Lob des Gehens

In “Lob des Gehens” unterhalte ich (Nicola Wessinghage) mich mit verschiedenen Menschen über die vielen Facetten des Gehens. Dabei streife ich ganz unterschiedliche Themenfelder, von der Anatomie über Architektur, Neurologie, Kommunikation, Kunst, Kultur und Geschichte. In einigen Episoden wird es auch um kleine Experimente bzw. Erfahrungsberichte gehen. Denn Aufhänger für diesen Podcast waren vor allem meine eigene Lust am Gehen und die Neugier, besser zu verstehen, warum es auf so verschiedene Arten so gut tut, zu Fuß unterwegs zu sein.

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episode 12: Bonusfolge: Über die Unfassbarkeit des In-der-Welt-Seins. Von Tilo Timmermann. [transcript]


  • Loubna Bouharrour
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Heute gibt es eine kurze Bonusfolge: Loubna Bouharrour, regelmäßigen Hörer*innen dieses Podcasts bekannt unter anderem aus Episode 6, liest einen Text von Tilo Timmermann. Der ist Gast der nächsten Folge, und ich habe mit ihm über Fernwanderungen und Fernweh gesprochen. Das Gespräch erscheint am kommenden Freitag.

Hier ist bereits ein Text aus seinem Blog zur Einstimmung zu hören: Diese Unfassbarkeit des In-der-Welt-Seins, veröffentlicht am 5. Januar 2021. Eine gute Einstimmung auf das, worüber wir gesprochen haben, auf das also, was in der kommenden Woche erscheinen wird. Und überhaupt: ein sehr schöner Text über das Gehen und Wandern, wie ich finde.


