Staatsbürgerkunde

Ein Podcast über das Leben in der DDR. Im Gespräch mit Zeitzeug:innen und Expert:innen schaut Martin Fischer in jeder Folge zurück auf die Lebensaspekte in der Deutschen Demokratischen Republik. Ohne Ostalgie und verbunden mit der Frage, was sich aus der Geschichte lernen lässt.

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episode 97: Vorsorge [transcript]


Vom Vorbeugen, Erkennen und Kurieren Veröffentlicht am 29.05.2021
Laufzeit: 0 Stunden und 41 Minuten


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 2021-05-29  41m
 
 
00:00  Musik
00:05  Stefan Wolle
Aber nach Möglichkeit sollte es nicht nach außen dringt. Aber ich erinnere mich, dass damals doch.
00:10
Rund die Hälfte der Schulkinder zu Hause blieb deswegen, ja, so die die Klasse wurde immer leerer, die waren alle zu Hause wegen Ruhe.
00:23
Also jeder, der geboren wurde, bekam erstmal einen ganzen Packen Unterlagen, unter anderem eben auch einen Impfausweis, wo das.
00:30
Eingetragen wurde, also von der Geburt an, konnte jeder Arzt.
00:35
Folgen, gegen welche Krankheiten der entsprechende Geimpf wird. Und dieser Impfausweis begleitete ein gewissermaßen so das ganze Leben.
00:45  Martin Fischer
Staatsbürgerkunde. Ein Podcast über das Leben in der DDR. Von Martin Fischer.
00:56
Folge siebenundneunzig, Vorsorge.
01:26
Herzlich willkommen zu einer neuen Folge Staatsbürgerkunde.
01:29
Die Corona-Epidemie und der Stand der Impfungen bestimmen weiterhin die Nachrichten in unser Leben. Und sicher habt ihr auch schon viel über Vergleiche mit vorherigen Krankheitsfällen gehört. Zum Beispiel die sogenannte Spanische Krippe, die neunzehnhundertachtzehn ihren Anfang nahm.
01:42
Auch wenn man die Vergangenheit nur in Ausnahmefällen mit der Gegenwart vergleichen kann, lohnt sich der Blick zurück doch oft, um von damals zu lernen. Ich möchte in dieser Folge die Frage stellen, wie gut vorbereitet waren Regierung und Bevölkerung der DDR auf ähnliche Ereignisse.
01:54
Und wie war es um das Gesundheitssystem unter diesem Gesichtspunkt bestellt?
01:58
Bereits im letzten Jahr habe ich dazu mit Doktor Stefan Wolle, dem wissenschaftlichen Leiter des DDR-Museums, ein Gespräch geführt. Wie immer wünsche ich euch gute Unterhaltung und viel Erkenntnisgewinn.
02:09
Ich bin jetzt verbunden mit Stefan Wolle, dem äh wissenschaftlichen Leiter des DDR-Museums in Berlin. Guten Morgen, Herr Wolle.
02:16  Stefan Wolle
Einen schönen guten Morgen.
02:18  Martin Fischer
Und wir wollen ein bisschen sprechen über das DDR-Gesundheitssystem, besonders ein Aspekt, der jetzt äh auch vielleicht relevant ist, angesichts der Corona
02:25
Pandemie. Ähm die DDR musste sowas nicht erleben, aber ich wollte sie trotzdem mal fragen, was sie aus ihrer Forschung, aus ihrem Wissensstand äh wissen, wie denn das DDR-Gesundheitssystem sich generell auf ja, flächendeckende Krankheitswellen vorbereitet hat oder wie es da aufgestellt war.
02:43  Stefan Wolle
Ich glaube, ich muss sie gleich am Anfang ein bisschen korrigieren. Ähm es gab auch in der Vergangenheit.
02:50
Ähm sehr gefährliche Grippewellen. In Westdeutschland, wie in Ostdeutschland, die Viren kennen ja keine Grenzen. Das ist erstmal klar und auch banal.
02:59  Martin Fischer
Das merkt man grad auch.
03:01  Stefan Wolle
Ja eben eben und ähm man hat nur damals
03:06
und zwar auch in Ost und West, das irgendwie so hingenommen und für Selbstverständlich gehalten und gesagt, na ja, das haben wir eben eine Grippewelle und
03:16
Sicherlich ist es traurig und ein paar ältere Leute sterben dabei, aber man hat das nicht so dramatisch. Man hat das nicht so dramatisch genommen. Das betraf schon eine sehr heftige Grippewelle
03:27
die überall war in Europa äh in den Ende der fünfziger Jahre, siebenundfünfzig, achtundfünfzig war das, da gibt es kaum eine medialere äh äh Resonanz im Unterschied zu heute, wo es ja.
03:40
Kaum ein anderes Thema gibt in Medien.
03:42
Seit Monaten, weil als Corona, das taucht zwar irgendwie auf, also in den westdeutschen Medienzeitungen, die man ja so nachlesen kann, taucht das irgendwie schon auf und es werden so ein paar Gesundheitstipps verkündet, aber im Großen und Ganzen
03:59
nimmt man das in der Zeit irgendwie noch so hin, woran das psychologisch lag.
04:04
Ist ein bisschen unklar, vielleicht die Nähe des Krieges damals noch, dass es sowieso irgendwie hier selbstverständlich gehalten wurde, dass
04:13
Viele Leute an irgendwas sterben. Ähm das ist schwer zu sagen. Jedenfalls war das so und das wiederholt es sich so ähnlich
04:21
als Hongkong Grippe
04:25
nochmal, ähm in den Jahren äh achtundsechzig, neunundsechzig, siebzig und zwar auch wieder ungebremst durch irgendwelche, durch irgendwelche Grenzen, äh das war in Ost und West so
04:38
Schon ein kleines bisschen stärker reflektiert eben als Hongkong Grippe, aber man hat das, wie gesagt, auch damals nicht so dramatisch genommen und hat gesagt, naja, wer eben Schnupfen hat, der nimmt sich ein Paket Taschentücher und wird da schon irgendwie durchkommen
04:52
Und so war das dann letztendlich natürlich auch, obwohl die Todeszahlen in beiden Fällen ähm dramatisch war. Also als Hongkong Grippe
05:02
ging das auch so durch.
