürlich augenzwinkernd gemeint, aber tatsächlich sind ja Krisendynamiken nicht nur für rechtsradikale
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Möglichkeitsfenster, um über andere Gesellschaft, über Veränderungen nachzudenken. Und ich glaube, dass gerade auch gewerkschaftliche Akteure, dass gerade auch linke Akteure sich darüber Gedanken machen sollten.
40:27
Wie geht das eigentlich weiter? Diese Diskurse über bedingungsloses Grundeinkommen, über auch verschiedene Probleme und Verwerfungen, die jetzt sichtbar sind, die darf man auf keinen Fall den Rechten überlassen und man sollte sie auch nicht nur der Regierung überlassen. Das wäre mein Abschlussplädoyer
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mit dem ich gerne mit euch und ihnen in die Diskussion steigen würde. Danke.
40:49
Vielen Dank Matt. An der Stelle fehlt der obligatorische Applaus der Leute aus dem Publikum, ich simuliere ihn etwas,
40:58
aber würde nur ein kurzes Statement von der Seite nochmal einholen wollen von dir, wenn du auf die aktuelle Situation guckst.
41:09
Überwiegt da bei dir eher die Angst, Sorge,
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Fassungslosigkeit oder Entschlossenheit oder eine Kombination aus allem oder etwas, was ich jetzt vergessen habe?
41:20
Meinst du in der Wahrnehmung der Situation oder in meinem Umgang damit?
41:23
Im Umgang damit. Also in dem, was jetzt so los ist. Es ist ja eine Ausnahmesituation, so kann man das, glaube ich festhalten, mit dem Blick, den du jetzt gerade aufgemacht hast.
41:35
Da ist ja mit Sicherheit auch auf der Gefühlsebene was los bei dir? - Das ist eine interessante Frage, ehrlich gesagt, ich
41:44
glaube mir geht es wie vielen anderen, dass wir in einem Modus der Improvisation und auch der Alltagsorganisation sind, zwischen Homeschooling und Homeoffice sozusagen den Alltag zu bestreiten und dann zu versuchen, auch ein bisschen Distanz zum
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Problem zu gewinnen, um realistische Einschätzung treffen zu können und um vielleicht auch ein paar Fragen adressieren zu können, die in dem Kontext relevant sind.
42:06
Aber natürlich hilft es nicht, sich jetzt zu Hause einzuschließen und zu hoffen, dass das alles an uns vorbeizieht, alles nicht so schlimm wird, wir müssen da uns dem kritisch stellen und da auch
42:17
reflektierend und entschlossen damit umgehen, was auch immer dann noch kommt.
42:23
Dankeschön. Du hast dich auf diese Diskussion gefreut, wir würden ein, zwei Meldungen drannehmen wollen, bevor wir Karolin
42:30
das Wort geben wollen, die einen weiteren Aspekt, eine weitere Facette hier reintragen will, was wiederum nochmal Diskussionen rein gibt.
42:36
Jetzt wärt ihr gefragt. Wer möchte, es hatten sich schon ein, zwei gemeldet. Edgar aus Göttingen.
42:43
Ich würde dir gleich die Sprecherlaubnis geben, bitte habt Verständnis, dass es jetzt keine Coreferate geben soll, sondern Fragen, kurze Anmerkungen, Statements, damit wir auch
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im Programm zügig weitermachen können. Du hast die Hand wieder runtergenommen, dann wäre das so, ja.
42:59
Doch ist wieder da. Ich würde die Sprecherlaubnis geben und bitte verzeihe, wenn ich dir die Sprecherlaubnis wieder wegnehme, wenn wir zügig weitermachen wollen.
43:08
.
43:13
Ja, also nur zu dem Stichwort bedingungsloses Grundeinkommen, also
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ich fänd's wichtig nicht
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diesen Weg vor allen Dingen zu sehen. Also jetzt in der Krise ist es natürlich so, dass sogar die Erwerbstätigen dann dieses Grundeinkommen, also dieses Einkommen brauchen, aber ansonsten finde ich schon die gewerkschaftlichen Forderungen nach Regelsatzanhebung
43:38
passend, weil sie tatsächlich eine ganz klare Forderung ausdrücken, wir wollen mehr für Erwerb haben. Wir wollen
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mehr haben und nicht das ganze System irgendwie umstürzen und hinterher wissen wir nicht, was dabei rauskommt.
43:54
Okay, danke Edgar, es war ein Plädoyer für das bedingungslose Grundeinkommen, so wie ich es rausgehört.
43:58
Daniel fragt noch, wie du die Auflösung des Flügels bewertest, ob das ein Sieg der Neoliberalen in der AfD ist.
44:05
Das sind zwei sehr weit auseinandergehende Aspekte, aber vielleicht magst du noch kurz Bezug darauf nehmen.
44:11
Ich wollte das bedingungslose Grundeinkommen jetzt gar nicht total hypen. Ich finde das ist ein interessanter Gedanke, ich finde es, glaube ich, auch gerade in der immer stärker auf Solo-Selbstständigkeit basierenden Erwerbssektoren
44:26
eine Alternative. Mir geht es darum
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zu versuchen, ein bisschen Out of the Box zu denken und dazu auch diese Krise zu nutzen, in welche Richtung auch immer. Das war nur ein Beispiel. Der Sieg der Neo-Liberalen?
44:40
Nein, das würde ich nicht so sehen. Das ist eine taktische Anpassung, solange jemand wie Höcke und Kalbitz aus der AfD nicht ausgeschlossen sind, werden sie weiter durchlaufen und
44:52
weiter an Macht gewinnen, wenn der Flügel jetzt nicht mehr sozusagen eingrenzbar ist, auf einen auf ein Netzwerk. Wenn im Grunde die ganze AfD der Flügel ist, weil es keinen benennbaren Flügel mehr gibt,
45:01
dann ist das kein Sieg der Neoliberalen, das ist eine Anpassung an die Überwachung durch den Verfassungsschutz, durch die die Stigmatisierung als rechtsextremistisch auch durch den Nachrichtendienst.
45:13
Die Konsequenz ist aus meiner Sicht aber inhaltlich nicht zu spüren, programmatisch hat sich bisher überhaupt nichts geändert. Es wurde gesagt, Höcke ist die Mitte der AfD und in vielen Bereichen, erst recht in Ostdeutschland, nehme ich das so wahr, genauso
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ist das auch. Insofern ist diese Auflösung des Flügels für mich eine Form von taktischer Kosmetik, die mitnichten bedeutet, dass diese Kräfte an Einfluss verloren haben.
45:39
Alles klar. Vielen Dank Matt erstmal. Wir kommen später nochmal zurück und würden dann nochmal eine offene Gesprächsrunde machen, aber so lange erstmal würde ich dich bitten,
45:48
dich auf deinen Platz zurückzuziehen und würde die Karolin nach vorne holen wollen.
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Hallo Karolin. Jetzt hat der Matt aufgehört mit der Einordnung der AfD
46:00
und das ist jetzt ein Spektrum, mit dem du dich jetzt nicht so spezifisch auseinandergesetzt hast, sondern
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mit einer Thematisierung von dem, was vielleicht viele, die jetzt hier auch zuhören oder zuschauen,
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auch gut kennen, keine klare Parteizugehörigkeit, sondern Leute, die in Foren diskutieren,
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bis hin zu Strukturen, die hinter diesen Foren sind, wo Leute sich im Netz zusammenfinden, um
46:24
ihre Ideologie, ihre politischen Agenden voranzutreiben. Ich bin total gespannt und neugierig drauf,
46:32
was du da herausgefunden hast, dass du vielleicht ein paar Eindrücke schilderst zu dem,
46:39
was bei der Krise gerade passiert, in den sozialen Netzwerken und im Internet.
46:44
Genau, also ich habe mich durchaus auch mit der AfD beschäftigt, ich würde mich heute aber in meinem Vortrag zumindest erstmal auf die verschiedenen Plattformen im Netz beziehen und da auch nochmal
46:59
einen kleinen Einblick in die Geschichte zu geben. Ich würde einfach direkt mal meine Folien aufrufen und bitte sagt mir Bescheid, falls es da Probleme gibt.
47:15
Wie schon erwähnt, ich möchte das so ein bisschen in drei Teile
47:24
gliedern, was ich heute vorstelle und das ist in erster Linie schon mal ein kurzer Blick in die Geschichte rechtsradikaler Stimmungsmache im Internet,
47:35
dann geht's weiter mit so einem status quo und was hat sich in den letzten drei, vier Jahren vor allem entwickelt und dann
47:42
zum Schluss noch einmal ganz kurz der Blick auf die Fakes, die wir jetzt im Zusammenhang mit den Coronavirus auch sehen und
47:52
in dem Zusammenhang auch Rechtsradikale, die versuchen, dort Stimmung zu machen und auch
47:59
insofern von der Krise zu profitieren.
48:03
Hier schon mal ein kleiner Einblick in das, was früher so war. Tatsächlich ist es so, dass
48:12
Rechtsradikale das Netz nutzen seit es verfügbar ist im Prinzip. Also das fing früh an, bevor
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viele oder alle Menschen, inzwischen sind es ja praktisch alle in Deutschland,
48:28
Zugriff auf das Internet hatten. Und zwar gab's damals die sogenannten Mailboxen. Das waren privat betriebene Netzwerke, auf die man sich
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einwählen konnte. Und da gab's zum Beispiel diese Mailbox Widerstand BBS aus Erlangen, die sieht man hier im Screenshot
48:46
und auch verschiedene Mailinglisten, das Usenet und verschiedene Dinge, die da
48:55
eine große Rolle gespielt haben. Aber wenn man sich das hier anschaut: "Ich habe wiederholt festgestellt, dass Artikel sofort gelöscht werden, wenn sie nicht 'politisch korrekt' sind." Dann
49:07
wirkt das so ein bisschen wie ein Kommentar, den wir auch heute noch kennen könnten.
49:12
Im Diskurs hat sich einiges getan, aber dann am Ende doch auch nicht so viel in den Strategien und genau das will ich eigentlich zeigen, nämlich
49:22
dass Rechtsradikale, viele der Methoden, die sie heute anwenden eigentlich schon vor
49:29
teilweise zwanzig Jahren diskutiert und formuliert haben und heute aufgrund der aktuellen Situation, aufgrund des Aufkommens der sozialen Medien einfach noch viel mehr
49:41
von diesen Strategien profitieren.
49:47
Und das zeigt sich auch ganz gut in einer Wortmeldung aus der Mailbox "Widerstand" aus dem Jahr 1997, also das ist schon eine ganze Weile her,
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und da schrieb jemand, dass man eben vor allem die
50:05
"Antifa-Zecken und Schalom-Litaneien-Schreiber" madig machen sollte und wenn diese sich wehren, "müssen wir aufschreien oder besser schreiben, wir werden sie dadurch isolieren. Wir als scheinbar entschiedene Demokraten aus der rechten
50:21
Mitte, verstehen dann überhaupt nicht, warum die Antifas gegen uns die Keulen schwingen und zu unsere Intoleranz sind.
50:28
Liberale Scheißerchen verteidigen uns, wenn wir nur geschickt genug argumentieren." Das heißt,
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im Prinzip ist da schon formuliert, was wir auch heute ganz oft sehen, dass man sich ganz oft
50:38
in so eine Art Opferposition zurückzieht, wenn irgendwas nicht klappt, wenn sie ihren Willen nicht bekommen, das sehen wir auch im parlamentarischen Raum oftmals.
50:49
Und ebenfalls aus dieser Wortmeldung dann
50:55
"Es genügen fünf aktive pro Forum und wir beherrschen inhaltlich Themenstellung und Diskussionsverlauf. Also auch da schon der Hinweis, eigentlich braucht es nur eine kleine Zahl von Menschen, die
51:06
den Diskurs angreifen, um ihn zu stören und einfach auch auf andere Themen abzulenken. Das sehen wir auch in Untersuchungen, die wir heute haben. Zum Beispiel
51:16
gab es im vorletzten Jahr eine Untersuchung des Institute für Strategic Dialogue, die sich angeschaut haben, wer
51:25
Hasskommentare, also extreme Kommentare, auf Facebook, bei Medien und Kommentarspalten likt.
