Bücher sind wie Kekse

Wer Bücher liebt, verschlingt sie wie Kekse! Autorin Dagmar Hager spricht ganz offen mit KollegInnen und spannenden Menschen. Die Themen? Alles, was mit Buchstaben zu tun hat! Bücher, Literatur, Lesen, Schreiben, Neuerscheinungen und und und. Du hast Feedback zum Podcast? Schreib uns an podcast@liferadio.at!

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episode 23: Nie mehr wieder: "Du bist zu fett, dein Körper gehört weg!" [transcript]


Ein Podcast gegen Bodyshaming und Ausgrenzung wegen seines Körpers. Buchautorin Elisabeth Lechner (Riot, don’t Diet – Aufstand der widerspenstigen Körper) im Gespräch mit Dagmar Hager über Menschen, die wegen ihres Körperfett keinen Job bekommen, wegen ihrer Behaarung Morddrohungen und Männer, die wegen ihrer Selbstzweifel gewalttätig werden. Aber warum? Und was können wir ALLE dagegen tun? Die Antworten hört ihr hier!


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 2021-05-06  n/a
 
 
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Bücher sind wie Kekse, der Live-Radio Bücher-Podcast mit Dagmar Haka. Du bist zu fett.
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Farbig, zu Körperbehindert, zu, was auch immer.
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Mein Gast im Podcast heute weiß, dass es als Schöngeltende Menschen leichter haben im Leben und jene, die als hässlich oder gar eklig gelten
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deutliche Nachteile haben.
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Elisabeth Lechner sagt, Schluss mit diesen Blödheiten und hat deshalb ihr Buch Weyerthemat auf Stand der widerspenstigen Körper geschrien.
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Es ist voller Beispiele von Menschen, die wegen ihres Aussehens keinen Job bekommen oder sogar Morddrohungen.
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Dieser Podcast ist also wirklich wichtig, also unbedingt anhören und gerne auch liken und kommentieren und vor allem bitte fangt bei euch selber an.
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Was zu ändern. Wie das geht? Das erfahrt ihr jetzt.
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Wir leben in einer zutiefst logistischen Gesellschaft, also einer Gesellschaft, in der Menschen aufgrund ihres Äußeren bewertet werden.
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Wir haben genügend Studien, die belegen, dass es als schön geltende Menschen leichter haben im Leben und jene, die als hässlich oder gar eklig gelten, ähm deutliche Nachteile haben. Das fängt schon bei den Jüngsten an, also schöne Schülerinnen werden schon besser bewertet. Das geht
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bis hin zur Jagd nach dem perfekten Job, ähm die Suche nach dem Partner, Partnerin. Man bekommt, wenn man als Schöngeld leichter eine Hypothek, ähm man bekommt die bessere Gesundheitsversorgung et cetera.
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Dementsprechend äh glaube ich, dass das ziemlich unfair ist und dass man Schönheit äh als politisch thematisieren sollte. Ja, das machst du in dem Buch
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beginnt aber auch gleich bei dir persönlich. Du hast zum Beispiel ein Foto von dir zur Verfügung gestellt mit Schminke und lackierten Fingernägeln für die Presse
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und da hast du auch gewisse Reaktionen bekommen. Das heißt, du darfst kein Aussehen haben, wenn du darüber forschst.
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Also ich fand das sehr spannend, diese Rückmeldungen. Man stelle sich vor, ich hätte ein äh ungeschminktes Foto geschickt.
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Wäre sicher gekommen, naja, die hässliche Feministin, kein Wunder, das lässt sie sich noch einen neuen Diskriminierungserfahrung einfallen, damit sie endlich irgendwie auch einen Platz in der Öffentlichkeit.
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Kommt und so weiter.
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Und ich finde, das zeigt ganz schön auf, dass man es als Frau im Patriarchat halt niemandem recht machen kann. Es ist immer zu viel, zu wenig, zu dick, zu dünn, zu alt, zu jung. Irgendwas ist immer falsch
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und dementsprechend, glaube ich, äh müssen wir an die Grundfesten dieser Strukturen, damit wir das endlich hinter uns haben. Viele von uns denken so, der Körper ist eine Hülle, die immer mehr optimiert werden muss. Woher kommt diese Denke bei uns allen?
