Lob des Gehens

In “Lob des Gehens” unterhalte ich (Nicola Wessinghage) mich mit verschiedenen Menschen über die vielen Facetten des Gehens. Dabei streife ich ganz unterschiedliche Themenfelder, von der Anatomie über Architektur, Neurologie, Kommunikation, Kunst, Kultur und Geschichte. In einigen Episoden wird es auch um kleine Experimente bzw. Erfahrungsberichte gehen. Denn Aufhänger für diesen Podcast waren vor allem meine eigene Lust am Gehen und die Neugier, besser zu verstehen, warum es auf so verschiedene Arten so gut tut, zu Fuß unterwegs zu sein.

https://lob-des-gehens.de

subscribe
share





episode 16: Auszüge aus "Streifzüge durch die Nacht" [transcript]


  • Nicola Wessinghage
    • Twitter Nicola Wessinghage
    • Website Lob des Gehens
    • Instagram Lob des Gehens
    • Inkladde Blog
    • Instagram Nicola Wessinghage
  • Loubna Bouharrour
  • Dirk Liesemer
    • Instagram
    • Website

Auch im Juni gibt es bei „Lob des Gehens“ eine Bonusfolge: Eine Lesung als Einstimmung auf die nächste Episode, die in einer Woche erscheinen wird. Darin unterhalte ich mich dann mit Dirk Liesemer über das Gehen in der Nacht. Für sein Buch „Streifzüge durch die Nacht“, das 2020 im Piper Verlag erschienen ist, hat er viele verschiedene Nachtwanderungen unternommen, in Deutschland, der Schweiz und in Österreich. Seine Streifzüge beginnen im Winter, er wandert sich dann einmal durch alle Jahreszeiten, von Füssen im Allgäu bis nach Greifswald, durch Städte wie Zürich, durch die Weißen Nächte auf Usedom, im Teutoburger Wald bei den Externsteinen und auf der Nordseeinsel Amrum.

Autor Dirk Liesemer und Aufnahmen, die er nachts auf Amrum fotografiert hat.

Dirk Liesemer arbeitet als Journalist und Buchautor und schreibt über Geschichte, Natur und Gesellschaft.

Loubna Bouharrour liest den zweiten Teil des Kapitels, in dem Dirk mit einem Jugendfreund durchs Ruhrgebiet wandert. Ein weiterer Auszug berichtet von seinen nächtlichen Ausflügen auf Amrum.

Das Gespräch mit Dirk Liesemer wird hier im Podcast am 18. Juni erscheinen.

Weitere Infos zum Buch und Fotos der Streifzüge

Weitere Informationen zu diesem Podcast und Hinweise auf weitere Podcasts, Bücher und Links zum Thema Gehen auf der Website: www.lob-des-gehens.de

Der Podcast bei Instagram: @lob_des_gehens

Der Podcast bei Twitter: @Lob_des_Gehens

Der Podcast bei Facebook: Lob des Gehens

Musik: Walking Dub von Mastermind XS aus Saarbrücken von ihrem Album “Keep on moving”, erschienen unter der Creative-Commons-Lizenz 4.0 (CC BY-NC-ND 4.0).

Ich freue mich über Feedback an mail(@)lob-des-gehens.de oder in den Kommentaren auf der Website.