51:33
Und dort wurde eben herausgefunden, dass es nur fünf Prozent der Nutzenden sind, die für über 50 Prozent dieser Likes auf diese Hasskommentare verantwortlich waren. Also
51:46
wir erleben auch heute, dass eine kleine Masse an Leuten den Diskurs oftmals bestimmt und in ihre Richtung lenkt.
51:57
Dann noch was für die Augen.
52:04
Dass ein Bericht des Verfassungsschutzes aus dem Jahr 2000 oder 2001, das ist das Cover,
52:13
da sieht man sehr sehr schön, wie der Stand damals war und in diesem Bericht heißt es, allein zwischen 1996 und 1999 hat sich die Anzahl der deutschen rechtsextremistischen Homepages auf rund 330 verzehnfacht.
52:30
00:52:33.218 --> 00:52:42.007330 ist nicht mal die Zahl deutschsprachigen, rechtsextremen Profile auf Facebook, die man jetzt festmachen kann. Also
52:41
das kann man heutzutage eigentlich gar nicht mehr quantifizieren bei der Vielzahl an Social Media Seiten oder auch Websites, die wir auch nach wir vor sehen.
53:03
00:53:07.813 --> 00:53:15.576Was neben den bereits genannten Plattformen wichtig war,
53:15
waren vor allem auch Foren, wie dieses Forum Altermedia das im Jahr 2003 online ging und dann bis zum Jahr 2016 online war, als Vernetzungsseite für Neonazis und Rechtsradikale aus Deutschland aber auch weltweit, weil es eben Unterforen in verschiedenen Sprachen gab.
53:35
Und 2016 wurde das Forum dann schließlich verboten. Es gab dann auch eine ganze Reihe von Websites, es gab verschiedene Seiten wie
53:50
Heilhitler.de, die zwischendurch registriert wurden, auch das war ein langer Lernprozess, der Anbieter von Domains und Webspace, die dann
54:04
ja nach und nach quasi verschiedene Domains aus dem Angebot genommen haben.
54:11
Und vor allem auch die NPD war relativ früh sehr stark vertreten
54:17
im Netz. Und zwar hat Udo Voigt als frisch gewählter Vorsitzender der Partei schon 1996 gesagt, man würde jetzt gezielt das Kommunikationssystem
54:30
nternet für sich nutzen. Das haben sie dann auch gemacht. Es gab eine ganze Reihe von Websites, einerseits für den Bundesverband,
54:39
für verschiedene andere Verbände, für Demonstrationen oder
54:43
Aktionen. Die waren da schon immer sehr breit aufgestellt und sie waren auch sehr breit aufgestellt, als es um die ersten frühen sozialen Netzwerke ging, also im StudiVZ und auf Myspace war die NPD zum Beispiel auch vertreten, neben anderen Neonazis.
54:59
Das hat nur nicht ganz so gut geklappt wie es teilweise heute klappt.
55:04
Für die NPD heute vielleicht ein bisschen weniger, weil sie abgelöst wurde, aber
55:09
sowohl StudiVZ als auch Myspace hatten eben nicht diese Sharelogik nach der eben ganz viele andere soziale Medien, die wir heute nutzen, funktionieren. Das heißt, man
55:23
konnte zwar miteinander interagieren, aber keine Inhalte von anderen Leuten teilen und so weiter.
55:29
Die NPD hat auch gezielt Wahlkampf auf StudiVZ gemacht. und zwar gab es damals eine Anleitung
55:37
in der Deutschen Stimme, wie man sich
55:40
Profile anlegt, die erstmal ganz unscheinbar erscheinen, Hobbys und Lieblingsbands, die nicht so einschlägig waren und damit sollte man dann eben an die Leute gehen und versuchen, neue Anhänger
55:54
für sich zu gewinnen. kommen wir zum heute.
56:01
ist vielleicht einigen durchaus ein Begriff, das ist so ein Meme, also so ein Bild, das
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vor allem die Alt Right in den USA für sich gefunden hat als ihr Fürsprecher, obwohl der Urheber dann damit nicht so glücklich war. Aber Pepe ist so ein Symbol der Alt Right geworden in den USA.
56:24
Und am Ende ist es tatsächlich so, dass sich das
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Bild heute wahnsinnig ausdifferenziert hat. Einerseits, was die Plattformen betrifft,
56:34
andererseits aber auch was die Akteure betrifft. Das heißt, wir haben heute
56:39
zahlreiche Gruppierungen, Parteien, einzelne Akteure, die sehr breit aufgestellt sind, die teilweise auch sehr unterschiedliches Publikum bespielen, aber
56:51
durchaus auch den Schulterschluss vollziehen, wenn's um bestimmte Themen, Aktionen, sonstiges geht. Also das heißt,
57:00
in der Stimmungsmache gegen den UN-Migrationspakt haben sich ganz viele rechtsradikale Akteure zusammengeschlossen, aber auch bei den Demonstrationen in Chemnitz.
57:09
Nach wie vor ist es so, dass Facebook, Twitter und vor allem auch immer wieder YouTube zu den wichtigsten Plattformen für Rechtsradikale gehören.
57:20
Wir haben seit 2015 deutlich mehr Diskussionen geführt, was
57:27
Hasskommentare zum Beispiel auf den Plattformen betrifft. Daraufhin
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gab es dann das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, das eingeführt wurde und seit
57:39
2018 in Kraft ist und
57:44
durch diese zunehmende Repression und zunehmende Moderation auch auf den Plattformen, gab's so ein paar Bewegungen hin zu alternativen Plattformen, auf die ich gleich auch nochmal kommen.
57:58
Dennoch sind sie immer noch auf diesem Plattform vertreten, vor allem auch weil sie sich von
58:06
ihren Präsenzen dort versprechen, dass sie dort eben neue Anhänger finden können, während auf alternativen Plattformen, man eher so unter sich ist. Und das
58:15
formulieren sie so auch immer wieder.
58:17
Wie kann man sich das eigentlich vorstellen? Also du beschreibst jetzt diese Dynamiken aus so einer analytisch-wissenschaftlichen Perspektive.
58:25
Das ist ja nicht so, dass es jetzt unheimlich viele Publikationen davon gibt, was jetzt Rechte wieso machen.
58:31
Bist du da selber aktiv und schaust dir das an, was da so los ist oder gibt es Zusammenfassungen, auf denen man sich das besser nachvollziehbar machen kann?
58:39
Aktiv ist ja so ein Begriff, der vieles bedeuten kann, das heißt, ich habe mir
58:47
das jeweils angeschaut. Ich habe auch mir vor allem noch mal Messenger angeschaut und darunter Telegram, da komme ich gleich auch noch dazu. Was ich nicht gemacht habe, ist
58:57
mich insofern under Cover irgendwo einzuschleichen, indem ich selbst irgendwelche rassistischen volksverhetzenden, holocaustleugnenden Inhalte irgendwo verbreitet habe. Also
59:09
selbst
59:11
rechtsradikale Inhalte zu produzieren, war für mich quasi das Tabu, das ich nicht gebrochen hab. Ansonsten kommt man aber auch in viele geschlossene
59:21
oder halbgeschlossene Orte im Netz, die genutzt werden, auch relativ einfach rein, ohne Probleme.
59:28
Wenn ich jetzt mal nach mir gehe und mir diverse Diskussionsforen jetzt schon bei Spiegel online oder sowas durchgucke oder in YouTube Kanälen, die so ein bisschen in eine rechte Richtung gehen,
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dann habe ich schon vor Corona das Gefühl gehabt, ich müsste länger als 30 Sekunden danach meine Hände waschen oder noch vieles mehr.
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Wie geht's dir denn damit eigentlich? Also du berichtest es für uns immer gut aufbereitet, aber das das macht auch was mit einem, wenn man so viel in der Richtung liest.
59:55
Ja, es hat tatsächlich jetzt durch die Coronakrise ein bisschen bereut, dass ich nicht doch gesagt habe, nachdem ich das Buch abgegeben habe, dass ich einfach in den Urlaub fahre, um mal kurz abzuschalten
1:00:07
Ich beschäftige mich mit Rechtsradikalen und deren Auftritten im Netz schon seit Jahren und
1:00:16
hab das aber für das Buch nochmal deutlich intensiver gemacht und nochmal in anderen Kanälen deutlich intensiver gemacht, dazu Telegram, da komme ich - wie gesagt - gleich dazu, wo man nochmal sehr das Gefühl hatte, man sei unter sich und da ist das
1:00:31
Maß an
1:00:33
volksverhetzenden, extrem dehumanisierenden Inhalten, den geäußerten Gewaltphantasien nochmal deutlich höher als
1:00:42
bei dem, was wir eigentlich tagtäglich auch in den Kommentarspalten und auf Twitter zum Beispiel beobachten können. Auch wenn's da nicht besonders schön ist, aber es gibt quasi noch Eskalationsstufen,
1:00:54
Also hast du
1:00:58
so einen Punching Bag nebendran stehen oder eine Katze zum streicheln oder guckst du danach lieber was anderes? Ich hab' ne Katze, ja. - Wunderbar. - Die ist ungefähr zur gleichen Zeit gekommen.
1:01:11
Es gibt
1:01:12
tatsächlich inzwischen so ein paar Angebote für Leute, die sich gerade auch mit Terrorismus beschäftigen Das kommt jetzt aber erst so in diesem Jahr nochmal viel mehr auf.
1:01:22
Man vernetzt sich so informell untereinander, also gerade Menschen, die in diesem Bereich arbeiten und versucht, das so ein bisschen untereinander aufzuarbeiten. Das hat ein bisschen geholfen.
1:01:31
Man muss auch deutlich mehr sich Grenzen setzen und nicht nochmal abends kurz vorm Schlafengehen in die extreme Telegram-Gruppe gucken oder so. Also da
1:01:43
uss man sich schon setzen als Grenzen. Sonst denkt man irgendwann, dass alle schlecht wären. Das ist ja nicht der Fall.
1:01:54
Telegram habe gerade schon erwähnt, wer Telegram nicht kennt, das ist
1:01:59
eine Messenger-App, wie WhatsApp oder auch der Facebook Messenger oder Signal, für Leute, die mehr Sicherheit gut finden. Telegram verkauft sich so ein bisschen als sehr sicherer Messenger und wird auch von vielen
1:02:14
Nutzern so verstanden. Im Prinzip ist es aber so, dass man zum Beispiel Kanäle und Gruppen, die
1:02:21
in diesem Zusammenhang sehr wichtig sind gar nicht verschlüsseln kann und man kommt relativ einfach rein. Und mit Telegramm angefangen im
1:02:30
Spektrum der extremen
1:02:35
Milieus haben eigentlich die Islamisten. Die haben das schon vor Jahren für sich entdeckt und haben
1:02:41
da zum Beispiel, vor allem der IS hat dort sehr sehr viele Kanäle unterhalten, die auch genutzt wurden, um Propaganda zu streuen, um neue Anhänger zu finden. Und
1:02:53
so seit 2017/18 hat dann auch das rechtsradikale Spektrum den Messenger für sich entdeckt. Das liegt so ein bisschen daran, dass
1:03:02
WhatsApp
1:03:02
diese Kanalfunktionen so nicht anbietet und dass man
1:03:11
nur Gruppen mit wenigen hundert Leuten aufmachen kann, während die Grenzen bei Telegram aktuell, glaube ich, bei mehreren tausend liegen.
1:03:20
Bei Kanälen, glaube ich, sogar 200.000, die das abonnieren können. Und das alles kostenlos.