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Grundsätzlich kann man sagen, dass die Schönheitsindustrie ein großes Interesse daran hat
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immer neue Problemzonen, immer neue Marke zu entwickeln, zu definieren, zu besprechen, um immer neue Produkte zu verkaufen.
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Darüber hinaus leben wir aber auch in einer Gesellschaft, in der gerade Frauen immer wieder auf ihr Äußeres reduziert werden
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und damit natürlich auch unter Kontrolle gehalten werden sollen. Also wer sich den ganzen Tag mit Schönheitspflege und äh Sorgen um die Optimierung des eigenen Körpers befasst.
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Schließt sich nicht zusammen und fordert mehr Rechte ein. Ändert sich ja immer, das war vor zehn, zwanzig Jahren sicher noch ganz anders, als es jetzt ist, also jetzt eher ein muskulöser Körper. Was es allerdings immer gibt, dieser
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männliche Blick. In einer patriarchalen Gesellschaft geht ganz viel von einer männlichen Norm aus. Also Ziel des Buches ist es durchaus auch aufzuzeigen
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dass es mehr gibt als Frauenkörper zugerichtet für männliche Blicke, sondern dass
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Vielfalt äh was Schönes sein soll, dass man nicht immer sofort aus dem Rampenlicht verdrängen muss
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wir kommen jetzt später noch ein bissel darauf zurück. Äh vorher noch ist mir ein Beispiel aufgefallen im Buch, dieses Beispiel mit diesen Stellenausschreibungen, wo's ja nicht drinnen steht, aber eigentlich doch zwischen den Zeilen durchschreibt. Wir suchen eigentlich nur schöne Bewerberinnen.
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Also abseits von der Gesundheitsversorgung sind dort Ausschreibungen das politischste und auch finde ich wirklich am
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das zentralste Thema in diesem Buch, weil ich finde, es kann nicht sein, dass Menschen aufgrund ihres Aussehens für einen Job genommen werden oder nicht, weil Kompetenzen kommen ja aus Herz und Hirn, also aus unserer Fähigkeit.
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Sozialen Lohns in Beziehung zu setzen
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Das heißt, da auf das Aussehen reduziert zu werden, ist besonders bitter. Und da zitiere ich im Buch zum Beispiel die Geschichte einer deutschen Anwältin, die Armatura mit Bestnoten hat, Studium ganz super abgeschlossen und hat sich beworben und beworben mit einem super Foto, so Portraitfoto, ganz professionell gemacht, auf dem man eben sieht, dass sie ein dickes Gesicht hat. Hat
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keinerlei Rückmeldungen bekommen, gerade einmal negative und sonst schon gar nix. Und dann hat eine Agentur vorgeschlagen, na ja, machen wir die Bewerbung doch ohne Foto.
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Und prompt haben sich Leute zurückgemeldet. Das heißt, die Vorurteile gegenüber dicken Menschen sind so stark.
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Dass man einfach mit dick sein immer inkompetenz, Faulheit asozial sein, assoziiert.
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Dass das so stark ist, dass man eben keine Chance hat, am Arbeitsmarkt, obwohl man in unserer vermeintlichen Leistungsgesellschaft, wo er laut.
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Den Geschichten, die wir immer hören, alle gleich behandelt werden, dann eben doch nicht alle so gleich behandelt werden und es doch nicht immer nur um Leistung geht.