05:03  Martin Fischer
Ist aber interessant, dass da dass da auch schon wieder so eine so eine Länderzuschreibung mit dabei ist. Wie bei der Spanischen Grippe auch.
05:09  Stefan Wolle
Ja, die ist meistens außer Lob gegriffen. Das betrifft die die Spanische Grippe.
05:15
Man weiß ja in der Regel gar nicht, wo sie herkommt. Und man hatte auch diese ausgefeilten Systeme der Rekonstruktion von von Infektionsketten äh hatte man damals nicht. Das tauchte zum ersten Mal irgendwie Meldungen aus Hongkong auf und dann hatte seinen hübschen Namen oder seinen
05:33
auch etwas bedrohlichen Namen. Das erinnert natürlich so ein bisschen psychologisch an gelbe Gefahr und solche Schlagworte als Hongkong Grippe. Ähm
05:41
Kurz und gut, äh dennoch äh gab es in der DDR und da probieren wir mal ein bisschen allgemeiner eine ganze Reihe von.
05:51
Prävention gegen die klassischen Seuchenerscheinungen. Schon seit den fünfziger Jahren haben wir das sehr ernst
06:00
und bekämpfte zum Beispiel sehr erfolgreich die Pocken durch
06:06
Impfungen, die schon seit neunzehnhundert ähm dreiundfünfzig waren, dass eine Pflichtübung, also eine Pflichtimpfung. Und da kommen wir auch zu einem wesentlichen Unterschied äh zwischen der DDR,
06:21
und der Bundesrepublik. Während dem Westen, nicht zuletzt eben aufgrund der
06:26
freiheitlichen Grundordnung, dass im wesentlichen immer als Privataktion und privat Angelegenheit behandelt wurde, ob man sich impfen liest oder nicht
06:37
War das in der DDR ähm gesetzlich verankert.
06:41
Und staatlich verordnet und es wurde zentral organisiert äh im Wesentlichen in den Kindereinrichtungen, also in den Kindergärten und in den unteren Klassen der Schulen
06:54
Das betraf die Brocken. Äh das betraf äh aber auch äh Kinderlähmung.
07:08
Und Masern
07:10
Das waren so die wesentlichen Impfaktionen. Das alles, die äh äh Krankheiten, die ich jetzt eben nannte, die waren alle
07:18
wurden alle durch Pflichtimpfungen bekämpft. Die Pocken ähm ja kann man schon sagen
07:26
kann man dann als besiegt betrachten. Äh es tauchten immer wieder.
07:31
Immer wieder äh Einzelfälle auf, also speziell jetzt von ähm Menschen, die in irgendwelchen exotischen Ländern sich angesteckt hatten und äh mit diesen äh ähm mit dieser Krankheit denn zurück kamen. Die wurden also dann äh untersucht, isoliert,
07:50
das war das zweite, dass die DDR ziemlich streng
07:55
Ist mit der Erfassung von äh solchenartigen Krankheiten jeglicher Art und das auch staatlich organisiert hat. Die ähm die Quarantäne und die Isolation. Das war in so einer Gesellschaft und da sind wir beim Zug
08:09
Unterschied und da will ich nicht nur vom Polizeistaat und so reden, das war's natürlich auch und das machte die Sache in gewisser Weise leicht.
08:17
Sondern es war auch eine Gesellschaft mit einer relativ geringen Mobilität, also Auslandsreisen waren sehr, sehr selten im Westen sowieso nicht oder gar.
08:27
Nach Afrika oder nach Asien.
08:29  Martin Fischer
Aber auch selbst innerhalb des Landes war's war schwierig.
08:32  Stefan Wolle
Das stimmt, das ist das zweite, das wollte ich gerade noch sagen. Also es es gab so
08:36
so gut wie kaum äh Auslandsreisen, mal so ein Diplomat oder Studenten gab's ein paar hier ausländische Studenten, aus Afrikanischen und asiatischen Ländern.
08:49
Aber das war ganz, ganz selten. Man hat das dadurch natürlich viel besser im Griff und wie sie richtig sagen, auch innerhalb der DDR gab's ein geringeres Maß an.
08:58
Mobilität, das ist ganz klar. Ähm,
09:01
Gut, aber dennoch äh äh haben sich die Viren da nicht abschrecken lassen und die anderen Infektionsträger haben sich dadurch nicht abschrecken lassen. Aber bei den Brocken war man wohl
09:11
Erfolgreich und hier und da tauchte nur nochmal ein einzelner Fall auf, auch die Masern können aus ausgerottet gelten. Ähm auch die Kinderlähmung, da hatte man im Westen.
09:24
Also, wenn ich Westen sage, meine ich jetzt, als er in der Bundesrepublik hatte man noch eine große Fallzahl und es ist eine sehr, sehr dramatische Krankheit. Mit lebenslangen Folgen auch für die Überlebenden. Das ist ja klar. Also sehr dramatisch und sehr unangenehm die Folgen.
09:38
Für die äh Betroffenen. Da war man mit diesem Polioimpfungen war man in der DDR.
09:44
Ähm erfolgreich. Das war seit neunzehnhunderteinundsechzig war das eine Pflichtimpfung, die in ähnlicher Weise, also staatlich organisiert war,
09:53
war Pflicht und äh wurde in den Schulen und Kindergärten durchgeführt. Jeder kann man ja schon sagen, Bürger, wenn man gerade geboren wurde, ja, Formalia
10:02
Also, ja, ja, also mir ist es dann daran erinnere ich mich auch bei meinen Kindern, also mit der Geburt gab's gleich den ganzen.
10:10  Martin Fischer
Dass wir, dass wir in der Schule dann aber auch mal antreten mussten, weil's dann auch irgendwie entweder eine Schlukimpfung, glaube ich, gab oder.
10:16  Stefan Wolle
Ja, der Schweineschluckimpfung gegen gegen Kinderlähmung, da gab's auch äh diesen äh Slogan ähm euch, jetzt komme ich nicht mehr drauf.