1:03:27
Das heißt, das ist relativ einfach. Es hat außerdem den Ruf, dass man dort nicht allzu viel moderiert. Das ändert sich
1:03:34
aktuell ein bisschen. Islamistische Kanäle wurden dann zeitweise auch entfernt. Aktuell sind aber
1:03:44
rechtsradikale und vor allem auch rechte terroraffine Kanäle dort relativ ungestört, nach wie vor.
1:03:53
Und die Gruppen und Kanäle sind im deutschsprachigen Raum nochmal ein bisschen kleiner als in den USA zum Beispiel, aber das heißt nicht, dass sie besonders klein sind, weil es gibt
1:04:05
durchaus einige Kanäle. Das heißt, Kanäle sind die, wo eine Person an alle Abonnenten
1:04:14
sendet, ohne, dass jemand darauf antworten kann. Gruppen sind eben die, wo alle, die Mitglied sind, sich zu Wort melden können und in Deutschland gibt es durchaus einige Kanäle und Gruppen mit mehreren zehntausend
1:04:29
Mitgliedern und Anhängern und gerade in den letzten Wochen während der Coronakrise sind die nochmal deutlich gewachsen zum Teil.
1:04:37
Das heißt, wir haben inzwischen gerade aus dem verschwörungsideologischen Spektrum Kanäle, die bis zu 80.000 Menschen erreichen. Also so kann man sich das vorstellen, das heißt, es ist durchaus eine
1:04:51
sehr relevante Plattform zur Diskussion, zur Kommunikation innerhalb dieser Gruppen geworden,
1:04:58
weniger zur Kommunikation nach außen.
1:05:02
Dann gibt es die sogenannten Imageboards, über die wir gerade im letzten Jahr relativ viel gehört haben. Das sind Plattformen wie 4chan und 8chan, heute 8kun. Das
1:05:16
Das Imageboard ist nach verschiedenen Anschlägen gelöscht worden und
1:05:24
in Deutschland gibt's auch ein Imageboard und die funktionieren im Prinzip so, dass sie aussehen, als wären sie Anfang der 2000er Jahre ins Internet gestellt worden und seitdem ist nicht dran passiert.
1:05:35
Aber sie sind relativ beliebt, gerade in jungen
1:05:42
Milieus oder jungen Gruppierungen von Rechtsradikalen vor allem:
1:05:49
Das funktioniert so, dass immer ein User ein Bild postet und alle anderen Antworten darauf. Es ist im Prinzip anonym insofern, dass man nach außen immer mit demselben Namen auftritt. Also wenn ich jetzt hingehe und dort etwas posten oder antworten will, dann bekomme ich auf 4chan zum Beispiel den Namen
1:06:08
Anonymus, auf der deutschen Plattform würde ich Bernd heißen.
1:06:13
So funktioniert es am Ende, es gibt so einen
1:06:19
notorisch-problematisches Unterforum bei den meisten Imageboards, das heißt Pol, für politically incorrect und der Name ist Programm. Das heißt dort gibt's alle möglichen Dinge, die man sich so vorstellen kann.
1:06:34
Eine Aktion aus den letzten Wochen wäre zum Beispiel
1:06:41
das hier.
1:06:47
Und zwar ist das
1:06:52
dass, womit die sogenannte Operation blue the jew, also den Juden blau machen, um es mal so salopp zu übersetzen,
1:07:01
angefangen hat. Und zwar ist das aus dem Pamphflet bis Rechtsterroristen Dyllan Roof, der gesagt hat, wenn man alle Juden für 24 Stunden
1:07:13
blau einfärben würde, würde man eben erkennen, was für Einfluss die angeblich hätten., Ganz klar eine antisemitische Verschwörungstheorie.
1:07:22
Auch hier mit dieser Karikatur, die man da sieht. Und dann haben eben Leute auf 4chan und 8chan angefangen,
1:07:29
genau solche Dinge auf sozialen Medien zu posten. Also sowas und aber auch Fotos von Prominenten, von Politikern, von
1:07:39
Leuten aus Wirtschaftsunternehmen, die eben dann blau eingefärbt wurden. Also das ist so eine typische Aktion, die man immer wieder beobachten kann.
1:07:50
Dann gibt's die sogenannten Alt Tech Plattformen, die ich gerade schon erwähnt habe, das sind Plattformen und Tools, die sich
1:07:59
Rechtsradikale für ihre Zwecke angeeignet haben. Dazu gehört das
1:08:03
russische soziale Netzwerk VK zum Beispiel, das jetzt nicht für ein rechtsradikales Publikum entwickelt wurde, sondern von ihnen
1:08:14
quasi angenommen wurde, oder man hat sich das eben angeeignet, weil es ähnlich funktioniert wie Facebook, aber doch wesentlich weniger moderiert wird.
1:08:24
Man konnte da lange Zeit noch mit Hakenkreuzen agieren. Und dann gibt es solche, die eigens für rechtsradikale Zielgruppen vor allem draufgebaut wurden.
1:08:52
Dann gibt's die, die eigens für diese Zielgruppe aufgebaut wurden, wo also
1:09:01
sich ganz klar an rechtsradikales Publikum wenden oder sagen, sie sind jetzt
1:09:05
die Vertreter der einzig wahren Meinungsfreiheit. Zu dieser Meinung Freiheit gehören aber dann auch ganz oft Dinge, die in Deutschland illegal sind, also Holocaustleugnung ist da gang und gäbe,
1:09:18
Verbotene Symboliken gehören dazu und eben auch eine ständige dehumanisierende Sprache.
1:09:27
Was sowohl auf den Alt Tech Plattformen als auch auf Imageboards oftmals der Fall ist, ist ironisierende Sprache. Das heißt ganz oft
1:09:37
verpackt man Bemerkungen so, dass der
1:09:44
unbedarfte Zuschauer nicht ganz auf dem ersten Blick weiß, ist das jetzt ernst gemeint oder nicht. Das ist aber bei vielen
1:09:52
tatsächlich ein Teil der formulierten Strategie.
1:09:56
Dann kommen wir vielleicht noch zu den Fakes, wenn's nachher noch Fragen gibt oder jemand mal so ein Imageboard sehen will, müssen wir gucken, ob das machen können, weil dort gibt's auch Sachen, die wir vielleicht nicht auf Facebook zeigen sollten.
1:10:10
Zu den Coronafakes, auch da gab's in den letzten Wochen
1:10:14
einiges, was da los war, die Weltgesundheitsorganisation hat teilweise ja auch vor einer sogenannten Infodemie gewarnt, also neue Worte gibt's auch in den letzten
1:10:25
Wochen und Monaten. Das heißt, im Prinzip war es so, dass in Deutschland die Falschmeldungen um das neuartige Coronavirus schon angekommen sind, bevor das Virus überhaupt so richtig da war.
1:10:36
Nämlich schon im Januar und wir sehen aktuell viele, viele Fakes und Verschwörungsmythen,
1:10:45
nicht alle kommen aus dem rechtsradikalen Spektrum, auch ich habe eine Vielzahl von Dingen in meinem Facebook Feed gesehen inzwischen,
1:10:56
aber rechtsradikale versuchen eben genau aus dieser Krise Profit zu schlagen, gerade.
1:11:03
Vor allem verschwörungstheoretische Milieus,
1:11:06
die behaupten, das Virus sei als Biowaffe im Labor geschaffen worden, wahlweise aus den USA oder Israel. Es gab eine Sprachnachricht, auf WhatsApp
1:11:19
in der behauptet wurde, Geflüchtete würden jetzt auf deutschen Flughäfen eingeschmuggelt werden, während alle eben in der Isolation zu Hause sitzen. Also die Bandbreite ist relativ
1:11:31
groß und das ist auch tatsächlich weltweit so. Viele der Sachen
1:11:37
werden international auch einfach abgewandelt. Viele Falschmeldungen gibt es als Bilder oder als Text oder eben vor allem als Sprachnachrichten auf WhatsApp. Da haben wir relativ vieles in den letzten Wochen gesehen und gehört.
1:11:52
01:11:54.384 --> 01:12:09.115Und wir können auch noch sicherlich in den Fragen so ein paar einzelne Sachen besprechen, aber was ich jetzt nochmal ganz kurz als Tipp zum Schluss geben wollte, ist die Frage, wie kann ich Falschmeldung eigentlich erkennen?
1:12:09
Und
1:12:11
gerade bei diesen WhatsApp-Sprachnachrichten, von denen jetzt viele betroffen sind, die sind auch in meiner Familie zum Beispiel angekommen in Sachsen-Anhalt. Da hilft es immer auch
1:12:21
bei demjenigen, der das weitergeleitet hat, nachzufragen, wer eigentlich die Quelle dieser Information ist oder woher diese
1:12:29
Sprachnachricht gekommen ist. Dadurch, dass viele dieser Sprachnachrichten aktuell sehr, sehr massiv verbreitet werden, gibt es auch zu vielen dieser Behauptungen auch schon
1:12:40
Faktenchecks. Und wenn man dann einfach mal bei Google eingibt, diese Stichworte, die da in der Behauptung eine Rolle spielen.
1:12:48
Dann findet man ganz oft einfach auch schon
1:12:51
die Faktenchecks dazu. Also in dem Fall war das jetzt eine Sprachnachricht, in der behauptet wurde, über den Flughafen Cochstedt würden Geflüchtete
1:13:04
eingeschmuggelt werden.
1:13:06
Und eine einfache Suche nach Flughafen, Cochstedt und Flüchtlinge hat mir dann schon eine Vielzahl von Faktenchecks rausgegeben.
1:13:17
01:13:18.780 --> 01:13:29.649Damit man sich das alles nochmal in Ruhe anschauen kann und ihr das jetzt nicht alle sofort mitmachen müsst, habe ich so eine kleine Sammlung fertig gemacht, die ihr
1:13:29
darüber erreichen könnt, also über bit.ly/coronafakes, wir können das sicherlich nochmal irgendwann später nennen oder rumschicken. Ich weiß nicht,
1:13:39
was da das Schlaueste ist, aber um das kurz zu zeigen,
1:13:45
das ist das hier und ich habe so ein paar Sachen gesammelt, nämlich die Website vom Robert-Koch-Institut, die ihr wahrscheinlich eh schon alle kennt, dann so eine Datenaufbereitung.
1:13:56
Der Faktenfinder hat eine ganze Reihe von Faktenchecks aus verschiedenen Medien gesammelt, auch Correctiv checkt gerade viele Dinge.
1:14:06
Hier gibt es nochmal Tutorials und Tipps, was man tun kann, wenn man selbst mit Falschmeldungen konfrontiert ist
1:14:16
und hier nochmal für den internationalen Vergleich, die Nachrichtenagentur AFP, die - Stand heute -
1:14:25
268 Faktenchecks zum Coronavirus veröffentlicht hat. Zwar aus verschiedenen Ländern, aber auch das ist schon mächtig
1:14:35
beeindruckend, wenn man das so nennen möchte. Im Dokument sind noch,
1:14:44
Moment, ich muss hier so rumschieben, verschiedene Tipps, die ich noch aufgeschrieben habe, zum Thema Erkennen von falschen Meldungen, also diese Googlesuchen
1:14:54
und dann habe ich noch ein kleines YouTube-Video gemacht, auf das ihr auch klicken könnt, in dem gezeigt wird, wie man eine Bilderrückwärtssuchen machen könnte, hier mit diesem Bild als Beispiel.
1:15:05
All das steht zur Verfügung und ich lösche das auch in nächster Zeit nicht.
1:15:13
Das war's erstmal, wie gesagt, das können wir sicherlich nochmal irgendwie auf Facebook posten, zum Beispiel oder sonstiges und damit wäre ich erstmal am Ende.
1:15:24
Vielen Dank liebe Karo, auch hier simuliere ich den Applaus von 100 Personen. Das würde jetzt viel besser klingen.