share







 2021-06-10  n/a
 
 
00:00  Musik
00:28  Nicola Wessinghage
Hallo und auch im Juni gibt's heute wieder eine Bonusfolge von Lob des Gens. Und wieder als Vorbereitung auf die nächste Episode, wenn ich mich nämlich mit Dirk Liese mal über Streifzüge durch die Nacht unterhalte,
00:40
So heißt sein Buch, das im letzten Jahr im Piper Verlag erschienen ist,
00:44
Dirk arbeitet als Journalist und Buchautor und schreibt über Geschichte, Natur und Gesellschaft.
00:50
Für sein aktuelles Buch hat er quasi ein Jahr die verschiedenen Jahreszeiten durchwandert, an verschiedenen Orten,
00:56
Er startet im Allgäu bei in den Städten Zürich und Hamburg unterwegs, genau wie im Erzgebirge, war zur Sommersonnenwende im Teutoburger Wald und ist auf Amrum und durch Vorpommern gewandert. Und, und, und.
01:09
Es gibt Dinge, die sich wie ein roter Faden durchs Buch ziehen. Und die Passagen, die ich ausgewählt habe, damit ihr sie vorab hören könnt, greifen diese Fäden zum Teil auch wieder auf.
01:19
So scheint eine Wanderung in der Nacht unwillkürlich Erinnerungen an die Jugend und Kindheit aufzurufen. Die Sinne sind achtsamer,
01:27
Das Thema Furcht spielt durchaus auch eine Rolle. Die folgenden Ausschnitte, die ihr hört, die führen euch ins Ruhrgebiet und nach Amrum.
01:36
Es liest wieder einmal und ich danke ihr sehr herzlich dafür.
01:41
Wenn ihr schon nach diesen Auszügen Lust habt, selbst mal nachts unterwegs zu sein, dann kann ich das auf jeden Fall empfehlen,
01:47
Ich habe jetzt gerade auch mal wieder ausprobiert und wenn auch keine Wanderung draus geworden ist, es war eher ein Spaziergang, so habe ich doch viel von dem nachempfinden können, was zum Teil auch in den Passagen zu lesen ist, die ihr jetzt hören könnt,
02:00
Ich werde in der kommenden Woche noch mehr darüber berichten. Hört jetzt aus dem Buch Streifzüge durch die Nacht, geschrieben von Dirk, gelesen von Lubner Boharrohr.
02:18  Loubna Bouharrour
Leuchtende Wolken. Man muss geduldig sein, wenn man im Sommer eine Nachtwanderung machen will,
02:25
und man sollte sich ausruhen, wenn man in der Nacht zuvor erst unterwegs war. Man sollte nicht gleich einfach wieder darauf los stürmen. Ein Tag im Sommer zieht sich. Es war viel zu früh, als Stefan und ich auf einer Brücke über der Ruhe standen.
02:39
Noch blendete die Sonne über die Landschaft,
02:42
vor uns flussabwärts, breitete sich ein von Hügeln ein gerahmtes Überflutungsgebiet aus. Hinter uns im Südosten schnitt eine Autobahn durch die Landschaft, ohne dass sie zu hören gewesen wäre.
02:55
Davor lag auf einem Hügel die alte Stadt Wette an der Ruhr. Die idyllisch überschaubar wirkte.
03:00
Dass dort und ausgerechnet in einer alten Burgruine die Technische Revolution des Ruhrgebietes begonnen hatte, lies sich nicht mehr erahnen.
03:09
Die mechanischen Werkstätten, Hakort und Co. Hatten ab achtzehnhundertneunzehn ein Blechwalzwerk, einen Hochofen und ein Walzwerk errichtet.
03:19
Von Wetter an der Ruhr aus hatte sich die frühe Industrialisierung allmählich über die Region ausgebreitet. Welche Spuren würden wir davon in dieser Nacht sehen?
03:28
Oder sollten wir wieder ganz andere Eindrücke vom Ruhrgebiet gewinnen?
03:33
Wir liefen am Fluss entlang, auf der anderen Seite lag Schloss Mallinckroth auf unserer Seite ein uralter Gutshof der Familie Dönhoff, wo sie im dreizehnten Jahrhundert lebten, ehe sie im Baltikum zu einem berühmten Adelsgeschlecht aufstiegen.
03:48
Hier in Wengern konnte man den Eindruck gewinnen, durch ein technisches Freilichtmuseum zu laufen, was jedoch eine unfaire Beurteilung ist, weil hier immer noch gutes Geld verdient wird.
03:58
Auf einem ihr rätselhafte Weise gelingt es den metallverarbeitenden Kleingewerbe bis heute seine Geschäftsmodelle erfolgreich zu behaupten.
04:07
Um die Dämmerung abzuwarten, kehrten wir in ein schwedisch-westfälisches Restaurant ein.