10:25
Schluckimpfungen süß, Kinderlähmung ist grausam, hieß es wohl.
10:29
Das war so der Slogan unter dem die Kampagne lief so genau so was, ja? Äh Schluckimpfung war süß, Kinderlähmung ist grausam. Was von der Sache her auch stimmt. Äh genau. Ich wollte nur sagen, also jeder, der geboren wurde, bekam erstmal einen ganzen Packen Unterlagen
10:43
unter anderem eben auch einen Impfausweis, wo das sorgfältig eingetragen wurde, also von der Geburt an, könnte jeder Arzt das nachverfolgen
10:52
gegen welche Krankheiten der entsprechende Geimpf wird und dieser Impfausweis begleitet ein gewissermaßen so das
10:59
ganze Leben. Viele Leute haben ihn auch heute noch zu Hause als Andenken, weil da genau drinsteht, auch wann war die letzte Tetanus-Impfung? Das war auch so eine, also der Wunsch darkrampf, das war auch so eine Sache
11:10
Die ähm gesetzlich war und die nach bestimmten in bestimmten Rhythmus, weiß jetzt nicht wie viel Jahre
11:17
musste die wiederholt werden und das nahm er dann auch zum Beispiel beim Militär, das ist der nächste Aspekt, die starke
11:24
äh äh der starke Einfluss ist das Militärs in der Gesellschaft. Das wurde dann gleich nochmal äh wiederholt bei der,
11:32
ersten Reihenuntersuchung da, also alle antreten, dann ging das durch und wurde irgendein Wasser reingespritzt. Da hat doch niemand widersprochen oder so. Das ist wohl dafür selbstverständlich gehalten.
11:43  Martin Fischer
War das denn generell auch akzeptiert oder hat man das einfach hingenommen oder also große Demonstrationen kann ich mir jetzt nicht vorstellen, eine DDR-Zug, egal welchem Thema, ähm die jetzt nicht staatlich verordnet waren, aber war's denn so akzeptiert?
11:56  Stefan Wolle
Ja, ich würde sagen ja. Das würde für eine Aufgabe des Staates gehalten und akzeptiert, dass es jeder machen muss. Es gab sicherlich Einzelne, die denen das nicht gefiel.
12:09
Das mag schon sein, aber im Großen und Ganzen, gerade bei Kindern, da spielt eine Runde, dass sehr, sehr viel mehr Kinder in der DDR.
12:18
In den Kindereinrichtungen waren, also immer Kinderkrippe, im Kindergarten und da lief das Ding einfach zentral ab,
12:26
Äh da wurde man, da würde ich würden die Eltern mal irgendwie informiert, das ist klar, das stand dann irgendwo. Wahrscheinlich sogar stand dann im.
12:33
Muttiheft, wie es immer hieß, stand dann wahrscheinlich sogar Impfausweis mitbringen oder sowas oder die Impfäußere lagen so
12:41
Die waren sogar direkt eingesammelt worden und waren in der in der Kinder, im Kindergarten. Das heißt
12:48
Machten das alle mehr oder weniger automatisch, also alle Mann antreten. Ähm und alle Mädchen natürlich auch und dann bekam das jeder diese Schluckimpfung und die anderen notwendigen Sachen. Uns wurde dann gleich in den Impfausweis,
13:03
eingetragen, so dass man sich da gar keine ähm Gedanken drüber machen musste. Ja, ich würde sagen, ja, das war weitgehend akzeptiert. Es.
13:13
Es sei denn, dass das irgendjemand aus religiösen Gründen abgelehnt hätte oder so.
13:17  Martin Fischer
Ich kenn's auch nur, dass es wirklich im Freundeskreis und Bekanntenkreis war eigentlich nie eine Frage, wenn jetzt wieder Impftag war oder dass man sich impfen lässt und das hat sich auch
13:25
Bei uns in der Familie zumindest noch weiter getragen oder ist immer noch aktuell, dass wir uns halt gegen Grippe impfen lassen, gegen FSME und ähm ist eigentlich was normales und wird jetzt nicht hinterfragt.
13:35  Stefan Wolle
Also bei Krippeimpfung ist es so gewesen, die waren in der Tat freiwillig. Dort gab's so Aufforderungen in der Zeitung, es wurde empfohlen und da wurde gesagt, ja, ist gut, aber es wurde gleichzeitig auch von vielen immer gesagt, ja, die Viren haben eine derartige.
13:48
Ähm Vielfalt, der Mutation
13:52
Das ist eigentlich nicht viel zweck hat. Und da gab's auch immer Stimmen, ich weiß nicht, ob das medizinisch berechtigt war von Leuten, die sagten,
14:00
naja, man wird am besten immun, wenn man's durch hat. Also verstehen Sie den einfachen Gedanken, ja? Also
14:07
man muss doch, man muss da eben durch, ja, wenn man sich ewig gegen alles impfen lässt und dann äh verringert sich auf die Dauer, verringert sie sich die
14:16
Existenz, die Widerstandsfähigkeit des Körpers, also einmal im Jahr durch und ein bisschen schnupfen und dann ist gut.
14:22
Ähm so habe ich das eigentlich persönlich auch gesehen. Ich habe mich also damals wie heute bisher nicht mit diesen äh Grippeimpfungen beschäftigt,
14:31
aber dafür einmal im Jahr oder zweimal im Jahr. Hm, mal ein bisschen Schnupfen und Husten gehabt. Also das war ein anderer Mentalität. Das war auch neu.
14:40
Während diese wirklich diese äh extremen Seuchen, die man da hatte, äh noch vor zwei, drei Generationen wie Tube Lose äh.
14:48
Das hat man sozusagen als große Bedrohung angesehen und das war eben auch äh von allen anerkannt, dass man das ausrotten muss und da wartete er auch erfolgreich.