1:15:32
Es gab schon einige Anmerkungen, Kommentare während du deinen Vortrag gehalten hast, Franky sagt zum Beispiel, dass die Busse, die durch Österreich
1:15:39
von der Polizei begleitet wurden, deutsche Saisonarbeiter waren, da gibt's viele Sachen, die man einfach nachvollziehen kann.
1:15:47
Eine Frage kam auf Facebook von Percy ob du nochmal was zu Dog-Whistling sagen kannst.
1:15:54
Auch das so eine rechte Strategie um Positionen zu begleiten. Ich finde dieses Hundepfeifenbild eigentlich ein ziemlich charmantes, um das auch nachvollziehbar zu machen
1:16:03
Ja, also Dog-Whistling nennt man das vor allem auch in Deutschland, also Hundepfeifen hat sich nicht so richtig
1:16:12
eingedeutscht, würde ich sagen, aber das Konzept ist im Prinzip das oder ist eine Methode, die auch so ein bisschen dazu genutzt wird
1:16:21
von zum Beispiel rechtsradikalen Influencern, um sich so ein bisschen aus der
1:16:26
Verantwortung zu ziehen, einfach indem man so bestimmte Behauptungen leicht andeutet oder bestimmte Worte benutzt, die von den Anhängern ganz klar verstanden werden, aber nicht so klar sind, dass sie zum Beispiel
1:16:38
illegal wären oder dass man klar sagen kann, das ist jetzt irgendwie
1:16:41
total dehumanisierend. Das sind so verschiedene Schlagworte, die gerade in der Szene sich total breit gemacht haben. Wenn ich jetzt zum Beispiel in unserer Runde
1:16:52
vom Wort Goldstücke rede, dann ist das vielleicht erstmal für die meisten total
1:16:57
unverdächtig, aber das ist eben eigentlich ein Hinweis auf eine Rede, die Martin Schulz gehalten hat vor einer ganzen Weile und der hat eben dieses Zitat gebracht,
1:17:09
'das, was die Flüchtlinge jetzt zu uns bringen ist, ist wertvoller als Gold'
1:17:13
und hat das so eingebettet in den Flüchtlingszuzug von 2015 und 16. Er hat eigentlich gemeint, es geht um die Idee von Europa, die die so mitbringen
1:17:24
und es wurde komplett aus dem Zusammenhang gerissen und das ist jetzt so ein Schlagwort, das immer wieder genutzt wird.
1:17:29
Das gibt's mit vielen Konzepten, Verschwörungsmythen und so weiter. Nur ein kurzer Hinweis nochmal zu diesen Bussen, auch das ist eigentlich
1:17:39
so eine eingeübte Methode tatsächlich, weil wir eine ähnliche Falschmeldung schon vorletztes Jahr oder letztes Jahr hatten. Und zwar hat da einer dieser
1:17:48
Influencer aus dem rechten Spektrum ein Video gepostet, in dem sehr viele schwarze Menschen zu sehen waren, die an einem Bahnhof entlang gegangen sind. Und da hieß es schon 2018
1:18:02
und zwar außerhalb
1:18:03
von der Coronakrise, dass da Menschen reingeschmuggelt würden, Flüchtlinge. Die waren eigentlich alle nur auf dem Weg zur Arbeit, nämlich in einem Amazon-Warenlager. Da sieht man so schön, dass diese Motive auch immer wieder genutzt werden. Da funktioniert Recyceln halt einfach sehr sehr gut;
1:18:22
das grüne Abzeichnen für das rechtsradikale Spektrum.
1:18:30
Hier sind ein paar Forderungen gekommen, dass die Links unabhängig von deiner Präsentation nochmal geteilt werden, damit man das nachgucken kann. Das machen wir alles, wunderbar, kein Problem,
1:18:39
und an der Stelle auch nochmal die Präsentationen werden wir für euch als Zuschauer und Teilnehmer auch nochmal bereitstellen. Sei es, dass wir euch nochmal anschreiben, die Gelegenheit geben, da nochmal zu gucken.
1:18:48
Oder auch über IGmetall-Bildung.de, da auch nochmal Sachen bereitstellen und nachvollziehbar zu machen. An der Stelle der Hinweis: Wir würden eure Bücher
1:18:58
Matthias' "Deutschland rechtsaußen" und dein Buch "Hasskrieger". Matthias hat's auch schon ins Bild gehalten, ich mach' auch mal.
1:19:05
Ich hab's nicht da, aber wir verlosen jeweils fünf von diesen Büchern unter den Zuschauern, die ich hier sind
1:19:14
und allen, die in Facebook noch ein Like geben, für IG Metall Bildung, unter diesem Post, unter denen verlosen wir
1:19:20
eure Bücher. Ihr müsst allerdings gegebenenfalls eure Anschrift preisgeben, wenn wir euch anschreiben, das wäre die Bedingung.
1:19:29
Das so eine kleine Werberunde für eure tollen Publikationen. Ich hätte noch eine Frage an dich, Karolin:
1:19:34
Das Internet ist ja groß und weit und die Sachen, die man da findet sind enorm und gerade wenn's umso rechte Sachen geht.
1:19:42
hat man ja manchmal einen Eindruck, mein rennt 'ner Schweineherde mit so einem kleinen Kehreimerchen hinterher und versucht da aufzuräumen. Man sieht einfach, wie viel so runterkommt.
1:19:51
Was wäre denn so ein strategischer Tipp von dir?
1:19:55
Ich weiß, es gibt diese Aussage "Don't feed the troll", also dass man nicht den Leuten nochmal mehr Futter geben soll, aber gleichzeitig ist es unbefriedigend, nur analytisch draufzugucken und feststellen, oh ja
1:19:55
"Don't feed the troll"
1:20:05
das ist gelogen, was dort stattfindet. Was würdest du da als Empfehlung reingeben, irgendwas dazwischen, in die eine Richtung, in die andere Richtung?
1:20:15
Tatsächlich ist es auch zum Beispiel so, dass
1:20:15
"Don't feed the troll" auch nicht auf jeder Plattform funktioniert.
1:20:23
Das funktioniert teilweise, das funktioniert zum Beispiel, wenn man mir Mails schreibt und mir eine Vergewaltigung wünscht, dann antworte ich nicht darauf.
1:20:31
Aber wenn ich zum Beispiel auf Twitter diese selben Leute in den Mentions habe und nicht in irgendeiner Form reagiere, dann ist es oftmals so, dass dann auch einfach Menschen, die mit mir in irgendeiner anderen Form interagieren, plötzlich Ziel von diesen Menschen werden. Insofern funktioniert bloßes Ignorieren da schon wieder nicht
1:20:50
.
1:20:53
Also man kann wahnsinnig viel machen. Ich glaube, wenn's um Verschwörungsmythen und Fakes geht, ist es ganz wichtig einfach schon mal im eigenen Umfeld loszulegen. Und da
1:21:07
zu reden, zu sprechen, zu widersprechen, auch wenn zum Beispiel Falschmeldungen, wenn dehumanisierende Äußerungen getätigt werden,
1:21:17
weil die Chancen relativ hoch stehen, dass viele von uns diese Menschen im Umfeld haben. Also ich habe sie auch
1:21:24
wenn ich auf die Straße gehe, passiert es. Das ist wichtig und gerade was Falschmeldungen betrifft, ist die Glaubwürdigkeit
1:21:32
von einem Freund oder einem Familienmitglied nochmal deutlich höher, als wenn ich als Journalistin aus Berlin komme und sage, das stimmt aber nicht. Also man ist da schon auch auf gewisse Multiplikatoren angewiesen und das ist so der ersten Tipp, den ich geben würde,
1:21:46
also auch im Umfeld mal eingreifen. - Also Bildungsarbeit praktisch im Nahfeld betreiben, wenn man so will.
1:21:54
Wir haben jetzt auch viele unter uns, vielleicht nicht hier in diesem Kreis, die jetzt hier eingeschaltet haben, aber ich spreche jetzt mal von dem gewerkschaftlichen Kontext von Leuten,
1:22:02
die eine gewisse Social-Media- und Technikskepsis haben, also die dann sagen, das ist alles
1:22:08
so eine große Mischpoke, wo man gar nicht reibe im Zweifel ist das alles schwierig schlimm.
1:22:14
Was glaubst du, lohnt es sich da nochmal ranzugehen, zu sagen, wir brauchen viele kluge Menschen, die da auch mitschreiben, mittippen, mitargumentieren oder wo stehst du da zu der Frage?
1:22:23
Na ja, wir sehen ja grade, dass eigentlich Kommunikation ohne Internet gar nicht mehr funktionieren würde. Insofern ist das ein öffentlicher Raum, den wir schon alle für uns erschließen müssen und den wir auch verteidigen müssen, gegen Menschen, die dort
1:22:37
gewisse Vorstellungen haben, wie Kommunikation aussehen und wen sie alles ausschließen sollte, insofern
1:22:47
glaube ich, ist es wichtig, sich das anzuschauen und man muss auch immer wieder sagen, das Internet ist auch nicht nur schlecht. Also in so
1:22:56
Wochen, in denen ich viel recherchiere, ist es auch mal so das Gefühl, das ich habe, aber tatsächlich sehen wir, dass im Internet gerade ganz viele Hilfen für Menschen organisiert werden, dass Nachbarschaftshilfen
1:23:08
auch über das Internet organisiert werden, dass Menschen
1:23:10
unglaublich lustige und unterhaltsame Dinge tun, die uns auch die Zeit vertreiben und die uns so ein bisschen den Schmerz der Isolation lindern und insofern
1:23:20
kann ich trotzdem auch immer wieder guten Gewissens fürs Internet werben, aber mit gewisser Vorsicht und auch immer mit dem Aufruf, dass man schauen sollte
1:23:30
was man auch von sich selbst zum Beispiel preisgibt. - Ich finde ein sehr guter Tipp.
1:23:35
Jetzt werdet ihr gefragt: Habt ihr noch direkt Fragen oder Anmerkungen zu dem was Karolin vorgetragen hat. Dann wäre jetzt die Gelegenheit eine Hand zu heben.
1:23:49
Also ich kann dir auf jeden Fall von Facebook mitgeben, dass es viel geschriebenen Applaus gibt, ja. Es ist offenbar so, dass jetzt kein direkter Diskussionsbedarf besteht.
1:23:59
Dann würde ich an der Stelle einmal kurz ausblenden und wieder einblenden. Ich würde gerne Thorsten nach vorne holen, auf die Bühne, um mal so ein bisschen Auflockerung reinzutragen. Warte kurz, Thorsten.
1:24:10
Ich muss dich finden und dann entkommst du mir nicht, dann kommst du nämlich einmal nach vorne.
1:24:43
Thorsten, du hast noch was vorbereitet, wenn ich's richtig in Erinnerung habe,
1:24:53
Ich habe auch ein Buch, also, wollte ich nur sagen. Nein, ich habe tatsächlich zwei Texte vorbereitet und zwar einen aus dem Jahre 2001 und einen aus dem Jahre 2007.
1:25:05
Super. - Und zwar, um auch zu zeigen, also denen, die mich noch nicht kennen, dass ich solche Texte schon sehr lange schreibe. Und dann habe ich euch noch was vorbereitet, nämlich
1:25:14
eine Reaktion auf meine Texte.
1:25:17
die ich gestern bekommen habe und damit wollte ich eigentlich nur aufzeigen, wie sich der Umgang mit mir auch in der letzten Zeit so ein Stück weit verändert hat, weil sowas ist neu.
1:25:27
Und wenn ihr mir diese sieben bis zehn Minuten jetzt gebt, dann wäre ich euch sehr dankbar dafür. Okay?
1:25:43
Also: "Die andere Welt" aus dem Jahre 2007.
