Lob des Gehens

In “Lob des Gehens” unterhalte ich (Nicola Wessinghage) mich mit verschiedenen Menschen über die vielen Facetten des Gehens. Dabei streife ich ganz unterschiedliche Themenfelder, von der Anatomie über Architektur, Neurologie, Kommunikation, Kunst, Kultur und Geschichte. In einigen Episoden wird es auch um kleine Experimente bzw. Erfahrungsberichte gehen. Denn Aufhänger für diesen Podcast waren vor allem meine eigene Lust am Gehen und die Neugier, besser zu verstehen, warum es auf so verschiedene Arten so gut tut, zu Fuß unterwegs zu sein.

https://lob-des-gehens.de

subscribe
share





episode 14: Lesung als Bonusfolge: Über Flexen Flâneusen in den Städten [transcript]


  • Lea Sauer
    • Instagram
  • Özlem Özgül Dündar
  • Nicola Wessinghage
    • Twitter Nicola Wessinghage
    • Website Lob des Gehens
    • Instagram Lob des Gehens
    • Inkladde Blog
    • Instagram Nicola Wessinghage

Heute gibt es eine weitere kurze Bonusfolge als Einstimmung auf die nächste Episode, die dann eine Woche später erscheinen wird: Die beiden Autorinnen und Herausgeberinnen Lea Sauer und Özlem Özgül Dündar lesen aus ihrem Buch „Flexen. Flâneusen* schreiben Städte.“, erschienen 2019 im Verbrecher Verlag. Die beiden haben das Buch gemeinsam mit Mia Göhring und Ronya Othmann herausgegeben und versammeln in der Anthologie insgesamt 30 Texte von 30 Autorinnen. Lea Sauer liest: „Eine Überlebende, Eine Zeugin, Ein Bericht.“, Özlem Özgül Dündar „Die Luders“ – also jeweils ihre eigenen Beiträge zu der Sammlung.

Lea Sauer (Foto: Sebastian Schütz) und Özlem Özgül Dündar (Foto: privat), zwei der Herausgeberinnen von „Flexen. Flâneusen* schreiben Städte“, erschienen 2019 im Verbrecher Verlag.

Die zwei Texte lassen bereits ahnen, dass das Konzept der Flâneuse weit mehr umfasst als das weibliche Pendant zur literarischen Figur. Und so waren die Autorinnen bei der Entstehung ihres Buches selbst überrascht darüber, wie vielfältig, anders und unerwartet die Beiträge waren, die als Reaktion auf ihren Aufruf von den verschiedenen Autorinnen bei ihnen eingetroffen waren.

Auf diese Lesung folgt in der nächsten Episode am 21. Mai das Gespräch mit den beiden Autorinnen – über ihr Buch, die Flâneuse, den anderen Blick auf die Stadt und über Frauen, die ihren Platz dort nehmen.