14:59
Schießt denn manchmal so in den späteren Jahren der DDR, da stieg so ein bisschen die Skepsis, aber da hatte ich den Eindruck
15:07
Das sei so ein bisschen so der westliche Einfluss gegeben gewesen so, dass man das alles in Frage stellt, äh was so der Arzt sagt, ich meine, als rechter Untertan ist man natürlich auch,
15:20
gegenüber ärztlichen Anweisungen so ein bisschen, ja, Untertern. Ihr sagt ja, okay, wenn der Staat das so anordnet, dann machen wir das so. Also in achtziger Jahren erinnere ich mich, da äh stieg so ein bisschen die Skepsis gegenüber.
15:33
Der vielen Impferreihen.
15:35  Martin Fischer
Jetzt wird ja gerade viel auch diskutiert über ähm lokale Zuständigkeiten im Gesundheitswesen, also vom lokalen Gesundheitsamt bis zum Landkreis. Und ähm die DDR war jetzt natürlich,
15:47
zentralistische organisiert. Und jetzt werden auch immer viele Vergleiche angestellt aktuell, welche Vorteile hat so ein zentralistisches Gesundheitssystem gegenüber einem sehr lokalen, wo man reagieren kann
15:57
Wie war denn die DDR da aufgestellt? Kann man da zu was sagen?
16:02  Stefan Wolle
Also insgesamt, das sagten sie schon richtig, war die DDR ein extrem zentralistischer Staat, in allen Fragen, ob das Volksbildung war oder äh.
16:14
Da sind also die, die föderalen Traditionen Deutschlands sind da vollkommen umgedreht worden zugunsten eines sehr, sehr zentralistischen Staates. Ähm und das betraf auch das Gesundheitswesen.
16:26
Wenn da was angeordnet war, dann von vom Ministerium für Gesundheitswesen und dann wurde das bis in die letzte äh Gemeinde dann auch durchexerziert. Da würde ich schon sagen, das hat gewisse gewisse Vorteile. Vor allen Dingen wird nicht so viel drüber diskutiert,
16:40
ist es eben ist es eben Anordnung und dann sagt man, ja, dann muss es eben sein und immer da lange rumdiskutieren oder gar sich irgendwie verweigert. Ich
16:49
Wüsste jetzt auch gar nicht zu sagen, das ist ein Punkt, wo ich wo mir jetzt selber einfällt, dass ich da vollkommen von Unkenntnis äh mit Unkenntnis geschlagen bin
16:59
ob es sozusagen eine.
17:01
Eine Bestrafung gegeben hat oder eine Ordnungswidrigkeit, wenn er sagt, nö, ich lasse mich eben nicht impfen. Also wollte keiner mit Gewalt geimpft, das ist klar. Auch kein Kind.
17:10
Aber was er eigentlich gemacht hätten, wenn Innere sagte, nö, mache ich nicht und fertig. Wahrscheinlich hätten sie's auf sich beruhen lassen, weil's ja in der Regel reicht, wenn ähm eine hohe Anzahl von ähm.
17:23
Bürger in irgendeiner Gemeinschaft eines Landes oder so äh geimpft sind, da ist es ihnen egal, wenn äh zehn oder zwanzig Prozent nicht geimpft.
17:32  Martin Fischer
Dann läuft sich's auch tot.
17:33  Stefan Wolle
Ja, dass das.
17:35
Äh eben das Virus kommt da nicht so richtig an. Wir finden nicht so rechts seine Opfer und dann äh gibt's irgendwie auf und geht in andere Länder. Ja, das weiß ich nicht genau, wie man da reagiert hätte, staatlicherseits. Also mir ist es offen gesagt, nie irgendwie begegnet.
17:50
Das ist deiner konsequent gesagt hätte, nee, ich nicht. Oder er hätte wahrscheinlich dann irgendwie in Vorwand genutzt oder irgendwie eine Ausrede gefunden oder weiß der Himmel was. Also das ist ein bisschen theoretisch jetzt.
18:03
Wir waren stehen geblieben bei der Frage der Zentralisierung.
18:06
Ja hat schon seine Vorteile. Nun war die DDR ja ähm kleiner, wesentlich kleiner ein Drittel höchstens von der von der Bundesrepublik in der Bevölkerungszahl sechzehn siebzehn Millionen. Ähm.
18:21
Ja rund ein Drittel, weniger als ein Drittel der Bevölkerung. Also da ist das schon ähm,
18:27
naheliegender, dass äh das ein zentralistisch zu machen und angesichts der eben der Föderalstrukturen Deutschlands, die ja insgesamt ein Vorteil sind
18:37
kann man das wahrscheinlich nicht so als Vorbild nehmen oder so, diesen strengen Zentralismus
18:44
Es lief eben in der DDR auch eben einfach vieles über über Überweisung und Annord und Gesetz und.
18:50
Man nicht so viel widersprochen und so viel äh Rumgemäkel und Rumgemeckert über staatliche Maßnahmen, politische, bei politischen Dingen schon gar nicht, aber auch bei solchen Dingen war das nicht so,
19:01
war das nicht so üblich.
19:02  Martin Fischer
Und ich erinnere mich auch noch als äh Schüler in der Schule. Also es gab halt auch für für Kinder sehr viel Informationsmaterial in der Frühsi oder in den Schulen, an der Wandzeitung, was jetzt so Körperhygiene, Gesundheit anbetraf. Also allein schon Pioniergebot gab's ja auch eins. Pioniere halten ihren Körper sauber und gesund, also das Thema
19:17
Gesundheit hat der Staat schon immer versucht zu spielen auch.
19:21  Stefan Wolle
Also insgesamt war es eins der hervorragenden Staatsziele.
19:26
Die Gesundheit äh seiner Bürger äh äh zu zu beschützen und voranzubringen. Das ordnete sich Suta nahtlos ein.
19:35
In diese Ideologie des Fürsorgestaates, wo der Staat für alles und vieles verantwortlich war und der äh eben auch für die Gesundheit.
19:44
Aber es hatte natürlich auch ganz ähm eine pragmatische, eine ganz pragmatische Funktion. Wer gut arbeitet, äh und fleißig ist und gerade körperlich arbeitet, muss natürlich auch irgendwo gesund sein, das ist klar.