1:25:48
"Du willst 'ne Welt ganz klar und simpel strukturiert / mit einem Führer, der dir sagt, in welche Richtung man marschiert /
1:25:54
Du brauchst ein Feindbild, am besten eines, das viel schwächer ist als du /
1:25:58
damit du weißt, wenn es mal ernst wird, der Sieger, der bist du / Du willst ein Leben im schlichten Braun und schön uniformiert /
1:26:06
damit man nicht bei den Farben den Überblick verliert / Du willst Respekt und Achtung für den kleinsten Grund der Welt / und du willst stolz sein, weil du dich für auserkoren hältst /
1:26:17
Du bist hier geboren, zufällig und kannst selbst gar nichts dafür / Und jetzt stehst du auf der Straße und brüllst 'dieses Land nur mir' /
1:26:26
Ich will 'ne Welt, ganz frei von Hass und Ignoranz / mit einem großen Nenner,
1:26:31
gelebte Toleranz / Ich brauche Freunde, am besten einen aus jeder einzelnen Nation / und dabei juckt mich überhaupt nicht des anderen Religion /
1:26:41
Ich will ein Leben in allen Farben und ohne Uniform /
1:26:45
denn Freiheit ist am größten ohne jede Norm / Ich will Achtung und Respekt für jeden Menschen und deshalb stehe ich hier / und sag es laut und deutlich, dieses Land nie wieder
1:26:59
Dir" Der zweite Text aus dem Jahr 2001 heißt "Sag' nein!".
1:27:07
Und der kommt jetzt und dann wie gesagt
1:27:10
so ein kleines Statement, was ich gestern per Post gekriegt habe, zu meiner Lyrik und zu meiner Arbeit. <br>"Sag's nochmal, mein Freund sag' es wieder / ich habe es so oft gesagt, ich schrieb darüber Lieder /
1:27:20
Ist egal, mein Freund, sag's nochmal, mein Freund, sag es immer, immer wieder /
1:27:25
Ja, ich kann mich nicht mehr hören, mein Freund, ich bin mir selbst zuwider / ich sagte es zu oft, ich sang, ich schrie und brüllte sie schon nieder /
1:27:33
Ist egal mein Freund, bitte tu' es wieder / sag's nochmal / du hast keine Wahl / leg' nicht deine Waffe nieder / sag' es immer, immer, immer wieder / Sag' nein, mein Freund, wenn Sie Menschen brechen /
1:27:45
Sag' nein, wenn sie von Kriegen sprechen / sag' nein, wenn sie die Freiheit knebeln / sag' nein, wenn sie an ihren Hebeln / immer noch mit Macht und Kraft /
1:27:54
das zerstören, was Frieden schafft / Sag' nein, mein Freund"
1:28:00
Ja und diese Texte sind zum Teil, wie gesagt, fast zwanzig Jahre alt.
1:28:05
Und gestern kriegte ich dann mit der Post, ich werde nicht den ganzen Brief zitieren, weil ich demjenigen, also dem Absender nicht so viel Raum geben will.
1:28:12
Aber das macht natürlich auch etwas mit einem, wenn man solche Briefe kriegt, zum Beispiel. "Lyrik oder erbärmliche Systemkriecherei, keine Frage bei dir.
1:28:21
Und wieso sprichst du immer von uns, du Parasit hast doch in deinem ganzen Leben nicht einen Tag beitragspflichtig gearbeitet.
1:28:28
Dass dein Arsch und der deiner Brut im warmen sitzt, ist nicht dein, sondern der Verdienst der Leute, die du verachtest
1:28:35
und die sich jeden Tag aus dem Bett heben, um es Blutsaugern wie dir schön kuschelig zu machen."
1:28:40
Zum Schluss wird mir dann noch angeboten, es wäre Zeit für mich zu gehen und zwar in vier Teilen in alle Himmelsrichtungen, 1.000 Kilometer weit weg. So und
1:28:51
solange wie ich das jetzt schon mache und das sind schon dreißig Jahre, dass ich Gedichte schreibe und auch politische Gedichte schreibe. Das ist eine neue Qualität.
1:29:01
So, in diesem Sinne. - Vielen Dank, dir Thorsten auch von dem Facebook-Chat, auf jeden Fall Applaus, Applaus für deine Gedichte. Und wenn der Brief nicht so lyrisch vorgetragen worden wäre von dir, dann wäre glaube ich, auch nochmal klarer geworden
1:29:15
wieviel, sagen wir mal, Sprengkraft und
1:29:19
Gewalt, auch da drinnen steht und wie gefährlich diese Situation ist, wenn klar ist, dass so Formen der Kommunikation auch gerade stattfinden. Deswegen dir viel Mut, Thorsten,
1:29:28
dass du das gut aushältst, Stand hältst und weiter schreibst und weiter auch für uns,
1:29:35
wir würden dich nochmal aufrufen, wenn du nochmal so ein bisschen was inspirierendes zum Ausgang ... - Ja, auf jeden Fall, also ich habe hier auf jeden Fall noch ein, zwei Texte liegen, von denen ich denke, also die ich euch gerne mit auf den Weg geben würde, dann am Ende.
1:29:50
Wunderbar,
1:29:51
alles klar. Dann würde ich dich von der Bühne runter bitten und die Chaja nach oben holen oder nach vorne holen, wie man das sagen mag, hier in so einem Format. Hallo Chaja. - Hallo Sok-Yong.
1:30:03
Wir würden ja gerne mit unseren Zuschauern diskutieren, das hatten wir so ein bisschen festgehalten, aber es melden sich die Wenigsten, deswegen können wir plaudern.
1:30:11
Oder vielleicht melden sich nochmal ein paar Leute, die dann auch mit dir nochmal sprechen wollen. Auf jeden Fall wärst du jetzt an der Stelle, wo Matt und Karolin ihre Vorträge gehalten haben
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nochmal an dem Punkt, wo du das abgleichen kannst mit dem, was du aus den Seminaren kennst und in den Diskussionen, in den einzelnen Geschäftsstellen, wo du deine Vorträge hältst, was so eigentlich in den Betrieben so passiert. Also
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wenn man nicht wissenschaftlich draufschaut, sondern wenn man tatsächlich einen engen Kontakt mit vielen Menschen ist, die auch gewerkschaftlich organisiert sind, wo du da Spannungsverhältnisse siehst,
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wo du vielleicht auch Hoffnung rausschöpfst, da wäre ich sehr gespannt drauf, wenn du uns da ein paar Einblicke liefern könntest.
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Jo, versuche ich mal, ich mache das jetzt ohne Präsentation. Ich hatte mich an Sok-Yongs Aufforderung gehalten, die nach Möglichkeit nur mit Bildern zu bestücken.
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Ich glaube, die Bilder sind nicht so wahnsinnig wichtig, zumal ich jetzt auch nach den Vorrednern so ein bisschen hin und her springen werde. Der Matthias hat in seinem Vortrag gesagt, wir reden immer über die Gesellschaft, wenn wir über die radikale Rechte reden
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und ich habe mir dann notiert: und wir reden auch immer über die Gesellschaft, wenn wir über die IG Metall reden.
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Ich glaube, das ist ganz wichtig im Kopf zu behalten, wenn wir über rechte Einstellungen und Haltungen innerhalb der Gewerkschaftsmitglieder
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sprechen, dass das eben nichts ist, was irgendwo im Orbit kreist, sondern dass sich da
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ausschließlich das abbildet, was gesamtgesellschaftlich los ist. Der Betrieb spiegelt die Gesellschaft und in gewisser Weise auch die Gesellschaft den Betrieb.
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D
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as ist nicht so, dass das zwei voneinander getrennte Bereiche sind. Wenn man auf das Einstellungsverhalten guckt, auch da hat Matthias vorhin die Sinusstudie erwähnt, die kann man feststellen, dass
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rechte, rechtsextreme Einstellungen, bei Gewerkschaftsmitgliedern immer einen Tick höher sind, als das im Rest der Bevölkerung ist.
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Da könnte man jetzt sagen, ja, dann scheint sich das wohl doch um was anderes zu handeln als die Gesamtgesellschaft, aber man muss dann immer wieder draufgucken:
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Mit wem haben wir's zu tun? Wir sind eher so von der Tradition her, ein bisschen Strukturkonservativ,
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unsere Mitglieder sind eher männlich, auch eine bestimmte Alterskohorte
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bei der sich das dann im Vergleich zur Gesamtgesellschaft wieder zeigt und vor allem seit 2015 kann man bei den Wahlergebnissen
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sowohl in den.
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Ländern als dann auch im Bund immer feststellen, dass so im Schnitt ungefähr zwei Prozent der Zustimmungswerte für die AfD über dem gesamtdeutschen Durchschnitt liegen.
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Da hat man lange Zeit das Gefühl gehabt, das bildet sich aber nicht so wirklich ab und ich glaube, das sind die beiden Punkte, mit denen wir relativ genau arbeiten müssen. Wir haben eine sehr starke, auch aus unserer
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linken, antifaschistischen Traditionen herkommende Hegemonie in den Betrieben, die Gewerkschaftlich gut organisiert sind. Da ist klar, was man sagt, was man nicht sagt, da hat man politisch
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gut ausgebildete IG Metall-Betriebsratsmitglieder und Vertrauensleute.
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Da werden natürlich und wurden auch immer auf Toiletten und im Pausengespräch
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rassistische Schmierereien und Sprüche abgeliefert, aber die die Wahrnehmung von außen war, na ja, eigentlich gibt's das in den Betrieben nicht. Und
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das wurde durch die Wahlen seit 2015 gehoben und diese beiden
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Bereiche stehen da so ein bisschen nebeneinander.
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Richtig zum Bruch gekommen ist das mit etwas, was Matthias auch erwähnt hat. Es gibt seit 2009 diese Gewerkschaftsimitation, Zentrum Automobil ist ja keine Gewerkschaft, auch wenn sie sich gerne so nennen,
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die in Untertürkheim begonnen hat mit zwei Betriebsratsmitgliedern, mittlerweile sind sie
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in Untertürkheim mit sechs Betriebsratsmitgliedern vertreten und versuchen bundesweit die großen Automobilbetriebe und zum Teil auch Zulieferer
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aufzurollen. Das ist ihnen nicht so gelungen, 2017, wie sie das wollten,
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aber nach der Betriebsratswahl ist vor der Betriebsratswahl, von daher müssen wir uns nichts vormachen und gerade unter diesen Krisenbedingungen
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muss man befürchten, dass das auch befördert wird.
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Es gibt unterschiedliche Ursachen, warum Leute sich dann entscheiden, Zentrum Automobil zu wählen,
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setzt sich auch so ein bisschen mit der Gründergeschichte zusammen und das Problem ist, dass die im Betrieb für viele nicht erkenntlich als
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rechte Organisation auftreten, es de facto aber sind. Vor allem, wenn man sich das Personal anguckt, der Hilburger, der Gründer, kommt von der Neonazi-Band, Noie Werte, ist eng verknüpft mit
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Ein Prozent, die auch jede Menge Materialien, die sie gestalten, finanzieren
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und mit Compact, das ist dieses rechte Magazin von Jürgen Elsässer,
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die auch 2017 gesagt haben, wir möchten - und das haben sie ja dann mit der Bundestagswahl auch erreicht - die Macht in den Parlamenten, wir möchten die Macht in den Straßen und die Macht in den Betrieben dann eben über Zentrum Automobil, die haben damit auch quasi den Auftrag bekommen, erringen und
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gehen da sehr geschickt vor und unter anderem nutzen sie auch da was
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Karo in ihrem Vortrag erwähnt hat, nicht nur Medien, sondern auch in gewisser Weise Social Media.