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Oder ja die Geschichten von Women of Color, also schwarzen Frauen, die aufgrund von ihrer natürlichen Haarstruktur ihren Astros diskriminiert werden
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deswegen gibt's mittlerweile in Amerika die ersten Bundesstaaten, die schon Gesetze erlassen gegen die Diskriminierung aufgrund von natural Hairstyles, also so natürlicher Haartracht sozusagen
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Mhm. Also ich ich bin eben immer der Ansicht, man sollte Schönheitsarbeit niemals
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oder in ein negatives Licht rücken, weil warum soll's ein Problem sein, sich mit dem eigenen Körper zu befassen, aber wenn man gezwungen ist, Arbeit am eigenen Körper vorzunehmen, um überhaupt
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ernst genommen zu werden
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das ist dann natürlich kein Problem. Hm ja. Das geht aber sogar noch viel weiter, weil wir keine Norm schönen Körper aufweisen kann, eben zu dick, zu haarig, zu alt, zu behindert ist, wird er oft nicht nur benachteiligt, sondern sogar mit Gewalt und Hass konfrontiert.
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Ja, also da habe ich mich in meiner Distallation ähm mit ekligen, weiblichen Körpern beschäftigt. Also ich habe mir angeschaut.
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Wer wird eigentlich, warum als Eklick bezeichnet und was hat das für Konsequenzen? Jemand, der es Ekelobjekt gilt, das ist eklig. Du bist ja nicht mehr du, sondern das. Hm.
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Dann wird ein Mensch ganz schnell zum Objekt und wer nicht mehr Vollmensch ist, wer nicht mehr ein Gegenüber auf Augenhöhe ist
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Er ist ganz schnell Opfer von Gewalt. Mhm. Und besonders in sozialen Medien ähm ist es so, dass ganz oft wieder Sichtbarkeit gefordert, um endlich was zu verändern
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aber gerade je in den Körper, die an den Rand gedrängt werden, wenn die Sichtbarkeit bekommen, ist oft auch der Hass nicht weit. Mhm. Und deswegen kritisiere ich im Buch zum Beispiel.
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Werbekampagnen, die mit mehrgewichtigen Frauen arbeiten, weil sie wissen, dass die Body-Positivity-Bewegung schon so viel Sichtbarkeit bekommen hat, dass das für ihre Marke zuträglich wäre.
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Aber wenn die dann Hass bekommen, kümmert sich niemand um das Community Management und das in dieser total verletzenden Kommentare. Mhm. Also da sieht man dann ganz schnell,
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man springt sehr gerne auf den Zug auf, wenn man damit was verkaufen kann, aber wirklich die strukturellen Veränderungen, die Redaktionsteams, diverser gestalten.
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Oder eben die wirklich zarte Arbeit zu machen, zu schauen, dass dort kein Hass gepostet wird. Das möchte dann schnell dann wieder niemand mehr machen. Mhm. Also man muss dann auch hinter die Fassade der Sichtbarkeit schauen sozusagen
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Bei alldem ist es ja dann kein Wunder, dass man sich schnell seines Körpers schämt und dann sind wir bei diesem berühmten Stichwort Bodyshaming.
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Genau, also bei dem Druck da herrscht dieses wirklich kein Wunder und Scham ist ein ganz für die Betroffenen schlimmes Gefühl
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Das führt oft zu ganz schlimmen Selbsthass und zu suizidalen Gefühlen. Mhm. Also normalerweise ist es so, dass man sich nur vor einem anderen schämt, wenn man
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in eine Situation gebracht, mit dir einem unangenehm ist. Ähm das kann wirklich zu ganz schlimmen, psychologischen Folgen auch führen, dass Menschen Essstörungen entwickeln, sich aus dem Sozialen zurückziehen, sich zum Beispiel
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zu dick zum Schwimmen fühlen oder sich überhaupt nimmer in Gesellschaft gehen trauen. Die erste Reaktion bei Scham ist ja, dass man unsichtbar werden möchte, oder? Man möchte sich ganz schnell, so schnell man kann
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aus dieser Situation irgendwie wieder entziehen. Aber wenn man sich dann widerständig positioniert und sagt, nein
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Es gibt keinen Grund, warum ich mich hier schämen soll. Ich bin einfach so, dann ist die pure Existenz schon Widerstand. Mhm.