19:56
Und es wird angestrebt, dass er gesund ist
19:59
Und äh ähm nicht zuletzt eben auch äh die äh Jungs, die ähm dann beim Militär dienen sollten und bereit sein sollten zur Verteilung des Vaterlandes. Wir müssen natürlich auch gesund sein, das ist klar. Das.
20:13
Es bildete immer so einen Komplex von ideologisch äh ähm begründeten und konnotierten Maßnahmen ähm mit ganz pragmatischen Zielen. Und jetzt muss ich mal ein bisschen doch Wasser in den Wein gießen
20:27
Äh bezüglich jetzt des der Erfolge, die waren natürlich auch wiederum äh die Erfolge dieses.
20:34
Gesundheitssystems, die hielten sich natürlich auch wiederum im Rahmen, denn man muss natürlich genauso konstatieren, dass die DDR eine,
20:45
Deutlich niedrigere Lebensabordnung hatte, die inzwischen sich angeglichen hat in den vergangenen dreißig Jahren. Anti äh bundesdeutsche. Woran das du dem Einzelnen gelegen hat? Das ist sehr umstritten, da Fachleuten
20:58
aber der statistische Befund ist erstmal eindeutig. Es geht um drei Jahre Lebenserwartung, die in der DDR niedriger war. Ob das mit der,
21:08
Umweltverschmutzung zu tun hatte oder mit anderen Dingen
21:13
nachdem wir das Gesundheitssystem hatte natürlich auch viele Ecken und Kanten in der DDR
21:18
Das ist keineswegs so gewesen, dass das insgesamt besser war als im Westen. Es war nur eben zentralistisch. Und äh durchorganisiert
21:28
und ähm eigentlich auch wiederum alle gleich. Es gab nicht dieses System.
21:35
Des äh der privaten Versicherung, wo man besser behandelt wurde oder bessere Medikamente erhielt. Dieses Gleichheitsprinzip wurde nur dadurch durchbrochen, wo es um.
21:47
Politische Privilegierung gab. Also es gab Regierungskrankenhaus, es gab.
21:51
Polizeikrankenhaus ähm für die Funktionäre der SED. Da gab's schon Unterschiede und zwar
21:59
wichtige und erhebliche Unterschiede und äh deutlich spürbare Unterschiede, sowohl in der Betreuung als auch in der medizinischen Ausrüstung
22:08
die zum Teil dann auch aus dem Westen war und es gab Unterschiede zwischen dem Gesundheitswesen der Kirchen und dem staatlichen, das von den Kirchen war besser, weil die viele.
22:19
Äh ähm medizinische Sachen, sowohl Technik als auch Medikamente aus dem Westen bekommen haben. Und da ist so manche Art der ist
22:28
gerne, denn wenn's ernst wurde, auch ins kirchliche Krankenhaus gegangen, weil er wusste, dass es da besser ist. Gut, also.
22:37
Dieser Zentralismus schon gut, der hatte seinen Sinn und hatte seine Erfolge bei der Bekämpfung von hm von Kinderkrankheiten und von ähm von Epidemien.
22:49
Aber insgesamt war das System nicht besser. Es war eine ewige Warterei,
22:53
es war eine ewige Warterei auf äh äh nach Arzttermin, viel schlimmer als heute
23:01
Und es gab viele Medikamente nicht und es wurde die Medizintechnik wurde knapp,
23:08
und zwar zunehmend in den letzten Jahren der DDR, ich nenne ein Beispiel, es geht hier um Diabetiker.
23:15
Das war ein graues die hatten ganz.
23:20
Dicke Kanülen nur, ja, das war wirklich sehr schmerzhaft und ein Diabetiker spritzt ja normalerweise ähm
23:27
drei Mal fünf Mal täglich und das war immer ein großer Akt, ja, dieses diese diese dicken Kanülen reinzujagen, während sind heute ähm, was heißt heute? Es ist seit der
23:40
Seitdem der seit der Wiedervereinigung seit dreißig Jahren, sind die ganz.
23:44
Ganz dünn und und freien, so dass man's eigentlich kaum spürt, wenn man das mit einigen manuellen Geschick.
23:50
Sich selbst die Spritze gibt. Da muss man sich einmal selber spritzen, das ist ganz klar. Die Diabetiker spritzen sich mehrmals am Tag selbst. Das muss man dazu wissen, um den Hintergrund zu kennen und es spielt
24:01
Um bei dem Beispiel Diabetes zu bleiben, spielt noch eine zweite Sache eine große Rolle. Diese spielen.
24:09
Diabetiker Nahrungsmittel, die es heute also überall zu kaufen gibt, ähm Joghurt und Quark ohne Zucker und alles Mögliche und so. Äh ähm das gab's nun
24:19
ganz schwer, nur da gab's äh das gab's zwar im Prinzip, da gab's sogar Reformhäuser,
24:25
Aber in den Reformhäusern kauften viele Leute wiederum ein.
24:29
Aus Schrankheitsgründen, weil sie äh weil sie das für gesünder hielten äh ohne Zucker zu essen, aber was das ja auch, was ja auch der Fall ist, sodass es ganz schwierig ist war, da die richtigen Sachen zu bekommen. Also diese
24:42
dann neigte man viel stärker zu viel Ernährung, was ja für Diabetiker äh fundamental wichtig ist, dass sie immer diesen ganzen, diesen ganzen Diabetikerkram haben, also heute gibt's ja alles ohne Zucker.
24:56
Raten manche Ärzte ja ja raten manche Ärzte davon ja auch ab, das zu essen, aber es gibt ja äh Schokolade und und und Eis und weißer Himmel, was nicht alles
25:07
ohne ohne Zucker, sowohl für Diabetiker als auch für Leute, die aus, aus, aus Schrankheitsgründen dann das gerne essen.
25:16
Soweit so gut. Also da da warne ich davor, sozusagen allgemein zu sagen, das Gesundheitswesen eher sehr besser gewesen. Also das stimmt nun, das stimmt nun überhaupt.
25:26
Und äh eins ist noch natürlich ganz signifikant. Ähm ähm das muss man allen Leuten sagen, die seit Jahren in der DDR besser.