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Es gab im letzten Sommer einen halbstündigen Film von Zentrum Automobil, "Der Vertrauensmann", da wurde über eine Kündigung
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von zwei Beschäftigten aus Untertürkheim berichtet, die in einem WhatsApp-Chat
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Bilder weitergeleitet und vor allem an einen Vertrauensmann mit türkischem Migrationshintergrund immer wieder geschickt hatten, mit rassistischen, eindeutig indizierten Bildern versehen. Das Ganze ist so als rührselige Familiengeschichte dargestellt,
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die den Rassismus, der darin enthalten war, runterkocht und das Ganze zu so einer, ja,
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Kabbelei zwischen Kumpels oder Freunden versucht runterzuziehen und nicht den politisch brisanten Gehalt, der in diesen Bildern da ist,
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thematisiert. Und das ist so ein bisschen das Problem, mit dem wir in den Betrieben zu tun haben. Ich denke, der geringste Teil unserer Beschäftigten ist
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in solchen Gruppen auf Telegram unterwegs, aber WhatsApp ist einfach das Kommunikationsmittel der Wahl.
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Und so eine Medienkompetenz, was das bedeutet, sowohl was den Aufenthalt bei Facebook, als auch, was die Nutzung von solchen Online-Kommunikationsmitteln angeht,
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fehlt häufig. Wir sind in den Seminaren rauf und runter damit beschäftigt auch deutlich zu machen, wie man damit umgeht, wenn
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rechte Sprüche und anderes verschickt werden, dass es nicht reicht zu löschen, den Widerspruch, den Karo erwähnt hat, auch immer wieder in den Mittelpunkt zu stellen und deutlich zu machen, dass wir da in einer großen Verantwortung sind.
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Und da denke ich, dass wir auch als Organisation immer noch
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ein bisschen hinterher denken und handeln, weil das Internet ist irgendwie dirty und es ist glaube ich für einige von uns auch immer noch sehr neu.
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Also so neu ist es nicht, aber es gibt eine große Skepsis, die wird dann vermeintlich dadurch bestätigt, dass man von solchen Fällen
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hört und anstatt sich da reinzuschmeißen und die Diskussion mitzugestalten, versuchen wir uns dann häufiger halt auch rauszuziehen.
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01:38:15.840 --> 01:38:25.637Und das leistet natürlich dann auch diesen Verharmlosungsstrategien einiges an Vorschub und macht es schwierig dann auch die Debatte
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zu führen. Wir haben den großen Vorteil in den Betrieben, dass wir die vorher erwähnten
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gut ausgebildeten, auch mit uns zusammenarbeitenden unsere Werte vertretenden,
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Funktionärinnen und Funktionäre in den Betrieben haben. Die müssen wir auch stärken mit Bildungsangeboten, mit Versuchen auch auf betriebspolitischer Ebene
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durchzusetzen und umzusetzen, wofür wir stehen, also auch so eine Wertedebatte wieder
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größer zu machen, aus dem betriebspolitischen Bezug heraus. Also was da ein ganz wichtiger Punkt ist,
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wir können das nicht so trennen, also nicht hie die Betriebspolitik, dort
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die gesellschaftspolitischen Debatten, weil - und das kann man in Nachbarländern besichtigen und in unserer eigenen Geschichte auch -
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wir angewiesen sind auf Demokratie, aber das ist dann auch die Anforderung an uns, dass wir uns als demokratische Akteurinnen und Akteure
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immer wieder zu Wort melden und es gab vorhin, habe ich gesehen, bei Fragen und Antworten eine Frage
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"wo sind denn die Leute, mit denen wir in die Auseinandersetzungen gehen, also, wir sind unsere Bündnispartner
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in den Auseinandersetzungen gegen Rechts?
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Ja, das ist die Zivilgesellschaft. Also wir müssen gucken, mit wem wir zivilgesellschaftlich in welchem Kontext
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dafür streiten, uns den demokratischen Boden zu bewahren, auf dem wir stehen, aber wir müssen natürlich dann auch in solchen Zusammenhängen deutlich machen, wir
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haben nicht nur eine
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Erwartungsschuld von Leuten, dass die mit uns zusammen kämpfen, sondern wir müssen dann halt auch in die Debatte gehen und sagen, wenn andere für ihre Inhalte kämpfen und streiten, dann
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müssen wir auch deutlich sichtbar werden und uns auf den antifaschistischen Boden, aus dem wir kommen,
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also Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter haben ab 1933 auch gegen den Faschismus in Deutschland
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gekämpft. Von daher ist das so ein Urverständnis von Antifaschismus, was uns da in die DNA eingeschrieben ist, dass wir da eben auch anderen zur Seite stehen,
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kenntlich werden, sichtbar werden und das heißt einmal - wenn das wieder möglich ist - auf der Straße, aber das heißt eben auch im Netz
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zu diskutieren, zu debattieren, Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen, aber auch diejenigen,
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die in die irre wandeln zu versuchen, zurückzuholen. Ja, das vielleicht so als kurzes, verkürztes Statement.
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Danke Chaja, in diesem kurzen Statement hat schon so viel drin gesteckt, dass es zum einen sehr viele Fragen und Anmerkungen gab und zum anderen auch bei mir einige Sachen angegangen sind.
1:41:16
Aber ich glaube, wir können jetzt ein bisschen wechseln in den lockeren Austausch, in die Diskussion und dann vielleicht auch nochmal Karolin und Matt hinzuholen, um nochmal so eine Abschlussrunde zu machen, vielleicht auch mit
1:41:25
01:41:26.903 --> 01:41:35.855der Einbindung von euch als Zuschauern oder Teilnehmern. Zum einen gab's die Frage, ob du nochmal auch als gelernte Historikerin
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nochmal Bezüge herstellen kannst, ob es historisch erfolgreiche Momente gab, an denen man sich orientieren kann, wie man mit der aktuellen Situation umgeht. Du hast jetzt '33, die Kämpfe gegen den Faschismus angesprochen.
1:41:47
Vielleicht passt das nicht ganz, aber wo ziehst du denn als Historikerin Inspiration raus für die aktuelle Situation, wäre vielleicht die Frage umformuliert.
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Ich bleibe mal in dem Zeitrahmen der 30er Jahre, weil man kann ja aus der Geschichte lernen und das ist zumindest auch etwas, mit dem wir in unsere historischen Seminare reingehen
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und guck' aber über den nationalen Tellerrand hinaus nach Frankreich.
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Die Franzosen haben mit Entsetzen auf das geblickt, was in Deutschland passiert ist '33. Es gab in Frankreich auch eine starke Rechte, die sich dann nach der deutschen Besatzung in Frankreich auch jubilierend an die Seite der Nazis gestellt hat,
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aber erstmal in den 30er Jahren eine Volksfront-Regierung. Die Zähne knirschend zum Teil auch über politische
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Spannungen und Friktionen hinweg sich insofern vernetzt hat, als sie gesagt haben, es geht darum, den
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demokratischen Standard zu wahren und zu versuchen, dann eben diese Bündnispolitik auch tatsächlich voranzutreiben und sich dafür einzusetzen. Also ich glaube wirklich, dass es Krisenzeiten gibt, wo
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der kleinste gemeinsame Nenner die Demokratie ist und wo man sich einfach eine bestimmte Eitelkeit auch nicht mehr leisten kann.
1:43:03
So, ich verfälsche jetzt ein bisschen die Aussage von Susanne, als Kollegin, die jetzt bei den Fragen und Antworten nochmal
1:43:09
die radikale Rechte problematisiert hat und das Radikale, als - sagen wir mal - Problemmerkmal hervorgehoben hat.
1:43:17
Und da gibt es ja mittlerweile nicht nur viele Erkenntnisse, sondern es ist auch wichtig in der politischen Debatte klar zu machen, dass dieses Hufeisen, das es so ein Gleichgewicht zwischen links und rechts gibt,
1:43:25
eigentlich ein Mythos ist, beziehungsweise ein großes Problem darstellt, weil der Gegensatz zu radikal Rechten ist eigentlich radikal demokratisch zu sein.
1:43:35
Dass nicht rechts - links der Widerspruch ist, sondern demokratisch und rechts der Widerspruch an der Stelle ist. So gesehen würde ich dir als mit dem demokratischen Konsens, der hinten dranstehen muss,
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absolut Recht geben wollen, das nochmal stärken wollen.
1:43:50
Es gibt auch einige Anmerkungen, Peter zum anderen und aus Facebook: Nochmal die Frage der wirtschaftlichen Entwicklung, die natürlich auch eine große Rolle spielt und wie eine Rezession oder die Existenzängste und Sorgen, natürlich auch rechtes Gedankengut befördern. Und da stehen wir als Gewerkschaft natürlich auch
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dafür ein, genau das abzumildern. Aber wie schätzt du das ein, ist das quasi das
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Mittel der Wahl oder es ist nur ein Teilaspekt oder hängt das so stark zusammen, was man sagen kann, wenn wir den Kapitalismus überwunden haben, gibt's keine Probleme mehr, umso überspitzt darzustellen?
1:44:22
Ich halte das ja für einen Mythos, dass Krisen rechtes Gedankengut
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in die Welt setzen. Also ich denke, Krisen befördern das zu Tage, was ohnehin da ist.
1:44:36
Und unsere Aufgabe muss in der wirtschaftlichen Krise sein, diejenigen zu stärken, die auf der Suche nach solidarischen Antworten sind. Und nicht, sich zurückzulehnen.
1:44:47
Weil diese gerne vorgebrachte Klammer,
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Arbeitslosigkeit befördert rechtes Wählerinnen- und Wählerverhalten. Das können sich alle, die jetzt zuhören, die mal arbeitslos waren, überlegen, ob das bei ihnen tatsächlich der Fall war, aber es gibt einfach latente Einstellungen,
1:45:04
die
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schlummern, solange keine Krise kommt und man keine Herausforderungen bestehen muss, wo dann aber häufig diese Entsolidarisierung in der Situation
1:45:15
greift und ich glaube, da ist tatsächlich die Verantwortung für uns, für das zu werben,
1:45:20
was uns wichtig ist und ich glaube, der erste Schritt ist der überhaupt zu wissen, was wir wollen.
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Also welche Forderungen stellen wir? Wie versuchen wir, Kolleginnen und Kollegen zu erreichen und wie organisieren wir dann auch Beteiligung? Weil Menschen, die handeln
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sind einerseits Menschen, die dabei natürlich Fehler machen können, aber im kollektiven Handeln auf einer demokratischen Grundlage kann man tatsächlich dann auch versuchen
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so ein Gelände anzubieten, an dem man sich entlang hangeln kann.
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Es wird uns als Gewerkschaftern oder als Gewerkschafterinnen im Betrieb vielleicht auch mal schwer fallen. Ich greife mal eine Frage von Can hier auf oder einen Aspekt von Can, der sinngemäß fragt, wie es denn mit den Unternehmern oder dem Geldadel wie er es formuliert hat, ist.
1:46:04
Aus der Logik heraus wären Bündnispartner dann noch an Orten zu finden oder vielleicht auch zu suchen, wo wir sie sonst nicht suchen würden. Und zwar auf der Gegnerseite.
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Ich gehe mal davon aus, dass
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man auch da feststellen kann, dass es bei Unternehmern solche und solche gibt. Und Demokratie nicht sich festmachen lässt, ob man jetzt Empfänger von
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Entgelten ist oder ob man auf der anderen Seite sitzt.
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Ich erinnere an den langjährigen Vorsitzenden der SPD vor 1914, Kurt Singer, der war Unternehmer, also das eine schließt das andere nicht aus
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und wir kennen das ja auch zum Beispiel aus unseren ganzen Respektinitiativaktionen, dass wir da durchaus in solchen Fragen mit Unternehmern
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zusammenarbeiten und das auch ganz bewusst so platzieren. Wir müssen halt wissen, wo dann die Grenze ist, dass wir uns nicht vereinnahmen lassen und dann vor lauter Begeisterung, dass wir in bestimmten gesellschaftspolitischen Fragestellungen zusammenarbeiten, uns dann hinterher auch über ein Löffel balbieren lassen.