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 2021-04-15  10m
 
 
00:00  Musik
00:27  NIcola Wessinghage
Ja hallo und herzlich willkommen bei einer Bonusfolge von Lob des Gens. Vielleicht wundert sich jetzt einige, dass heute,
00:34
schon drei Wochen nach der letzten Episode wieder von mir zu hören ist. Das hier ist aber eben gar keine normale Folge, sondern eher eine Art Teaser.
00:43
Ein Teaser für die Folge, die heute in einer Woche herauskommen wird
00:47
Dann werdet ihr hören können, wie ich mich mit Thilo Timmermann über Fernweh und Fernwanderung unterhalten habe. Thilo hat nämlich einen, wie ich finde, sehr, sehr schönen Text darüber geschrieben, was geschieht, wenn er fernwandernd unterwegs ist
01:00
Er hat diesen Text in seinem Blog veröffentlicht, ihr könnt ihn dort lesen, aber ihr könnt ihn jetzt auch hören
01:07
Und das ist sicher auch eine gute Einstimmung auf das, was dann in der kommenden Woche hier kommt. Dann wird Thilo nicht nur darüber berichten, was ihn in die Ferne treibt
01:16
sondern er wird auch erzählen, wie er damit umgeht, dass er aktuell, also jetzt in Zeiten des Logdowns nur davon träumen kann,
01:24
Ich finde, er hat ein sehr kreativen Umgang damit gefunden, doch das erfahrt ihr erst in der Episode am nächsten Freitag. Hört jetzt Lubnerboher Ruhr, die für uns liest,
01:35
diese Unfassbarkeit das in der Weltseins. Geschrieben von Thilo Timmermann,
01:41
viel Spaß damit. Wir hören uns wieder in einer Woche und bis dahin alles Gute.
01:45  Musik
01:53  Loubna Bouharrour
Unfassbarkeit des in der Weltseins. Wie ich mir eine Art Sinn erwarnerte.
02:01
Ist nichts besonderes, das tun wir alle ohne es eines Gedankens für Wert zu halten. Und doch habe ich in dieser einfachsten Form der Bewegung durch den Raum in den letzten Jahren den Schlüssel zu einer tiefen Zufriedenheit gefunden.
02:15
Um das zum Patos gerollene Wort Glück zu vermeiden.
02:19
Beim Gehen tue ich, wofür mein Körper gemacht ist. Ich erlebe die Welt nicht durch eine Glasscheibe hindurch, ich bin in der Welt und bewege mich mit eigener Kraft durch sie hindurch. Ich bin da.
02:32
Und am Abend bin ich müde. Ja, gehen kann langweilig sein. Aber auch die Langeweile bereichert,
02:40
nirgendwo und zu keiner Zeit sonst lässt sich die Bewegung des Körpers so mühelos in eine des Geistes überführen,
02:48
Wer geht, erfährt und erlebt den Ort seiner Existenz zwischen dem raschelnden Laub auf dem Weg und dem Himmelsgewölbe zwischen der Haustür im Rücken und der dunklen Situate des Gebirges am Horizont,
03:02
Er lernt, was es bedeutet, ein Bewusstsein zu haben zwischen all den Gräsern, Steinen und Wolken. Beim Gehen fehlt nichts.
03:13
Mein Weg zum Wandern,
03:15
Vor drei Jahren habe ich einmal einiges Geld in Outdoor-Läden ausgegeben. Ein neues Zelt, ein leichter Schlafsack, ein einfacher Kocher,
03:24
Ich ging auf die fünfzig zu und dachte mir, wenn ich jetzt nicht anfange, das zu tun, wonach ich eine solche Sehnsucht verspüre, dann gar nicht mehr. Ich wollte gerne gehen,
03:35
weit und lange. Und von mir aus auch allein, denn niemand wollte mitkommen.
03:41
Dreieinhalb Wochen lang durch die Alpen, von der Nähe Turins bis ans Mittelmeer, immer oben am Alpenhauptkamm entlang nach Süden,
03:50
abends dann vor dem Zelt an einem abgelegenen Bergsee sitzen und in die Ferne schauen.
03:56
Spazieren gegangen war ich schon immer viel und auch Wanderungen hatte ich gerne gemacht, aber zuletzt wollten meine Begleiter sich immer öfter nach zwei, drei Tagen einfach mal ausruhen, während ich dachte, weiter. Ich will weiter.
04:11
Und so ging ich im Sommer zweitausendachtzehn allein die südliche Hälfte der Grande Traversata, der Real P durch Pimont auf einen Rutsch und ich war infiziert.
04:22
Wandern wird mit dem Alter besser. Gehen ist kein Trendsport,
04:28
Es gibt keine Trainer, die dich anfeuern, keine besten Liste, keine Jugendlichen, Vorbilder, keine Red Bull Videos. Für manche ist es sogar etwas peinlich, was mich persönlich dann noch bestärkt.
04:42
Jeder der einigermaßen gesund und nicht verletzt ist oder eine Behinderung hat kann gehen. Und um eine Fernwanderung zu machen muss er es einfach nur wollen.
04:52
Und das Glück haben, lange Urlaub nehmen zu können. Er kann sich vorher zwar eine gewisse Fitness antrainieren, durchlaufen, aber zur Not kommt die auch unterwegs.
05:02