04:12
Stundenlang machten wir es uns gemütlich und brachen erst wieder auf, als der Himmel nur mehr eine allerletzte Resthelligkeit aufwies.
04:21
Glühwürmchen im Gebüsch, wo diese Tierchen nicht überall anzutreffen sind.
04:27
Etwas weiter an einer Hauptstraße von Wittenbommern nach Wuppertal, fächelte Wind durch Gräser und Büsche.
04:35
Wir liefen an der Straße entlang und sahen nur wenige Autos. Es war wieder alles so erstaunlich ruhig hier im südlichen Ruhrgebiet,
04:43
Ortschaften wirkten dabei keineswegs verlassen, ausgestorben oder gar tot, sondern einfach nur in sich versunken.
04:51
Vielleicht war es bezeichnend, dass der einzige Mensch, den wir in dieser Nacht bemerkten, gerade an einen Baum pinkelte. Er war von uns nicht weniger überrascht, als umgekehrt.
05:01
In der Ferne wuchs ein dichter Schwarzer Wald. Der Stadtforstformholz begann Stefan seinen Vortrag. Im nördlichen Teil dieses Forstes schließt sich übrigens das Bergbaugeschichtliche Gelände Muttental an.
05:15
Dass dort einmal Zechen standen, dass man dort tagsüber noch immer auf Reste, alter Stollen und Mauerbefestigungen stößt, war für mich nicht auszumachen.
05:24
In den Waldgebieten dieser Gegend sind überall sogenannte Bärtschadensgebiete ausgezeichnet, die man nicht betreten darf, weil sie einsturzgefährdet sind. Erzielte Stefan weiter und schob nach,
05:36
auf einer Nachtwanderung eine gruselige Vorstellung vom Weg abzukommen und verschluckt zu werden.
05:42
In der Dunkelheit wirkt die Umgebung sehr natürlich, meinte ich, was mein Freund keinesfalls so stehen lassen wollte. So viel Ungenauigkeit störte ihn ganz erheblich.
05:52
Was heißt für dich natürlich hakte er empört nach? Und ist ein Wald an sich schon natürlich?
05:59
Tatsächlich habe sich die Natur hier erst in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt. Davor sei hier Kohle gefördert worden und davor habe es Weiden und Äcker gegeben.
06:09
Jedoch gab er zu, die Natur hat sich mittlerweile eine eigene Realität geschaffen, die nachts erstaunlich ursprünglich wirkt.
06:18
Du hast mir mit der Nachtwanderung ein großartiges Geschenk gemacht, meinte er plötzlich und fing an zu erzählen, während ich ihm mein Aufnahmegerät hinhielt,
06:27
Die Intensität der Naturerfahrung erinnert mich an meine ersten Spaziergänge als Jugendlicher,
06:34
Damals habe er erstmals Entfernungen wahrgenommen. Das Gefühl der Weite, die Macht der eigenen Beine, das Abenteuer, nicht zu wissen, was hinter dem Horizont kommt,
06:45
Die Freiheit, wenn man alltägliche Wege verlässt. Wenn man nicht einmal mehr die Dunkelheit der Nacht als Hindernis empfindet, sagte er, kann man überall hinlaufen,
06:55
Vor allem fühle man sich nachts noch unmittelbarer der Natur ausgesetzt, weil alles kulturell geprägte kaum mehr wahrnehmbar sei.
07:03
Man sieht weniger und taucht deshalb tiefer in die Natur ein. Und man ist ihr stärker ausgeliefert, wird zugleich aber auch nicht so stark von ihr angegangen, weil nicht zu viel an Eindrücken auf einen einströmt.
07:16
Es ist wie bei einer Schwarz-Weiß-Fotografie, sagte ich, man achtet nachts mehr auf Formen, Strukturen und Linien,
07:25
So grafisch würde ich es nicht empfinden, erwiderte Stefan. Ich fühle mich eher umweht, als wäre ich von einem dunklen Tuch umgeben.
07:34
Stimmt. Auf meinen ersten Streifzügen hatte auch ich mich von Dunkelheit umhüllt gefühlt,
07:40
hatte sich mittlerweile meine Wahrnehmung geändert, so wie sie das immer tut, wenn man irgendwo heimisch wird und sich mehr und mehr auskennt?
07:49
In der Gemeinde durchholz, liefen wir eine mit orangefarbenen Lampen gesäumte Straße hinauf auf einen Hügel. Die Lampen wirkten wie aus der Zeit gefallen,
07:59
Sie erinnerten mich an meine Kindheit auf dem Dorf, ehe das Orangelicht gegen rhein weißes ausgetauscht wurde. Ich hatte es ewig nicht mehr gesehen,