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Gibt ja auch äh Leute, die sich eben sehr vehement auch schon dagegen wehren. Da sind wir zum Beispiel beim großen Thema plus size Models. Also die diese ganzen kulturellen Tabus überwinden, Fett, Alterserscheinungen äh und den Körper in der Vielfalt
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so wie er halt ist. Genau, also wir sehen jetzt wirklich schon in den letzten Jahren hat diese Bewegung ein wirklich wahnsinnige Fortschritte gemacht und auch.
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Herz der Popkultur erreicht, also wirklich Mainstream Produktionen, die Millionen Menschen erreichen.
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Natürlich ist Leben in einem marginalisierten Körper kein Trend, sondern sollte eine selbstverständlich und ohne Gewalterfahrungen möglich sein
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also diese Mode für mehr gewichtige Frauen, das ist ein ganz spannendes Feld.
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Weil einerseits gibt's mittlerweile für mehr gewichtige Frauen endlich auch Mode, zumindest im Internet
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aber auch in diesem Bereich gibt's immer neue Normen. Also für mich zum Beispiel war das absurdeste. Momentan ist so total en vogue, ein ganz flacher Bauch und ein schlankes Gesicht.
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Und das heißt auch im Bereich der als Models werden.
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Dünnere Models gecastet, die dann beim Hintern und am Busen ausgestopft werden, damit sie diese perfekte Sanduhr-Silhouette kreieren.
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Also ich meine, was ist denn das? Und dann passt ja das wieder nicht.
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Weil niemand diese Kriterien erfüllen kann. Ja. Und diesen einen dickeren Bauch, der halt nicht da perfekt flach ist und dann aber in einen ganz sinnlichen Hintern irgendwie äh übergeht. Das das mag noch immer niemand sehen und das sind halt
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Die Körper, die wirklich marginalisiert werden, die noch immer als eklig gelten, da sind wir, glaube ich, immer noch nicht weiter. Mhm. Also Sichtbarkeit für
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dickere Körper, die halt trotzdem super normschön sind, ja, da haben wir was geschafft, also das wäre vor ein paar Jahrzehnten auch noch schwierig gewesen.
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Ja, was ist mit den Körpern von alleinerziehenden Müttern zum Beispiel, die nicht jeden Tag fünf Stunden lang dran arbeiten können, ihn zu optimieren, weil sie gar nicht wissen, wie sie die Miete zahlen sollten? Warum sind die nicht auch gut so, wie sie sind? Warum sehe ich die nirgends?
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Das sind so Fragen, die fehlen halt noch. Na ja, du schreibst auch äh es braucht viel mehr dicke Disney-Prinzessinnen, wie meinst du das? Also wenn wir uns zum Beispiel auch Kindersendungen anschauen und so, da
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tut sich schon langsamer, auch wird es, also ich habe jetzt in Kürze einen Termin zu Kinder- und Jugendliteratur und body positivity, wo man schon sieht, ja, da
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Diversität gefordert, aber gerade in der Entwicklung von Normvorstellungen, da gibt's ja Studien, da schon ganz kleine Kinder.
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Weiße Puppen, schwarzen Puppen bevorzugen. Dünne puppen, dicken Puppen bevorzugen. Und wenn man schon ganz von klein auf lernt
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Das ist einfach Vielfalt gibt und dass es unterschiedliche Körper gibt und dass das gut so ist, dann setzt man ja schon an den Grundfesten an.
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Wie ich aufgewachsen bin. Ja, also Disneyprinzessin war so, also die Prinzessin ist dünn, die Prinzessin ist weiß. Äh die Prinzessin heiratet den Prinzen und dass ich die mal in eine andere äh Frau verliebt zum Beispiel absolut undenkbar
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darf man da noch ganz schnell gesehen, wie sehr die eigene Körperlichkeit auch mit der Sexualität zusammenhängt.