share







 2021-05-13  16m
 
 
00:00  Musik
00:29  Özlem Özgül Dündar
Hallo,
00:30
und auch im Mai gibt es heute eine Bonusfolge von Lob des Gens und zwar als Vorbereitung auf die nächste Episode. Wenn ich mit den beiden Schriftstellerinnen Lea Sauer und Özdemir Dünder über Flanösen in den Städten sprechen werde,
00:44
Die beiden haben zweitausendneunzehn gemeinsam mit Ronia Otman und Mia Göring eine Anthologie herausgebracht.
00:51
Flanösen, schreiben Städte, heißt die Sammlung und in dreißig Texten entsteht dort ein neuer Blick auf das Planieren in der Stadt,
01:01
Das zeigt sich nämlich ganz anders, wenn Frauen zu Wort kommen. Und wenn auch der Blick von queren Autorinnen und People of Color sich in den Texten wiederfindet, was bislang noch viel zu selten geschehen ist, normalerweise berichten vorrangig Männer über das Flanieren.
01:15
Das Buch ist zweitausendneunzehn im Verbrecherverlag in Berlin erschienen und ich habe ein wirklich schönes Gespräch mit den beiden Autoren darüber geführt, was die Flanöse alles mehr ist als das weibliche Pendant zum bekannten Flaneur,
01:29
Wir haben darüber geredet, wie Frauen sich den Platz in der Stadt erobern und wie es kommt, dass ihre Zeugnisse über das Flanieren bislang kaum Gehör finden.
01:38
Und wie es den Herausgeberinnen erging, als sie sechsundzwanzig Frauen aufgerufen hatten, ihre Beiträge zur schicken.
01:46
Das alles hört ihr in der kommenden Folge. Heute,
01:50
könnt ihr den beiden Texten zuhören, die die beiden Herausgeberin Lea Sauer und Özdemir Dünndar zur Anthologie beigetragen haben.
01:58
Ich danke beiden sehr, dass sie ihren Text für euch lesen. Lea sauer übrigens in einer leicht gekürzten Version.
02:05
Wenn ihr die Gelegenheit habt, lest unbedingt den Originaltext, der mir sehr gefallen hat, weil er etwas hoffnungsvoller endet als jetzt hier in der gelesenen Variante.
02:16
Wir hören uns dann schon wieder am kommenden Freitag, wenn ich das Gespräch mit den beiden veröffentlichen werde. Bis dahin alles Gute und jetzt leer sauer und Özlem Dünndar.
02:26  Musik
02:35  Lea Sauer
Eine Überlebende, eine Zeugin, ein Bericht.
02:40
Ich gehe auf die Straße und ich denke, sie sehen es. Ich denke, alle Augen sind auf mich gerichtet. Dieser Mann dort, er sieht mich an, die Frau, sie sieht mich an, das Kind, es sieht mich an und alle, alle, alle wissen, was passiert ist,
02:54
treffen Blicke auf mich, auf meinen Körper, mein Gesicht,
02:58
Das muss man doch sehen, denke ich. Man muss es doch sehen, an meiner Wange zum Beispiel. Ich habe sie im Spiegel untersucht. Kleine rote Sprenkel und um das Auge auf dem Lied etwas braun,
03:11
Das Braun habe ich überschminkt. Mit schwarzem Lidschatten habe ich es überdeckt. Aber die roten Sprenkel, die muss man doch sehen.
03:19
Von meinem rechten Wangenknochen bis hin zum Nasenflügel. Wie kleine Nadelstiche. So sehen sie aus,
03:26
Sie sind aber etwas anderes. Kleine Blutungen unter der Haut, die kommen, wenn die Gefäße auf bestimmte Art reißen. Von einem Schlag zum Beispiel oder einem Stoß,
03:37
Ich habe es gegoogelt. Wussten sie das? Dass ein Schlag dafür reicht?
03:43
Gequetscht werden, auslaufend gedehnt werden. Adern. Die empfindlichsten Gefäße der Welt.
03:51
Haut wird gar nicht blau, wirklich nicht. Sie wird einfach nicht blau. Sie wird braun oder gelb,
03:58
Auf meiner Schläfe zum Beispiel, da ist dieses Gelb wie ein Hauch vom warmen Licht in die Haut eingelassen.
04:08
Meine Haut ist wie getränkt von diesem Gelb. Sehen sie das, ja? Wissen sie, wie Blut eine solche Farbe geben kann? Wissen sie das?
04:17
Ich auch nicht. Das habe ich noch nicht nachgeschaut, einfach vergessen nachzuschauen, aber man muss es doch sehen, denke ich. Man muss doch das Blut sehen, das in meiner Nase krustet. Man muss doch sehen, dass sie geschwollen ist. Sehen sie das?
04:31
Wie sich da die Kruste gegen die Nasenwand drückt. Die kleine Wölbung hier. Das muss man doch sehen,