08:08
Auch Stefan erinnerten sie an seine Kindheit. In Frankreich und Belgien, wo es diese Lampen noch gibt, erzählte er, fühle ich mich bis heute jedes Mal in meine Kindheit in Söß zurückversetzt.
08:20
Oben auf dem Hügel, es war weit nach Mitternacht, schauten wir verwundert in nördliche Richtung. Wir sahen den Nordstern und darunter ein seltsames, helles Leuchten.
08:30
Stammte es von den Lichtern Dortmunds, Bochums oder Essens? Deren Lichtglocken wölbt sich allerdings nicht allzu hoch über den Städten,
08:38
oder leuchteten dort tatsächlich silbrige, faserige Wolken am Himmel?
08:44
Später erfuhr ich vom Phänomen der leuchtenden Nachtwolken, die aus Eiskristallen bestehenden Gebilde sammeln sich in gut achtzig Kilometern Höhe,
08:52
Sie leuchten nicht aus sich selbst heraus, sondern werden von der Sonne angestrahlt, die im Juni und Juli in Mittel- und Nordeuropa nur wenige Grad unter den Nordwest Horizons sinkt.
09:03
Zwar leuchten die Wolken auch tagsüber, werden dann aber vom Sonnenlicht überstrahlt.
09:09
Man sieht sie häufiger im nördlichen Deutschland, hin und wieder jedoch sogar über der Schweiz und Österreich.
09:17
Allein für diesen Anblick hatte sich der Streif zu gelohnt, leuchtende Wolken im hohen Norden, geschmückt von hunderten von Sternen.
09:26
Es ging danach bergab, durch Wiesen und Felder, dann wieder einen Berg hinauf. Wie in der Nacht zuvor, runter, hoch, runter, hoch, eben Ruheschicht Rippenland.
09:38
In der Ferne sahen wir immer wieder unzählige Lichter und Häuser, den Florian in Dortmund, die Ruhr Uni, Windräder und Schornsteine mit roten Leuchten,
09:48
kurz bevor es hell wurde, erreichten wir das ehemalige Stahlwerk Henrichs Hütte, liefen entlang einer verlassenen Riesenstraße ausgebaut einst für Arbeiter und Angestellte.
09:59
Aber dem Ausbau in den siebzigern folgte die Schließung der Zeche in den Achtzigern, womit auf einen Schlag knapp dreitausend Menschen ohne Arbeit waren.
10:09
Natur überwucherte fast alles, aber die Zeichen eines neuen Aufbruchs ließen sich auch im Dunkeln erkennen. Die Lichter eines neuen Gewerbeparks und Motorengeräusche aus einer Logistikhalle,
10:20
Auf einer Wiese ließen wir uns müde nieder und schauten erschöpft auf den alten Hochofen, während hundert Meter links von uns, arbeite auf dem Hof einer Logistikhalle eine Pause machten.
10:32
Sie unterhielten sich so laut, als wäre es mitten am Tag.
10:45
An einem anderen Abend Ende August stand ich in den Dünen und dachte an meinen allerersten Streifzug zum Schloss Neuschwanstein zurück.
10:52
Dass ich dort niemanden getroffen hatte, abgesehen von einem amerikanischen Touristen, kam hier noch immer seltsam vor. Es muss wohl an Schnee und Eis gelegen haben.
11:01
Doch auch hier auf Amrum lief jetzt zur Hochsaison kein Mensch umher außer mir und meinem heutigen Begleiter Sven Sturm. Einem ausgezeichneten Naturfotografen, den es als Lehrer auf seine Trauminsel verschlagen hat.
11:14
Niemand außer uns wanderte in der Dämmerung umher, obwohl die Sonne gerade erst untergegangen war und sich der Himmel in zauberhaften Orange-Tönen ergoss.
11:23
Am Horizont erkannten wir die Reste der Palace, eines abgesoffenen Schiffes, im Süden leuchtete die Promenade von Widdün,
11:32
Es war angenehm warm. Von Westen her zogen allmählich jedoch treuende Wolken auf.
11:38
Ihr fotografiere oft in der Dunkelheit, sagte Sven. Sie habe etwas Meditatives. Man ist ganz bei sich im Hier und Jetzt,
11:47
Man nehme nicht nur mit den Augen wahr, sondern müsse über die Ohren kompensieren und dadurch aufmerksamer sein. Es ist ein intensiveres Erlebnis.
11:57
Nur mondlose Nächte, wie die kommende machten ein Landschaftsfoto fast unmöglich. Er geht dann ganz gerne aber nach draußen, um die Milchstraße zu fotografieren.
12:07