1:47:02
Jürgen bringt nochmal zum Punkt, dass man gerade so Organisationen wie Zentrum Automobil, wenn sie noch so klein sind, ja durchaus auch argumentativ entgegentreten kann
1:47:11
und vor Augen führt, was für Positionen sie haben, im Zweifel, dass man sich auch aus der Position der Stärke über sie lächerlich machen kann. Funktioniert das jetzt noch?
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Ist das, sagen wir mal, ein paar Handel verharmlosen oder es ist eine probates Mittel an der Stelle.
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Oder ist das zu spekulativ, jetzt in dem Moment ist da konkret was zu sagen. - Also meine erste Reaktion war:
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Die Chance haben wir verpasst, das hätten wir machen können, 2009 / 2010. Da waren sie tatsächlich noch klein und man hätte das aufgreifen können.
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Mittlerweile mag's immer Situationen geben, wo man das eine oder andere tatsächlich auch als Witz, als Ironie, als Sarkasmus aufgreifen und versuchen kann, lächerlich zu machen.
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Die fühlen sich eh als Opfer, ob wir sie ernst nehmen, ob wir sie verlachen, der Opfermythos ist ihnen eingeschrieben, aber ich denke, dass wir sie
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verdammt ernst nehmen müssen, also ohne uns jetzt als kleine Gejagte darzustellen. Wir sind die große IG Metall, aber wir müssen sie in ihrer Absicht tatsächlich ernst nehmen und müssen sie wirklich
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substanziell inhaltlich und an konkreten, betriebspolitischen Fragestellungen vorführen und auch maßnehmen.
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Dazu würde ich dringend raten, also das nicht klein zu reden und irgendwie zu hoffen, dass der Spuk vorbei geht.
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Gut. Danke dir schon mal, Chaja. Auch hier wahrscheinlich ein imaginärer oder ein von mir konkreter Applaus, ja. Ich würde Karolin und Matt trotzdem nochmal bitten, nach vorne zu kommen.
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Schön, dass ihr hier seid.
1:48:55
Es gibt jetzt die Möglichkeit, nochmal an euch drei Fragen zu stellen oder Einschätzungen abzugeben, soviel Zeit
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1:49:03
haben wir ja noch. Ich würde jetzt nicht mehr auf alles eingehe, was schriftlich kommt, weil jetzt auch die Zeit sich langsam Ende zuneigt.
1:49:10
Vielleicht habt ihr ein als Zuschauende noch eine Anmerkung oder etwas, was ihr konkret loswerden wollt, ansonsten würde ich an dich, Matt, nochmal eine konkrete Frage vorlesen,
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die Gerda gestellt hat. Meldet sich niemand? Dann mach' ich einfach mal. Gerda sagt,
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ich fand mich im März auf einer Kundgebung in München gegen die AfD zusammen mit Söder, bis hin zu Vertretern der antirassistischen Linken, von ausgehetzt ist.
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Sogar Seehofer spricht davon, dass der Hauptangriff auf die Demokratie vom Rechtsextremismus ausgeht, aus meiner Sicht eine Abwendung von rechtsextrem gleich linksextremen. Was passiert da gerade?
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Und, die Frage hattest du schon beantwortet oder versuchst zu beantworten, Chaja, nach unseren Bündnispartner gegen die neuen Rechten und Faschisten. Also gibt's da einen Paradigmenwechsel oder eine leichte Verschiebung, in den
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strategischen Linien, die man ziehen kann, Matt? Wie würdest du das einschätzen?
1:50:08
Ja, das ist offensichtlich bei den Landtagswahlen in Hessen und Bayern haben die Unionsparteien mehr Wähler an die Grünen verloren, als an die AfD. Man hat dort erkannt, dass
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schlicht aus auch demographischen Gründen, dass die Wahlen in der Mitte gewonnen werden und dass die Wahlen in der Mitte auch um das urbane junge Publikum gewonnen werden und nicht über das tendenziell, da gibt es Ostwestunterschiede, aber das tendenziell eher ältere
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rechtsextreme Spektrum. Das bedeutet, dass es zum einen also durchaus auch wahltaktisch
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einfach motiviert ist, dass durchaus Markus Söder sehr deutlich, in einer sehr deutlichen Abgrenzung zum Rechtsextremismus auftritt, dass selbst Horst Seehofer mittlerweile sagt, er akzeptiert nicht
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mehr, dass die Gefahr des Rechtsextremismus nihiliert wird, indem man oder bagatellisiert wird, indem man immer gleich von Linksextremismus sprechen muss,
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was durchaus bemerkenswert ist, diese Echo-Funktion kennt man ja insbesondere aus dem konservativen Spektrum.
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Das ist durchaus auch ernst zu nehmen, man kann das an konkretem politischen Handeln etwa im Bundeskriminalamt, auch in Diskussionslagen beim Verfassungsschutz, den ich nicht mag, aber der sich in einer anderen Positionierung mittlerweile wiederfindet,
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als durchaus auch glaubwürdig ansehen. Was anderes ist natürlich, wenn es eine relevante Gefahr sozusagen aus Unionsperspektive gäbe, von links, parteipolitisch betrachtet,
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dann könnte man das Extremismuseisen genauso schnell auch wieder umdrehen und würde sagen, also weder von rechts noch von links.
1:51:44
Das ist ja auch gerade hier in Thüringen mit diesen Debatten um Bodo Ramelow passiert, die im Kern dann doch Gleichstellung zwischen AfD und Linkspartei als sozusagen zwei radikale oder extreme Flügel, die in gleiche Maßen
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Distanz zur demokratischen Mitte hätten. Daran gibt es viel akademische und aktivistische Kritik. Das Eine ist, die Mitte ist nicht so demokratisch, wie sie sich in der Abgrenzung zu ihren Polen gern inszeniert
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und das Zweite ist natürlich ein ganz, ganz zentraler demokratiepolitischer Unterschied zwischen Linksaußen und Rechtsaußen, wenn man das so nennen will.
1:52:18
Die einen berufen sich auf die Gleichwertigkeit, auf Demokratie und die anderen berufen sich auch Ungleichwertigkeit.
1:52:24
Das bedeutet, natürlich kann man auch auf der linken Seite über Gewaltprobleme sprechen, über übersteigerte Radikalisierungstendenzen, aber nichtsdestotrotz gibt es immer noch ein Kernunterschied,
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dass nämlich jede Form von Rechtsaußenpolitik die Gleichwertigkeit von Menschen in Frage stellt und damit
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demokratiepolitisch problematisch ist. Das ist bei Linksaußenpolitik, ob man die mag oder nicht, generell anders,
1:52:50
prinzipiell anders. Und da hilft sozusagen Aufklärung auch im Diskurs.
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Ich sage immer, wir stehen hier vor der paradoxen Situation, dass einerseits die liberale Demokratie in Deutschland so stark war wie nie zuvor,
1:53:03
also rechtsextreme Einstellungen sind ja gar nicht angestiegen, sondern sie sind historisch, haben sie abgenommen. Wir sind als Gesellschaft viel weniger rassistisch und sexistisch als jemals zuvor,
1:53:13
auch wenn wir immer noch
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besorgniserregend rassistisch und sexistisch sind und in dieser Situation erstarken, die, die im Abwehrkampf
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gegen Modernisierungsprozesse stehen und ich bin der Meinung, man muss breite Bündnisse schließen bis hin zu Horst Seehofer im Kampf gegen die Gefahr von Rechtsaußen, aber innerhalb des demokratischen Spektrums auch durchaus sehr scharfe Unterschiede
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markieren und die auch sehr kritisch und kontrovers öffentlich ausdiskutieren können, aber das kann nicht ein Unterschied sein an der Frage von
1:53:48
Gleichwertigkeit von Menschen oder nicht. Das ist der Unterschied zwischen dem demokratischen Spektrum und dem Rechtsaußenspektrum.
1:53:55
Bündnispartner heißt ja nicht verheiratet zu sein, man kann auch temporäre Bündnisse eingehen, das ist ja das Schöne da dran.
1:54:02
Es gibt noch zwei Fragen, die ich hier aus dem Chat aufgreifen würde, oder Äußerungen die ich aufgreifen würde, bevor ich euch nochmal die Gelegenheit geben will,
1:54:08
selber Fragen zu stellen oder so ein paar abschließende Bemerkungen zu machen.
1:54:12
Vielleicht Karolin, Matt, auch nochmal an Gewerkschaften oder an die Zielgruppe gerichtet, nochmal spezifische Sachen. Das wäre ganz spannend, aber erst nochmal die zwei Fragen.
1:54:20
Zum einen hatte Kai nochmal angemerkt und gefragt, ob die Betriebsratswahlen '22 ein konkretes Ziel der Rechten sind.
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Chaja, bevor du antwortest, würde ich sagen, mit Sicherheit, aber es gibt vorher noch viel zu tun und währenddessen viel zu tun, aber kennst du da was konkretes Chaja, ob '22 so ein erklärtes Ziel ist.
1:54:39
Das erklärteste Ziel ist, dass die gekommen sind, um zu bleiben und dass sie Testballons gesetzt haben und weiter setzen.
1:54:49
Und da brauchen wir jetzt keine Ankündigung auf einer Konferenz "Wir werden das 2022 wieder machen", sondern das ist schlicht und ergreifend
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Teil ihrer Politik. Ja, werden sie.
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Wir müssen da wirklich gut vorbereitet sein, wir müssen gut unsere Funktionärinnen und Funktionäre schulen, wir müssen mit den Hauptamtlichen gut zusammenarbeiten und müssen das wirklich als großes Thema setzen.
1:55:20
Unter anderem sind wir heute zusammengekommen, aber es geht immer noch mehr. Martin hat sich gemeldet, ich würde dich mal drannehmen, Martin.
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Jetzt Audio ein. Theoretisch könntest du noch auf Alt A drücken, jetzt müssen wir dich hören. - Bin ich zu hören? - Ja.
1:55:37
Ja, hallo, Martin aus Nienburg/Stadthagen, ich möchte erstens euch allen vieren danken, und auch denen die jetzt nicht zu sehen sind, allen Aktiven danken, dass ihr hier eine super Situation und eine super
1:55:49
Veranstaltung hier mal so kurzfristig ins Leben gerufen habt, angesichts dieser Krisensituation, finde ich großartig.
1:55:56
Zweitens möchte ich ein Statement abgeben. Und zwar glaube ich, dass ganz viele Sachen, die wir als problematisch heutzutage erleben, Folgen sind, der der Endsolidarisierung, das hat Matthias schon mal kurz angesprochen.
1:56:09
Wir haben seit Jahrzehnten in der Schule und überall sonst gelernt, wir müssen gegeneinander arbeiten und uns gegeneinander durchsetzen anstatt solidarisch an einem Strang zu ziehen.
1:56:18
Und diese rassistischen und faschistischen Tendenzen, die wir jetzt erleben,
1:56:23
sind ja nun genau das Gegenteil von Solidarität. Das heißt, die Solidarität ist den Menschen verloren gegangen, in beiden politischen Systemen, in denen wir alle aufgewachsen sind.
1:56:33
Das zahlt sich jetzt im Negativen aus, dass die Leute einerseits
1:56:39
eben radikale Parteien wählen, andererseits es ist nicht für nötig halten, in Gewerkschaften einzutreten und auch im täglichen Zusammensein eben
1:56:50
relativ unsolidarisch sind. Also da geht's los mit dieser Klopapierhorterei und zeigt sich auf allen Ebenen des täglichen Lebens. Und zuletzt möchte ich noch - und zwar eben genau deswegen - einen Appell an alle richten, die zuhören.
1:57:05
Beteiligt euch als Teilnehmer, aber eben auch als aktive an der Bildungsarbeit der IG Metall, wenn ihr Betriebsräte seid, dann macht eure Seminare bei der IG Metall und nirgendswo anders, wir müssen alle lernen,
1:57:20
wie wir uns besser verhalten können und wenn wir das gelernt haben, dann müssen wir das an andere weitergeben. Das ist, würde ich sagen, unsere Quest und jetzt vielleicht auch genug geredet, also nochmal schönen Dank.