Wenn er den Wandertag gut plant, also rechtzeitig isst und trinkt, regelmäßig Pausen macht, nicht zu viel herumschleppt und nicht zu viele Blasen oder Knieschmerzen bekommt, dann kann er gehen, soweit er will,
05:15
zu lange es hell genug ist. Er wird nicht völlig ausgepowert sein, nein,
05:21
er ist einfach abends matt und schläft sehr gut und dann hat er wieder Kraft für den nächsten Tag.
05:28
Der Reiz der weiten Distanz und der Alltag.
05:34
Gehen bist du auf der Landkarte eine lange Linie zeichnen kannst. Eine Linie so lang, dass du sie auf der Europakarte erkennen kannst. Alles auf den eigenen Füßen erwandert,
05:47
Das ist ein zutiefst erfüllendes Gefühl. Das schaffst du mit dreißig, mit fünfzig und später auch noch.
05:55
Eine besondere Geschichte erzählen können. Von hier nach da, das bin ich alles zu Fuß gegangen,
06:02
Ja, da spielt doch ein wenig Ehrgeiz hinein. Ich tracke meinen Weg, ich poste Bilder, ich schreibe drüber,
06:10
vor allem um meinen eigenen Genuss noch besser auskosten zu können,
06:14
Selbst meine alltäglichen Spaziergänge bekommen dann doch den Charakter eines Trainings, wenn ich besonders schnell gehe und mein eigenes Tempo bestaune.
06:24
So bringe ich ein wenig vom Abenteuer auch ins tägliche Gehen,
06:27
so knüpft die täglich gleiche Runde an die Gedanken und Erlebnisse der großen Tour an, die Gedanken werden flüssig,
06:35
Erinnerungen, Planungen, Tauchen auf und verschwinden wieder im Tag der Schritte. Die Schritte formen die Gedanken.
06:46
Interessant, wie das lange gehen in der Landschaft den Körper mit dem Geist verknüpft. Über längere Zeit bin ich nur Rhythmus.
06:54
Der Kopf leert sich, einzelne Worte purzeln noch darin herum, die Fetzen einer Melodie, eine Erinnerung,
07:02
Ein loser Gedanke, doch alles wird wie durchsichtig. Nichts drängt sich in den Vordergrund, du bist vor allem das, was deine Sinne dir liefern.
07:12
Was du sehen kannst, erfüllt dich ganz, die wenigen Geräusche, ein Hauch vom Wind auf der Haut.
07:19
Das ist alles, was du beim Gehen spürst. Je länger du gehst, desto weniger fühlst du dich an den Augenblick gefesselt. Du musst nicht mehr jeden Stein würdigen, jede Flechte betrachten, denn du weißt, da kommen mehr, wenn du nur weitergehst.
07:34
Im Wissen, dass es Tag für Tag so weitergehen wird, gehst du schneller, denn du wirst keinen Eindruck verpassen. Es sind genügend da.
07:42
Du gehst nicht mehr wie ein Spaziergänger in die Landschaft hinein, sondern du bist einfach drin und bleibst drin.
07:50
Fast schon ein Teil von ihr. Wenn du gehst, bist du einfach da. Was tue ich hier.
07:59
Was mich beim Gehen regelrecht erschüttert, ist diese Unfassbarkeit des In der Weltseins. Wie sich das Draußen über die Sinne erschließt.
08:10
Duft des Waldbodens, das Knacken von Zweigen, die raue Oberfläche eines Granitbrockens.
08:17
Die Welt ist da und ich bin für einen Moment mit ihr da. Mit diesem Felsbrocken, diesem Bergpass, den ich schon aus der Ferne gesehen habe und schließlich erreiche, vielleicht mit der Hand berühre und dann gehe ich weiter,
08:31
bin wieder fort, aber er bleibt zurück.
08:35
Was ist es, dass ich diesen flüchtigen Moment wahrnehme und um mich herum sonst nichts Bewusstes ist.
08:43
Ich blicke in den Himmel. Bin ich der einzige, der diese Wolke zerstieben sieht? In welchem Moment hat sie sich so weit umgeformt, dass sie nicht mehr dieselbe ist wie zuvor.
08:53
Man ahnt es.
08:54
Beim Gehen geht's mir auch ums Älterwerden. Was habe ich schon erlebt? Was erwarte ich noch? Und wer ist dieser Ich, der da ständig in mir denkt oder auch nicht.
09:07
Den Kopf zwischen Sternen.
09:10
Beim Gehen bin ich eingebettet in die harte Materie unter meinen Wanderstiefeln, das Stolpern, den Schweiß, den ausgetretenen, sich windenden Pfad.
09:19
Das Bergpornoma der Ferne einen gleisenden Horizont, flüchtige Wolkenbilder.
09:26
Füße auf Gneis, den Kopf zwischen den Sternen. Ich schaue hinab auf ja Millionen altes Gestein und wundere mich, wie kurz ist meine Zeit. Ich bin hier und bald nicht mehr.
09:38
Hier ist ein Stück Welt, das ich erwandert habe. Hier haben meine Stiefel einen schmalen Pfad etwas mehr ausgetreten.
09:46
Ich bin da gewesen wie die Steine. Ein kurzer Moment der bewussten Gemeinschaft mit dem unbelebten oder ist er doch ein Weltgeist.
09:56
Er wandert aus eigener Kraft.
10:01  Musik