Man sieht keine Landschaft, keinen Weg, kaum Horizont.
12:11
Um das Mystische einzufangen, brauche man künstliche Lichtquellen wie einen Leuchtturm oder einen Wanderer, der sich seinen Weg mit der Taschenlampe sucht.
12:20
Er wolle die Landschaft auf den Fotos so zeigen, wie er sie erlebe. Auch wenn natürlich Geräusche und Gerüche fehlten,
12:28
Manchmal versuche er deshalb, nachts dunkler zu belichten, aber das Ergebnis gefalle ihm nur selten.
12:34
Denn auf einem dunklen Bild lasse sich die Magie der Dunkelheit kaum darstellen. Jedenfalls nicht die der Landschaft. Ein dunkles Bild verliert als Print seinen Zauber,
12:45
Er würde nachts gerne mehr analoge Bilder mit alten Kameras machen, Fotos, die wie Schludrichter hingeworfene Kohlestiftzeichnungen wirken,
12:54
Wenn sie halt gerade nicht so aussehen, wie aktuelle, perfekte, steril anmutende Digitalbilder. Nur leider sei das Filmmaterial längst nicht so empfindlich wie moderne Sensoren. Der Ausschuss so groß,
13:08
Aus diesem Grund gäbe es auch aus analogen Zeiten so wenig Nachtfotos. Erst mit der Digitaltechnik sei der Durchbruch in der Nacht Fotografie gelungen.
13:18
Sven Sturm ist öfter mit seinen Schülern abends hier in den Dünen. In der neunten und zehnten Klasse können sie einen Wahlpflichtkurs Fotografie belegen. Er ist dann immer wieder überrascht, wie anders sie sich verhalten,
13:30
Er kennt sie ja vom Unterricht der Pausenaufsicht und von Klassenfahrten. Hier draußen erlebt er sie mutiger, konzentrierter und aufmerksamer,
13:38
Es hat eine Relevanz für sie. Sie werden fokussierter, sind mehr im Hier und Jetzt, fast andächtig.
13:46
Je dunkler es wurde, desto deutlicher zeichneten sich die Strahlen des Leuchtturms ab. Er ist mehr als ein Bauwerk, sagte Sven. Auf einem Foto steht er für Ruhe, Verlässlichkeit und Orientierung.
13:59
Am Leuchtturm trennten sich unsere Wege. Ich lief allein kilometerweit durch die Nacht nordwärts,
14:06
nur wenige Sterne blinkten zwischen den schwarzen Wolken. Regentropfen prasselten auf den Asphalt, Grillen,
14:13
und in einem Gewerbegebiet rührten Generatoren. Ich hörte, wie der Wind durch ein Maisfeld rauschte und Böhe für Böhe näherkam.
14:22
Es hörte sich wie eine Brandung an. Dann lief ich an Seegras vorbei, das metallisch, gar zischelnd klang,
14:29
Der Wind wegte auch über die Wiesen hinweg und ließ die Bäume rascheln,
14:34
eine Baumart erkennen, fragte ich mich, klangen die Birken tatsächlich heller als die Aorne.
14:42
Kurz vor Norddorf wurde ich vom Licht des Leuchtturms erfasst. Ich drehte mich um und fühlte mich alle paar Sekunden von einem Lichtstrahl ertappt,
14:50
der Ferne aus wirkte es wie Saurons magisches Auge. Zwei Nächte zuvor hatte mir Wolfgang Stöck den Turm gezeigt,
14:59
Mann wie ein Seebär mit langem Bart tiefer Stimme und leicht kugeligem Bauch. Ein Mann, der Kinder und Jugendliche fasziniert und perfekt auf die Insel passt, auch wenn er zu den Zugezogenen zählt.
15:12
Er berichtete von Zeiten, als es noch einen Haupt- und einen Nebenwerter gegeben hatte.
15:17
Es war die Aufgabe des Letzteren jeden Abend zwei Kannen mit jeweils zwanzig Liter Mineralöl nach oben zu schleppen, um den Prismenkorb betreiben zu können.
15:27
Einst war es eine zweitausend Watt starke Opp,
15:30
heute braucht es nur eine zweihundertfünfzig Watt starke Halogen-Metalldampflampe, die eine Stunde vor Sonnenuntergang ferngezündet wird und bis eine Stunde nach Sonnenaufgang leuchtet,
15:42
Sechzehn Lichtstrahlen kommen aus dem Amrumer Seefeuer,
15:45
Doch wie ein Kapitän auf hoher See, so sah auch ich jetzt immer nur den einen Strahl, der gerade knapp über mich hinweg strich.
15:55
Ich nahm zwei, drei, vier Schritte Anlauf und sprang über den Mond hinweg, einfach so als wäre nichts dabei,
16:02
Er spiegelte sich in einer großen Pfütze und als ich in der Luft über ihm war, tauchte er unter mir hinweg und verschwand im Nichts.