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Also da war ganz schnell, naja, so dick findest du aber keinen Mann. Na erstens einmal, hallo, ist das der Grund? Also meine, meine Optik hängt einzig und allein damit zusammen, die Suche nach dem einen sozusagen und zweitens
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kann ich nicht vielleicht auch andere Geschlechter anziehen finden. Also nur als Option war das schon gar nicht möglich. Bei diesen ist das ja immer so, die äh haben ja zutiefst rassistische Ursprung mehr
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aber die reagiert dann halt auch, wenn was passiert. Und deswegen nix lieber als Germany's Next Topmodel oder diese ganzen Draft-TV Sachen schauen, weil da zieht man halt was äh ganz viele Leute in der Gesellschaft sehen und dort sehen wir, wie Körperpolitiken heute verhandelt werden, naja
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Schönheit sollte man also etwas vielfältiger sehen, vielleicht zu einem pussolatest dem Ganzen, sich da eine gewisse Gruppe, der es vorhin behalten ist, Schönheit auch auszuleben und man muss auch sagen, das gilt ja nicht nur für Frauen, sondern dieser Druck schön und fit zu sein,
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nimmt er auch auf Männer immer mehr zu
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Ja, das ist richtig. Also wir sehen in den letzten Jahren eine Zunahme des Phänomens igorexie. Das ist in etwa Äquivalent zur Anorixie zu verstehen. Da gibt's eine ganz tolle BBC-Doku, wo wirklich.
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Bodybuilding der Männer, die Muskelberge haben vorm Spiegel stehen und weinen, weil sie sich nicht
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breit und groß und muskulös genug fühlen. Also da gibt's auch so
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psychologische Körperbild, äh Wahrnehmungsstörungen eigentlich, wo man sieht, ja, der Druck nimmt auch auf Männer zu.
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Und gerade zum Beispiel, da habe ich mich fürs Buch äh mit äh schwulen Männern unterhalten, die erzählen, wie sehr Bodyshaming auch in in der Gay Dating Culture ein Problem ist. Also wie sehr da auch
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dicken Feindigkeit vorherrscht und ja natürlich leiden darunter auch Männer. Mhm. Und die haben's dann könnte man sagen, doppelt schwer.
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Klassischen Männlichkeitsvorstellungen zufolge ist ja
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Emotionalität, nichts mit dem man jetzt sehr offen umgeht. Mhm. Und wenn man dann mit diesen Gefühlen auch nirgends hin kann.
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Endet das ja leider ganz oft in Gewalt am anderen oder an sich selbst. Also das ist ja dieser
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toxische Männlichkeit, die Feministinnen da immer ins Feld bringen. Und das ist ja das eigentlich Traurige. Das ist auch das ist ja eigentlich auch nichts, was man in einem Menschenleben schaffen kann. Man kann sich ja nicht die ganze Zeit immer nur
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stark und unbesiegbar fühlen, sondern schwächer ist ja auch Teil des Lebens und muss ja auch äh besprochen werden dürfen. Im Buch geht's aber auch um ein Thema
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auf das ich so
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gar nicht zugleich gekommen wäre, dass mich dann aber umso mehr fasziniert hat und das ist das Thema Körperbehaarung. Was da los ist, da hast du auch ein paar ganz interessante Beispiele von der Kathrin mit dem Damenbad oder von diesem schwedischen Model. Was ist da los?
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Ja Körperbehaarung, gerade an Frauenkörpern wird das absolute Grenzüberschreitung wahrgenommen. Und wenn eine Frau jetzt Beinhaare hat, Achselhaare
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dann ist sie nicht sofort klar als Frau lesbar. Körperbehaarung wurde wirklich noch Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts mit Kriminalität, assoziiert, mit Wahnsinn.
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Erwähnt dem dieses schwedische Model, das wegen eines Werbefotos für Sneakers äh Matterungen erhalten hat sogar.
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Genau, also die ähm hat, ich glaube, es wird zweitausendsiebzehn
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ein Foto gepostet, wo sie ein sehr feminines Kleidungsstück trägt, so ein samtiges und dann äh Sneakers und hält ihr ihr unrasiertes Schienbein in die Kamera, also eine maskuline Pose, ein sehr feminines Kleidungsstück und natürlich war diese ganze Inszenierung ein Marketing-Gag und hat
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damit kalkuliert. Man wusste, das würde aufsehen erregen. Und wenn man jetzt
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aber schon sieht, dass ein äh ganz junges, ganz dünnes, ganz schönes, weißes, schwedisches Model schon Morde und Vergewaltigungsdrohungen bekommt, wenn sie unrasierte Beine hat.