04:38
aber sie sehen nichts, nie. Die Frau nicht, der Mann nicht, niemand.
04:43
Ihre Blicke sind in eine leere gerichtet, die den Platz meines Gesichts einnimmt. Mein Gesicht, ich weiß, ich weiß, eine schmutzige Scheibe fast durchsichtig. Ich weiß.
04:55
Man bemerkt die Scheibe nur gerade so, dass man nicht dagegen läuft, dass man ausweichen kann, ohne mich zu berühren. Einfach ein Hindernis, etwas worauf man in keinem Fall stoßen darf. Ich weiß.
05:10
Aber ich denke, gleich mache ich es, ja. Gleich gehe ich hin. Hier noch an der Bushaltestelle auf dem Weg zum Supermarkt. Oder wenn ich gleich nach Hause gehe, vorm Kiosk, da trete ich vor den Mann, die Frau, das Kind und schaue ihnen direkt ins Gesicht.
05:24
Die Augen, den Blick und dann streiche ich mir so eine Strähne hinters Ohr, genau so, so mache ich es,
05:32
Ich halte ihn genau die Seite hin, auf der seine Hand vor wenigen Stunden meine Haut traf. Ich schaue ihn direkt in die Augen. Genau so, ja, besonders der Frau,
05:42
Mein Blick hat eine Härte, die sie aufmerksam macht, machen muss, auf meine Augen, meine Lippen, mein Gesicht. Da führt kein Weg an mir vorbei.
05:55
Ich gehe raus. Einfach, um draußen zu sein, um mich zu zeigen, gehe ich nach draußen. Für jeden sichtbar bin ich da, oder?
06:04
Auf der Straße, im Park, im Geschäft, ich bin da. Sehen sie, ich bin da. Ich bin hier auf jedem Pflasterstein in jedem Rindstein an den verschiedenen Hausen stehe ich,
06:16
Ich sehe die Mütter mit ihren Kindern an der Hand und ich sehe mein eigenes Kind, wie es zusammengekringelt im Bett liegt, sich die Ohren zuhält, wie es nicht weint, wie es still ist, wenn seine Hand mich trifft.
06:28
Und ich will in die Kinderwagen fassen. Ich kann es kaum lassen, das wirklich zu tun. Mich diesen Kinderwagen zu nähern und dann einfach diese Kinder, diese Mütter zu berühren, wenn sie an mir vorbeigehen.
06:41
Im Bus stelle ich mich nah an sie heran. Ich spüre, wie warm sie sind. Der milchig warme Geruch von Säugling zieht durch den schweißgetränkten Bus, verspricht mir einen goldgelben Herbst oder Sommer, zumindest ein gutes Jahr.
06:55
Und dann werden auch die Hausecken die Rindsteine etwas still oder vielleicht werden nicht sie still, sondern ich.
07:02
In meinem Kopf wird etwas stumm. Nein, nicht stumm, sondern still. Und das sehe ich,
07:10
sehe ich bei jedem Blick auf jede Mutter mit einem Kind an der Hand.
07:15
Das ist da. Überall ist es da, wir sind überall, ich bin da, ich bin immer noch da,
07:21
Ich halte jedem meine Wange hin, ich halte sie unter die Halogenstrahler beim Zahnarzt.
07:27
Ich bin da. Ich gehe zum Friseur, sehr regelmäßig, auch wenn ich Schwellungen am Hinterkopf habe, auch dann ich bin da. Nur sie haben noch nie etwas gesehen und ich, ich habe noch nie einen Schritt gemacht.
07:44  Musik
07:51  Nicola Wessinghage
Die Ludhers von Özlan.
07:58
Hinterher und finden raus wo sie wohnt. Ein Kinderspiel,
08:04
Warten noch einen Tag. Immer abwechselnd steht einer von uns Wache, damit wir wissen, wann sie aus dem Haus ist. Einen Ehemann hat sie auch,
08:14
Als beide das Haus verlassen, gehen wir durch das Gartentor rein. Wir treten die Gartenstühle um und nehmen den Tisch auseinander. Wir zertrampeln die Blumen und reißen dann Efeu,
08:25
drei Kreuze auf die Tür. Das ist unser Zeichen. Das ist unsere Rache für ihren Akt in der Schule, für Seta,
08:33
Ein Fenster auf Kippe und öffnen es. Und nacheinander klettern wir durch das Fenster und landen in der Küche.
08:41
Verputzen wir alles, was essbar ist und schmieren alles andere, was wir nicht essen wollen auf die Möbel. Wir kippen alles um, was nicht niet-und nagelfest ist,
08:52
schmeißen alle Klamotten aus den Schränken und lassen im Bad das Wasser überlaufen. Sie nennt sich Lehrerin, aber das interessiert uns nicht.
09:00
Lippenstift. Und wir fragen, was willst du mit einem Lippenstift? Erwartest du dein heute Nacht?