16:10
Bis zur nächsten großen Pfütze, wo er sich erneut spiegelte und ich wieder über ihn hinweg sprang. Wer machte sich hier eigentlich über wen lustig?
16:19
Es hatte den ganzen Tag über ausgiebig geschüttet. Land unter auf Amrom,
16:25
Kaum waren am Abend jedoch die Wolken aufgerissen, hatte ich mich zu einem letzten Streifzug über die Insel aufgemacht. Nun sprang ich vergnügt über die Pfützen auf meinem Waldweg und genoss, dass sich niemand sonst nach draußen wagte.
16:38
Es war still wie vor einem großen Sturm. Leicht wiegten sich die Kronen der Bäume über mir. Letztes Tageslicht am Himmel,
16:46
und ich hatte das untrügliche Gefühl, diese Nacht, die gehört ganz allein mal wieder mir.
16:53
Am Ruhm hatte sich als perfekt für nächtliche Streifzüge erwiesen. Wenige Autos, keine Wildschweine, nicht einmal Füchse.
17:00
Sollten es die Tiere doch einmal durchs Watt auf die Insel schaffen, sie würden nicht lange überleben, sondern rasch abgeschossen.
17:07
Sie wären eine Katastrophe für die seltenen Vogelarten, die ihre Gelege ungeschützt in den Dünen oder am Strand errichten.
17:14
Mir wird niemand erzählen können, er fürchte sich vor einem Nachtspaziergang auf Amrum.
17:19
So dachte ich in diesem Moment und ahnte nicht, wie sehr die Natur meinen Weg in dieser Nacht bestimmen würde.
17:26
In der späten Dämmerung lief ich auf einem der hölzernen Stege durch die Dünen. Die feuchten Bohlen hoben sich fahl von der Landschaft ab.
17:35
Durch's Rauschende Schilfgras, der sanftügige Graudünen, die hier und da von hellen, sandigen Farben durchzogen waren.
17:44
Allmählich verschwand der Mond hinter schwarzen Wolkenfetzen die wild aufgeregt über mich hinweg stoben. Mal sah ich für kurze Momente eine Hand voll Sterne, dann wieder trafen mich einzelne Regentropfen,
17:56
Einmal machte ich Fotos und musste das Stativ festhalten, damit es nicht umgeweht wurde.
18:02
Als ich das Quermarkenfeuer auf der letzten Düne erreichte, spürte ich die Kraft des Windes. Er blies steif von vorne und spritzte Regentropfen in mein Gesicht.
18:12
Ich zog die Kapuze über, fühlte mich aber seltsam unwohl.
18:16
Denn ich sah höchst wenig und hörte kaum noch etwas. Man wird unsicher, wenn gleich zwei Sinne abgeschirmt sind. Außerdem rüttelte der Wind mittlerweile so sehr am Stativ, dass kein Foto mehr scharf wurde.
18:29
Sah aus wie verwischt und die Sterne glichen diffusen Wassertröpfchen.
18:34
Ich hatte durch den Wald zurücklaufen wollen, aber schon von Ferne hörte ich die Bäume knacken und knarzen. Sollte ich da wirklich durchlaufen? Noch dazu in der Dunkelheit?
18:44
Ich würde den Ast, der mir auf den Kopf knallte, nicht einmal herunterfallen sehen,
18:49
Stattdessen nahm ich einen Weg zwischen Strand und Dünen, auf dem es erstaunlich ruhig war. Wenn der Mond für kurze Zeit mit seinem grellen Licht die Landschaft erhellte, gelangen mir hier hin und wieder sogar Fotos.
19:03
Dann sah auf dem Bildschirm alles aus wie magisch beleuchtet. Während ich über einen sandigen, schlammigen Weg lief, rauschten in der Ferne die Meereswellen, aber die Nordsee war nicht zu sehen. Sie blieb fern.
19:16
Mehrmals rutschte ich im Dunkeln fast aus und lernte dabei, genauer auf den Untergrund zu achten. Man muss ihn ertasten, vorsichtig laufen, Schritt für Schritt,
19:26
genau hinhören, ob es sich wohl um glitschigen Schlamm oder stumpfen Sand handelt. Ich ging so langsam, bis ich nahe Norddorf wieder einen Bohlenweg fand.
19:37
Einige Nächte zuvor war ich daran vorbei gelaufen. Obwohl der Mond vollständig verhüllt war, konnte ich Stufen und Treppen heute genau erkennen. Nur wenn einzelne Bohlen ausgetauscht waren und noch ungewöhnlich hell wirkten, war ich irritiert,
19:51
Schließlich sah ich die vertrauten Lichter von Norddorf, das vom Sturm nichts bemerkt hatte.