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Vorstellen, was Menschen passiert, die nicht eh schon so nur am schönsten sind. Ähm ein eigener Punkt im Buch sind auch behinderte Menschen, die
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einfach offenbar nicht sexy sein dürfen, sich zum Beispiel schön anziehen mit Dekolletee, wobei sie eigentlich nichts lieber wollen würden
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so normal wie möglich zu sein in dem Rahmen der Innen halt zur Verfügung steht.
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Ja Laura, Gel Ha, berichtet in dem Kapitel, dass eigentlich ähm also ich habe sie gefragt, nachdem wir einen längeren Austausch hatten, ob äh wenn
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ihr Schönheit als solches nicht zugestanden wird von der Gesellschaft.
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Ob das nicht eine Erleichterung ist, also ob man, weil Frauen ja ganz oft unter Schönheitsdruck leiden, ob das eine Erleichterung ist, dass einem das nicht zugestanden wird.
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Und sie meinte, nein, also wie sie's macht, ist falsch. Es ist ganz egal, wenn sie ganz einfach am Sonntag in einer Jogginghose zum Bäcker rollt, dann wird ihr, wenn sie nicht hergerichtet ist, äh sofort.
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Unterschlagen, dass sie sich überhaupt ausdrücken kann, dass sie überhaupt Deutsch sprechen kann es und wenn sie hergerichtet ist, dann ist es so, ja, also
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mit einer Behinderung als äh sexy auftreten, das geht schon überhaupt nicht und dann so fürchterliche Kommentare wie, na das hätte ich von einer Frau mit Behinderung aber nicht erwartet. Also da passieren Zuschreibungen, dann haben wir noch so viel zu tun
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und da biete ich wirklich alle Zuhörenden einfach Menschen zu folgen und diese Lebensrealitäten auch wahrzunehmen. Weil da ist wirklich das Problem, sie bekommen keine Bühne.
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Und dann gibt's ganz viel Unsicherheit und man weiß nicht recht, ja, das ist aber gar nicht so schwer. Man muss einfach äh mit Leuten reden und diese Perspektiven mit einbeziehen und ernst nehmen.
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Wo wir uns alle ein bissel selber am Krawatte packen können, da kommen wir gleich noch dazu. Da hast du da fünf Punkte, die du dann am Schluss des Buches zusammenfasst, wo wir
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bei uns selber ansetzen können, sollten und eigentlich müssten. Vorher noch, indem er das auch viele irgendwann einmal trifft, das ist das Thema Alter, das kommt auch vor im Buch, weil wir zumeist nicht so schön altern, wie George
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Cloony, sondern das ganz anders ist, da hast du dann auch ein paar sehr drastische Beispiele, das passt gerade zur Oscar-Verleihung, zum Beispiel Hollywood, da ist man mit vierzig schon jenseitig, da kannst du maximal noch unter die Produzentinnen gehen und dann bringst du da auch ein sehr schönes Beispiel von der Oma Gerti und das hätte ich jetzt gerne ein bisschen zusammengefasst.
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Ja, also beim Altern haben wir noch immer einen extremen Tabus. Da ist es so, dass wir sagen, Männer altern wie guter Rotwein, die werden immer attraktiver.
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Und Frauen sind äh und gerade in der Schauspielbranche, wo man ja so sehr im äh Rampenlicht steht,
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sind ab vierzig ist eigentlich das Ablaufdatum, wo man nicht mehr als attraktiv, als Sexy, als Liebhaberin auftreten kann. Und da gibt's ja dann ganz absurde Beispiele im Buch.
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Nur zehn Jahre ältere Frauen als Mütter von ihren Schauspielkollegen gecastet werden, die wo sie eigentlich äh locker die Freundin sein könnten.