09:08
Nehmann, zum Schnacken mit dem Alten, sagt sie. Dabei so ein Grinsen im Gesicht.
09:14
Seht ihr einen aus ihrer Tasche, knallrot und Uli geht ins Badezimmer und schmied wie in einem Horrorfilm das ist unsere Rache, Bastarde, auf die ganze Wand. Der Lippenstift ist im Arsch, aber wen interessiert das schon?
09:31
Danach gehen wir zu unserem Feind Nummer zwei. Wir schlagen alles klein bei ihnen,
09:36
Wir finden ihn lächerlich die Kartoffelfresser. Pass auf, schon wieder mit Kartoffelpresse, sagt Alex. Ich bin auch eine, aber seht ihr, sagt, du bist doch meine allerliebste Kartoffelfresse und außerdem auch die Schönste.
09:50
Ist sowieso immer so hyperkorrekt. Mann, wo bist du denn aufgewachsen, fragen wir im Elite-Internat oder was?
09:58
Alle nennen mich Floh, außer meine Eltern. Die nennen mich Gonja. Aber wer wir schon so heißen, zum Kotzen der Name. Meine Kumpels sind Alex und Seta und Uli. Eigentlich Alexandra, Sevtup und Ulrike.
10:12
Aber diese Namen will keiner von uns hören. Die erinnern uns an unsere Eltern und an die will keiner denken.
10:18
Kumpels schauen immer zu mir, wenn es uns entscheiden geht. Wenn etwas gemacht werden soll. Du bist unser Alpha, sagen sie zu mir, aber eigentlich zählt jeder einzelne von uns gleich. Wir sind unzertrennliche siamesische vier Dinge. Wenn man einen abtrennt, sterben alle.
10:35
Ein Alter auf der Straße nennt uns Luder. Was ist denn das für ein Wort? Was will der denn? Bist du aus dem Mittelalteralsen oder was fragt? Wir sind doch keine Luder. Wir sind Frauen, sagt sie,
10:46
Seid allerhöchstens Mädchen, sagt der Alte. Und dann sagt ihr noch Zeugen, Respekt, Verantwortung, Achtung,
10:53
Scheiße, Mann, sagt der Achtung zu uns. Und Uli lacht so krass aus der Kehle, dass sie gleich anfängt, Blut zu spucken und ihre alte Zuhause stoppt sich immer Bananen in den Mund, als ob sie jahrelang auf Banane im Zug gewesen wäre.
11:06
Wir finden das alle seltsam und Uli sagt, sie hätte Bananaitis. Die einen von unten und manche eben von oben,
11:14
geht bei Uli die Fantasie durch, sagt Alex.
11:18
Allmählich wird es spät und wir haben noch keine Lust, nach Hause zu gehen. Und was sollen wir schon da? Wir suchen ein Opfer, finden ein Mädchen. Sie ist perfekt als Opfer. Im selben Alter wie wir, ein, zwei Jahre älter maximal, umso besser finden wir.
11:33
Dann finden wir ein anderes, besseres Opfer. Ein Mann. Er trägt weiße Turnschuhe und wir hassen weiße Turnschuhe und überhaupt weiß, was soll das, frage ich.
11:41
Was weiß ich, Mann, sagt Alex. Und wir laufen dem Opfer hinterher und wir schreien dabei alle Ostpalken, die Luders, wir sind die Luders, die Luders. Und alle Passanten schauen uns an. Na, wen interessiert das schon?
11:53
Wir fahren bis an den Rand der Stadt und kommen an einer Bar vorbei. Wir glotzen die Leute an, die Wein trinken und schnieke Sneaker tragen.
12:01
Haben wir unserem letzten Opfer ausgetrieben. Eine Fahrradkolonne steht neben der Bar und Alex sagt, wie sie gerne mal wieder ein Fahrrad hätte,
12:09
wir Alex in die Seitenstraße und lachen laut. Sie war jetzt nicht was wir vorhaben, aber sie ist ja nicht von gestern. Wir laufen die Straße ab, die einen Bogen um die Bar macht und schleichen uns von hinten an die Fahrräder der schnieken Leute heran.
12:23
Schlösser knacken, machen wir immer mit links. Seht ihr, hat ihren Easy Special Cracker, die sie immer mit sich trägt. Für den Fall sagt sie,
12:31
Sie zieht die Brechstange aus dem Rucksack, Ulli kriegt Panik. Sie will verduften, doch das kommt nicht in die Tüte, sage ich. Sie will los und Alex und ich halten sie fest, dass sie zappelt in unserem Griff,
12:42
immerhin kein Schrei. Seht ihr, bricht mit ihren pumpen Armen die Ketten durch und wir schleichen uns mit den Fahrrädern in die Straße, von der wir gekommen sind.
12:52
Sache, sagt Uli. Und ist wieder voll dabei. Wir setzen uns auf die Fahrräder und treten wild in die Pedalen,