1:57:30
Dank dir, Martin, wir haben dir nichts dafür versprochen, deine Wahrscheinlichkeiten, Bücher zu gewinnen, steigen nicht, aber trotzdem vielen Dank für deine Anmerkung und deine warmen Worte. Das ist sehr
1:57:42
toll, ja, dein Beitrag hier.
1:57:45
Und wenn ich das richtig sehe, dann verabschieden sich einige schon von den Zuschauern, alles in Ordnung. Wir haben auch lange miteinander beisammengesessen und geredet. Trotzdem Karolin, vielleicht nochmal deine Einordnung, das Publikum, zu dem du jetzt hier heute gesprochen hast, ist vielleicht ein bisschen anders,
1:58:00
Vielleicht hast du jetzt auch noch ein paar Einschätzungen zu dem,
1:58:03
was jetzt von dem, was du thematisierst, sagen wir mal in betrieblichen Zusammenhängen eine Rolle spielt. Hättest du ein paar Einschätzungen oder noch so ein Schlussstatement, dass du noch mal gerne reingeben möchtest.
1:58:15
Ich glaube, wir haben schon sehr, sehr viel gesagt, heute und auch eben nochmal viel gehört, was wichtig ist. Ich glaube
1:58:24
für uns alle als Gesellschaft, wie Gewerkschaften, alle Beteiligten, es ist wichtig
1:58:30
zu lernen, mit allem umzugehen und die Methoden der Rechtsradikalen, um eben auch Hegemonie im Diskurs zu erreichen,
1:58:40
sich zu verdeutlichen und einfach auch benennen zu können, um letztendlich auch
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ihnen nicht mehr Platz zuzugestehen, als sie ohnehin schon haben und sich vielleicht auch ein Stück weit Platz zurück zu erkämpfen. Und das ist eben wichtig und das betrifft uns alle.
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Vielen Dank, Karo. Matt,
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jetzt wärst du an der Reihe. Du hast schon viel geredet. Das macht aber nichts, du kannst noch mehr reden, aber vielleicht was mit so einem abschließenden Charakter aus deiner Perspektive.
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Nein, es wurde viel Kluges gesagt, auch von Karolin jetzt nochmal, da kann ich mich eigentlich nur anschließen und möchte jetzt nicht noch weiter draufbuttern.
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Eine Anmerkung dann doch nochmal, glaube ich, die Möglichkeit eine Krise auch als Chance zu betrachten, das
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sollten wir uns etwas systematischer auch nochmal aus einer politischen Perspektive anschauen, nicht nur in Abwehrkämpfen, sondern eben auch in Fragen sozusagen,
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wie viel von dem, was wir jetzt als andere Praxis leben müssen,
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kann man auch für eine solidarischere, nachhaltigere Gesellschaft darüber hinaus mitnehmen.
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Da wünsche ich mir auch die Gewerkschaften als einen Akteur, die das nicht nur mit Bildung, sondern vielleicht auch mit politischen Schlussfolgerungen vorantreiben.
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Chaja, das ist quasi an uns gerichtet, wenn ich's richtig verstehe, wenngleich wir als Bildungsarbeit natürlich nochmal eine besondere Rolle einnehmen, wie würdest du
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diese Veranstaltung für dich nochmal abschließen wollen, was geht dir gerade durch den Kopf, wenn du jetzt nochmal die Gelegenheit hast, zu den Verbleibenden sprechen zu können.
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Ich kann im Prinzip den beiden anderen Schluss-Statements wenig hinzufügen, weil
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wir brauchen im Prinzip eine demokratische Raumergreifungsstrategie, die Rechten versuchen das von ihrer Seite aus und
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wir müssen und wir können das auch. Und ich glaube, dass wir tatsächlich sehr viel mehr in uns und unser Kraft vertrauen müssen und uns nicht zu so einem
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wachsweichen Riesen machen. Und ich denke, dass wir als Bildungsarbeiterinnen und Arbeiter in der IG Metall, aber auch als Organisation insgesamt
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unsere Wertedebatte neu
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führen, beziehungsweise auch intensivieren müssen und das in allen Bereichen deutlich machen, warum wir ohne Werte, das, was wir vertreten und wofür wir kämpfen,
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im Betrieb, aber auch in der Gesellschaft nicht vorantreiben können.
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Also das ist dann vermeintlich so ein Luxussonntagsthema, aber das ist es nicht, weil ohne Demokratie gibt's uns nicht und von daher ist das im Prinzip auch purer Egoismus, wenn wir dafür kämpfen.
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Dankeschön.
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Ich spare mir ein Schluss-Statement, weil wir noch jemanden haben, der als Schlussredner herankommt, aber ich möchte euch dreien schon mal danken, dass ihr hier wart, euch die Zeit genommen habt und so viel hier reingegeben habt
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an alle, danke euch nochmal. Auch ein Applaus stellvertretend für alle, die noch übrig sind. Dann würde ich nochmal den Thorsten nach vorne holen wollen.
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Wenn ich mir eine kleine Anmerkung erlauben darf, das ist kein Schlussstatement von meiner Seite, aber
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wenn wir dich hier in so eine Videokonferenz reinbringen können und du auf YouTube zu finden bist, dann finde ich, haben wir schon einen Schritt getan. Ich finde, das ist ein guter Schritt
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da mehr Reichweite und Öffentlichkeit zu bekommen und mit den Worten, du hast noch was vorbereitet für uns, bitteschön.
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Ja, also ich weiß jetzt nicht, wie viel Zeit uns jetzt noch bleibt und wie viele Leute uns noch zuhören wollen, aber wenn ihr dran bleibt, würde ich euch gerne tatsächlich noch zwei Texte präsentieren. Den einen, den habe ich
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geschrieben weit vor der Coronakrise, aber ich glaube, den werde ich auch nach Corona noch häufiger lesen müssen, weil es darum geht für diese Demokratie und für unsere Freiheit
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zu kämpfen und für das, was wir jetzt während der Krise vielleicht verloren haben oder verlieren, wieder auf die Straße zu gehen. Der heißt, "Demokratie,
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Würde, Leben" und der zweite Text heißt "Naive Malerei" und zeigt auf, wie ich mir die Welt vorstelle oder wie ich sie gerne sehen
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würde oder gerne hätte, im Gegensatz zu dem Text der anderen Welt, den ich vorhin gelesen habe. Also: "Demokratie, Würde, Leben".
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Und das ist auch so ein bisschen der Verzweiflung geschuldet, dass ich schon seit 30 Jahren mit solchen Texten auf der Bühne bin, aber diese Texte nie an Aktualität verloren haben. Also, ich sag mal, "sag' nein," und "die andere Welt" werde ich wahrscheinlich auch noch in zehn Jahren lesen können.
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Oder auch müssen. Also, "Demokratie, Würde, Leben / Und es reichen nicht Reden, nicht Lied, nicht Gedicht / zeigen wir nicht entschlossen, auch unser Gesicht /
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Lasst uns wenn nötig und das ist es immer / so tun, als käme es ohne uns schlimmer / Lasst uns, wenn nötig und das ist es jetzt /
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kämpfen für Freiheit und das Grundgesetz / Mein Aufruf geht heute an uns Demokraten / wie lange noch zusehen, wie lange noch warten / Lasst uns ganz deutlich global demonstrieren / wir werden die Welt nicht an Faschos verlieren /
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Die Würde des Menschen bleibt unantastbar / und die Ziele der Rassisten schlichtweg unfassbar /
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Die Freiheit des Menschen ist auf ewig unteilbar / Der Wahnsinn der Faschisten offensichtlich nicht heilbar / Lasst uns, wenn nötig und das ist es nun / nicht länger zögern und endlich was tun /
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Das Leben, die Freiheit, die Demokratie / die Würde, die Gleichheit, nicht nur Fantasie / die Schwesterlichkeit und die Bruderliebe /
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wer weiß, was am Ende davon übrig bliebe / würden wir nicht beständig und konsequent /
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dafür streiten und kämpfen in jedem Moment / und es reichen nicht Reden, nicht Lied, nicht Gedicht / zeigen wir nicht entschlossen, auch unser Gesicht /
2:04:41
Lasst uns, wenn nötig und das ist es immer / so tun, als käme es, ohne uns schlimmer / Lasst uns, wenn nötig, und zwar heute und hier / kämpfen für Freiheit und ein entschlossenes Wir!
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02:04:55.641 --> 02:05:06.042Dankeschön, bis dahin. Und jetzt kommt mein ganz persönliches kleines Weltbild, was ich mir gezeichnet habe, mit dem Titel "Naive Malerei" und dann danke ich euch
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sehr für diese Möglichkeit und für die Aufmerksamkeit, die ihr mir geschenkt habt und ich hoffe, wir sehen uns auf dem Wege irgendwie demnächst mal wieder.
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"Naive Malerei / Ich habe ein Bild von dieser Welt /
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das mir besonders gut gefällt / Darauf ist sie komplett zu sehen / und sie ist bunt und wunderschön / Sie ist braun und grün und blau und weiß /
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und es gibt Wasser, Wälder, Wüsten, Eis / und auf ihr gibt es Lebensformen / die Vielfalt ist wahrlich enorm / Es gibt Säugetiere und Reptilien / ganze Arten, Strenge und Familien / Es gibt Insekten, Vögel, Fische /
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und ganz seltsame Gemische ./ Es gibt Wesen, Kreaturen / unterschiedlichster Naturen /
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Es ist tatsächlich sagenhaft / soviel Leben, so viel Kraft / so immens viel Energie / in jeder Zelle, jedem Vieh /
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In jeder Spore, jeder Pflanze / und das ist nicht einmal das Ganze / das ist nur das, was ich jetzt seh' / und schon im Ansatz nicht versteh'.
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Ich habe ein Bild von dieser Welt / was mir besonders gut gefällt / darauf sind wir Menschen auch zu sehen / und wir sind schlau und wir verstehen / und wir handeln mit Vernunft /
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und denken immer auch an Zukunft / Nicht nur an das Jetzt und hier und heute / wir sehen die Welt, nicht nur als Beute / wir sehen sie als Lebensraum / und wissen hier zu sein,
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das ist ein Traum / Und so handeln wir dann auch / Jeder nimmt nur, was er braucht / Es gibt kein Hass und keine Gier / und jeder hilft dem anderen hier /
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Niemand hungert oder durstet / und kein Tier wird hier verwurstet / und kein Baum wird hier zersägt / solange er noch Früchte oder Blätter trägt /
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Es ist eine Welt, ganz ohne Not / und keiner schlägt den anderen tot / Es gibt keinen Neid und auch kein Geld / es ist eine wunderbare Welt /
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Das ist ein Bild von dieser Welt / das mir besonders gut gefällt / ich schau's mir an und denk dabei/
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na ja, naive Malerei."
2:07:08
Dankeschön für eure Aufmerksamkeit. Und ich hoffe, wir sehen uns demnächst hier wieder. Solange das möglich und nötig ist.
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Vielen Dank, Thorsten.
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Ich sag nur tschüss an euch, da draußen, das Video wird verfügbar sein über Facebook und ansonsten machen wir das anders, irgendwie verteilbar.
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Wir schreiben ihn nochmal an, wegen dem Büchern, wenn ihr eins gewonnen haben solltet.
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Wir werden euch nochmal informieren, wegen den weiteren Veranstaltungen dieser Reihe. Verzeiht uns bitte, dass wir das Programm nicht fertig haben, wir stricken das gerade im Laufen. Aber ich hoffe, dass zum einen ihr wiederkommt, zum anderen, wir es wieder schaffen, so tolle Veranstaltungen hinzuzaubern.
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Ihr wart super. Vielen Dank an euch.