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Also die werden dann extra älter geschminkt und so und was machen aber dann die älteren Frauen? Die kriegen dann gar keine Rollen mehr.
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Und jetzt könnte man sagen, gut, das ist jetzt ja nur in Hollywood so, ist ja egal oder was interessieren uns die, aber das hat natürlich, also wie delebritys, wie prominente diese Zuschreibungen verhandeln
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hat natürlich spiegelt sich immer zurück auch in den Rest der Gesellschaft. Also altern ist überhaupt immer noch für Frauen ähm ein ein ganz, ganz schwieriges Thema.
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Und die Oma Gerti ist super, weil ähm Alexandra ist die äh Chefredakteurin und also vom digitalen Auftritt der deutschen und hat sich Pro-Aging, also für das Altern positioniert.
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Und gesagt, dass man eigentlich die Spuren, die sichtbaren Spuren eines gelebten Lebens.
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Nicht unter dem Teppich kehren oder gar unsichtbar machen sollte, sondern durchaus stolz sein kann drauf. Und äh hat dann eine Geschichte mit ihrer
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Oma Gerti in die Wok gebracht. Die Alexandra hat sich mit ihrer Oma über das Altern unterhalten und die hat dann einfach im im Zuge dieses Gesprächs den Bademantel fallen lassen und hat sich so ganz stolz in ihrem Bikini präsentiert und hat gesagt, ja so sieht sie eben aus. Und äh das ist
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Körper, der hat Kinder bekommen, der hat so vieles geleistet und auf den kann man durchaus auch stolz sein. Mhm. Aber das war nicht Fotos, die in erschienen sind in der in der online wo, sondern das hat sie nur als Beispiel gebracht oder.
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Nein, zehn verschiedene ah super. Voll schöner
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Sehr spannend. So, dann kommen wir bitte zum Resümee von Riot Don't Diaz auf, Stand der widerspenstigen Körper. Es ist ein Fakt, um viel zu viele Menschen machen ihre.
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Täglichen Diskriminierungserfahrungen mit sich selber aus. Zu dick, zu alt, zu behindert, zu farbig, zu was weiß ich auch immer. Um was können wir jetzt tun, wo setzen wir an, um das
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zu ändern. Was können weiße, formschöne, junge Menschen verlernen beziehungsweise lernen. Du nennst fünf Ansatzpunkte, beginnend mit Selbstliebe.
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Also der erste Schritt, den wir machen können, ist einmal uns zu informieren
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Wir können uns darüber informieren, wie exklusiv unser gängiges Schönheitsideal ist, wie sehr dieses Schönheitsideal Lebenswege beeinflusst.
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Und inwiefern Schönheit und Körperlichkeit absolut kein oberflächliches Thema ist. Und ich glaube, da werden schon viele Leute sagen
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okay, das ist ziemlich unfair. Wie dicke Menschen wie ähm Women of Cover, wie Menschen mit Behinderungen, älterer Menschen oder queerer Menschen behandelt werden. Und sozusagen das erstes einmal, man muss einmal ein Bewusstsein kriegen.
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Mhm. Dann kann man zweitens, äh dafür setze ich mich ein, solange ich äh Interviews mache, dazu aufrufen
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Medienkompetenz zu verbreiten. Am liebsten hätte ich ja Medienkompetenz als Schulfach und das sollte nicht nur besprechen, ja, die Fotos werden nachbearbeitet, weil
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zwölf, dreizehn, vierzehnjährige wissen sehr gut, dass Fotos nachbearbeitet werden, sondern da geht's um ein Verständnis davon, wie funktionieren digitale Plattformen, wer profitiert von meinen Daten, wem
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brauchen wir Sichtbarkeit zu, wer bleibt noch immer unsichtbar? Und wir können ganz persönlich auch sagen, ich streiche aus meinen sozialen Medien alles raus, was mir ein schlechtes Gefühl macht.
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Dann kann man auf Basis von dieser Entwicklung hoffentlich sich selbst und seine Umgebung anders sehen. Das bedeutet, ich kann nicht im Alltag dran erinnern, wenn vor mir eine dicke Frau mit einem bauchfreien Top.