12:58
fast zugeschnürt von Angst. Sie hat das Gesicht ist breit mit ihrem typischen Siegerkrinsen. Auf meine drei Achsen ist Verlass, sage ich und streiche alle Empfang kurz an der Schulter.
13:10
Verstehen, dass es mein Lob für sie ist und werden alle größer und lauter.
13:14
Lacht nicht so laut, sagt Uli. Ihr stolzen Fahrradbesitzer, sagt sie und grinst. Versucht mich nicht zu bescheißen, sagt Alex, wolltest du nicht eben eine Fliege machen?
13:23
Du hauierst Alte, sagt Uli. Jetzt macht sie wieder die Grimasse, die sie für ein Lächeln hält, sagt Alex.
13:31
Sie geht jetzt schnacken, sagt Uli. Sie teilt hier den Lippenstift. Wir schauen zu, wie Uli ihn langsam aufträgt. In ihren Klamotten und ihrer Frisur sieht sie aus wie eine Vogelscheuche. Alex und Beta denken dasselbe.
13:45
Ihren Gesichtern steht es geschrieben,
13:47
Ich kenne meine Atzen, wenn schon nichts erotisch ist, immerhin Lippenstift, sagt Alex. Auf was? Und du spielst ja mit Erotik. Ich scherze doch nur, sagt Uli. Man wird rot dabei,
13:58
Ist denn nicht dein Onkel oder was? Fragt geht dich nichts an, sagt Uli. Sie fährt mit rotem Kopf und als stolze Besitzerin eines neuen Fahrrads los.
14:08
Jetzt geht bei dir die Fantasie durch, sagte ich zu Alex. Von wegen schnacken. Das bedeuteten Ulisprache es machen, sagt Alex.
14:17
Zwillinge spielen mit ihren Klötzen und die Mutter sitzt vor dem Fernseher, sie sieht zu mir. Ich dachte, du bist der Frank, sagt die Mutter und schaut wieder zum Fernseher.
14:27
Dann kommt der Papa, frage ich keine Ahnung, sagt die Mutter.
14:31
Trägt den ganzen Tag dieselben Klamotten, die sie auch in der Nacht trägt. Frühstadion von Depression, sagt der Arzt. Der hat sie nicht alle, sagt die Mutter.
14:40
Zwillinge quengeln und sagen, dass sie die Brust wollen. Und die Mutter sagt, haut ab,
14:45
Du musst sie füttern, wenn du sie in die Welt setzt, sage ich. Wollte sie nicht in die Welt setzen, sagt die Mutter und statt weiter auf dem Bildschirm.
14:53
Zwillinge sagen immer wieder Mama, Mama und packen ja an die Brüste und die Mutter sagt, haut ab, verdammt. Und schiebt die Quälgeister zur Seite,
15:02
heulen, aber wen interessiert das schon?
15:05
Ich mache mir was warm in der Mikrowelle und halte es in Zwillingen hin. Und sie verzehnjährige Gesichter. Mama, Mama, sagen sie weiter.
15:13
Ich will in Ruhe essen, dann kommen Sie zu mir und versuchen, an meine Brüste dranzukommen und ich sage, haut ab, ihr Quälgeister.
15:21
Wollen nicht kauen und lieber an den Brüsten hängen. Sie sind jetzt schon pervers, die kleinen Fratzen.
15:27
Als Alex und Seta mir schreiben, komm, wir gehen schnacken,
15:32
treffen uns an unserem Ort, wir tragen alle Minis und tiefe Dekolletees, wir tun alle roten Lippenstift drauf und gehen in eine Bar. Wir sitzen rum und lächeln Typen an,
15:42
rüberkommen und uns Drinks ausgeben. Wir sitzen kaum fünf Minuten, da haben wir schon drei Keller an der Angel,
15:49
Wir sagen, dass wir Denise, Charlotte und Christina heißen. Wir bewegen unsere Lippen überbetont und lassen uns einen Drink nach dem nächsten spendieren.
15:58
Typen sind voll überzeugt von sich und wir machen ein wenig mit ihnen rum und schon glauben sie, wir wollen's. Wir lassen sie in dem Glauben, bis wir genug haben und uns langweilen,
16:08
Dann verschwinden wir nacheinander auf Toilette und hauen durch das Toilettenfenster ab,
16:12
Hatte ihrem Typen das Portemonnaie abgezogen. Die Ausbeute der Nacht ist neunzig Euro. Auf meine Achsen ist immer Verlass.
16:20
Uli schreibt, ob wir denn sind. Sie hätte keinen Bock mehr auf ihren Typen, wenn wir torkeln alle zusammen an unseren Ort.
16:26
Für die nächste Woche haben wir genug Geld. Wir singen leise vor uns her, die Ludhers, die Ludhers und grinsen dabei ohne Ende. Die Typen haben wir voll rasiert. Am Morgen ist wieder Schule, aber wen interessiert das schon?
16:42  Musik