25:35
Ja, ja. Also.
25:37  Martin Fischer
Mit den Polykliniken.
25:38  Stefan Wolle
Na ja hin und her, ja.
25:48
Also wäre heute nicht mehr denkbar, ja.
25:50
Äh wie viele Kranke in einem Raum untergebracht waren und so, ja, daran erinnere ich mich noch gut, ja. Ja, als ich da meinen Vater besuchte im Krankenhaus, damals, da waren irgendwie.
26:01
Ich weiß nicht mehr wie viel, aber ein richtiger großer Krankensaal mit mit mit Dutzend Alter.
26:07
Äh äh Opis, ja. Und die auch noch selbst organisieren mussten, ja äh da sauber zu machen und so. Da war dann niemand mehr da, der sauber macht und so. Das waren die realen Zustände, ja. Also da äh ist auch manchmal ein gewisser.
26:20
Verklärung ist auch eingetreten, ja
26:23
speziell, was die, was die äußerliche Betreuung angeht, ist ja nicht ganz unwichtig, ja. In Krankenhäusern, wie das so alles abläuft, ja, wie groß die Räume sind, ob man ein Einzelzimmer bekommt oder Zimmer zu zweit
26:35
ob da irgendwie sechzehn Leute ein Zimmer gesperrt werden und und äh auch essen und Telefon, all diese Sachen, ja, die sind heute sehr, sehr viel besser geworden.
26:45  Martin Fischer
Eine letzte Frage ist mir doch noch eingefallen, äh um zurückzukommen zum Anfang. Ähm in der DDR Zeit ist ja auch das ähm Reaktorunglück in geschehen und äh kann man
26:55
dazu noch was sagen, wie wie damit umgegangen wurde von, ja, Regierungsseite, Gesundheitssystemseite, wie hat man das denn kommuniziert und vielleicht auch versucht,
27:05
zu ähm ja zu mildern die Effekte.
27:09  Stefan Wolle
Ich habe auch nur einen Nachtrag
27:10
Und zwar ist das eine wenig bekannte Geschichte, komischerweise ist das so gut wie fast vergessen, aber ich erinnere mich selbst sehr gut daran, im Jahre neunzehnhundertzweiundsechzig gab es eine Ruhr-Epidemie in der DDR.
27:25
Gab es eine Ruhe-Epidemie? Ähm.
27:29
Und zwar speziell in der DDR. Die gab's wohl in, in, in, in Westdeutschland, in Westberlin gab's die nicht.
27:38
Und die wurde zurückgeführt, gerüchteweise muss ich jetzt mal sagen, das ist nie hundertprozentig.
27:45
Aufgeklärt wurden, wurden zurückgeführt auf Verdorbene, sowjetische Butter.
27:55
Aufgrund der Versorgungskrise in der DDR nach dem Mauerbau hat die Sowjetunion.
28:01
Ihren deutschen Freunden Lebensmittel geliefert und auch Butter und die war wohl zum Teil verdorben.
28:08
Das heißt, hier brach eine ziemlich schlimme Roh-Epidemie aus
28:13
in Ostberlin und in der ganzen DDR. Und da hat sich zum Beispiel die politische Führung der DDR nicht gerade mit Ruhm bekleckert, sondern hat es zunächst mal versucht, gänzlich zu bestreiten.
28:27
Und der Standard auch in Zeitung, das seien nur Verleumdungen der.
28:31
Imperialistischen Hetzsender, die den Aufbau in der DDR stören wollen, aber es ließ sich da nicht mehr verheimlichen und ähm dann erst mit großer Verspätung.
28:45
Begannen dann die Maßnahmen
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der Seuchenbekämpfung, speziell also Desinfektion. Da war es wichtig, wichtiger jetzt noch als bei der Coronakrise, dass ich nach der nach dem Gang auf die Toilette jeder da
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die Hände entsummen mit so einem äh Desinfektionsmittel. Da standen überall so Schüsseln rum, da musste man seine Hände eintauchen und waschen überall in der Schule
29:10
und so. Ähm also das wurde dann äh ziemlich stringent durch exerziert, aber nach Möglichkeit sollte es nicht nach außen dringen. Das wurde also kaum
29:20
kommuniziert, aber ich erinnere mich, dass damals doch rund die Hälfte der Schulkinder
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zu Hause blieb deswegen, ja, so die die Klasse wurde immer leerer, die waren alle zu Hause wegen Uhr. Das ist nicht ganz ungefährlich. Ja, ist vor allen Dingen mit Durchfall verbunden.
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Äh also das war so eine Sache, wo man aus politischen Gründen versucht hat, es zu verheimlichen oder aufm Westen zu schieben und gegen diese Gerüchte anzugehen, was natürlich immer geeignet ist,
29:53
noch mehr Gerüchte zu erzeugen. Also das ist ein Beispiel, ist ein Beispiel dafür, es gab dann auch immer später immer noch.
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In den sechziger Jahren immer neue Gerüchte weises Auftreten von Ruhr-Epidemie und ein zweites Beispiel in der Richtung ist hier Maul und Klauenseuche
30:11
da war, das war auch in den sechziger Jahren, sechsundsechzig war da, glaube ich, der Höhepunkt. Das betraf ausschließlich
30:18
Äh äh Nutzvieh, also Kühe und Schweine. Mall und Klauenseuche, die ist so gefährlich gewesen.
30:27
Weil die ohnehin prekäre ähm Lebensmittelversorgung in der DDR dadurch weiter gefährdet wurde
30:33
Und da äh hat man auch äh versucht es zu verheimlichen und unter Teppich zu kehren und irgendwelche äh Behauptungen aufgestellt
30:44
vom Westen her übertrieben dargestellt wird und aufgeborscht wird.
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Und man hat äh die Gelegenheit benutzt. Wir sind also sechsundsechzig mitten im kalten Krieg noch. Äh.
31:00
Um ähm westliche Reisende in der DDR zu reklementieren und ihnen bestimmte Gebiete zu äh bestimmte Territorien
31:08
ähm zu verbieten, dass es da keinen Zutritt geben würde, sondern solche Sachen. Worüber muss ich denn auch äh ganz offiziell.