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Die im Sommer sich grad so wohl fühlt, dass mein erster Gedanke nicht ist, na, okay, das würde ich jetzt aber nicht anziehen. Wieso, wieso hat die das an? Na ja, was ist denn da los? Sondern ich kann mich im Kopf stoppen sozusagen, ein ein Halteschild einziehen und sagen, Moment einmal,
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Vielleicht habe ich einfach nur gelernt, dass die Menschen sich nicht anziehen dürfen, wie sie wollen und vielleicht ist das ja ganz anders möglich. Vielleicht kann ich.
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Meinen eigenen tiefsitzenden Internalisiertenhaus auch verlernen.
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Viertens, kann ich dann hoffentlich in meinem eigenen Einflussbereich anders handeln. Das bedeutet, ich kann zum Beispiel überlegen, wenn's wieder geht beim nach Corona, ist meine Geburtstagsparty inklusiv gestaltet, können
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alle meine Freunde, Freundinnen da teilnehmen
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habe ich mitgedacht, ob zum Beispiel in einem Restaurant äh eine eine dicke Bekannte, ob die dort bequem sitzen kann oder ob die total unbequeme Sessel haben, die viel zu eng sind. Also ich kann versuchen, einfach die Lebensrealitäten von anderen Menschen mitzudenken
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und zu fordern einfach, dass das auf allen Ebenen besser wird. Und im Prinzip ist der letzte Punkt dann Netzwerke bilden und sich gemeinsam solidarisch gegen diese Strukturen stellen
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weil äh ganz oft die Conclusio aus diesen Diskussionen ist. Na ja, allein werde ich's nicht schaffen, mich gegen diese Dinge auch zu lehnen, aber in in einem gemeinsamen äh sicheren Umfeld kann ich mich austauschen
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und dann gemeinsam drauf hinweisen, was alles schief läuft. Mhm. Und äh im Prinzip ist das sozusagen kurz zusammengefasst, der Weg von der ersten Bewusstwerdung hin zum Aktivwerden in einer Gemeinschaft
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Was schlägt hier eigentlich so entgegen aufgrund dieses Buches? Ich habe äh
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bis jetzt sehr, sehr viel positive Erfahrungen gemacht und sehr weniger negative dabei, Gott sei Dank. Ja, Gott sei Dank, das kann man nur laut sagen. Und jetzt hätte ich noch gerne so ein paar wirklich motivierende Schlusssätze von dir so richtig hart fällt, so richtig aus dem Herzen gesprochen, an alle, die das hören.
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Immer, immer laufen Menschen, die marginalisierten Körper in ihr Leben äh leben, immer wieder laufen die an Ziegelwände und die Menschen, die die Mehrheit sind, die.
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Bewegen sich ganz unbehindert durchs Leben.
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Und wenn ich jetzt diese Wende gar nicht sehe, kann ich auch nicht helfen, die Gesellschaft inklusiver zu machen. Das heißt, ich würde mir wirklich wünschen, dass wir einfach empathischer werden, dass wir anfangen, die Lebensrealitäten von anderen Menschen mitzudenken.
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In diesem Sinne dann auch die symbolischen Ziegelwände vor uns sehen und gemeinsam helfen, die mit einzureißen, weil da haben wir alle was.
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Schön. Damit gefreut dich kennenzulernen. Vielen Dank. Super. Wollt ihr dann alles Gute, tschüss. Danke, tschüss. Elisabeth Lechner und ihr Buch Riot don't Diot
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Aufstand der widerspenstigen Körper war das erschienen, ist das Buch bei und. Ich bin die Dagmar und ich habe im nächsten Podcast auch wieder einen superspannenden Gast, nämlich
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Petra Ramsauer. Sie weiß es Journalistin in Krisenherden ganz genau, wie sich Angst.
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Angsttherapeutin, wie man damit umgeht. Bücher sind wie Kekse, der Liveradio Bücher-Podcast mit Dagmar Haka.