31:18
Im Westen staatlicherseits beschwert hat, dass also Reisende aus der BRD dann irgendwie, wenn sie ähm
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in den Bezirk Neubrandenburg fahren wollten aus.
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Besuchsgründen oder so, da die Einreise verweigert hätte. Und vermutete im Westen vermutete man, dass man die Mauer und Klauen solche politisch instrumentalisiert.
31:40
Der DDR, um da den ähm Zugang westlicher Reisende in die DDR einzuschränken und zu reglementieren.
31:49
War also vor.
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Vor diesen ganzen Sachen mit Transitabkommen, das war alles noch rechtlich in der Schwebe damals. So, jetzt machen wir einen Sprung von
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Ungefähr zwanzig Jahren in die achtziger Jahre neunzehnhundertsiebenundachtzig da war nun die DDR.
32:08
In seiner Berichterstattung,
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Und in der Reaktion auf die Katastrophe auf der auf die Havarie des äh äh Atomkraftwerks von Tschernobyl Beel vollkommen
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noch im Schlepptau der sowjetischen Berichterstattung, die konnten nicht damals nicht was über die Sowjetunion schreiben.
32:28
Was nicht jetzt in den von den sowjetischen Medien freigegeben worden ist. Das war also damals noch vollkommen undenkbar. Das heißt, die DDR machte alle diese Verränkung der sowjetischen Berichterstattung
32:40
diese Politik, äh das Verheimlichens,
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Und unterm Teppich kehren's machte die mit und zwar wortwörtlich die hatte damals gar keine andere Wahl. Das ist erst ganz verheimlicht wurde.
32:54
Die Katastrophe, dann wurde behauptet, ja, das seien also nur westliche äh äh Fehlmeldungen und Falschmeldungen, die von westlichen Sender verbreitet werden, dann wurde es so halb und halb zugegeben. Das hat tatsächlich
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Da was gegeben, aber äh das hat alles ganz ungefährlich wurde dann in der DDR gesagt, ja das daraus ergebe sich keine Gefährdung und die DDR befand sich zu diesem Zeitpunkt neunzehnhundertsechsundachtzig noch vollkommen im Schlepptau
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der sowjetischen Berichterstattung, also es wäre vollkommen undenkbar gewesen seitens der DDR, da
33:28
Irgendwelche Berichte oder Meldungen zu verbreiten, die äh von den sowjetischen äh äh Verlautbarungen abgewichen werden. Ähm sofern machte die DDR das alles mit, veröffentliche sie erstmal gar nicht
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Dann behauptete sie, äh das sei äh das Sein also
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Herzmeldungen von den von den Imperialisten, die den das Leben im im im Sozialismus da irgendwie durcheinander würfeln wollen und dann kam so ähm Berichte
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alles gar nicht so gefährlich sei.
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Und eigentlich gar keine Rolle spielen würde, dass es also keiner sinnlose Panik geben sollte, aber zu dem Zeitpunkt war man im im Westen
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Also in Westberlin und in der Bundesrepublik schon sehr, sehr empfindlich geworden gegenüber solchen Sachen und machte
34:19
Ich wüsste mal, dass du eine Riesenpanik, eine eine riesen Panik wegen dieser Katastrophe, dass die Leute sollten nicht auf die Straße gehen, wurde gesagt und die Leute sollten, die Kinder sollten nicht im Buddelkasten spielen und um Gottes Willen, kein Obst und Gemüse, was im Frei
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Gezüchte von der Kaufen äh.
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Es ist so, dass das sozusagen diese Erregung über den über den über den äh Katastrophenfall und über die durch die Strahlungsgefährdung
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diese äh Osten über und
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sahen die Leute dann noch etwas gelassener im Osten, insbesondere deswegen, weil sich die Obst und Gemüseversorgung.
35:04
Deutlich verbesserte, schlagartig und er sagt, ja es gar nicht so schlecht und
35:10
Man macht dann eher so seine Scherze darüber, dass es irgendwie jetzt die Böse auf einmal gab, die es vorher nicht gab
35:16
Ähm aus Polen und so. Äh das äh die äh durch die Gamerstrahlung erst für die rechte Würze bekommen hätten und so. Ähm das.
35:26
Frage, wie weit man sozusagen jetzt ähm.
35:30
Geht in vor, das ist ja auch jetzt gegenwärtig immer heftig umstritten, wie weit Vorsichtsmaßnahmen angemessen sind oder tragbar oder übertrieben, das
35:41
weiß man nie so genau. Das kann man erst einmal, wenn überhaupt Jahre später sagen.
35:46  Martin Fischer
Ob's gebracht, ob das gebracht hat oder nicht.
35:49  Stefan Wolle
Ob's was gebracht hat oder nicht. Also so viel, so viel soziale Bill,
35:54
man hat dann sehr schnell auch in der DDR natürlich gesagt, dass insgesamt natürlich die sowjetischen Naturkraftwerke äh äh ganz fantastisch sind und vollkommen sicher und man hat auch das,
36:05
Kernkraft äh äh die Entwicklung der Kernkraft in der DDR weiter betrieben und zwar ungebrochen.
36:14
Um die Energiebasis der DDR Felix Zukunft zu sichern und hat dieses Kernkraftwerk in der Gegend von Calschweit in Lubmin ist das äh weitergebaut und weiter ausgebaut und hat noch ein weiteres, großes Kernkraftwerk.
36:29
Stehen dagegen von Stendal geplant. Diese Sachen wurden erst nach November abgeschaltet
36:35
und das erste, alte Atomkraftwerk, was aber mehr eine Versuchsstation war, in äh äh nach einsberg am Stehsee.
36:44  Martin Fischer
Da waren wir im Urlaub und haben uns das angeschaut. Das wird ja seit
36:47
Jahrzehnten zurückgebaut und ähm das ist ein riesen Aufwand und äh wie gesagt, waren die richtigen Betriebe, aber wir haben's uns, dass sie angeschaut sind, da durchgelaufen und es ist äh es ist
36:58
ja einerseits faszinierend, einerseits aber auch erschreckend, da mitten im Naturschutzgebiet kommt auf einmal dieses Atomkraftwerk.
37:03  Stefan Wolle
Hm.
37:04  Martin Fischer
Aber es ist ein faszinierender Ort.
37:07  Stefan Wolle
Ja, ich war da auch, also ich war da, als als es noch im Betrieb war in den äh späten sechziger Jahren, da hockte dann dieser eine Schornstein so hinterm Stich liegen sie immer heißt das, war Naturforscherlager.
37:21
Wir haben da Loge und Kriechtiere erforscht, aber war immer äh äh.
37:26
Dieses Stink war immer im Hintergrund, dieses Atomcorvette hat übrigens damals gestört. Damals war das Verhältnis zur Atomkraft noch äh vollkommen ungebrochen, ja, man hofft, erhoffte sich da wirklich einen großen Menschheitsfortschritt
37:41
Durch die Atomkraft. Das da haben sich die Dinge ja gründlich gewandelt. Das war ja ein weltweit auch der große Schock. Die Katastrophe von Schargel.
37:51
In der DDR, wie gesagt, hat man es erstmal überhaupt nicht reagiert und hat gesagt, wir setzen unser Atomprogramm fort. Das sei also alles vollkommen sicher und vollkommen in Ordnung. Und da kann überhaupt nichts passieren. Ist ja in der DDR auch nichts passiert.
38:05  Martin Fischer
Aber auch weil's dann irgendwann zu Ende war. Er weiß, wie es gekommen wäre, wenn's noch weitergegangen.
38:14  Stefan Wolle
Was da für welche sind, ja. Ähm die Russen, die haben das nicht so im Griff, aber wenn das deutsche Ingenieur da reingesetzt werden, dann klappt das schon so mal so unter uns. Das war so, das war so die
38:27
die inoffizielle Haltung.
38:30  Martin Fischer
Wolle, vielen Dank für dieses Gespräch. Das war äh für mich wieder sehr informativ, für die Hörerinnen und Hörer hoffentlich auch. Ich bedanke mich bei ihnen.
38:37  Stefan Wolle
Tschüss.
38:38  Martin Fischer
Machen Sie's gut, tschüss. Und das war die siebenundneunzigste Folge von Staatsbürgerkunde. Vielen Dank für eure Zeit.
38:46
Zu Gast war Doktor Stefan Wolle, wissenschaftlicher Leiter am DDR-Museum in Berlin.
38:50
Danke an ihn und an das Museum, dass mein Podcast unterstützt. Wenn ihr jemanden kennt, der noch aus eigener Erfahrung über die Zeit von Tschernobyl in der DDR oder sogar die Ruhrpandemie erzählen kann, meldet euch gerne bei mir.
39:01
Einen faszinierenden Blick zurück auf die Situation, während der Spanischen Grippe in Deutschland haben übrigens Steffen und Louis vom vor hundert Podcast parat. Hört unbedingt rein. Ich verlinke euch die Folge in den Shownotes.
39:13
Der Soundtrack zu dieser Folge stammt wie immer von Wolfgang Wörle, aus seiner Komposition AMB and One. Das Coverbild kommt diesmal aus dem Bundesarchiv, ist von Giso Löwe und steht unter der CC bei SA drei null Lizenz.
39:25
Wie immer auch ein großes Dankeschön an alle Unterstützerinnen und Unterstützer. Für die Zeit seit der Aufnahme zur letzten Folge waren das per PayPal, Überweisung oder Dauerauftrag Anne und Mirko.
39:35
Manuel, Annika, Christoph, Teresa, A Punkt G Punkt, Matthias, Robert, Jens.
39:43
Kai und Jon. Seit letzten Monat biete ich diese Möglichkeit auch an und freue mich, dass sie schon genutzt wird.
39:51
Es wird übrigens keinen exklusiven Content für Unterstützerinnen auf Steddy oder anderen Plattformen geben. Ich habe lange drüber nachgedacht.
39:57
Keine Hörerin benachteiligen oder bevorzugen, je nachdem ob und wie viel sie wo in den Hut werfen. Der Staatsbürger Kunde unterstützt, macht den Podcast besser für alle. Die laufenden Kosten sind gedeck.
40:07
Ich kann mir mehr Zeit nehmen und mehr Folgen produzieren und hoffentlich auch bald wieder auf Reisen zu neuen Gästinnen und Orten gehen.
40:14
Auf WWW Punkt Staatsbürgerkunde Minus Podcast Punkt DE findet ihr unter dem Link unterstützen alle Infos dazu, wie ihr mit einem Betrag eurer Wahl zum Projekt beitragen könnt.
40:23
Und schreibt mir gerne in den Betreff eurer Überweisung oder Anmeldung bei Stedy, was euch an Staatsbürgerkunde gefällt, was eure Lieblingsfolge ist oder was ihr euch in Zukunft für den Podcast wünscht.
40:32
Das geht natürlich auch jederzeit als klassischer Kommentar oder Bewertung auf Apple Podcasts oder YouTube. Da spiele ich den Podcast auch aus. Und zur letzten Folge über die Wismut.
40:42
Nur hohe Schnee ergänzt. Später dann in den achtziger Jahren war die Forderung von Uranärz sogar im WDR-Schulatlas eingezeichnet. Auch bei mir im Ort haben sie damals gesucht, aber nicht genug gefunden. Ich empfehle den Film Sonnensucher.
40:57
Der ist übrigens sehr schwer zu finden und äh ja, ich suche noch und würde die mit denen gerne anschauen. Hendrik hat auf Twitter geschrieben, besonders gut hat mir das Interview über den Beruf der Facharbeiterin für Datenverarbeitung in den siebziger Jahren gefallen. Ein Hörtipp.
41:12
Vielen Dank an alle Kommentatorinnen, lasst mich gerne wissen, wie Staatsbürger bei euch ankommt.
41:17
Für heute aber sage ich danke an euch fürs Zuhören und bis zur nächsten Folge. Tschüss, euer Martin.